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Frau Hempels Tochter

Alice Berend: Frau Hempels Tochter - Kapitel 2
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typefiction
authorAlice Berend
titleFrau Hempels Tochter
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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Es war Nachmittag geworden.

Hempels saßen beim Sonntagskaffee, zu dem Frau Hempel einen besonders großen und schweren Napfkuchen gespendet hatte. Man muß die Feste feiern, wie sie fallen. Sie wußte, daß die nächste Zeit einbringlich sein werde, und sie war voller Anerkennung für den kleinen Bombach. Auch sie nannte ihn einen ganz reizenden Jungen.

Ehe sie ausgetrunken hatten, klopfte es gegen die Scheiben, und Herrn Bombachs Gesicht, blaß und aufgeschwollen vor Übermüdung, wurde sichtbar.

»Ich muß Sie sprechen, Frau Hempel«, rief er und trommelte ungeduldig gegen das Fenster.

»Sofort«, erwiderte sie, setzte rasch den Kaffeetopf aufs Feuer zurück und kam heraus.

»Entschuldigen Sie, daß ich Sie nicht näher bitte«, sagte sie mit breitem Lächeln. »Aber Sie wissen am besten, daß dem lieben Herrgott unsere gute Stube nicht recht geraten ist.« Sie dachte, daß es ganz gut wäre, wieder einmal den Hauswirt an ihre schlechte Wohnung zu erinnern.

»Schon gut, schon gut. Kommen Sie nur«, sagte Herr Bombach ungeduldig. Er hatte weder für feine, noch für grobe Anspielungen der Sprache Gehör und stürzte schon wieder die Treppen aufwärts.

Frau Hempel mußte auf einem der Lederstühle im Wohnzimmer Platz nehmen, was sie ein wenig genierte. Herr Bombach lief um sie herum und durchs Zimmer, als ob er von Zahnschmerz oder Leibweh getrieben würde.

Dem bekommt der Junge nicht, dachte Frau Hempel, die ihm mit ruhigen Augen folgte, und unwillkürlich schüttelte sie den Kopf.

»Schütteln Sie nicht mit dem Kopfe, ehe Sie wissen, um was es sich handelt«, schrie Herr Bombach heftig. »Also die Sache ist die. Der Arzt sagt, daß ich eine zuverlässige Person für meinen Sohn brauche.«

Er hatte zum erstenmal »mein Sohn« gesagt und machte daher eine Pause. Wie in jungen Jahren fuhr er sich mehrmals rasch über den Kopf, wo bis vor einem Jahrzehnt eine kräftige Haartolle saß.

»Es muß eine freundliche, sehr saubere, brave Person sein, die das Kind besorgen und ihm Milch geben kann« das heißt, verstehen Sie, natürlich aus der Flasche.«

»Ich versteh' schon«, sagte Frau Hempel vorsichtig, »aber ich, Herr Bombach, kann wirklich nicht.«

»Sie?« rief der neue Vater empört. »Ihr kleiner Finger könnte das Kind erdrücken.« – Zornig maß er die breite, volle Gestalt auf dem Stuhl.

Frau Hempel wollte sich beleidigt erheben. Aber schon sprach der aufgeregte Herr Bombach weiter:

»Sie sind die bravste Frau der Welt, aber für so etwas nicht mehr geeignet. Ich denke an Ihr Laurachen, das fein und wohlerzogen ist, deren Wandel wir von klein auf kennen, und die uns für diesen Zweck wie geschaffen erscheint.« –

Die meisten Menschen reden zu viel. Sie vergessen, daß es beim Sprechen nicht auf die Masse ankommt. Die richtige Wahl der Worte ist alles.

Mit den Ausdrücken »fein und wohlerzogen« hatte Herr Bombach gesiegt. Alles Vergangene war vergessen. Frau Hempel wurde es sich gar nicht bewußt, daß es sich hier um eine Dienstbotenstelle handelte. Sie sah sich plötzlich von der Sorge um Lauras nächste Zukunft befreit und wurde freudig erregt. Besonders als Herr Bombach mit Stolz hinzufügte, daß Laura bezahlt werden würde, als ob sie einen Prinzen pflegte, denn so sollte es der junge Bombach auch haben.

Frau Hempel sah im Geist ein viertes Sparkassenbuch auf Lauras Namen im Schub liegen. Es war ihr, als kämen von allen Seiten Berge von Gold auf sie ein, um sie zu erdrücken.

»Jetzt merke ich die durchwachte Nacht, mir ist schwindlig«, sagte sie und versprach alles mit Hempel zu überlegen. Ihm ging es nicht anders als seiner Frau. Im geheimen war er froh, daß das Mädchen wenigstens unter demselben Dach blieb.

So kam Laura zu Bombachs.

Am nächsten Morgen stieg sie um zwei Etagen höher. Mit dem glücklichen Gleichmut, womit wir in der Jugend alles beginnen.

Frau Hempel hatte einen Griff in die geheimen Kästen getan und das Mädchen mit zierlichen Schürzen und neuen Blusen versehen.

Trotzdem war der Beginn ihrer Tätigkeit nicht leicht.

Während Frau Bombach noch schonungsbedürftig war, kümmerte sich Herr Bombach um den Haushalt.

Aber wenn man sich auch den ganzen Weltenhaushalt von einem Mann geführt denkt, ist doch kein irdischer Mann als Hausfrau brauchbar.

Als Herr Bombach bemerkte, daß Laura die Milch für den Säugling mit Wasser mischte, geriet er in gräßliche Wut. Er wollte nicht glauben, daß dies eine Vorschrift seines gut bezahlten Hausarztes sei. Sein Kind, dem man täglich eine ganze Kuh kaufen könnte, hatte nicht nötig, sich mit verwässerter Milch zu begnügen.

Am Abend schlich er herbei, als Laura neben dem Bett des schlafenden Kindes nähte. Er stürzte auf sie zu und nahm ihr die Schere fort. »Messer, Schere, Feuer, Licht, sind für kleine Kinder nicht«, sagte er heftig.

Und so sollte noch manches Wunderliche geschehen.

Indessen saßen sich die Eltern im Keller schweigsam gegenüber.

»Ich weiß nicht«, sagte Hempel, »ich habe heute keinen rechten Hunger.«

Frau Hempel räumte ohne Widerspruch die Teller ab und murmelte: »Das macht wohl das Ungewohnte.«

Als sie schlafen gegangen waren, stand Frau Hempel noch einmal auf und zog den grünen Vorhang vor Lauras Bett kräftig beiseite.

»Man meint immer, das Mädchen atmen zu hören«, sagte sie. »Besser, man sieht, daß sie nicht da ist.«

Laura lag zwischen gutem Linnen, hörte auf das Pusten des schlafenden Säuglings und dachte an die bunten Dinge des Lebens. An Liebe, an Ehe und zwischendurch auch an die Eltern.

Gähnend dachte sie darüber nach, warum sich die Menschen so froh stellten, wenn sie ein Kind bekamen. Es trinkt, es schläft, man wickelt es ein, man wickelt es aus und wickelt es wieder ein. Das ist alles.

Vom Küchenfenster und auch von Lauras Zimmer aus konnte man die Wohnung des nervösen Grafen von Prillberg vollkommen überblicken. Jeden Morgen sah Laura, wie der Graf sich in großer Erregung rasierte, wobei er sich mit der linken Hand an der Nase herumführte und sich einseifte. Nach dem Frühstück bürstete er sorgfältig den Zylinderhut und den Überzieher und rannte über den Gartenhof davon, um nun den ganzen Tag über in der Stadt zu bleiben.

Er war Sektagent und pries den feinen Leuten, die zahlen konnten, den Sekt seiner Firma in ihren guten Stuben an. Im Namen liegt eine hohe Bedeutung. Es gab wenig Familien, wo ein Graf von Prillberg nicht gleich in den Salon geführt wurde.

Während der Graf auf diesen Wegen war, besorgte seine Gattin den bescheidenen Haushalt. Erst mittags wurde sie Gräfin. Laura sah, wie sie dann den Zopf aus der Schublade nahm, ihn vorsichtig auskämmte, wieder flocht und sich sorgsam zu frisieren begann. Wenn der Zopf als Kranz auf dem Kopfe lag, zog die Gräfin das schwarze Kleid an und befestigte darauf das Spitzenjabot mit der großen Brosche, die eine dicke goldene Krone darstellte. Dann setzte sie sich ans Fenster und nähte und flickte an alten Wäschestücken, von denen jedes mit einer Krone versehen war.

Alles geschah mit einem tief betrübten Gesicht.

Denn die Gräfin fühlte sich sehr unglücklich, und ihr einziges Vergnügen war, sich über ihr Schicksal beklagen zu dürfen.

Das wußte Laura aus den vielen Plauderstündchen, die zwischen der Mutter und der Gräfin stattgefunden hatten. Sie wußte genau über sie Bescheid. Die Gräfin war aus sehr vornehmem Hause und Gesellschafterin bei einer alten, ungeheuer reichen Dame gewesen. Sie hatte weite Reisen gemacht und beinahe die ganze Welt aus den Fenstern der teuersten Hotels gesehen. Sie hatte nichts anderes am Körper gekannt als Seide, bis sie den Grafen geheiratet hatte, weil sie in dem falschen Glauben gewesen war, daß ein Mensch dasselbe sei wie sein Name. Niemand hätte ihr voraussagen können, daß sie einmal in einem Hinterhause leben sollte.

An alles das dachte Laura, wenn sie mit zufriedener Zuschauermiene den wechselnden Szenen dort unten folgte, bis der kleine oder große Bombach sie heftig zu ihrer Pflicht zurückriefen. Oft schrien beide zugleich. Ohne Zögern griff Laura dann zum Säugling und nahm ihn singend und lächelnd in den Arm. Die Natur der Mutter sprach aus ihr, die auch niemals von zwei Übeln das größere gewählt hätte.

Doch es kamen Tage, wo Laura keine Muße fand, um über den Trübsinn einer Gräfin nachzusinnen. Ein prächtiges Tauffest wurde vorbereitet. Alles, was man an Silber und Kristall und an Porzellan von früheren Freunden hatte, wurde wieder hervorgeholt, um prunken zu helfen. Es gab viel Arbeit, beständige Aufregung und Unruhe, bis der feierliche Augenblick vorüber war, wo der kleine Bombach den Namen Hans Friedrich erhalten hatte und in festem Schlaf der christlichen Gemeinde beigetreten war. Dann gab es wieder ein emsiges Räumen, Polieren, Putzen und Scheuern, bis die Bombachsche Wohnung endlich in gewohnte Bombachsche Ordnung und Sauberkeit zurückfiel.

Da war Laura schon über einen Monat auf ihrem Posten. Der Herbst war vorbei, und der erste Schnee tanzte im weißen Wirbel nieder, um von kratzenden Harken und scharrenden Schippen wenig sanft empfangen zu werden.

Frau Hempel fegte und schaufelte mit kräftigen Bewegungen ihr Stück Großstadt von diesem unerwünschten Verkehrshindernis frei. Ihre Hände und Wangen waren blaurot vor Kälte, aber angenehme Gedanken wärmten sie. Sie dachte an das vierte Sparkassenbuch, das ihr ein neuer Beweis dafür war, wie rasch aus einstelligen Zahlen mehrstellige werden können, wenn man sie häufig genug verdoppelt.

Frau Kempke kam aus ihrer Schankwirtschaft und streute aus ihrer Schürze Sand auf die glatten Stufen, die zum Laden führten. Beide Frauen riefen sich durch das Flockengewirbel einen vergnügten Gruß zu. Auch Frau Kempke schien gut gelaunt. Das war das richtige Wetter für Schnaps und wärmende Schlucke.

Als Frau Hempels Arbeit zum großen Teil getan war, kam das Zimmermädchen von Bankdirektors aus dem Haus. Mit hochgerafftem Rock trippelte sie über das gefrorene Pflaster auf Frau Hempel zu und sagte:

»Ich muß so rasch als ich kann in die Apotheke rennen.«

Damit blieb sie stehen und sah mit Wohlgefallen zu, wie die Straßenkehrer den angehäuften Schnee auf die Wagen schaufelten.

»Wer ist denn krank?« fragte Frau Hempel, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen.

»Alle«, sagte das Mädchen. »Es gab einen Teufelskrach.«

Frau Hempel richtete sich auf.

»Warum denn?«

»Irgend jemand hat unser Fräulein mit ihrem Leutnant in einer Konditorei erwischt. Als sie aus der Klavierstunde kam, haben sie sie in den Salon gerufen. Ihn oder keinen, hat sie geschrien. Heiraten aus Verliebtheit bringt kein Glück, rief der Direktor. Soll man sich aus Haß heiraten? schrie die gnädige Frau dazwischen und schluchzte laut auf. Jetzt sind sie alle in ihren Zimmern, haben sich eingeriegelt, und ich soll Baldrian und Eau de Cologne holen.«

Sie ging nun auf Zehenspitzen vorsichtig davon. Ein lebendiger Beweis dafür, daß Wände Ohren haben.

Frau Hempel beeilte sich jetzt, fertig zu werden, um ins Haus zu kommen und Hempel das Gehörte mitteilen zu können. Als sie endlich soweit war, ging sie rasch in die Küche, holte sich den wärmenden Kaffeetopf und eine große Tasse und setzte sich noch frisch von der Kälte neben den hämmernden Hempel.

Als sie fertig berichtet hatte und ihr Gesicht wieder über dem bunten Tassenrand auftauchte, unter dem es verschwunden war, um einige kräftige Schlucke zu schlürfen, sagte Hempel in gewohnter Ruhe:

»Was ist dabei zu tun? Es ist wie mit den Stiefeln. Man muß sie nehmen, wie sie sind.«

*

Kalte, graue Tage kamen, die gar nicht zu erwachen schienen und in Dämmerung hinschmolzen, bis sie die Nacht in den Sack steckte. Aber Laura hatte Zerstreuung gefunden für die einförmige Kette der Stunden. In dem gräflichen Schauspiel vor ihrem Fenster trat eine dritte Person auf. Der junge Graf war über die Feiertage nach Hause gekommen.

Auch von ihm wußte Laura mancherlei durch die Klageseufzer seiner Mutter. Er war Bankbeamter in einer kleinen Stadt im Reich und der beste Sohn der Welt. Er schämte sich, arm zu sein, und wollte nie Graf genannt werden, aber er war ein Graf vom Scheitel bis zur Sohle.

Laura sah ihn sich vom Scheitel bis zur Sohle an und fand, daß er wirklich ein vornehmer Mann zu sein schien. Sie verglich das gescheitelte, hellgelbe Haar, das feine Gesicht, die schmale Nase und die schlanke Gestalt mit Herrn Bombachs dicker, kurzer Figur, mit seinem runden und kahlen Kopf. Ihn würde niemand für einen Grafen halten, und wenn er sich eine Krone auf den Kopf leimen ließe.

Laura beobachtete den Grafen, wie er freundlich mit der Mutter sprach, deren Gesicht in diesen Tagen nicht so kummervoll in die Länge gezogen war als sonst. Sie hätte gern gehört, was gesprochen wurde. –

Graf Egon sagte seufzend zu seiner Mutter: »Die vielen Fensteraugen, die einen anstarren! Man vergißt ganz, daß es auch einen Himmel mit Zubehör gibt.«

Und während er noch den Himmel suchte, sah er unvermutet in Lauras blanke Augen, die wieder eifrig ihres unterhaltenden Amtes walteten. Erschrocken wandte sie sich jetzt ab, und der Graf sah lange nichts anderes als ein Stück nußbrauner Zöpfe über einer hellen Wange und einem rosigen Ohr.

Aber Geduld belohnt sich, und Neugier macht Mut.

Nach einer Weile kamen die klaren blauen Augen unter den dunklen Wimpern wieder zum Vorschein.

Ein Vorgang, der sich nun häufig wiederholte, wenn der Graf und Laura hinter ihren Fenstern saßen. Er lesend und sie nähend.

»Wer ist eigentlich die junge Dame, die bei Bombachs zum Besuch ist?« fragte der Graf einmal bei Tisch seine Mutter.

»Das ist keine Dame«, antwortete sie. – »Es ist das Kindermädchen, die Tochter der Portiersleute.«

Gedanken können Sprünge machen.

Die Gräfin stieß einen langen Seufzer aus und sagte, daß die Portiersleute unten im Keller tausendmal sorgloser lebten als sie hier oben. Und damit war diese Unterhaltung erledigt. –

So zog für alle das Weihnachtsfest auf.

Laura hatte erst der Bombachschen Feier mit dem großen Baum und dem kleinen Säugling beigewohnt, und saß jetzt unten im Keller bei der kleinen Tanne und den Eltern.

»Du hast's gut«, sagte die Mutter. »Du hast zwei Weihnachtsbäume.«

Laura sah lächelnd auf die flackernden Kerzen und dachte, daß sie eigentlich Weihnachten mit drei Festtannen feiere.

Denn sie hatte sich auch an dem kleinen Baum der Grafenfamilie erfreut. Der junge Graf hatte die Lichter angezündet. Sein Gesicht trug einen wunderbaren Ausdruck dabei. Aber dann hatte der Zappelgraf die Gardinen zugezogen. Alles war dunkel geworden, und der Hof schien wie ein tiefer Abgrund, der sie von drüben trennte.

Es klopfte an die Scheiben, und Laura fuhr aus ihrem Sinnen auf. Kempkes kamen, um Weihnachten feiern zu helfen, wie jedes Jahr.

»Das ist ein verteufelt kaltes Wetter«, sagte der Schenkwirt und rieb sich die dicken, roten Hände, deren Finger immer schon gekrümmt waren, um Schnapsgläschen zureichen zu können.

Er setzte sich neben Hempel, bot ihm eine Zigarre an, und bald waren beide im Gespräche über Spiritus und Stiefel.

Frau Kempke bewunderte die Morgenschuhe, die Laura dem Vater reich mit Rosen bestickt hatte, und legte das schöne Wolltuch, das sie der Mutter gehäkelt hatte, probeweise um die Schultern.

»Ja solch ein Töchterchen«, sagte sie.

Frau Hempel bemerkte mit wenig Vergnügen, daß Fritz bei Laura stand. Er trug einen schwarzen Feiertagsanzug, aus dem eine tütenblaue Seidenkrawatte leuchtete. Aus dem Ärmel blendeten weiße Manschetten, die er bis auf die Fingerknöchel herausgezogen hatte. Er erzählte Laura, daß er sich selbständig machen wollte, um ein kleines Wirtshaus zu eröffnen.

»Zum blauen Mädchenauge« sollte es heißen.

Laura dachte, daß er auch mit Manschetten keine Spur von einem Grafen an sich habe, und wendete ihre Blicke wieder dem lichten Tannenbaum zu.

Als der Punsch gebraut war, den Kempkes mitgebracht hatten, klopfte es an die Tür. Es war die Köchin von Bankdirektors. Sie stellte eine Schüssel mit Bratenresten und einen Teller voll Süßigkeiten auf den Tisch und rief:

»Kinder, ich mußte noch zu euch kommen. Denkt euch, sie haben ihr ihn unter den Weihnachtsbaum gelegt.«

»Wen denn? Was denn?« rief man durcheinander.

»Na, den Leutnant, unserem Fräuleinchen. Als sie zur Bescherung hereinkam, stand er in Galauniform unter dem Weihnachtsbaum und salutierte. Nun haben wir eine Braut im Haus, und jede von uns hat zwanzig Mark Trinkgeld bekommen.«

Bei den letzten Worten ging ein Raunen durch die Anwesenden.

Die Köchin machte es sich gemütlich und ließ sich gern ein Glas Punsch einschenken. Sie war freundlicher zu Fritz Kempke als Laura. Sie war in dem Alter, wo die Mädchen den Wert eines Mannes, der weder verheiratet noch besonders verunstaltet ist, zu schätzen wissen.

Als der Zeiger auf Mitternacht rückte, mußte Laura gehn, denn länger reichte ihr Urlaub nicht. Die andern blieben noch zusammen. Der Vater begleitete sie die beiden Treppen hinauf, und ehe sie in die Tür ging, sagte er wieder einmal:

»Gut, daß wir dich unter demselben Dach haben.«

Sobald Laura in ihrem Zimmer war, ging sie ans Fenster und versuchte, durch die Scheiben zu spähen.

Dunkelheit preßte sich gegen das Haus, und nichts war zu unterscheiden.

Nachdem sie den Säugling neu gebettet hatte, übersah sie noch einmal die Sachen, die sie heute erhalten hatte. Auf dem Kalender war ein wunderhübsches Bild. Ein alter Mönch spielte Geige, und zwei reizende kleine Engelchen sahen ihm heimlich zu und belauschten ihn. Sie stellte den Kalender ans Fenster, so daß die Seite mit dem Bild zum Hof hinauskuckte. Vielleicht hatten auch andere Leute im Haus Freude, wenn sie am andern Morgen das Bild bemerkten.

Dann ging sie schlafen.

Aber als der Morgen kam, waren die Scheiben fest zugefroren, und wie weiße Mauern schlossen sie die Außenwelt ab.

Als sie wieder auftauten und durchsichtig wurden, war man schon im neuen Jahr. Dort unten saß die Gräfin allein am Fenster, ihr Gesicht war wieder tief gekränkt und ihr Zopf blieb bis mittags in der Schublade.

*

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