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Frau Hempels Tochter

Alice Berend: Frau Hempels Tochter - Kapitel 12
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typefiction
authorAlice Berend
titleFrau Hempels Tochter
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1955
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Der beste Rat ist der, der uns am besten gefällt. Graf Egon riet mancherlei und zwischen anderem auch, daß Frau Hempel das Geld in einem hübschen Hause im westlichen Teil der Großstadt anlegen sollte. Das würde sie zu verwalten verstehen wie keine. Sie würde ihre Arbeit und ihre Freude daran haben und es in zwanzig Jahren mit großem Gewinn weiter verkaufen können.

Hier lachte Frau Hempel und sagte, in zwanzig Jahren werde sie wohl ihren Platz neben Hempel eingenommen haben, sonst erkenne er sie am Ende nicht wieder. Aber sie konnte ihre große Freude über diesen Vorschlag nicht verbergen.

Graf Egon erklärte, daß man auf seiner Bank immer derartige Angebote zur Verfügung habe, und daß er sich sofort danach erkundigen werde.

So kam es, daß Frau Speck jeden Morgen, wenn sie sich im Wolltuch vors Haus setzte, um die Kartoffeln zu schälen, die auch schon im Keller im armseligen Frühlingssehnen zu blühen begannen, ruhig mit ansehen mußte, wie Frau Hempel und ihre Tochter in Sonntagskleidern den Weg zum Bahnhof nahmen.

In der Stadt wurden sie von Graf Egon erwartet, um mit ihm durch die Straßen zu fahren und sich die Häuser anzusehen, deren Adressen er in der Tasche hatte. Sobald Frau Hempel ein Haus betrat, fragte sie zuerst nach der Portierwohnung. Sie merkte, daß, je kostbarer ein Haus ausgestattet war, um so elender und sparsamer der Raum bedacht war für die Familie, die alle dies Pracht sauber halten sollte.

Eine Schande nannte Frau Hempel solche Häuser, sie wollte sie nicht haben, und wenn man sie ihr schenkte. Die Herren Hausbesitzer, mit denen sie zu tun hatte, hielten die starke Dame für hochgradig nervös. Einige von ihnen machten sie darauf aufmerksam, daß solche Leute wirklich nicht diese Fürsorge verdienten, sie wären nicht gewohnt, mit Glacéhandschuhen angefaßt zu werden.

Unter den zum Kauf angebotenen Gebäuden befand sich auch Herrn Bombachs Haus. Frau Hempel schalt es einen alten Kasten, aber sie konnte doch nicht widerstehen, sich ihn anzusehen. Mit einem schrägen Seitenblick auf das kleine Fenster, wo Hempel immer gesessen hatte, ging sie mit festem Schritt durch den Flur und die Vordertreppe hinauf zu Bombachs. Auf ihr Klingeln öffnete der Hauswirt selber, denn er hatte wieder einmal beide Mädchen hinausgeworfen. Er war erfreut, Frau Hempel zu sehen. Er hatte mit der Wahrsagerin großen Ärger. Das Holzbein des Mannes war wurmstichig geworden, und sie behaupteten, daß dies von der Kellerluft herrühre. Sie verlangten Schadenersatz, den er natürlich nicht zahlen würde, aber den gesundheitsschädlichen Ärger hätte er weg.

»Man hat viel Mühe, sein Leben zu fristen«, sagte er und pustete nach Luft.

Auch Frau Bombach kam herein und begrüßte Frau Hempel gemessen, aber freundlich. Sie hatte schon hinter der Tür den Zweck ihres Besuches erfahren. Sie sagte einige höfliche Worte über Hempels Tod und fügte hinzu, daß das Unglück keinen Unterschied zwischen Vornehmen und Geringen mache. Ihr Hans Friedrich habe die Masern gehabt und über die elegante Frau Leutnant, bei der Laura im Dienst gewesen sei, höre man auch allerlei. Sie solle wieder bei ihren Eltern sein, nachdem der Herr Leutnant die Mitgift durch den Schornstein gejagt habe.

Dann wurde Frau Hempel durch das Haus geführt. Auf Schritt und Tritt sah sie, daß die Wahrsagerin ein schmutziges Faultier war. Der Zorn kochte in ihr.

Sie verabschiedete sich bald und sagte nichts weiter, als daß es einmal anders hier ausgesehen hatte.

»Allerdings ist es kein Haus für Portiersleute«, zischte Herr Bombach, der über alle Maßen gern das Haus losgeworden wäre, weil er und Minchen sich nach einer Villa in einem der stillen Vororte sehnten.

Ohne Gruß ging man für immer voneinander.

Verkäufer und Abnehmer dürfen sich nicht allzugut kennen, wenn ein Handel zustande kommen soll.

Schließlich fand sich doch ein hübsches, hellgraues Haus, wo auch die Portiersleute eine helle Küche hatten, in der sich eine schön gemalte Borte von Sonnenblumen um den Herd schlängelte. Es hatte breite und blumengeschmückte Balkone. Das Dach zierte ein Turm, dessen Wetterfahne ein Automobil war, das der Wind lenkte.

Es war recht nach Frau Hempels Geschmack, neu und sauber innen und außen. Zwei Wohnungen waren noch ohne Mieter. Die kleinere im Zwischenstock wollte Frau Hempel selbst haben, die größere darüber sollte das gräfliche Heim des jungen Paares werden.

Nachdem Frau Hempel jeden Winkel darin genau kannte, ging das Haus wirklich in ihren Besitz über. In einem Monat wollte sie es beziehen, aber sie kaufte der Portiersfrau sofort neue Besen von der besten Art und sagte, daß man mit einem guten Besen die halbe Arbeit habe. Es schien eine saubere Frau zu sein. Der Mann war Tischler und arbeitete außer dem Hause. Sie hatten ein kleines Mädchen, das jedesmal einen tiefen Knix machte, wenn ein Blick der künftigen Hauswirtin auf sie fiel.

»Lassen Sie sie niemals auf dem Straßendamm spielen, das habe ich auch niemals erlaubt«, sagte Frau Hempel und strich dem in der Kniebeuge verharrenden Kinde über das mit Wasser glatt gestriegelte Haar.

»Sie sind zu gütig, gnädige Frau«, dankte die Portiersfrau mit einem unsicheren Blick der Verwunderung.

Der Herr Baumeister, von dem Frau Hempel das Grundstück erworben hatte, stand dabei und sagte, daß die gnädige Frau gewiß eine tatkräftige Frauenrechtlerin sei, und er machte ihr darüber viele Komplimente.

Frau Hempel hörte nicht viel davon. Erregung und Erinnerung pochten in ihr wie ein emsiger Schusterhammer. –

Auch Graf Egon mußte die erstaunliche Nachricht, die er heute mitgebracht hatte, mehrere Male wiederholen, ehe Frau Hempel sie aufnahm. Seine Mutter, die Gräfin, bat Mutter und Tochter zu sich zum Abendbrot. Man wollte gemeinsam den Tag der Hochzeit festsetzen.

Als die Gräfin von ihrem Sohn erfuhr, welche Wendung das Geschick dieser Portiersleute genommen hatte, stieß sie einen langen Seufzer aus: niemand wisse, wieviel Unglück ein Mensch ertragen könne. Wenn er durchaus bei seinem Willen beharre, sei sie bereit, Frau und Fräulein Hempel bei sich zu empfangen und als Verwandte zu begrüßen. –

Schwarz war die Lieblingsfarbe der Gräfin, und als Mutter und Tochter in ernster Trauerkleidung ihr bescheidenes Wohnzimmer betraten, fühlte sie sich wohltuend berührt.

Sie küßte Laura auf die Stirn und sagte:

»Sei willkommen, mein Kind, im Kreise der Grafen von Prillberg.«

Frau Hempel schneuzte sich mit einem großen, blütenweißen Taschentuch krachend die Nase und sagte:

»Mein Mädchen wird keinem Unehre machen, Frau Gräfin.« Während man vorsichtig auf den Sammetsesseln Platz zu nehmen suchte, ohne die Decken zu verschieben, die ihre Schäden verbergen mußten, fügte sie hinzu, daß Laura wohl alles habe, was zu einer Gräfin gehöre; nur daß sie nicht französisch sprechen und nicht Klavierspielen könne, müsse noch nachgeholt werden. Es wäre eben alles viel rascher gekommen, als man vorausgesehen hatte. Aber schon in den nächsten Tagen sollte Laura mit dem Unterricht beginnen, den sie auch später weiter bezahlen werde. Laura sollte alles haben, was dazu gehöre.

Die Gräfin meinte, daß man in neuester Zeit, wo es ohnehin Lärm genug gab, in den besten Kreisen vom Klavierspiel etwas abgekommen sei, man spiele dafür Tennis und triebe Gymnastik. Laura sagte, Tennis könne sie spielen, worüber die Gräfin sehr erfreut war. Sie bot sich an, den französischen Unterricht selbst an Laura zu erteilen. Sie spräche vollkommen französisch, und man könne das Lehrgeld dafür sparen. Sie schrieb gleich die Namen einiger Bücher auf, die sich Laura zu diesem Zwecke besorgen sollte, und wurde beinahe heiter bei dem Gedanken an die neue Tätigkeit.

Als man bei Tisch saß, kam die Rede auf die bevorstehende Hochzeit. Frau Hempel sagte, daß sie von ihrer Seite Herrn Otto als Trauzeugen vorschlagen würde. Die Frau Gräfin fragte, wer das wäre, und Frau Hempel erklärte ihr, daß es ihr früherer Bademeister sei, der aber jetzt einen festen Posten in einem Irrenhaus habe.

»O Gott«, sagte die Gräfin und legte die Gabel aus der Hand. Sie sah aus, als ob sie das Ableben eines nahen Verwandten erfahren hätte.

Frau Hempel merkte, daß nicht alles richtig war, und sagte einlenkend, daß man auch Herrn Speck wählen könnte. Er sei ein Landbesitzer und sein eigener Herr. Aber sie fürchte, daß er den Dunggestank zu fest in den Kleidern habe.

Die Gräfin wurde noch trauriger. Sie sprach jetzt von der Hochzeit wie von einem Leichenbegängnis.

Die beiden, die diese Angelegenheit ganz besonders anging, hörten nicht viel von dem Gespräch der Mütter. Sie hatten genug mit sich selbst zu tun. Laura verbarg eine Haselnuß in der festen Faust, die ihr Graf Egon durchaus entreißen wollte, was beide sehr zum Lachen reizte. Die Gräfin, die den betrübten Kopf hoch aufgestellt im Nacken hatte, wodurch die goldene Krone unter ihrem spitzen Kinn ganz frei und sichtbar glänzte, hatte schon mehrmals daran erinnert, daß es doch nicht auf ein Nüßchen mehr oder weniger ankäme und eine ganze Schale davon auf dem Tisch stünde. Aber man überhörte ihre Worte.

Zum Glück wird jede Nuß einmal geknackt. Ehe man sich verabschiedete, war man auch über die Hochzeitsbestimmungen einig geworden.

Der Graf mußte noch für einen Monat auf seinen früheren Posten zurückkehren. Sobald er wiederkam, sollte die eheliche Verbindung in aller Stille stattfinden. Für die Trauzeugen wollte er selbst sorgen. –

Der Graf reiste, und die Mütter trafen täglich zusammen, um Einkäufe für den künftigen Hausstand zu machen. Frau Hempel kehrte stets ganz erschöpft zurück und sagte, sie begreife nun, daß mit dem Kopf zu arbeiten mehr anstrenge als mit den Händen. Die Gräfin aber kam stets sehr munter heim, so daß ihr erstauntes Dienstmädchen sich seine eigenen Gedanken machte und zu der Meinung kam, daß ihre Herrin diese alten Ahnen, über die sie so viel geweint hatte, wiederbekommen oder eingewechselt habe.

Jeden zweiten Tag kam Laura mit Büchern unter dem Arm und einem schüchternen Lächeln um den wachgeküßten Mund zu ihrer Schwiegermutter, um in die französische Sprache eingeführt zu werden. Das erste Zeitwort, das sie lernen sollte, war: lieben. Sie errötete und zögerte vor Egons Mutter, dieses vertraute Wort zu konjugieren. Die Gräfin erklärte mit dem Ernst, der ihr eigen war, daß man das in jeder Sprache zu allererst lernen müsse. Laura gehorchte und bekannte gehorsam: J'aime – Ich liebe. Aber jedesmal, wenn sie: nous aimons – wir lieben sagte, mußte sie die Gräfin anlächeln, weil sie dachte, daß sie jetzt gewiß denselben vor Augen habe, wie sie. So wandelte sie diese Konjugation zu Freunden. –

Wenn Laura mit den Büchern zurückkam, fand sie die Mutter stets bei einer häuslichen Beschäftigung. Sie räumte und packte und besserte die alten Sachen aus. Oft stand sie auch vor dem Plättbrett und bügelte aus ihrem langen Witwenschleier die Kniffe und Strapazen des staubigen Tages.

»Kein Wunder, daß die reichen Leute viel Geld brauchen«, sagte sie. »Wenn man die Sonntagskleider am Wochentag trägt, ist man bald mit ihnen fertig.« Sie hielt den Schleier gegen das Licht und meinte, daß sie sich bald vor Hempel schämen müßte, mit einem solchen Schleier zu kommen.

»Kaufe dir einen andern, Mutter, wozu haben wir denn das viele Geld«, sagte Laura und lachte. Sie wußte nun für alles einen glücklichen Ausweg. Sie hatte den Arm um die breiten Schultern der Mutter gelegt, aber ihre Augen sahen in der Ferne den neuen, eignen Weg zwischen Sonnenschleiern dämmern. –

Das Leben ist ein Versteckspiel unter Schleiern. Zu Lauras Hochzeit kaufte sich Frau Hempel einen neuen Trauerschleier, der viel kostbarer als der erste war.

In vornehmen Falten verdeckte das tiefschwarze Gewebe die derbe kräftige Gestalt, die jene zarte, die nun Gräfin werden sollte, an einem schweren Arbeitstage geboren hatte. Er wurde zusammen mit Lauras Brautschleier gekauft, der, zart wie Spinngewebe, des schlanken Mädchens glückliche Züge durchschimmern ließ.

In dem leichten, leise knitternden Paket, worin Frau Hempel behutsam den weißen und den schwarzen Schleier heimtrug, lag noch ein dritter von festerem Gewebe. Er war für Ida bestimmt, die noch vor Laura in den Ehestand treten sollte. Sie hatte sich einen recht dauerhaften Schleier gewünscht, den sie auch noch in 25 Jahren bei der silbernen Hochzeit tragen konnte, und der nicht gleich zerriß, wenn das Kind danach griff.

Im Gegensatz zu Lauras Feier, die nur im engsten Kreise stattfinden sollte, hatte der Schutzmann zu seiner Verbindung mit Ida viele Gäste in das Frohndorfer Wirtshaus geladen und ein gutes Essen bestellt. Er sagte, daß man möglicherweise nur einmal heirate und die Feste feiern müsse, wie sie fallen. An diesem schönen Tage sollte auch der Junge getauft werden, der ohnedies seinen guten Happen von der Festtafel haben sollte. Denn wer war schließlich mehr dazu berechtigt, bei der Hochzeitsfeier der Mutter dabei zu sein, als ihr einziger Sohn?

Trotzdem die meisten Gäste Ida vorher niemals gesehen hatten, kamen alle gern, und das Fest verlief zu aller Zufriedenheit. Es gab einen Schweinebraten mit Teltower Rübchen, von dem Herr und Frau Degenbrecht noch oft in ihrer freundlichen Ehe sprachen. Auch der runde Täufling, der abwechselnd auf dem Schoß der Braut und den Knien des Bräutigams saß, gefiel sehr. Man fand ihn gehorsam und stramm und stellte die große Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Schutzmann fest.

Wann machte Phantasie nicht glücklicher als Wissen?

*

Das Leben gleitet. Nicht einen Atemzug lang halten wir es fest. Immer sind unsere Gedanken in Zeiten, die schon vergangen sind oder erst kommen sollen. –

Es war längst nicht mehr gestern gewesen, daß Laura als Gräfin von Prillberg das kleine Haus am See verließ und mit Graf Egon auf eine fröhliche Reise ging. Sie waren an das Meer gefahren, das sich Laura schon zu sehen gewünscht hatte, als sie im Scheuereimer der Mutter die Papierschiffchen schwimmen ließ. Sie schrieb auf bunte Karten, wo schräge Schiffe zwischen hohen Wellen schaukelten, daß sie niemals einen so feinen Sand gesehen hatte wie hier am Rand des Meeres. Ja, wenn die Mutter dieses Pulver zum Scheuern gehabt hätte! Und sie beschrieb die kleinen saubern Körnchen, die warm und federleicht durch die Finger rannten und in der Sonne wie winzige Brillanten flimmerten.

An jedem Morgen kam ein solcher Gruß, den Frau Hempel genau und immer wieder las und von allen Seiten beguckte. Sie hatte nun viel Arbeit, da beide Mädchen fort waren und der Umzug in die Stadt besorgt sein wollte. Das ganze Haus war fremd und anders geworden, seit Laura durch keine Tür mehr kam. Sie sprach auf Hempels Grab viel über diese Veränderung und erinnerte ihn daran, wie schlecht sie damals schliefen, als Laura zu Bombachs gekommen war, und das erstemal, seit sie auf der Welt war, nicht neben ihnen geschlafen hatte. Nun sollte das für immer vorbei sein. Aber man hatte erreicht, was man gewollt hatte. Ein schwerer Seufzer strich über das stille Feld mit den vielen Hügeln im Frühlingsgrün.

Als Laura zurückkehrte, hatte sich Frau Hempel an ihr Alleinleben gewöhnt. Sie sagte kein unzufriedenes Wort und war immer in Tätigkeit. Sie wollte keine Dienstboten haben. Sie sagte, dazu kenne sie zu viel vom Leben. Sie besorgte ihren Haushalt und alle Arbeit, die er brachte, selbst. Nur das Fensterputzen mußte die Portiersfrau verrichten, weil es Graf Egon und Gräfin Laura vielleicht unangenehm gewesen wäre, wenn man ihre Frau Mutter mit Scheuertuch und Schürze im Fensterrahmen gesehen hätte. Sie war stets darauf bedacht, den Kindern keine Unehre zu machen. Von Laura sprach sie nie anders als von der Frau Gräfin, und wenn sie durch einen ihrer Dienstboten einen Einkauf ausrichten ließ, gab sie stets einen Hundertmarkschein zum Wechseln.

Das Haus war blitzsauber von oben bis unten. An Seifen und Putzpulver wurde nicht gespart, und die Portiersfrau wunderte sich mehr als einmal über die großen Fachkenntnisse in der Reinigung eines Hauses bei einer so reichen Dame. –

In der ersten Zeit kamen Specks einigemal zu Besuch, aber dann blieben sie fort. Sie fanden, daß es nicht gesund sei, zu Leuten zu gehen, die es viel zu gut hatten. Auch Kempkes sahen sich nur einmal alles genau an und kamen nicht wieder, vielleicht aus ähnlichen Gründen. Allerdings erzählte Frau Kempke, daß auch sie sich nicht zu beklagen hätten. Fritz besaß seit einigen Wochen im Norden der Stadt ein schönes Gasthaus mit einer Badestube und zwei Toiletten. Er hatte es kurzweg »Zum blauen Mädchenauge« genannt, ohne das andere braune Auge der Braut zu berücksichtigen.

Das war gewiß vernünftig, denn man muß oft ein Auge zudrücken können, wenn man im Leben vorwärtskommen will.

Frau Hempel vermißte ihre früheren Bekannten nicht. Das Leben brachte Ersatz und Abwechslung genug. In den ersten Jahren, als die kräftigen blonden Knaben in das gräfliche Haus kamen, gab es noch manche bange Nacht, und ein recht schwerer Tag war es, als die alte Gräfin starb, gerade in einer Stunde, wo wieder ein kleiner Graf Prillberg geboren wurde.

Sie hatte bald nach Graf Egons Hochzeit zu kränkeln begonnen. Es schien, als ob alle Lebenskraft in ihr erloschen war, seit sie über nichts mehr zu klagen hatte. Man entbehrt nicht gern im Alter, was man sein Leben lang gewohnt war!

Aber die Stunden strichen auch über sie hinweg. Des Grafen Ansehen stieg durch den Wohlstand, in den er nun gekommen war. Er machte einige glückliche Abschlüsse und gelangte mehr und mehr zu Einfluß und Vermögen, denn das Glück, das so leichtfüßig scheint, wenn es vor uns herläuft, wird eine seßhafte Bürgersfrau, sobald es jemanden lieb gewinnt. Gewiß rührt davon der schöne Volksglaube her, daß, wer die erste Million hat, auch sicher die zweite bekommt. –

So lebte Laura nun das ruhige Leben des friedvollen Menschen, der keine andere Schrecken mehr kennt als Krankheit und Tod, gegen die er die Seinen und sich zu schützen vermag mit allen Mitteln.

Ihre Lieblingsbeschäftigung war, kleine Lieder zur Gitarre zu singen. Sie nahm noch täglich Unterricht darin. Ihre zarte Stimme entzückte ihren Gatten, und wenn sie Gäste hatten, bat man sie immer wieder, ihre feine Kunst zu zeigen.

Frau Hempel konnte in ihrem Zimmer deutlich Spiel und Stimme hören. Mit geschlossenen Augen, die schweren Hände im Schoß, saß sie im Dunklen und lauschte. Sie kam niemals hinauf, wenn man Besuch hatte. Sie mochte es nicht, und Graf und Gräfin versuchten nicht, sie zu überreden. Aber wenn Laura für sich allein spielte, saß die Mutter bei ihr in einer Ecke des Zimmers. Ein weißes Häubchen auf dem hell und dünn gewordenen Haar, blickte sie unverwandt auf die hohe, vornehme Gestalt mit den schmiegsamen, schönen Bewegungen. –

Jeden Tag dachte sie mehrere Male, wenn Hempel das erlebt hätte, und manchmal sagte sie es laut.

Dann nickte Laura und lächelte die Mutter an. Ihre Finger ruhten schmal mit rosigen Nägeln auf dem Saitenspiel, und sie lauschte auf das Lachen der Kinder, das vom andern Zimmer schallte.

Dann und wann wachte die Vergangenheit für kurze Augenblicke auf. So einmal, als Fräulein Hammerspecht, alt und müde geworden, sich bei Laura als Friseurin vorstellte und ein andermal, als ein Sektagent der Frau Gräfin seine Aufwartung machte und sie in ihm den früheren Dienstherrn, den Leutnant, wiedererkannte.

Solche Begegnungen rüttelten bei Frau Hempel viele Erinnerungen auf. Aber wenn sie mit Laura davon sprechen wollte, konnte sich diese nur noch auf weniges besinnen.

»Weißt du, Mutter«, sagte sie und ein sanftes Lächeln lag auf ihren Zügen, »es ist mir, als ob die früheren Tage gar nicht mein eigen gewesen wären.«

Man ist, was man geworden ist. Es war Laura etwas ganz Selbstverständliches, daß sie ihren reizenden Knaben das Spielen mit den wilden Straßenkindern verbot.

Frau Hempel hatte ihre helle Freude an den Enkeln. Sie fand immer Zeit und Heiterkeit für sie und erzählte ihnen schon in den Windeln, daß sie kleine Grafen wären, die es einmal gut haben sollten.

Jeden Sonntag aber fuhr sie nach Frohndorf hinaus zu Hempels Grab. Seine Ruhestätte umfriedete jetzt ein stattliches Gitter aus Schmiedeeisen, und Frau Hempel freute sich jedesmal, wenn sie den Schlüssel in dem kunstvollen Schloß drehte, über den hochherrschaftlichen Eindruck, den das Ganze machte. Laura und die Kinder brauchten sich Hempels und ihrer nicht zu schämen, wenn sie in späteren Jahren vielleicht öfters hier herauskommen wollten.

Der zarte Blütenstamm, den Frau Hempel vor vielen Frühlingen pflanzen ließ, war nun ein großer Baum geworden. Als die Zeit so weit gelaufen war, daß auch sie hinauskam, um für immer hier zu bleiben, trug er große blaue Früchte, die, wenn sie reif waren, nieder auf die Gräber fielen. Mancher kecke Junge wagte ihretwegen im Dämmerschein einen Sprung über die Kirchhofsmauer.

Es war dem Gärtner, der damals den kleinen Baum auf Hempels Grab pflanzen sollte, eine Verwechslung unterlaufen. Er hatte der Erde nicht den Ableger eines Zierstrauchs anvertraut, sondern den ähnlich gearteten Sprößling eines Pflaumenbaums.

Ein verzeihlicher Irrtum. Denn man erkennt den Baum erst an seinen Früchten wie den Menschen an seinen Taten.

*

 

 

Ende

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