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Frau Hempels Tochter

Alice Berend: Frau Hempels Tochter - Kapitel 9
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typefiction
authorAlice Berend
titleFrau Hempels Tochter
publisherWilhelm Goldmann Verlag
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Es war nicht Hempels Gewohnheit, über Dinge zu sprechen, die das Herz angingen. Nur wer genau Bescheid wußte, konnte merken, daß unter dem wetterumwehten Dache etwas Besonderes vorgegangen war und weiter wirkte.

Frau Hempel hatte Seide und Leinen gekauft. Aus der Seide hämmerte Hempel die Brautschuhe, und aus dem Leinen nähten alle drei Frauen einen Wäscheschatz.

Die neunzackigen Kronen stickte Laura hinein mit zierlicher Sorgfalt.

Selten fiel ein Wort. Aber man denkt am meisten an das, wovon man nicht spricht.

Frau Hempel hatte nicht gewollt, daß Briefe gewechselt wurden. Sie war der Meinung, daß Liebesgedanken aufzumalen und zu erwarten ein Mädchen dumm und faul mache.

So hatte Graf Egon nur in einem Schreiben, das an alle gerichtet war, seine gute Ankunft: mitgeteilt, und daß er mit seiner Tätigkeit zufrieden sei, weil er dabei an die eine denke, der sein Leben gehören werde.

Der Brief ging von Hand zu Hand. Schrift und Worte und Papier wurden von den Eltern mit Achtung studiert und gelobt. Darauf verschwand der Brief. Er war zwischen zwei weiße Tücher in eine Mädchenkommode geraten, die ein Kaiser und ein Löwe bewachten. –

Häufig saß Schutzmann Degenbrecht bei den nähenden Frauen und sah ihnen zu. Er glaubte, daß man die Aussteuer für irgend ein feines fremdes Fräulein nähe und sah gleichgültig auf das dünne Spitzenzeug und die großen Leinentücher. Der achtunggebietende Helm stand unter seinem Stuhl, aber in den blanken Knöpfen seiner Uniform spiegelten sich die über die Arbeit gebeugten Köpfe von Laura und Ida in strammen Reihen.

Das Feuer auf dem Herde flackerte und wärmte, die Scheren klapperten, die Fäden schwirrten, und der Schutzmann meinte, daß es Hempel recht gut habe, immer von drei fleißigen Wesen weiblichen Geschlechts umgeben zu sein.

Frau Hempel fragte, ob er sich gleich drei Frauen wünsche.

Er lachte und sagte, daß er sich schon mit einer zufrieden geben würde, wenn sie hübsch und recht nett zu ihm wäre, und er zwinkerte unschlüssig von Laura zu Ida und wieder zurück.

Dabei verschwand sein Lächeln. Unruhe und Unentschlossenheit zeichneten sich auf seinem Gesicht, das Zufriedenheit gewohnt war.

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Er, der besser als irgend einer hätte vertraut sein müssen mit Besitzrecht und Ortsangehörigkeit, wußte nicht mehr, wem sein Herz gehörte, noch wo seine Gefühle zu Hause waren. Einmal war es Laura, ein andermal Ida. Laura war zarter und süßer, aber kalt zu ihm, wie das Wetter draußen.

Bei Ida wurde einem warm ums Herz, aber sie hatte gar nichts von den Prinzessinnen, die er nun wieder jeden Abend im Lichtspieltheater lächeln, lieben, weinen und wieder verschwinden sah.

Er seufzte, und da es dem Menschen angeboren ist, immer nach Trost zu suchen, griff er nach der Zigarrentasche über seinem Herzen.

In der Dämmerstunde kamen Specks über das kahle Feld, das die Häuser voneinander trennte. Sie waren in Wolltücher gewickelt, und in Frau Specks Händen bewegte sich unermüdlich ein Strickzeug. Sie sagte, daß der Mensch nicht genug Wollstrümpfe besitzen könne und daß sie und Speck im Winter drei Paar übereinander trügen. Speck nickte dazu. Er hatte in einem Mundwinkel eine Pfeife hängen und sprach nicht gern.

Frau Speck war weniger arglos als der Schutzmann. Sie lobte oft das feine Leinenzeug und fragte ebenso häufig nach dem jungen und hübschen Herrn Grafen.

Ihre wetterharten Hände berührten gern den zarten Stoff. Das Klappern der Stricknadeln verstummte dann einen Augenblick, sie seufzte tief und sagte:

»Wo sind die Zeiten hin?«

Sie dachte an die besseren vergangenen Tage, wo sie mancherlei probiert hatte.

Speck liebte keine Klagen. Er nahm die Pfeife aus dem Mund und sagte in bestimmtem Tone:

»Nichts bleibt wie es ist, und alles wird anders.«

Ohne viele Silben zu verschwenden, saß man beieinander, bis die Lampe über dem Herde zu flackern begann und damit verriet, daß sie bald ausgebrannt sein werde. Das war das Zeichen zum Aufbruch. Specks hüllten sich in Wolle, der Schutzmann nahm den Helm. Wenn sie zur Tür hinausgingen, zischte der Wind herein wie ein wütendes Raubtier, das draußen gelauert hatte.

Nacht für Nacht hindurch umheulte er das Haus.

Endlich wurde es still. Es hatte zu schneien begonnen. Als man die Fenster am Morgen öffnete, war alles weiß. Ein großes Tuch, nicht weniger zart als das, an dem man nähte, breitete sich über die Wunderwiese.

Frau Hempel dachte an Bombachs Haus, an die Großstadtstraße und die Schneeschaufeln. Sie sagte:

»Heute wird die Wahrsagerin die Arme rühren müssen.« –

Das eine seidene Schuhchen war fertig und wartete unter einer gläsernen Butterglocke auf das andere. Doch vergeblich. Hempel lag im Bett. Er konnte den schmerzenden Rücken nicht gerade halten.

Laura nahm ihr Nähzeug, setzte sich neben den Vater, zog Nadel und Faden durch den Stoff und sang ihm Lieder, damit er seine Schmerzen nicht fühle. Frau Hempel brachte ihm Kaffee und sagte, daß es die Schwarzen, die ihn gepflückt hätten, gewiß wärmer hätten als sie.

Herr Speck verordnete Ameisenspiritus, und der Schutzmann brachte am andern Tage eine kleine Flasche davon mit.

Frau Hempel entkorkte sie und roch daran. Sie rümpfte die Nase und fragte, ob der Apotheker das gemacht hätte.

Herr Speck belehrte sie, daß die Ameisen diesen Saft von sich gäben, wenn sie sich erschreckten.

»Pfui«, sagte Ida und roch auch einmal an der kleinen Flasche.

Auch der Schutzmann brachte seine kräftige Nase mit der Flaschenöffnung in Berührung und wunderte sich, was Schreck nicht alles machen kann.

Hempel sah bewundernd auf Speck.

»Was Sie nicht alles wissen, Herr Speck«, sagte er und versuchte sich im Bett aufzurichten, um den gescheiten Nachbar besser sehen zu können. –

Man soll aus allem Gutes ziehen können, aber das saure Symptom geängstigter Ameisen wollte nicht helfen. Das Mittel hatte immer geholfen. Speck wunderte sich sehr.

»Man läuft durch die Jahre und wird abgenutzt. Altes Leder taugt nichts mehr«, sagte Hempel und stöhnte.

»Nichts bleibt, wie es ist«, sagte Speck, und als es mehrere Abende so weiter ging, ohne fröhlicher zu werden, blieben Specks weg.

Man muß dem Unglück nicht nachlaufen.

Degenbrecht meinte, daß man einen Arzt holen müsse. Hempel sähe nicht natürlich aus.

Frau Hempel war nicht sehr dafür. Sie sagte, den Doktor holen, bedeute nichts Gutes. Man wird dann nicht wieder gesund, weil ein Arzt immer am andern Morgen wiederkommen wolle.

Degenbrecht sagte, daß das hier draußen nicht der Fall wäre. Der Arzt wäre froh, wenn er nicht kommen brauche.

So ließ man ihn rufen.

Er war ein großer Mann im schönen Pelz, und als er durch die niedre Tür trat, sagte er:

»Bald werden Sie die Eisbahn eröffnen können. Mein Töchterchen wartet schon sehr darauf.«

Er rieb sich die Hände und lachte, und Hempel richtete sich neugierig im Bette auf, so gut es gehen wollte.

»Nun, wo fehlt es denn?« fragte der große Mann und faßte nach Hempels Puls. Er horchte und zog die Augenbrauen hoch, beugte sich über das Herz, horchte lange und zog die Augenbrauen noch schärfer zusammen. Er fragte, welche Medikamente Hempel bisher angewendet habe. Laura brachte ihm rasch das Fläschchen mit dem Ameisenspiritus, und Hempel ließ ihn stolz an seinem neuen Wissen teilnehmen und erklärte ihm, wie schnell und einfach die kleinen Ameisen Medizin machten.

»Hm, hm«, sagte der Doktor und faßte wieder nach der welken Hand.

»Sie sind Schuhmacher?« fragte er und sah nach dem Werkzeug, das an der Wand über dem Bett hing, abgenutzt von den Händen, die nun kraftlos die Decke strichen.

»Sie haben natürlich niemals richtig geatmet, immer zusammengebückt vornüber gesessen? Wenn die Menschen doch lernen wollten, Herz und Lunge richtig zu gebrauchen.«

Er verschrieb einige Medikamente und zeigte Hempel einige Bewegungen, die er machen sollte, damit sich sein Herz kräftiger rege.

Hempel lachte und sagte, daß er im nächsten Jahr auf seiner Wunderwiese als Hampelmann auftreten werde.

Frau Hempel hatte das Gesicht des Doktors beobachtet.

»Es wird doch besser werden?« fragte sie rasch, als sie aus dem Zimmer waren.

Der Doktor öffnete den Mund, schloß ihn wieder, als er in ihr Gesicht sah und sagte dann:

»Gewiß, gewiß, liebe Frau, es wird nicht so bleiben.«

In einigen Tagen wollte er wiederkommen, wenn das Wetter nicht gar zu tolle Sprünge machte. –

»Hätte ich doch nur das weiße Schuhchen fertig«, stöhnte Hempel oft, und eines Tages war er aus dem Bett gekrochen, hatte das Werkzeug von der Wand geholt und an dem weißen Schuh zu hämmern begonnen.

Frau Hempel sagte:

»Nun wird er bald gesund. Wer arbeitet, ist nicht krank«, und sie lauschte lächelnd auf die gewohnte Hausmelodie, die wieder zwischen den Händen summte, wenn auch leise.

Laura saß am Bett und reichte dem Vater wieder und wieder zu, was seinen zitternden Händen entglitt. Sie hielt den Leisten, während er klopfte. Ihr Kastanienhaar streifte seinen winterweißen, mageren Kopf.

So wurde der zweite Brautschuh fertig.

Er kam zu dem andern unter das Glas und mußte so gestellt werden, daß ihn Hempel vom Bett aus sehen konnte.

Er nickte zufrieden.

»Solch ein Pärchen gehört zusammen«, sagte er und streckte sich aus.

In der Nacht darauf wollte ihm das Atmen gar nicht gelingen. Frau Hempel beugte sich angstvoll über ihn und riet ihm, doch genau zu atmen, wie es ihm der Doktor gezeigt hatte. Aber er schüttelte als Antwort nur den Kopf. Frau Hempel starrte in die Runzeln seines Gesichts, als lese sie eine schwierige Schrift.

Sobald der Morgen graute, mußte Ida zum Arzt laufen. Er sollte geschwind kommen, um Hempel eine bessere Art des Atmens zu zeigen. Auf die frühere Weise gelänge es nicht mehr.

Gute Lehren kommen meist zu spät.

Als der Arzt erschien, wollte Hempel nichts mehr von neuen Kunststücken wissen. Der müde Rücken und die abgenutzten Hände hatten Ruhe gefunden.

Erst der Arzt machte den Frauen begreiflich, was vorgefallen war.

»Das ist nicht wahr«, schrie Laura auf und drängte sich dicht an die Mutter, um Schutz zu suchen vor den schrecklichen Worten dieses großen Marines im Pelz.

»Er wird es wohl besser wissen als wir«, sagte Frau Hempel, aber als der Arzt zur Tür heraus war, brach sie mit dumpfem Stöhnen zusammen.

Nie hatte Hempel erfahren, wie verzweifelt und hilflos seine tüchtige Lina sein konnte.

*

Die besten und die schlimmsten Tage haben gemeinsam, daß man sie erst spürt, wenn sie vorüber sind.

Ein starker Frost setzte ein. Der weiße, umrandete See überzog sich mit einer glitzernden Kruste. An dem blassen Himmel stand wieder die beleidigte Sonne, noch sehr kühl und zurückhaltend, aber immerhin war sie wieder da.

Als Frau Hempel und Laura von dem kleinen, fremden Kirchhof zurückkehrten, wo sie Hempel hatten allein zwischen dem Schnee zurücklassen müssen, sahen ihre brennenden Augen, die nichts von Kälte wußten, erstaunt einen Haufen Leute, die sich lachend vor der Badeanstalt vergnügten. Man warf mit Schneebällen gegen die verschlossene Tür und rief: »Aufmachen!«

Es war der erste frostklare Sonntag, überall waren heute die Eisbahnen freigegeben worden. Man wollte auch hier sein gutes Recht auf winterlichen Feiertag.

Frau Hempel riß die Augen auf, als erwache sie aus tiefem Schlafe.

Dem Leben zu gehorchen lernt man nicht an einem Tage. Aber zwanzig Jahre hatten Frau Hempel gelehrt, aufzuwachen, wenn andere sie brauchten. Aus dem tiefsten Schlaf hatte die Türklingel sie auf die Beine gebracht und nach den Schlüsseln greifen lassen.

Die Schneebälle polterten gegen die Tür. Aus Lachen und, Schreien wirbelte immer wieder der Ruf hervor: »Aufmachen!«

»Da müssen wir uns beeilen«, murmelte Frau Hempel. Wer konnte auch wissen, daß es gefroren hatte. Rasch schloß sie die hintere Tür ihres kleinen Hauses auf und nahm eiligst den neuen Hut mit dem langen schwarzen Schleier ab, den sie sorgfältigst auf Hempels Bett ausbreitete. Dann holte sie die Schlüssel vom Haken, kniete vor der Kommode und nahm aus dem untersten Schubfach den Blechkasten mit den Eintrittskarten.

»Hier, Kind, schnell an die Kasse«, sagte sie und reichte Laura die klappernde Schachtel.

Laura rührte sich nicht.

»Ich kann nicht, Mutter«, stöhnte sie.

»Wer lebt, muß da sein«, sagte Frau Hempel heftig.

Laura gehorchte und nahm die Kasse. Einen Augenblick später war die Tür geöffnet. Laura saß am Zahlbrett, gab Karten aus und nahm Geld ein, ohne es zu wissen.

Ida fegte mit einem Besen den Schnee von der Bahn, und Frau Hempel schleppte Stühle und Bänke herbei, weil man nach solchen schrie.

Bald hörte man das Fahren der Schlittschuhe auf dem harten Eise. Hempels Eisbahn war eröffnet.

Eine dicke Dame schrie nach Frau Hempel, um sich an ihr festzukrallen, und Frau Hempel stützte sie. Sie erzählte, daß sie in diesem Sommer fünfzehn Pfund verloren habe, und sie fragte, ob Frau Hempel glaube, daß auch der nächste Sommer heiß werden würde. Frau Hempel glaubte es.

Die Dame glitschte weiter über die glatte Fläche und fragte, ob Frau Hempel eine Kur gebraucht habe, da sie so viel magerer sei als im Sommer. Frau Hempel sagte, sie habe keine Kur gebraucht. Die Dame meinte, von nichts würde man nicht dünner, und sie sollte ihr doch das Mittel verraten, damit sie es auch versuchen könne.

Frau Hempel sagte: »Ich glaube, ein kräftiges Unglück treibt das Fett von den Knochen.«

Aber Heilmittel sollen wohlschmeckend sein und einen Zusatz von Sirup haben. Die Dame befreite sich von dem Arm dieser groben Frau und sagte, daß sie nun allein laufen wolle. Frau Hempel hatte nichts dagegen. –

Draußen auf dem See war jemand gefallen und hatte mit dem Schlittschuh auch den Stiefelabsatz verloren. Man rief, wo der Schuster sei, der hier im Sommer gewesen wäre.

Frau Hempel ging ins Haus, als ob sie ihn holen wollte. Aber als sie nicht wieder herauskam, schrie man von neuem nach dem Schuster. Ida eilte, so schnell es der glatte Boden zuließ, zu den Rufenden hinüber und flüsterte, daß sie doch um Himmelswillen still sein sollten, man hätte diesen Schuster heute morgen begraben.

Die Lärmenden verzogen die Gesichter und schnallten die Schlittschuhe ab. Man hatte ihnen das Vergnügen verdorben.

Die übrigen hatten nichts von dem Vorfall gemerkt. Erst als die rote Sonne ganz schief stand und die Kälte mit jedem Atemzug zunahm, gingen die letzten davon. –

Laura brachte der Mutter die Kasse zurück. Sie war schwerer geworden. Frau Hempel öffnete sie nicht. Es war keine Freude dabei, wenn man nicht Hempel erzählen konnte, wieviel eingekommen war.

Die Kälte nahm täglich zu, die Sonne sparte wieder ein, was sie im Sommer verschwendet hatte.

Frau Hempel mußte daran denken, daß es Hempel im vorigen Jahre richtiger gefunden hatte, wenn sich im Sommer weniger und im Winter mehr Wärme einstellen würde. – Die Stunden kamen und gingen, kalt und blaß. Die Weihnachtsferien begannen, und vom frühen Vormittag an bis Sonnenuntergang surrten Eisen und Stahl über den glatten See. Als die dunkelsten Tage vorüber waren, stellten sich Specks wieder ein. Sie trugen drei Paar Strümpfe übereinander und schimpften über die Kälte. Frau Speck bewegte das Strickzeug wie eine Maschine und sagte, daß Frau Hempel unerhörtes Glück habe, auf diesen guten Sommer solch einen Eisbahnwinter.

»Nichts bleibt wie es ist, und alles ändert sich«, sagte Speck und setzte sich auf Hempels leeren Platz.

Frau Hempel überlegte, was das für Stiefel wären, die auf drei Wollstrümpfe paßten, und dachte, was Hempel dazu sagen würde.

Specks Pfeifenrauch brannte in Lauras Augen, es war derselbe Tabak, den der Vater geraucht hatte. Laura ging aus der Küche und setzte sich im Zimmer auf den Rand des Bettes.

Morgen sollte Weihnachten sein. Der Schutzmann, der eben gekommen war, hatte sie alle daran erinnert. Lauras Gedanken schlichen zu Graf Egon, aber sie trieb sie wieder zurück. Sie empfand sie als ein Unrecht gegen Vater und Mutter. Vom Boden kroch die Kälte empor. Ihre Stiefel waren zerrissen, aber sie wagte nicht, die Mutter daran zu erinnern. Sie hatten noch nie einen fremden Schuster gebraucht. Die Tränen schossen ihr in die Augen. Aber zugleich stahlen sich die widerspenstigen Gedanken schon wieder auf eigenen Wegen davon. Ob Graf Egon ahnen konnte, daß sie nun keinen Vater mehr hatte?

Es wurde ein sehr stummer Abend, und Specks und Degenbrecht gingen bald wieder. Ruhe ist gewiß die erste Bürgerpflicht, aber diese Stille überstieg selbst den Geschmack eines Schutzmanns. Degenbrecht sagte sich, daß man diese Familie aufheitern müsse, daß man ihr die Gelegenheit zu einem fröhlichen Feste geben sollte. Aus diesem Grunde betrat er festen Schrittes den kleinen Goldschmiedladen, der der Polizeiwache von Frohndorf gegenüberlag. Nachdem er ein weniges über die Kälte gesprochen hatte, die viel Rohrbrüche zeitigen und Polizei und Feuerwehr mehr zu tun geben würde, als man verlangte, fragte er nach einem kleinen Ring von Gold, aber ohne Stein.

Der Goldschmied lächelte und sagte, daß solche glatten Ringe nur paarweise auf die Welt kämen. Er holte eine Sammettafel hervor, wo in mehreren Reihen immer zwei und zwei blanke Ringe zusammengebunden hingen, und bat höflich, nur einen Augenblick lang die linke Hand des Gesetzes sehen zu dürfen. Degenbrecht schob sie ihm zu, und schon saß ein solcher blanker Reif auf dem kräftigen Ringfinger des Schutzmanns. Degenbrecht zappelte mit den Fingern wie ein Fisch an der Angel, beruhigte sich aber bald und betrachtete dann nicht ohne Mißfallen seine geschmückte Hand. Er räusperte sich und strich sich den Schnurrbart.

Der Mann hinter dem Ladentisch fragte bescheiden, wie dick das Fingerchen wäre, für das der andere Ring bestimmt sei, und fügte sich verbeugend hinzu, daß der Herr Wachtmeister das Händchen gewiß gut kenne.

Degenbrecht antwortete nichts und nahm mehrere kleine Ringe prüfend zwischen die Finger. Keiner schien ihm schmal genug für Lauras feine Knöchelchen. Sie waren alle breiter und rund, wie gemacht für Idas Wurstfingerchen, die er gestern lange in der Hand behalten hatte, um ihr einen Splitter aus dem Daumen zu ziehen.

Der Goldschmied pries zwei besonders breite Ringe an, warf sie auf die Waage und zeigte, wie schwer sie waren. Der Schutzmann zerrte an dem hohen Kragen seiner Uniform und sagte, daß der Laden sehr stark geheizt sei, und nach einem kräftigen Atemholen griff er zum Helm und meinte, daß er sich das Ganze noch einmal überlegen wolle.

Als Schutzmann hätte er wissen sollen, daß es viele Türen gibt, durch die man bedeutend leichter hinein- als herauskommt. Der Mann hinter dem Holzschranke lächelte zwar noch, aber er lächelte fest und bestimmt und sagte, daß er jeden Ehering umtausche, an dem in den ersten acht Tagen etwas auszusetzen sei. Damit legte er geschwind zwei goldene Reifen auf ein rosa Atlasbett, ließ einen Deckel darüber schnappen wie eine Mausefalle, wickelte das Ganze geschwind in ein Seidenpapier und überreichte es mit starrem, festhaltendem Lächeln dem Schutzmann. Dieser hatte die Hand am Degen, aber er zog nun das Portemonnaie und zahlte. In Liebessachen gibt es keinen eigenen Willen. –

Als der Weihnachtsstern am Himmel stand und die letzten Schlittschuhläufer nach Haus zu Baum und Lichtern gingen, schloß auch Frau Hempel die Tür ihres Hauses. Als sie in die Küche kam, saß der Schutzmann am Herd und hielt Idas Kind im Arm, das heute eine rosa Schleife am Steckkissen hatte. Ida stand am Fenster und rührte in einem Topf, aus dem ein festlicher Duft von Erbsen und pruzelndem Speck stieg. Laura war nicht da.

Frau Hempel verließ die Küche, ohne etwas gesagt zu haben, und öffnete die Tür zu Lauras Zimmer. Auf dem Tisch brannte die große Lampe und warf einen milden Schein auf Lauras Gesicht, das hell aus dem schwarzen Trauerkleid leuchtete. Laura saß auf dem Rand ihres Bettes, und in ihrer Hand blinkte ein kleiner glatter Goldring. Der Briefträger hatte das Schächtelchen gebracht, das jetzt leer auf ihren Knien lag. Laura lächelte und reichte verschämt den blitzenden Ring hinüber, den anzustecken sie noch nicht den Mut gefunden hatte. Ihr Blick glitt scheu zu den beiden Goldreifen, die matt und mit vielen Rissen am Finger der Mutter schimmerten.

Frau Hempel nahm den Ring und sah hinein. Es stand nichts darin als Egon.

Einige Augenblicke lang war es ganz still im Zimmer, dann räusperte sich Frau Hempel und sagte:

»Paßt er denn?« Und sie steckte den Ring an seinen Platz.

Er saß an dem schmalen Finger, als ob Laura beim Einkauf mit dabei gewesen wäre.

Die Mutter versuchte Laura anzulächeln, aber Lauras Gesicht blieb ernst. Sie lächelte nicht mehr so schnell wie früher.

Frau Hempel suchte nach einer Weihnachtsfreude für Laura. Sie sagte:

»Wenn wir die Erbsen gegessen haben, nimm dir einen schönen Bogen und schreib an ihn. Sag ihm alles – was geschehen ist.«

Nun lächelte Laura dankbar die Mutter an.

Inzwischen hatte sich der Schutzmann vorm Feuer, während er das schlummernde Kind wiegte, ein paar wunderschöne Worte ausgedacht, die er anwenden wollte, sobald er einen Augenblick lang mit Laura allein bleiben würde. Aber die schönsten Worte werden nie gesprochen. Als die duftende Erbssuppe auf dem Tisch stand, kamen die Mutter und Laura herein, und ehe Laura noch zum Löffel griff, sah Degenbrecht den blanken Reifen an ihrer Hand. Er faßte in seine Rocktasche, das Kästchen war da. Er erinnerte sich des Briefträgers und fühlte einen Zusammenhang zwischen jenem Ring und dem kleinen Paket.

Die Nacht draußen war vollkommen still. Auch hier in der Küche hörte man nichts als das Klappern der Löffel und den raschen Atem von Idas Kind, das an der Wand im Waschkorb schlief. Jeder war mit seinen Gedanken beschäftigt.

Kaum daß die Suppe ausgelöffelt war, stand Laura auf und ging in ihr Zimmer. Nach einer Weile folgte ihr die Mutter. Sie setzte sich an den Tisch zur andern Seite der Lampe, vor der Lauras Feder langsam, aber ohne Stocken, Worte neben Worte auf ein man rosa Papier reihte. Laura wußte seit Wochen auswendig, was sie zu sagen hatte.

Frau Hempels schwere Hände ruhten müßig auf dem schwarzen Kleid. Aufrecht auf dem Stuhl sitzend dachte sie, was sie alles Hempel zu erzählen gehabt hätte. Daß sie sofort nach seiner Beerdigung die Eisbahn eröffnen mußte, daß sie gestern Schuhe für Laura gekauft habe, sie ihr aber noch nicht zu geben wage, weil sie so traurig über seinen Tod sei. Aber was er denn dazu sage, daß Graf Egon nun einen richtigen Verlobungsring geschickt hatte. Das Herz war ihr voll. Sie beschloß, morgen früh zu Hempels Grab zu gehen und mit ihm zu reden. Niemand kann wissen, ob die da unten nicht hören können, wenn sie wollen, und sie kramte weiter in ihren Gedanken, um nichts zu vergessen. – Lauras Feder kratzte über das Papier.

Aus der Küche nebenan drang das gleichmäßige Klappern von Tellern und Schüsseln und ein behagliches Wassergeplätscher. Ida wusch das Geschirr.

Der Schutzmann fühlte an seine Tasche und ärgerte sich über die unnütze Geldausgabe. Sonst war ihm recht behaglich hier in der warmen Küche, die die Winternacht ausschloß. Der Kleine im Waschkorb glich dem Jesuskindchen, das gestern bei der Weihnachtsfeier des Vereins »Menschenwohl« in der Krippe gelegen hatte. Der Feuerwehrmann, neben dem er stand, hatte gesagt, daß es ein wunderhübsches Kindchen sei. Die Frau aber, die dort die Mutter gespielt hatte, war viel weniger hübsch gewesen als Ida. Lange nicht so rund und mollig. Ida sah von den Tellern auf und fragte, woran er denke. Er sagte: »Was war er denn eigentlich?«

»Wer?« fragte Ida verwundert zurück.

Der Schutzmann zeigte mit dem kräftigen Daumen nach dem Wäschekorb an der Wand und stotterte:

»Na – ich meine – der gesetzliche Urheber. Was war er denn?«

Ida errötete.

»Ein schlechter Mensch«, sagte sie.

Nun war es eine Weile still, und die Teller klapperten. Dann fragte der Schutzmann, ob sie noch an den schlechten Menschen denke.

»Nie«, sagte Ida heftig.

Dann denke sie wohl an jemanden anders, setzte Degenbrecht das Verhör fort.

Das könne schon möglich sein. Aber der denke nicht an sie, antwortete Ida.

Der Schutzmann meinte, das dürfe sie nicht so fest behaupten, weil man nicht wisse, was ein andrer dächte. Das wäre doch eben das Unbequeme.

Ida sagte, es sei nicht schwer zu erraten, daß von ihr alle schlecht dächten. Herr Degenbrecht gewiß auch. Und sie faßte mit den nassen Händen nach dem Schürzenzipfel und führte ihn an die Nase.

Auch ein Schutzmann ist nur ein Augenblickswesen, den das Herz regiert.

Degenbrecht stand auf und sagte mit kräftiger Rührung, daß man niemandem etwas nachtragen solle. Er wenigstens täte es nicht. Und es wäre doch ein wunderhübsches Kindchen, dessen sich niemand zu schämen brauche.

»Nicht wahr«, sagte Ida schluchzend und zog den Schürzenzipfel höher zu den Augen, daß sie gar nicht sehen konnte, daß Degenbrecht jetzt seinen rechten Schutzmannsarm schützend um sie legte. –

Es wurde ganz still in der Küche. Frau Hempel kam mit ihren Gedanken wieder in die Wirklichkeit zurück und wunderte sich. War der Schutzmann fortgegangen? Wie spät mochte es sein?

Lauras Feder ging ungestört ihren Weg.

Frau Hempel stand auf. Als sie in die Küche kam, waren sich Ida und der Schutzmann sehr nahe, und sie merkte, daß man sie nicht erwartet hatte.

Sie fragte, ob der Schutzmann Ida arretiert habe. Er lachte und sagte: »Jawohl, das habe ich, und zwar auf lebenslänglich.«

*

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