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Frau Fönß

Jens Peter Jacobsen: Frau Fönß - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorJens Peter Jacobsen
booktitleMeisternovellen nordischer Autoren
titleFrau Fönß
publisherGlobus Verlag G.m.b.H.
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080505
modified20140825
projectid23680b2e
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Jens Peter Jacobsen

Frau Fönß

In den hübschen Anlagen hinter dem alten Palast der Päpste in Avignon steht eine Aussichtsbank, von der man über die Rhone, über das Blumenufer der Durance, über Höhen und Fluren und über einen Teil der Stadt hinwegsieht.

An einem Oktobernachmittag saßen dort auf dieser Bank zwei dänische Damen, eine verwitwete Frau Fönß und ihre Tochter Ellinor.

Obwohl sie bereits ein paar Tage hier gewesen waren und obwohl sie die Aussicht, die vor ihnen lag, sehr gut kannten, saßen sie noch da und wunderten sich darüber, daß es so in der Provence aussah.

Daß dies wirklich die Provence war! Ein lehmiger Fluß mit schlammigen Sandstellen und unendliche Ufer aus steingrauem Kies, dann blaßblaue Felder ohne einen Grashalm, blaßbraune Abhänge, blaßbraune Hügel und staubhelle Wege, und hier und da bei den weißen Häusern Gruppen von schwarzen Bäumen, vollständig schwarze Büsche und Bäume. Über all diesem ein weißlicher, lichtzitternder Himmel, der alles noch bleicher machte, noch trockner und ermüdender hell, nicht ein Schimmer von üppig gesättigten Tönen, lauter hungrige, sonnenausgemergelte Farben, und nicht ein Laut in der Luft, nicht eine Sense, die durch das Gras hieb, nicht ein Wagen, der auf den Wegen dahinrasselte; und die Stadt dort zu beiden Seiten gleichsam aus Schweigen aufgebaut, mit allen den mittagstillen Straßen, allen den taubstummen Häusern, an denen jede Fensterlade, jede Jalousie geschlossen war, jede einzelne geschlossen; Häuser, die weder hören noch sehen konnten.

Frau Fönß hatte nur ein resigniertes Lächeln dieser leblosen Einförmigkeit gegenüber, aber Ellinor machte sie sichtlich nervös, nicht lebhaft ärgerlich nervös, sondern jammernd und matt, wie man es nach tagelangem Regenwetter werden kann, wenn alle unsere trübseligen Gedanken mit herabregnen, oder bei dem idiotisch tröstenden Ticken einer Stubenuhr, wenn man dasitzt und seiner selbst unheilbar überdrüssig ist, oder über die Blumen in unserer Tapete, wenn dieselbe Kette von abgenutzten Träumen gegen unseren Willen in unserem Gehirn herumhaspelt und zusammengeknüpft wird und zerreißt und wieder zusammengeknüpft wird in einer Übelkeit erregenden Unendlichkeit. Sie griff sie geradezu körperlich an, diese Landschaft, und brachte sie einer Ohnmacht nahe: so hatte sie sich heute mit Erinnerungen an eine Hoffnung verschworen, die vernichtet war, an lieblich süße Träume, die jetzt nur krankhaft widerlich waren, Träume, bei deren Erinnerung sie schamrot errötete und die sie doch niemals vergessen konnte. Und was hatte das denn mit der Gegend hier zu tun, der Schlag hatte sie ja fern von hier getroffen, in heimischen Umgebungen, am gewässerten Sund, unter lichtgrünen Buchen, und doch hatte jeder blaßbraune Hügel es auf den Lippen, und jedes grünverschlossene Haus stand da und schwieg darüber.

Es war der alte Schmerz für junge Herzen, das, was sie betroffen hatte, sie hatte einen Mann geliebt und an Gegenliebe geglaubt, und dann hatte er sich plötzlich eine andere erkoren; warum, wozu? was hatte sie ihm getan? worin hatte sie sich verändert, war sie nicht mehr dieselbe? und alle die ewigen Fragen wieder und wieder. Sie hatte ihrer Mutter kein Wort gesagt, aber ihre Mutter hatte jede Kleinigkeit verstanden und war so besorgt um sie gewesen; sie hätte schreien können bei dieser Sorgfalt, die wußte und gar nicht wissen durfte, und ihre Mutter hatte auch das verstanden, und dann waren sie gereist.

Die ganze Reise war nur, damit sie vergessen sollte.

Frau Fönß brauchte die Tochter nicht ängstlich zu machen, indem sie ihr ins Gesicht sah, um zu wissen, wo sie weilte; wenn sie nur die nervöse kleine Hand im Auge behielt, die an ihrer Seite lag und die sich so machtlos verzweifelt über die Sprossen der Bank ausbreitete, um jeden Augenblick die Stellung zu verändern wie ein Fieberkranker, der sich in seinem heißen Bett hin und her wirft: wenn sie nur das tat, nur diese Hand ansah, so wußte sie auch, wie lebensmüde die jungen Augen vor sich hinstarrten, wie zermartert das feine Antlitz in jedem Zuge zitterte, wie bleich es in seinem Leiden war und wie krampfhaft die Adern unter der zarten Haut an den Schläfen blauten.

Es tat ihr so weh um ihr kleines Mädchen, und sie hätte es so gern gesehen, wenn sie sich an ihre Brust gelehnt hätte, um alle die Trostesworte über sie auszuhauchen, die sie ersinnen konnte; aber sie hatte den Glauben, daß es Schmerzen gibt, die in Verborgenheit sterben müssen und die nicht in Worten ausgeschrien werden dürfen, nicht einmal zwischen Mutter und Tochter, auf daß nicht eines Tages unter neuen Verhältnissen, wenn sich alles zu Wonne und Glück ausbauen will, daß dann nicht diese Worte als Hindernis da sein sollen, als etwas, das belastet und unfrei macht, weil der, der sie gesprochen hat, sie in der Seele des andern liegen und flüstern hört, sie in den Gedanken eines andern betrachtet und gedreht und gewendet glaubt.

Und dann auch das, daß sie fürchtete, der Tochter Schaden zuzufügen, indem sie ihr das Vertrauen leicht machte, sie wollte nicht, daß Ellinor vor ihr erröten sollte, sie wollte ihr nicht, wie sehr es sie auch erleichtern konnte, über die Demütigung hinweghelfen, die darin liegt, daß man die verborgensten eigenen Winkel seiner Seele dem Auge eines anderen offen legt, im Gegenteil, je schwerer dies es auch für sie beide machte, so war sie erfreut darüber, daß sie diese Vornehmheit der Seele, die ihr selber innewohnte, in einer gewissen gesunden Starrheit bei ihrer jungen Tochter wiederfand.

Einmal – es war einmal vor vielen, vielen Jahren, als sie selbst so ein achtzehnjähriges Mädchen war, da hatte sie aus ihrer ganzen Seele geliebt, mit jedem Sinn ihres Körpers, mit jeder Lebenshoffnung, jedem Gedanken: er hatte ihr nur seine Treue zu bieten gehabt, um sie in einer unendlichen Verlobung zu erproben, und da waren Verhältnisse in ihrem Heim, die nicht warten konnten. Da hatte sie dann den genommen, den sie ihr gegeben hatten, ihn, der Herr war über diese Verhältnisse. Sie heirateten, dann kamen die Kinder, Tage, der Sohn, der mit hier in Avignon war, die Tochter, die an ihrer Seite saß, und es war sehr viel besser geworden, als sie hatte erwarten können, sowohl lichter als auch leichter. Acht Jahre währte es, da starb der Mann, und sie betrauerte ihn aus einem aufrichtigen Herzen, denn sie hatte gelernt, diese feine, dünnblütige Natur liebzuhaben, die mit angespannter, egoistischer Liebe fast krankhaft liebte, was durch Verwandtschaft und Familienbande zu ihr gehörte, und die sich von der ganzen großen Welt da draußen aus nichts anderem etwas machte, als was diese Welt meinte, nur aus ihrer Meinung, sonst aus nichts etwas. Nach dem Tode ihres Mannes hatte sie dann sehr für ihre Kinder gelebt, hatte sich aber nicht mit ihnen eingeschlossen, hatte teilgenommen an dem Gesellschaftsleben, wie das für eine so junge und vermögende Witwe natürlich war, und jetzt war ihr Sohn einundzwanzig Jahre alt, und sie selbst hatte nicht mehr viele Tage zurückzulegen, bis sie vierzig war. Aber sie war noch schön, da war nicht ein grauer Streifen in ihrem dicken, dunkelblonden Haar, nicht eine Runzel um die großen, freimütig blickenden Augen, und die Figur war so schlank in ihrer formbeherrschten Fülle. Die kräftigen, linienfeinen Züge wurden durch den dunkleren, mehr farbentiefen Teint hervorgehoben, den ihr die Jahre gegeben hatten, aber es lag eine Süße in dem Lächeln um ihre tiefgeschweiften Lippen, eine fast verheißungsvolle Jugend in dem weich betauten Funkeln ihrer braunen Augen, wodurch alles wieder mild und sanft wurde. – Und doch war da dann wiederum die ernsthaft volle Rundung der Wange, das willenstarke Kinn der reifen Frau.

»Nun kommt Tage gewiß«, sagte Frau Fönß zu der Tochter, als sie Lachen und einige dänische Ausrufe auf der andern Seite der dichten Hagebuchenhecke hörte.

Ellinor nahm sich zusammen.

Und es war Tage, Tage und Kastagers, Großhändler Kastager aus Kopenhagen mit Schwester und Tochter; Frau Kastager lag krank im Hotel.

Frau Fönß und Ellinor machten Platz für die beiden Damen, die Herren versuchten einen Augenblick, stehend Konversation zu machen, ließen sich aber bald von der niedrigen Granitmauer verlocken, die den Aussichtspunkt umgab, und dann saß man da und sprach gerade das Notwendigste, denn die eben Angekommenen waren ermüdet von einem kleinen Eisenbahnausflug in der rosenblühenden Provence.

»Hallo!« rief Tage und schlug sich mit der flachen Hand auf die hellen Beinkleider, »seht dahin!«

Man sah.

Draußen in der braunen Landschaft zeigte sich eine Staubwolke, darüber ein Staubmantel, mitten dazwischen gewahrte man ein Pferd. »Das ist der Engländer, von dem ich sprach, der jüngst angekommen ist«, sagte Tage, zu der Mutter gewendet. »Haben Sie schon jemand so reiten sehen?« wandte er sich an Kastager. »Er erinnert mich an einen Gaucho.«

»Mazeppa?« sagte Kastager fragend.

Der Reiter verschwand.

Dann erhob man sich und machte sich auf den Weg zum Hotel.

Diese Kastagers hatte man in Belfort getroffen und da sie dieselbe Tour machten, hinab durch Südfrankreich und an die Riviera entlang, so war man vorläufig zusammen gereist. Hier in Avignon hatten dann beide Familien Aufenthalt gemacht, Kastagers, weil die Frau einen Aderknoten bekommen hatte, Fönßens, weil Ellinor offenbar der Ruhe bedurfte.

Tage war entzückt über dies Zusammenleben, denn er verliebte sich Tag für Tag sterblicher in die niedliche Ida Kastager, aber Frau Fönß war nicht so zufrieden, denn wenn auch Tage für sein Alter sehr sicher und entwickelt war, so hatte es doch durchaus keine Eile mit einer Verlobung, und dann außerdem dieser Kastager. Ida war ein prächtiges kleines Mädchen, die Frau war eine sehr gebildete Dame aus vorzüglicher Familie, und der Großhändler selbst war sowohl tüchtig als auch reich und brav, aber es haftete ihm ein Hauch von Lächerlichkeit an, und es kam ein Lächeln um die Lippen der Leute oder ein Aufblitzen in ihre Augen, wenn man Großhändler Kastager nannte. Er war nämlich so feurig und so außerordentlich begeistert, war es so offenherzig, so lärmend und so mitteilsam, und daher kam es, denn es erfordert ja heutzutage gerade so viel Diskretion, mit der Begeisterung umzugehen. Frau Fönß mochte aber nicht daran denken, daß man Tages Schwiegervater mit einem Aufblitzen in den Augen, einem Lächeln um den Mund nannte, und deswegen verhielt sie sich der Familie gegenüber ein wenig kühl, zum großen Kummer des verliebten Tage.


Am Vormittag des nächsten Tages waren Tage und seine Mutter nach dem kleinen Museum der Stadt gegangen, um es zu besichtigen. Sie fanden das Tor offen, die Tür zu den Sammlungen aber geschlossen, und das Läuten erwies sich als fruchtlos. Indessen gewährte das Tor Einlaß zu dem nicht sonderlich großen Hofplatz, der von einem frisch getünchten Bogengang umgeben war, dessen kurze, dickleibige Säulen einander mit schwarzen, eisernen Stangen stützten.

Sie gingen umher und besahen, was längs der Mauern aufgestellt war, römische Grabdenkmäler, Bruchstücke von Sarkophagen, eine kopflose Gewandstatue, zwei Rückenwirbel von einem Walfisch und eine Reihe architektonischer Details.

Auf allen Sehenswürdigkeiten lagen frische Spuren von den Kalkpinseln der Maurer.

Und dann waren sie wieder bei ihrem Ausgangspunkt.

Tage lief die Treppe hinauf, um zu sehen, ob nicht doch irgendwo im Hause Leute sein sollten, und Frau Fönß begann, im Bogengang auf und nieder zu gehen.

Als sie auf dem Wege nach der Pforte zu war, tauchte am Ende des Ganges, gerade vor ihr, ein großer, bärtiger Herr mit einem sonnenverbrannten Gesicht auf. Er hatte ein Reisebuch in der Hand, lauschte zurück und sah dann vor sich hin, sah sie an.

Sie mußte sofort an den Engländer von gestern denken.

»Verzeihen Sie, gnädige Frau«, begann er fragend und grüßte.

»Ich bin hier fremd,« entgegnete Frau Fönß, »es scheint hier niemand zu Hause zu sein, aber mein Sohn ist hinaufgelaufen, um nachzusehen.«

Diese Worte wurden auf französisch gewechselt.

Im selben Augenblick kam Tage hinzu. »Ich bin ganz rundherum gewesen,« sagte er, »auch in eine Wohnung hinein, aber da war keine Katze.«

»Ich höre,« sagte der Engländer, diesmal auf dänisch, »daß ich das Vergnügen habe, mit Landsleuten zusammen zu sein.«

Er grüßte abermals und trat einige Schritte zurück, wie um anzudeuten, daß er dies nur gesagt habe, damit sie wissen konnten, daß er verstand, was sie sprachen: plötzlich aber trat er noch näher heran als bisher, mit einem gespannten, bewegten Ausdruck in seinem Gesicht und sagte: »Denn es ist doch wohl nicht möglich, daß die gnädige Frau und ich alte Bekannte sein sollten?«

»Sind Sie Emil Thorbrögger?« rief Frau Fönß aus und streckte ihm die Hand hin.

Er ergriff sie. »Ja, der bin ich,« sagte er erfreut, »und Sie sind es!«

Er hatte beinahe Tränen in den Augen, als er sie ansah.

Frau Fönß stellte Tage als ihren Sohn vor.

Tage hatte nie im Leben diesen Thorbrögger nennen hören, aber daran dachte er nicht, nur daran, daß dieser Gaucho sich als Däne entpuppte, und als eine Pause entstand und jemand etwas sagen mußte, konnte er nicht unterlassen, auszurufen: »Und dabei habe ich gestern gesagt, daß Sie mich an einen Gaucho erinnerten!«

Ja das, erwiderte Thorbrögger, komme auch der Wahrheit so ziemlich nahe, indem er einundzwanzig Jahre tief drinnen in den Prärien von La Plata gelebt habe und während aller dieser Jahre ganz sicher mehr zu Pferd als zu Fuß gewesen sei.

Und nun war er hierher nach Europa gekommen!

Ja, jetzt habe er seine Besitzungen und seine Schafe verkauft und sei gekommen, um sich in dieser alten Welt umzusehen, wo er beheimatet war; aber zu seiner Schande müsse er gestehen, daß er es gar oft sehr langweilig finde, so zu seinem Vergnügen zu reisen.

Er hatte vielleicht Heimweh nach den Prärien?

Nein, er habe eigentlich niemals Sehnsucht nach Orten oder Ländern gehabt, er glaube, was er entbehre, sei nur die tägliche Arbeit.

So wurde noch eine Weile gesprochen. Endlich kam der Kustos, erhitzt und atemlos, mit Salatköpfen unterm Arm und einem Büschel brandroter Tomaten in der Hand, und sie wurden in die kleine, beklommene Gemäldesammlung eingelassen, wo sie nur den allerunbestimmtesten Eindruck von den gelblichen Gewitterwolken und den schwarzen Wassern des alten Vernet bekamen, während sie sich dahingegen ganz gut bekannt machten mit ihrem gegenseitigen Leben und Schicksal während der vielen Jahre, die vergangen waren, seit sie sich trennten.

Denn er war es ja, den sie geliebt hatte, damals, als sie sich einem andern verband; und während der Tage, die nun kamen, wo sie viel zusammen waren, und wo die andern, in dem Gefühl, daß so alte Freunde einander viel zu sagen haben mußten, sie so oft allein ließen, in diesen Tagen merkten sie bald beide, daß, wie sehr sie sich auch im Laufe der Jahre verändert hatten, ihre Herzen doch nichts vergessen hatten.

Vielleicht war er es, der das zuerst gewahrte, denn die ganze Unsicherheit der Jugend, ihre Sentimentalität und ihre elegische Sehnsucht überkamen ihn sogleich, und er litt darunter, es widerstrebte dem gereiften Manne, so auf einmal der Lebensruhe, des Selbstbewußtseins beraubt zu sein, die er sich im Laufe der Zeit erworben hatte, und er wünschte sich seine Liebe anders geprägt, sie sollte würdiger sein, gefaßter.

Sie fühlte sich nicht jünger, fand sie, aber es war ihr, als sei in ihrer Seele ein verhaltener, aufgestauter Tränenquell wieder aufgebrochen und habe von neuem zu rinnen begonnen; und es war so glücklich und erleichternd, zu weinen, und sie hatte ein Gefühl des Reichtums diesen Tränen gegenüber, als sei sie mehr wert und alles ihr wieder mehr wert: ein Jugendgefühl im Grunde.

Eines Abends an einem dieser Tage saß Frau Fönß allein zu Hause, Ellinor hatte sich früh schlafen gelegt und Tage war mit Kastagers ins Theater gegangen. Sie hatte hier in dem langweiligen Hotelzimmer gesessen und in dem Halbdunkel geträumt, das ein paar Lichter hervorbringen können, bis die Träume ins Stocken geraten waren, infolge des ewigen Kommens und Wiederkommens, und sie müde geworden war, aber von jener sanften, lächelnden Müdigkeit, die über uns kommt, wenn glückliche Gedanken im Begriff sind, in unserer Seele zu entschlummern.

Sie konnte hier nicht sitzen bleiben und den ganzen Abend vor sich hinstarren, ohne auch nur ein Buch, und es würde noch mehr als eine Stunde währen, bis das Theater aus war; so begann sie denn im Zimmer auf und nieder zu gehen, blieb vor dem Spiegel stehen und ordnete an ihrem Haar.

Sie konnte ja in das Lesekabinett hinabgehen und die illustrierten Blätter ansehen. Da war es zu dieser Zeit des Abends immer leer.

Sie warf einen großen, schwarzen Spitzenschleier über den Kopf und ging hinab.

Ja, da war es leer.

Das kleine, dicht möblierte Zimmer war von einem halben Dutzend breiter Gasflammen blendend erleuchtet; es war heiß hier drinnen und die Luft fast brennend trocken. Sie zog den Schleier auf die Schultern herab.

Die weißen Blätter dort auf dem Tische, die Mappen mit ihren großen, goldenen Buchstaben, die leeren Plüschsessel, die regelmäßigen Quadrate des Teppichs und die schnurgeraden Falten der Ripsgardinen, das sah alles so stumm aus in diesem grellen Licht.

Sie träumte noch, und träumend stand sie da und lauschte dem langtönigen Singen der Gasflammen.

Es konnte einem fast schwindlig werden von der Hitze.

Langsam griff sie, um sich zu stützen, nach einer großen, schweren Bronzevase hinauf, die auf einer Konsole an der Wand angebracht war, und faßte in ihren blumenverzierten Rand.

Es war bequem, so zu stehen, und die Bronze war so herrlich kühl gegen ihre Hand. Aber wie sie so dastand, kam noch etwas anderes hinzu. Sie begann es als eine Befriedigung für ihre Glieder, für ihren Körper zu empfinden, diese plastisch schöne Stellung, in die sie versunken war, und das Bewußtsein, wie gut es sie kleide, das Bewußtsein der Schönheit, die in diesem Augenblick über sie ausgegossen war, und selbst die körperliche Empfindung von Harmonie, das alles vereinte sich zu einem Gefühl von Triumph, durchströmte sie gleich einem wunderlich festlichen Jubel.

Sie deuchte sich so stark in diesem Augenblick, das Leben lag vor ihr wie ein großer und strahlender Tag, und nicht mehr wie ein Tag, der sich den stillen, wehmutsvollen Stunden der Dämmerung zuneigt, sondern wie eine große und wache Spanne Zeit mit heißklopfenden Pulsen in jeder Sekunde, mit des Lichtes Lust, mit Handlung und Fahrt und einer Unendlichkeit nach außen und nach innen. Und sie begeisterte sich an der Fülle des Lebens und sehnte sich danach mit dem Schwindel und der Glut eines Reisefiebers.

Lange stand sie so da, benommen von ihren Gedanken, alles um sich her vergessend. Dann plötzlich hörte sie gleichsam das Schweigen da drinnen, das langtönige Singen der Gasflammen, und sie ließ die Hand von der Vase herabsinken, setzte sich an den Tisch und begann in einer Mappe zu blättern.

Sie hörte Schritte, die an der Tür vorbeigingen, hörte sie umkehren und sah dann Thorbrögger eintreten.

Es wurden ein paar Worte gewechselt, aber da sie von ihren Bildern in Anspruch genommen schien, begann auch er in die Journale hineinzusehen, die da lagen. Sehr interessierten sie ihn indessen kaum, denn als sie nach einer Weile aufsah, begegnete sie seinem Blick, der forschend zu ihr hinüberstarrte.

Er sah so aus, als sei er kurz davor, zu sprechen, und es lag ein nervöser, entschlossener Ausdruck um seinen Mund, der ihr so bestimmt sagte, wie die Worte werden würden, daß sie errötete und instinktmäßig, gleichsam um die Worte zurückzuhalten, ihm ihr Bilderbuch über den Tisch hinüberreichte und auf die Zeichnung einiger Pampasreiter deutete, die Lassos nach wilden Stieren warfen.

Er war auch nahe daran, sich zu einem Scherz über des Zeichners naive Vorstellungen von der Kunst, die Lassos zu werfen, hinreißen zu lassen; es war ja so verlockend leicht, darüber zu reden, im Gegensatz zu dem, was er in den Gedanken trug, aber dann nahm er resolut das Blatt und schob es beiseite, beugte sich ein wenig über den Tisch vor und sagte: »Ich habe so viel an Sie gedacht, seitdem wir uns begegnet sind, ich habe immer so viel an Sie gedacht, sowohl damals in Dänemark als auch da drüben, wo ich gewesen bin. Und ich habe Sie immer geliebt, und wenn es mir jetzt zuweilen scheint, als wenn ich Sie niemals geliebt habe, bevor wir uns jetzt getroffen haben, so ist das nicht wahr, so groß meine Liebe auch ist, denn ich habe Sie immer geliebt, immer habe ich Sie geliebt. Und wenn mir jetzt das Glück beschieden wäre, daß Sie mein würden, Sie können nicht begreifen, was es für mich sein würde, wenn Sie, die mir so lange Jahre weggenommen waren, wenn Sie zu mir zurückkehrten!'

Er schwieg einen Augenblick, dann erhob er sich und trat näher an sie heran.

»Ach, aber so sagen Sie doch ein Wort, ich stehe hier und rede wie ins Blinde hinein, ich muß ja zu Ihnen reden wie zu einem Dolmetscher, einem Fremden, der es dem Herzen wiedersagen soll, zu dem ich spreche, ich weiß ja nicht . . . hier stehen und meine Worte abwägen . . . ich weiß ja nicht, wie fern oder wie nahe, ich wage ja nicht, ihr Ausdruck zu verleihen, der Anbetung, die mich erfüllt – oder darf ich?«

Er ließ sich in einen Stuhl an ihrer Seite sinken.

»Wenn ich dürfte, brauchte ich ja nicht zu fürchten, – ist es wahr! Ach, Gott segne dich, Paula!«

»Nichts soll uns länger trennen,« sagte sie, ihre Hand in der seinen, »was auch kommen mag, ich habe das Recht, einmal glücklich zu sein, einmal meine Natur voll auszuleben, meiner Sehnsucht, meinen Träumen zu leben. Ich habe niemals resigniert, weil das Glück nicht zu mir kam, glaubte ich doch nie, daß das Leben lauter Armseligkeit und Pflicht sei, ich wußte, daß es Glückliche gibt.«

Schweigend küßte er ihre Hand.

»Ich weiß,« sagte sie betrübt, »die, die mich am mildesten beurteilen, die werden mir das Glück gönnen, das für mich darin liegt, mich von dir geliebt zu wissen, aber sie werden auch sagen, daß mir das genug sein sollte.«

»Aber das würde mir niemals genug sein, und du könntest nie das Recht haben, mich so von dir zu lassen.«

»Nein,« sagte sie, »nein.«

Nach einer Weile ging sie zu Ellinor hinauf.

Ellinor schlief.

Frau Fönß setzte sich an ihr Bett und sah das bleiche Kind an, dessen Züge nur undeutlich in dem gelben, erbärmlichen Schein der Nachtlampe zu erkennen waren.

Um Ellinors willen mußten sie warten. In ein paar Tagen würden sie sich von Thorbrögger trennen und nach Nizza gehen und dort allein bleiben: den ganzen Winter wollte sie dafür leben, Ellinor wieder gesund zu machen. Aber morgen wollte sie den Kindern erzählen, was geschehen war, und was in Aussicht stand. Wie sie es auch hinnehmen würden, es war ihr unmöglich, tagaus, tagein mit ihnen zusammenzuleben, fast ausgeschlossen von ihnen durch ein solches Geheimnis. Und sie mußten ja auch Zeit haben, sich an den Gedanken zu gewöhnen: denn eine Trennung zwischen ihnen würde es ja werden, ob größer, ob kleiner, das kam auf die Kinder selbst an. Was die Einrichtung ihres Lebens, in dem Verhältnis zu ihm und zu ihr betraf, das sollten sie selbst ganz bestimmen. Sie wollte nichts verlangen. Hier war es an ihnen, zu geben.

Sie hörte Tages Schritte drinnen im Salon und ging zu ihm hinein.

Er war so strahlend und so nervös zugleich, daß Frau Fönß sofort dachte, es sei etwas geschehen, und sie ahnte auch, was.

Aber er, der eine Art Einleitung zu dem suchte, was er auf dem Herzen hatte, saß da und sprach zerstreut von dem Theater, und erst als seine Mutter zu ihm trat und ihre Hand auf seine Stirn legte und ihn zwang, zu ihr aufzusehen, vermochte er zu erzählen, daß er um Kastager angehalten und ihr Jawort bekommen hatte.

Lange sprachen sie dann darüber, aber Frau Fönß fühlte während der ganzen Zeit, daß in dem, was sie sagte, eine Kälte lag, die sie nicht überwinden konnte, weil sie fürchtete, allzusehr mit Tage übereinzustimmen, auf Grund der Erregung, in der sie sich selbst befand, und dahinzu kam noch, daß sie es nicht ertragen konnte, daß ihre mißtrauischen Gedanken sich auf der Spur nach selbst dem leisesten Schatten einer Verbindung dachten zwischen ihrer Freundlichkeit heute abend und dem, was sie morgen erzählen wollte.

Tage merkte jedoch nichts von der Kälte.

Frau Fönß bekam nur wenig Schlaf in dieser Nacht, sie hatte viel zu viel Gedanken, mit denen sie sich wach hielt. Sie dachte, wie wunderlich es doch sei, daß er und sie einander begegnen mußten, und daß sie, als sie sich begegneten, sich liebhaben mußten wie in alten Zeiten.

Aber es waren alte Zeiten, namentlich für sie, sie war ja nicht mehr jung, konnte auf alle Fälle nicht mehr jung sein. Und das würde sich zeigen, er würde Nachsicht mit ihr haben, sich daran gewöhnen müssen, daß es lange her war, als sie achtzehn Jahre zählte. Aber sie fühlte sich jung, sie war es in so vielen Hinsichten, und trotzdem war da das, daß sie das Bewußtsein ihrer Jahre hatte; sie sah das so deutlich: an tausend Bewegungen, an Mienen und Gesten, an der Art und Weise, wie sie einen Wink befolgen, wie sie bei einer Antwort lächeln würde, zehnmal am Tage würde sie sich hierin alt machen, weil ihr der Mut fehlen würde, sich im Äußeren so jung zu machen wie ihren Sinn.

Und Gedanken kamen, und Gedanken gingen, aber durch das alles brach immer wieder dieselbe Frage hindurch, nach ihren Kindern, was sie sagen würden.

Es war am Vormittag des nächsten Tages, als sie die Antwort herausforderte.

Sie saßen im Salon.

Sie sagte, daß sie ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen habe, etwas, das eine große Veränderung für sie alle herbeiführen, etwas, das ihnen sehr unerwartet kommen würde. Sie bat sie, so ruhig zuzuhören, wie sie könnten, und sich nicht von dem ersten Eindruck zu Unbedachtsamkeiten hinreißen zu lassen: denn sie müßten wissen, daß das, was sie ihnen erzählen wolle, fest beschlossen sei und daß nichts, was sie sagen könnten, sie dazu vermögen würde, es zu ändern.

»Ich will mich wieder verheiraten«, sagte sie, und sie erzählte ihnen, wie sie Thorbrögger geliebt habe, ehe sie ihren Vater kannte, wie sie von ihm getrennt worden war und wie sie sich jetzt gefunden hatten.

Ellinor weinte, aber Tage hatte sich von seinem Platz erhoben, ganz verwirrt, dann war er auf sie zugegangen, hatte sich vor ihr auf die Knie gelegt und ihre Hand ergriffen, die er schluchzend, halb erstickt vor Bewegung, an seine Wange preßte, mit einer unsäglichen Zärtlichkeit, mit einem Ausdruck von Ratlosigkeit in jedem Zug seines Antlitzes.

»Ach, aber Mutter, liebste Mutter! was haben wir dir doch nur getan, haben wir dich nicht immer geliebt, haben wir nicht, sowohl wenn wir bei dir waren, als wenn wir dir fern waren, uns nach dir gesehnt als dem Besten, was wir auf der Welt besaßen? Vater haben wir ja nicht anders gekannt als durch dich, du hast uns ihn lieben gelehrt, und wenn Ellinor und ich uns so liebhaben, so ist das doch, weil du Tag für Tag, unermüdlich dem einen gezeigt hast, was bei dem andern liebenswert war, und ist es nicht so mit jedem Menschen gewesen, an den wir uns angeschlossen haben, haben wir nicht alles von dir? Alles haben wir von dir, und wir beten dich an, Mutter, wenn du wüßtest . . . ach, du ahnst nicht, wie oft unsere Liebe zu dir sich danach sehnt, über alle Ufer und Grenzen zu gehen, zu dir empor, aber du wiederum hast uns gelehrt, sie niederzuhalten, und wir wagen nie, dir so innig nahe zu kommen, wie wir so gern wollten. Und nun sagst du, du willst dich uns ganz wegnehmen, uns ganz beiseite schieben! Aber das ist ja unmöglich, was könnte der, der es am schlimmsten mit uns auf der Welt meinte, uns wohl antun, was so fürchterlich wäre wie dies, und du meinst es ja doch nicht am schlimmsten in der Welt mit uns, du meinst es ja gut mit uns, wie kann das da möglich sein! Ach, sag doch schnell, daß es nicht wahr ist; sag: Es ist nicht wahr, Tage, es ist nicht wahr, Ellinor!«

»Tage, Tage, komm doch zu dir und mach es nicht so schwer, für dich selbst und für uns andere.«

Tage stand auf.

»Schwer!« sagte er, »schwer, schwer, ach, wäre es doch nichts weiter als schwer, aber es ist ja fürchterlich – unnatürlich, es ist, um wahnsinnig zu werden, wenn man darüber nachdenkt. Ahnst du auch wirklich, was du mir zu denken gegeben hast? Meine Mutter den Liebkosungen eines fremden Mannes hingegeben, meine Mutter begehrt, umfangen und wieder umfangend, ach, das sind Gedanken für einen Sohn, Gedanken, weit schlimmer als die ärgste Verhöhnung – aber es ist unmöglich, es muß unmöglich sein, es muß, denn sollte nicht so viel Macht in den Bitten eines Sohnes sein! – Ellinor, sitz nicht da und weine, komm und hilf mir Mutter bitten, daß sie Mitleid mit uns haben möchte.«

Frau Fönß machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und sagte: »Laß Ellinor, sie mag schon ohnedem müde genug sein, und überdies habe ich euch ja gesagt, daß sich nichts mehr ändern läßt.«

»Ich wollte, ich wäre tot,« sagte Ellinor, »aber es ist alles wahr, was Tage sagt, Mutter, und es kann nimmermehr recht von dir sein, uns jetzt, in dem Alter, in dem wir sind, einen Stiefvater zu geben.«

»Stiefvater!« rief Tage, »ich will nicht hoffen, daß er es auch nur einen Augenblick wagt . . . du bist verrückt, wo er eintritt, da gehen wir hinaus, keine Macht der Welt soll mich dazu vermögen, die geringste Gemeinschaft mit dem Menschen zu dulden. Mutter hat zu wählen; zwischen ihm oder uns! Gehen die Neuvermählten nach Dänemark, so sind wir landesverwiesen; bleiben sie hier, so bleiben wir nicht.«

»Ist das deine Absicht, Tage?« fragte Frau Fönß.

»Ich glaube nicht, daß du daran zweifelst; stell dir doch nur das Familienleben vor: Ida und ich sitzen an einem Mondscheinabend da draußen auf der Terrasse, und hinter dem Lorbeerboskett flüstert jemand, und Ida fragt, wer ist es, der da flüstert, und ich antworte: das ist meine Mutter und ihr neuer Mann. – Nein, nein, ich hätte das nicht sagen sollen; aber du siehst schon jetzt, wie es wirkt, welchen Schaden es mir zugefügt hat, und auch Ellinor wird es nicht besser machen, das kannst du glauben.«

Frau Fönß ließ die Kinder gehen und blieb allein zurück.

Nein, Tage hatte recht, es hatte ihnen nicht gut getan; wie weit hatte diese kurze Stunde sie schon von ihr getrennt; wie sie sie ansahen, nicht wie ihre Kinder, sondern wie ihres Vaters Kinder, und wie bereit sie waren, von ihr zu lassen, nur weil sie gemerkt hatten, daß nicht jedes einzige Gefühl in ihrem Herzen ihnen gehörte; aber sie war ja doch nicht einzig und allein Tages und Ellinors Mutter, sie war ja doch ein Mensch für sich selbst, mit Leben für sich und Hoffnung für sich, auch ohne in Zusammenhang mit ihnen. Aber so jung, wie sie geglaubt hatte, war sie doch vielleicht nicht. Das hatte sie in dieser Unterredung mit ihren Kindern gefühlt. Hatte sie nicht dagesessen, furchtsam, trotz ihrer Worte, und sich fast als diejenige gefühlt, die einen Eingriff in die Rechte der Jugend gemacht hatte, und hatten sich nicht der sichere Egoismus der Jugend und ihre naive Tyrannei in allem geltend gemacht, was sie gesagt hatten? – Uns kommt es zu, zu lieben, uns gehört das Leben, und euer Leben besteht darin, für uns da zu sein.

Sie fing an zu verstehen, daß eine Befriedigung darin liegen konnte, ganz alt zu sein, nicht daß sie es wünschte, aber es lächelte ihr doch leise zu wie ein ferner Friede, jetzt, nach all der Aufregung, in der sie sich während der letzten Zeit befunden hatte, jetzt, wo die Aussicht auf so viel Uneinigkeit so nahe war. Denn sie glaubte nicht, daß ihre Kinder auch anderen Gedanken zugänglich sein würden, als wie sie sie jetzt hatten, und sie mußte ja doch wieder und wieder mit ihnen darüber reden, ehe sie die Hoffnung aufgab. Das beste war, Thorbrögger reiste sofort ab; wenn er nicht da war, wurden die Kinder vielleicht weniger reizbar sein, und sie konnte ihnen dann zeigen, wie bemüht sie war, alle möglichen Rücksichten auf sie zu nehmen: die erste Bitterkeit würde dann Zeit haben, zu verschwinden, und alles . . . nein, sie glaubte nicht daran, daß alles wieder gut werden würde.

Es gestaltete sich dann so, daß Thorbrögger einwilligte, nach Dänemark zu reisen, um ihre Papiere in Ordnung zu bringen. Vorläufig sollte er dann dableiben. Dadurch schien indessen nichts gewonnen zu sein. Die Kinder mieden sie, Tage war beständig mit Ida oder ihrem Vater zusammen, und Ellinor mußte immer der kranken Frau Kastager Gesellschaft leisten. Und waren sie dann endlich zusammen, wo waren dann nicht nur die alte Vertraulichkeit, das alte Behagen, sondern wo waren auch die tausenderlei Gesprächsstoffe, und fanden sie endlich einen, wo war dann nicht das Interesse dafür geblieben? Sie saßen da und hielten eine Unterhaltung im Gange, wie zwischen Menschen, die eine Zeitlang ihre gegenseitige Gesellschaft genossen haben und sich nun trennen sollen, und die, die abreisen wollen, haben schon alle ihre Gedanken auf das Ziel der Reise gerichtet, und die, die zurückbleiben, denken nur daran, wie sie, wenn die Fremden abgereist sind, in das alltägliche Leben und die alltäglichen Gewohnheiten zurückfallen sollen.

Es war keine Gemeinschaft mehr in ihrem Leben, das ganze Gefühl der Zusammengehörigkeit war geschwunden. Sie konnten wohl darüber reden, wie sie sich in der nächsten Woche, in dem nächsten Monat, auch im übernächsten noch einrichten wollten, aber es interessierte sie nicht, als seien es Tage ihres Lebens, um die es sich handelte, es war nur eine Wartezeit, die auf die eine oder die andere Weise überstanden werden mußte, denn alle drei fragten sie in ihren Gedanken: Und was dann? Weil sie keine Sicherheit für ihr Leben finden konnten, weil sie keinen Grund hatten, auf dem sie es aufbauen konnten, bevor das geordnet war, was sie getrennt hatte.

Und mit jedem Tage, der verging, vergaßen die Kinder mehr und mehr, was ihre Mutter für sie gewesen war, so wie Kinder, wenn sie glauben, daß ihnen ein Unrecht zugefügt ist, tausend Wohltaten über ein einziges Unrecht zu vergessen pflegen.

Tage war der weichste von ihnen, aber auch der, der am tiefsten verletzt war, weil er am meisten geliebt hatte. Er hatte in langen Nächten über die Mutter geweint, die er nicht genau so behalten konnte, wie er wollte, und es gab Zeiten, wo die Erinnerung an ihre Liebe zu ihm nahe daran war, jedes andere Gefühl in seiner Brust zu übertäuben. Eines Tages war er auch zu ihr hineingegangen und hatte sie gebeten und angefleht, die ihre zu sein, die ihre ganz allein und keines anderen, und er hatte ein Nein bekommen. Und dies Nein hatte ihn hart gemacht, und auch kalt, eine Kälte, vor der er anfänglich ängstlich geworden war, weil sich zugleich mit ihr eine so fürchterliche Leere einstellte.

Mit Ellinor war es anders, sie hatte es auf eine wunderliche Weise hauptsächlich als ein Unrecht gegen ihren verstorbenen Vater empfunden, und sie fing einen Fetischdienst mit diesem Vater an, dessen sie sich nur ganz dunkel erinnern konnte, und machte ihn sich so lebend, indem sie sich in alles vertiefte, was sie von ihm gehört hatte, Kastager nach ihm ausfragte und Tage, jeden Morgen und jeden Abend, ein Porträtmedaillon küßte, das sie von ihm hatte, und sich mit einem hysterischen Verlangen nach Briefen von ihm sehnte, die zu Hause waren, und nach Dingen, die ihm gehört hatten. In demselben Maße, wie der Vater stieg, sank die Mutter. Daß sie sich in einen Mann verliebt hatte, machte sie geringer in den Augen der Tochter. Sie war nicht die Mutter mehr, die Unfehlbare, die Klügste, die Beste, die Schönste, sie war eine Frau wie andere Menschen, nicht ganz, aber weil sie es nicht ganz war, eine, die man gerade kritisieren und beurteilen und an der man Schwächen und Fehler finden konnte. Ellinor war froh darüber, daß sie der Mutter ihre unglückliche Liebe nicht anvertraut hatte; sie wußte ja nicht, wie sehr sie es der Mutter selbst verdankte, daß sie es nicht getan hatte.

Ein Tag nach dem andern ging dahin, und dies Leben wurde immer unerträglicher, und sie fühlten alle drei, daß es nutzlos war und daß es, statt sie zusammenzuführen, sie nur immer mehr auseinanderzerrte.

Frau Kastager, die jetzt gesund geworden und die an nichts von alledem teilgenommen hatte, was vor sich gegangen, die aber trotzdem diejenige war, die von ihnen allen am besten orientiert war, weil man ihr alles erzählt hatte, Frau Kastager hatte eines Tages eine lange Unterredung mit Frau Fönß, die froh war, jemand zu haben, der ruhig anhören konnte, wie sie sich die Ordnung der Zukunft dachte, und in dieser Unterredung machte Frau Kastager den Vorschlag, daß die Kinder mit ihr nach Nizza gehen sollten, daß Thorbrögger nach Avignon gerufen wurde, und daß sie sich dann trauen ließen. Kastager konnte ja bleiben und Trauzeuge sein.

Frau Fönß schwankte eine Zeitlang, denn es war ihr nicht möglich, die Ansicht der Kinder zu erfahren, sie hatten es, als man es ihnen erzählt hatte, mit einem vornehmen Schweigen hingenommen, und als sie um eine Antwort bedrängt wurden, hatten sie nur gesagt, daß sie sich hierin selbstverständlich nach dem richten müßten, was sie beschließe.

So kam es denn, wie Frau Kastager vorgeschlagen hatte; sie sagte den Kindern Lebewohl, und diese reisten; Thorbrögger kam, und sie wurden getraut.

Spanien ward ihre Heimat, Thorbrögger wählte es der Schafzucht wegen.

Nach Dänemark wollte keiner von ihnen.

Und so lebten sie denn glücklich in Spanien.

Ein paarmal schrieb sie an ihre Kinder, aber in dem ersten heftigen Zorn darüber, daß sie sie verlassen hatte, schickten sie die Briefe zurück. Später bereuten sie es ja freilich, aber sie konnten es doch nicht über sich gewinnen, und so hörte denn jegliche Verbindung zwischen ihnen auf. Aber sie hörten ja hin und wieder auf Umwegen von ihrem gegenseitigen Leben. –

Fünf Jahre lebten Thorbrögger und seine Frau glücklich, aber dann wurde sie plötzlich krank. Es war eine hastig zehrende Krankheit, die notwendigerweise mit dem Tode enden mußte. Die Kräfte schwanden stündlich, und eines Tages, als das Grab schon nicht mehr fern war, schrieb sie an ihre Kinder.

»Geliebte Kinder!« schrieb sie, »daß Ihr diesen Brief lesen werdet, das weiß ich, denn er wird Euch nicht eher erreichen, als bis ich tot bin. Fürchtet Euch nicht, es sind keine Vorwürfe in diesen Zeilen enthalten, könnte ich nur Liebe genug in sie einströmen lassen!

Wo Menschen lieben, Tage und Ellinor, klein Ellinor, da muß sich stets derjenige demütigen, der am meisten liebt, und daher komme ich noch einmal zu Euch, wie ich in Gedanken jede Stunde des Tages zu Euch kommen werde, solange ich es noch kann. Wer da sterben soll, liebe Kinder, ist so arm; ich bin so arm, denn diese ganze wunderschöne Welt, die nun so viele Jahre hindurch mein reiches, geliebtes Heim gewesen ist, die soll von mir genommen werden, mein Stuhl soll leer stehen, die Tür soll sich hinter mir schließen, und ich soll meinen Fuß nie wieder dahin setzen. Deshalb sehe ich alles mit der Bitte in meinen Augen an, daß es mich lieb behalten möge, und deshalb komme ich und bitte Euch, mich mit der ganzen Liebe zu lieben, die Ihr mir einstmals schenktet; denn bedenket, im Andenken leben, das ist der ganze Anteil an der Welt der Menschen, der von nun an der meine sein wird. Nur im Andenken leben, nichts weiter.

Ich habe niemals an Eurer Liebe gezweifelt, ich wußte ja so gut, daß Eure große Liebe Euren großen Zorn erzeugte; hättet Ihr mich weniger geliebt, so hättet Ihr mich auch ruhiger gehen lassen. Und darum will ich Euch sagen, daß, wenn es eines Tages geschehen sollte, daß ein gramgebeugter Mann an Eure Tür kommt, um mit Euch von mir zu sprechen, um seines Trostes willen von mir zu sprechen, so sollt Ihr daran denken, daß so wie er mich niemand geliebt hat und daß all das Glück, das aus eines Menschen Herz ausstrahlen kann, von ihm zu mir gekommen ist. Und bald in der letzten großen Stunde wird er meine Hand halten, wenn das Dunkel kommt, und seine Worte werden die letzten sein, die ich höre.

Lebt wohl, ich sage das hier, aber es ist nicht das Lebewohl, das das letzte an Euch sein soll, das werde ich so spät sagen, wie ich kann, und all meine Liebe soll darin liegen und die Sehnsucht aus so vielen, vielen Jahren und Erinnerungen von damals, als Ihr noch klein waret, und tausend Wünsche und tausend Dank. Lebewohl, Tage, lebewohl, Ellinor, lebt wohl, für heute, bis zum letzten Lebewohl.

Eure Mutter.«








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