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Frau Hempels Tochter

Alice Berend: Frau Hempels Tochter - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleFrau Hempels Tochter
authorAlice Berend
year1928
firstpub1912
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleFrau Hempels Tochter
pages240
created20090408
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der frühe Morgen war Lauras schönste Stunde. Dann war sie Herrin in den stillen Vorderräumen der vornehmen Wohnung. Lächelnd zog sie die schweren Vorhänge beiseite, um die Frühsonne des Mai hereinzulassen. Draußen war alles ruhig. Die feine Straße schlief noch. Nur einzelne Schritte klappten eilig über das Pflaster.

Mit Sorgfalt nahm Laura den Staub von den schönen neuen Möbeln, während ihre Gedanken sie weit hinaus auf Reisen trugen. Wenn das Tuch über das 64 Mahagoniholz fuhr, sauste Laura in einem rot lackierten Automobil an grünen Feldern vorbei. Wenn der Lederlappen über das klare Spiegelglas segelte, zog sie auf einem gewaltigen Dampfer, mit Musik an Bord, über das glatte Wasser eines großen Sees.

Ein scharfes Klingelzeichen riß sie meist in die Wirklichkeit zurück. Die gnädige Frau wünschte Frühstück an das Bett und warmes Wasser und dieses und jenes. Und nun dachte Laura an den Sonntag, wo sie frei sein würde und wieder einmal bei den Eltern sitzen könnte, auf dem Platz an der Straße.

Aber es war schon Ende Mai geworden, bis es wirklich dazu kommen sollte. Lauras Freude war groß. Sie wusch und plättete sich die neue Spitzenkrause und garnierte sich den feinen Hut um, den ihr die gnädige Frau geschenkt hatte, weil er ihr selbst nicht mehr gefiel. Am Abend vorher aber, als die Herrschaften ausgefahren waren, unternahm sie etwas ganz Abenteuerliches. Sie bereitete in der Gesindebadestube ein Bad. Bis jetzt war diese Wanne noch unberührt geblieben. Ida badete nicht. Sie sah eine Gefahr darin, mitten im Alltagsleben so rein wie ein Engel zu sein. Es schien ihr wie eine übereilte Vorbereitung fürs Himmelreich. Sie war aus einem Bauernhaus, wo man zu Beginn des Winters die Fenster zunagelt und in den Frühlingsnächten die Küken mit ins Schlafzimmer nimmt.

Laura hatte in der Phantasie schon in weißen Marmorbecken zwischen Goldfischen und Seerosen gebadet, 65 aber körperlich kannte sie nur ein einziges Badeverfahren, das von Kindheit an bis heute beibehalten worden war. Am Ende der Woche, wenn Frau Hempel im ganzen Hause die Treppen und Fenster gescheuert und geputzt hatte, stieg Laura in einen kleinen Holzzuber, worin gerade ihre feinen schmalen Füße Platz hatten. Die Mutter kam mit Eimer und Schwamm und seifte nun zum Schluß der sechs Arbeitstage mit kräftigen Händen ihr hübsches Mädchen sauber. Sie sagte lachend, daß sie jede Woche einige Zentimeter mehr zu seifen habe und daß es gut sei, daß nicht auch die Treppen jeden Tag ein Stück nachwüchsen.

Davon erzählte Laura jetzt, während sie zusammen mit Ida zusah, wie sich die hohe Wanne füllte. Sie ließen einen Thermometer darin schwimmen und Purzelbäume machen, wußten aber beide nicht, mit welcher Zahl das Bad fertig war.

»Was die Reichen alles im Kopf haben müssen,« sagte Ida.

»Wir stecken einfach die Hand ins Wasser und wissen auch, ob's zu heiß oder zu kalt ist.«

Laura verriegelte die Tür.

Als sie in die volle Wanne stieg, versteckte sie sich eilig unter das Wasser.

Es war ihr sehr peinlich, so unbekleidet in einem fremden Hause zu sitzen. Rasch stellte sie sich wieder auf, seifte sich ab, wie sie es von der Mutter her gewohnt war und kleidete sich an.

66 Gewohnheit war stets die Feindin des Fortschritts. –

Der andere Morgen brachte einen Sonntag, sonnig und blau, und solange die Luft noch rein war, spürte man deutlich den Duft des Fliedermonats. Die Straßen im Mittelpunkt der Stadt wurden bald still und leer, wie sonst nicht in der Nacht. Aber in den breiten Vorortstraßen, die hinaus ins Freie führten, zog ein ununterbrochener Zug von Wallfahrern zu Fuß und zu Wagen ins Grüne. Wer nicht krank war oder eine wüste Nacht nachzuschlafen hatte, der ließ heute Stadt und Steine hinter sich. Die Botenjungen in den Straßen pfiffen, die Mädchen in den Küchen sangen: »Es war ein Sonntag hell und klar, ein wunderschöner Tag im Jahr,« und sie dachten an die Stunde, wo man frei sein würde und tanzen ging.

Auch Ida weihte einer getrüffelten Pute ein letztes Lied. Schon am frühen Vormittag sollte der Braten fertig sein. Die Herrschaften wollten weit hinaus fahren, wo die Gegend schön, aber das Wirtshaus schlecht war. Darum sollte die Pute noch nach ihrem Tode spazierenfahren. Aber beinahe hätte sich die Fahrt und damit für alle die Freude an dem wunderschönen Sonntag im letzten Augenblick zerschlagen, weil Herr Leutnant den violetten Sonnenschirm der gnädigen Frau mit dem Hinterteil eines Affen verglichen hatte. Frau Leutnant hatte lange und heftig über die Roheit der Soldaten geweint, und Laura war in die Küche geschickt worden, um Ida das Singen zu verbieten. Aber schließlich waren 67 sie doch davongefahren, und über ihrem Herde klang's von neuem: »Es war ein Sonntag hell und klar –« Ida ging bald davon. Sie wurde von ihrer Schwester erwartet, die mit dem Brauer verheiratet war. Man wollte ins Freie und hatte Ida dazu eingeladen, weil sie die beiden jüngsten Kinder auf dem Arm tragen sollte.

Zufrieden ging Ida fort. Gutmütigkeit ist eine unserer angenehmsten Dummheiten. Dagegen macht Gehorsam viel weniger Vergnügen. Laura mußte bis über den Mittag hinaus warten, weil die Wohnung nicht allzulange ohne Aufsicht sein sollte, denn auch den Burschen hatte man mit ins Feld genommen.

Es war still. Im Haus und in den Zimmern. Die Klingel und das Telephon ruhten. Man hörte das Summen der Fliegen. Zögernd zogen die sonnigen Stunden durch den warmen Sommertag. Laura wusch die weißen Handschuhe der gnädigen Frau, und dann stopfte sie Strümpfe, um das Loch der leeren Zeit auszufüllen.

Gegen Mittag klopfte es leise an die Küchentür. Es war ein Mädchen aus dem Gartenhaus, das sich mit Ida angefreundet hatte. Sie war enttäuscht, nur die feine Zofe vorzufinden, denn sie war mit einem Anliegen an Ida gekommen. Schließlich teilte sie sich auch Laura mit. Sie wollte gern ein nettes Hemd geborgt haben, weil sie sich heute verloben wollte. Laura willigte bereitwillig ein, eilte in ihr Zimmer und kam 68 bald mit einem hübschen Wäschestück zurück. Sie sagte, wenn das Mädchen Zeit zu warten hätte, würde sie ihr ein rosa Seidenband durch die Stickerei ziehen.

Das Mädchen erklärte sich gern dazu bereit und setzte sich wartend auf einen Küchenstuhl. Sie bewunderte die blanke Küche, weil sie viel feiner war als die, in der sie selber zu kochen hatte. Dann erzählte sie, daß man bei ihr zu Haus noch mit Eimern das Wasser aus dem Brunnen holen müsse. Aber trotzdem gefiel es ihr nicht in der Stadt, wo die meisten Menschen es schlechter hätten als auf dem Lande das liebe Vieh.

Laura, die gern von Liebe reden hörte, lenkte das Gespräch ab und fragte, woher sie wisse, daß sie sich heute verloben werde.

»Ich wünsche es mir,« sagte das Mädchen. »Das Wetter ist schön, und wir kennen uns schon lange. Er ist nämlich auch aus meiner Heimat.«

Das Band war nun fertig eingenäht mit einem Schleifchen als Abschluß, und das Mädchen nahm das wunderschöne Kleidungsstück vorsichtig auf den Arm.

»Es brauchte schließlich nicht gerade der eine zu sein,« sagte sie und zupfte prüfend an dem Seidenschleifchen. »Es ist nur, weil ich den Menschen so fürchterlich gern habe.«

Dann ging sie nachdenklich zur Tür hinaus und vergaß, sich zu bedanken.

Endlich war auch die Zeit da, wo Laura das Haus verlassen durfte. Die schönsten Sonnenstunden waren 69 vorüber. Die Schatten wurden schon länger. Laura fühlte nur das Wohlbehagen der sommerlich weichen Luft, die sie umfächelte. Heiter genoß sie die Sonne und die geputzten Menschen, während sie in dem ruhigen Tritt des Nichtstuers den nicht kurzen Weg zu ihrem elterlichen Hause zurücklegte.

Einige Straßenecken vor ihrem Ziel stand eine Blumenverkäuferin mit einer solchen Fülle duftender Maiglöckchen, daß Laura nicht vorübergehen konnte. Sie blieb stehen. Wenn sie gewußt hätte, daß die Mutter nicht über die Verschwendung schelten würde, hätte sie gern ein Sträußchen gekauft.

Von der anderen Seite der Straße näherte sich ein Herr den Blumen. Er zögerte und schien ebenfalls die unnütze Ausgabe zu überlegen. Laura errötete. Sie hatte ihn sofort erkannt. Es war der junge Graf aus dem Gartenhaus.

Rasch trat sie auf die Frau zu und bat um ein Sträußchen. Der Herr tat im gleichen Augenblick dasselbe, und erst jetzt, als sie nicht wußten, wer von ihnen zuerst das Sträußchen aus der rauhen Hand der Händlerin nehmen sollte, erkannte er Laura. Er zog den Hut und sagte:

»Bitte sehr, mein Fräulein, nehmen Sie beide.« Er zahlte für zwei, obwohl es Laura durchaus nicht wollte und abwechselnd rot und blaß vor Beschämung wurde.

»Sie haben's doch auch nicht dazu. Was wird Ihre Mutter sagen, wenn sie das erfährt,« sagte sie.

70 Der Graf lachte und sagte, daß er sie sich viel liebenswürdiger vorgestellt habe, als er sie am Fenster in der Wohnung des Hauswirts beobachtet hätte.

Laura sah erschreckt zu ihm auf und behielt gehorsam die Blumen, aber nach einer Weile sagte sie:

»Ich habe Sie nie am Fenster gesehen.«

Der Graf ging noch einige Schritte neben ihr. Aber als das Bombachsche Haus in Sicht kam, verabschiedete er sich und sagte:

»Seien Sie nun den Blumen und mir nicht mehr böse. Auf Wiedersehen.«

Einen Augenblick später bog Laura in das elterliche Haus. Die Mutter stand im Flur und zog Laura erfreut in die Stube, wo es auch heute nur ein wenig hellgrau war.

Laura legte in großer Verlegenheit die Blumen auf den Tisch. Frau Hempel bemerkte sie sofort und rief:

»Sieh einer an. Unsere Prinzessin kauft sogar Blumen.«

Aber man sah ihr an, daß sie sich freute. Sie holte gleich ein leeres Senfglas, füllte es mit Wasser und stellte die weißgrünen Glöckchen hinein, wobei sie ihren schönen Duft lobte. Auch der Vater mußte seine rötliche, dicke Nase in das Glas stecken und sagte aufatmend, daß die Blumen beinahe so schön dufteten wie Juchtenleder.

Bald nachdem man Kaffee getrunken und Kuchen gegessen hatte, nahm man die Parkettplätze vor dem 71 Hause ein. Frau Hempel wollte mit Laura prunken, die sie sich immerfort in heimlichem Entzücken ansah. Der feine Strohhut und die Spitzenkrause machten sie zum feinsten jungen Fräulein. Und sie hatte heute so glücklich glänzende Augen. Man sah es, daß sie es nicht schlecht hatte. Heiter blickte Mutter Hempel in das bunte Getriebe der vielen Menschen und Wagen, die mit Mühe und Anstrengung ihr Vergnügen suchten.

Laura sollte etwas erzählen. Aber sie lächelte und sagte, ihr fiele im Augenblick gar nichts ein.

»Ja,« sagte Frau Hempel und gähnte ein wenig. »Es geschieht doch jeden Tag etwas, aber am Ende der Woche hat man es vergessen.«

»Weil alle Tage auf einen Leisten gearbeitet sind, wie Fabrikstiefel,« sagte Hempel und saugte seine Pfeife in Brand.

»Das finde ich eigentlich nicht, Vater,« sagte Laura.

Nun fiel ihr auch etwas Erzählenswertes ein. Sie berichtete von dem Mädchen vom Lande, dem es hier gar nicht gefiel und das gesagt hatte, daß es die meisten Menschen hier in der Stadt schlechter hätten als das liebe Vieh. Aber sie hatte jemanden sehr lieb und war gekommen, sich ein Hemd zu borgen, weil sie sich verloben wollte.

»Das wirst du einmal nicht nötig haben,« sagte Frau Hempel und dachte an eine Kiste voll neu genähter Wäsche, die unter einem Stück alten Teppich verborgen war.

72 »Die Leute vom Land haben wenig Anstand,« sagte Hempel und schüttelte den Kopf.

Aus dem Gewühl der vielen, die den Bürgersteig füllten, hob sich jetzt Herrn Bombachs runder starker Kopf heraus, und bald bemerkte man, daß er neben einem Kinderwagen schritt, dessen andere Seite Frau Bombach bewachte. Den Wagen schob eine alte Frau mit gebeugtem Rücken, aber in der kleidsamen Tracht der Spreewälderin. Herr und Frau Bombach trugen helle Frühlingskleider, in denen sie jungen Leuten glichen, solange man sie nicht in der Nähe sah. Frau Hempel war aufgesprungen, um beim Hineintragen des Wagens behilflich zu sein. Aber Bombachs schritten an ihrem Hause vorüber, um Hans Friedrich noch einmal der ganzen Straße vorzuführen.

Frau Hempel setzte sich wieder und erzählte, daß Bombachs sehr zufrieden mit dieser Alten waren. Sie war über die Sechzig hinaus und nannte ihre Herrschaft oft »meine Kinderchen«, was Bombachs sehr nett fanden. Man sah ihnen an, wie jung sie sich in ihrer Nähe fühlten. Die Alte hatte die besten Zeugnisse und sah auf eine so lange Tätigkeit zurück, daß schon bärtige Männer ihr die Bestätigung ausstellen konnten, daß sie sie gut gesäugt und gewickelt hatte. Sie war nett und ehrlich, und auch Frau Hempel hatte nichts weiter an ihr auszusetzen, als daß sie ihr bei der polizeilichen Anmeldung unnötig viel Schererei gemacht hatte. Sie hieß Anna Spieß, wollte aber nicht schlechtweg Anna 73 gerufen werden und ebenso nicht Frau Spieß, denn sie war trotz ihrer sieben Kinder Fräulein geblieben. Sie wünschte »Amme« gerufen zu werden, wie sie es zeitlebens gewohnt gewesen war. So hatte der Hauswirt auch auf dem Anmeldeschein für die Polizei als Beruf Amme vermerkt. Der Wachtmeister hatte ihre weit zurückliegende Geburtsziffer mit dem Beruf verglichen und dann gesagt: da stimmt etwas nicht. Entweder an den Ziffern oder an der Person. Frau Hempel hatte die Zettel wieder zurücktragen müssen.

Jetzt bogen Bombachs ins Haus hinein. Die Alte grinste ihren Schützling freundlich an. Laura sah deutlich, wo früher einmal alle ihre Zähne gesessen haben mußten. Aus dem Straßengedränge rief jemand einen schlechten Witz über die alte Amme herüber, aber sie lächelte weiter. In solchem Lärm hörte sie längst kein Wort mehr.

Nur wenn man in stiller Stube mit voller Stimme und in ausreichender Nähe mit ihr schrie, verstand sie noch alles.

Auch das war anzuerkennen. Man wird durchaus nicht immer besser verstanden, weil man schreit.

Als die Familie Bombach an Hempels vorüberkam, machte Laura einen tiefen Knicks. Es war die erste Begegnung nach dem kleinen Zwischenfall, wo Herr Bombach sie und Ida zu allen Teufeln gewünscht hatte. Aber jetzt schien niemand daran zu denken. Die Herrschaften lobten Lauras Aussehen, und das junge 74 Mädchen half anstelle der Mutter den Kinderwagen herauftragen.

Als die Sterne und die Laternen angezündet wurden und auch das Haus mit Licht versehen werden mußte, nahm man die Stühle hinein und beschloß damit den ersten Sommersonntag.

Dabei erinnerte sich Frau Hempel, daß das gräfliche Ehepaar heute gar nicht das Haus verlassen hatte, und sie erzählte Laura, daß die traurige Gräfin ihr geklagt hätte, daß sie eine reiche Schwiegermutter werden könnte, aber der junge Graf nichts davon wissen wollte.

Laura hatte still zugehört. Erst als sie nun der Mutter die schwere eichene Haustür, die weit offen gestanden hatte, schließen half, seufzte sie und sagte:

»Nun ist der schöne Tag wieder vorbei, als ob er gar nicht gewesen wäre.«

»Ja,« antwortete die Mutter. »Aber wir haben nun den ganzen Sommer vor uns. Einmal werden wir auch ins Grüne fahren. Warte nur ab.«

Dann aber riet sie Laura, nach Hause zu fahren, ehe es spät wurde. Sie konnten sie nicht begleiten, weil bei Konsuls Gesellschaft war, wo sie helfen sollte, und der Vater mußte bei der Klingel und den Schlüsseln bleiben, denn sie wisse ja, wie sie in der Sonntagnacht ein Nachzügler nach dem anderen aus dem Schlafe klingele.

So verabschiedete sich Laura, doch benutzte sie einen freien Augenblick, um aus dem Mostrichglas einige 75 Maiglöckchen zu entwenden, die sie in dem Gürtel unter dem schützenden Jackett verbarg.

Nicht nur Gelegenheit macht Diebe.

Wieder in ihrem kleinen Stübchen, nahm sie die beiden Blumenstengel, zog noch einmal ihren Duft ein und legte sie dann zwischen die Seiten des einzigen Buches, das sie besaß. Es hieß: Aurora, die verratene Braut oder das lebendige Herz unter dem Sargdeckel, und war ein Geschenk von Ida, die es in einzelnen Heften gesammelt hatte. Fast in jedem Heft lag jemand im offenen Sarg oder wenigstens auf dem Sterbebett. Durchbuchstabiert hatte es Ida nicht, weil sie am Tage nicht Zeit genug dazu hatte und es ihr am Abend zu gruselig war. Laura hatte es zu lesen begonnen, aber bald damit aufgehört, denn es war ihr zu traurig. Jetzt suchte sie lange nach zwei Seiten, wo nichts Betrübliches abgebildet war, und zwischen sie legte sie die welkenden Blumen schlafen. Sie erinnerte sich dabei deutlich der Worte: Nun seien Sie den Blumen und mir nicht böse. Sie lächelte darüber, weil sie ihm überhaupt niemals böse gewesen war. Lächelnd schlief sie ein. Das Fenster hatte sie zu schließen vergessen, und die weiche Luft der Sommernacht fächelte hinein und heraus.

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