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Frau Aleit

Joseph von Lauff: Frau Aleit - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph Lauff
titleFrau Aleit
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
year1905
firstpub
printrunSiebentes Tausend
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100704
projectid2029cd47
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I Beim Kiwi

Da liegt ein engbrüstiges Häuschen mit knallrotem Dach inmitten der weiten Niederung, und die tiefhängenden Ziegelpfannen berühren fast den umgeackerten Boden, der sich hier wellenartig von der grasigen Fläche aufhebt. Stocksteife Malven recken sich am niedrigen Giebel. Eine Kappweide mit dichtem Pfriemenschopf, in welchem ein Elstervogel sich angebaut hat, steht seitwärts der ärmlichen Kat und sieht von hier über die vorliegende Deichkrone bis weit in das niederrheinische Land fort. Weiter zur Rechten, aber noch diesseits des Deiches, erhebt sich ein stattlicher Häuserkomplex, den sie im Volke den ›Fingerhutshof‹ nennen, und zwar der auffallenden Giftblumen halber, die hier häufiger denn sonstwo ihre glockenförmigen, leuchtenden Korallen in heißen Sommertagen entfalten. Mehr dem Binnenland zu zeigt sich die markante Profilierung eines massigen Kirchturms. Aus blaugrünen Pappelkronen ragt er empor, steif, ohne jede Architektur – eintönig wie seine ganze Umgebung. Grelle Sonnenreflexe liegen auf dem Schieferhelm. Schwarze Punkte schweben dort auf und nieder. Es sind Dohlen, die Helm und Ziegelviereck umkreisen. Der Turm scheint sein Mittagsschläfchen zu halten; es ist so, als wenn er mit seinen Schallöchern über die Pappeln hinausgähnte. –

Ein Flimmern und Zittern, eine öde Langeweile ging über die Landschaft. Die Gräser bewegten sich nicht, die Kühe lagen wiederkäuend umher, die Grillen hatten ihr Zirpen vergessen, und nur ein nadelfeines Schwirren und Summen war in der Luft, wo sich stahlblaue und goldglänzende Fliegen auf und nieder bewegten. Ab und zu taumelte ein müder Zitronenfalter vorüber. In der zitterigen Luft jenseits des Deiches verschwand er. Fast gleichzeitig strich der Elstervogel mit lautem Gegecker vom Nest, wiegte sich ruckweise über die Wiesen und bäumte in unmittelbarer Nähe des Fingerhutshofes auf eine breitgeästete Pappel.

Ein grobknochiger Mann in den sechziger Jahren mit eigentümlichem Kleinschädel auf den mächtigen Schultern war aus der Tür der armseligen Kat ins Freie getreten. Eisgraue Haare rahmten den Hinterkopf ein. Etwas Wirres, Verwehtes lag auf dem harten Gesicht, das aussah, als wäre es mit ungeschicktem Schnitzmesser aus einem derben Holzklotz herausgeholt worden, und wären nicht die kobaltblauen, klaren Augen gewesen, man hätte den verwitterten Kerl für einen Idioten ansprechen können. Er trug klobige Holzschuhe an den nackten Füßen, war hemdärmelig und hielt eine Last frischgeschälter Weidenruten im Arm.

»Oha!« sagte der Mann, ließ die weißen Gerten zu Boden fallen, schob die rechte Hand über die Augen und sah über den Deich fort. So stand er lange.

»Schwere Brett noch mal! – noch immer nicht ...«

»Was soll's denn?«

Eine unscheinbare Person mit glattgescheiteltem Haar, die Frau des seltsamen Menschen, hatte sich über die Schwelle geschoben. Sie hinkte und machte dabei ein Gesicht, als habe sich auf demselben die Neugierde mit ungelenken Schriftzügen verewigt.

»Na, Du da!«

»Oha!«

»Da gehn doch keine Aale auf dem Deich 'rum spazieren?!«

»Ne – aber sonst wer, sonst wer!« rief der Angesprochene, ohne sich in seiner Beobachtung stören zu lassen. »Aber was ich schon sagte: er kommt nicht – kommt nicht.«

»Wer denn?«

»Der Deichgräf.«

»Ach, der ...!« sagte die Alte.

»Du hast ihn doch selber gesehen; Du siehst doch alles, was zwischen der Bunten Schleuse und Wissel vorbeikommt.«

»Stimmt schon,« meinte das kurzbeinige Weibchen, »das ist so Schlag Klock zwölfe gewesen. Aber was hast Du denn überhaupt mit dem Deichgräf zu schaffen?«

»Mutter, den will ich doch auch hier begrüßen, nach langen zehn Jahren auch hier begrüßen – der ist mir doch ans Herz gewachsen, der Deichgräf.«

»Kiwi, nu hab' Dich man nicht.«

»Oha! – hab' Dich man nicht?!«

»Ja, hab' Dich man nicht,« legte sich jetzt die Alte ins Zeug, »denn der ist jetzt auch nicht besser als die übrigen Leute – der ist nobel geworden, der spuckt jetzt auf Dich gerade wie die da ...«

Mit einer schnellen Handbewegung deutete die Alte über den Deich fort.

»Wie die da in Neu-Luisendorf?«

»Ja – wie die da über den Berg weg.«

»Oha!« sagte der Kiwi.

In seinen Augen begann es eigentümlich zu leuchten. »Schwere Brett noch mal! – ne, Mutter, da über den Berg weg, da gilt kein Prophet nicht, und es steht doch geschrieben: Wer einen Propheten aufnimmt in eines Propheten Namen, der wird eines Propheten Lohn empfangen.«

»Je – die wußten's wohl besser,« zuckte die Frau mit den Schultern.

»Besser?!«

Der Kiwi reckte sich auf und streckte beide Arme nach oben.

»Wer mich aber verleugnet vor den Menschen,« rief er mit übergeschlagener Stimme, »den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater da oben. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folget mir nach, der ist meiner nicht würdig!«

Mit einem tiefen Seufzer legte er beide Hände zusammen.

»Es sind viele Wohnungen in meines Vaters Hause bereitet ...« begann er flüsternd zu beten, brach aber plötzlich ab und meinte: »Ne, Mutter – bevor die Neu- Luisendörfer selig werden, triumphier' ich zehnmal in das himmlische Reich ein.«

»Ach, was,« sagte die Alte, »mit Dir ist heute mal wieder kein Reden.«

»Oha!« stöhnte der Kiwi, »mit mir ist kein Reden?! – Mutter, wenn ich und die Bibel . , .«

»Herr Jeses, laß mich mit Deiner Bibel zufrieden!«

Der alte Mann stieß einen unartikulierten, fast tierischen Laut aus. Das Gesicht bekam einen kantigen Ausdruck.

»Mutter, wenn ich und die Bibel ...«

»Fang' lieber Schleie und Barsche und mach' Deine Aalreuse fertig, als hier auf Dein dämliches Prophetentum 'rum zu karrjolen! Wir haben's nötig. Die feinsten Bibelsprüche geben keinen Speck in die Pfanne – aber in die Hände gespuckt und arbeiten, Kiwi, das tut es.«

»Will ich ja, Mutter – will ich ja, Mutter.«

»Denn vorwärts!«

»Je, Mutter, wenn nu aber das mit der Bibel...«

»Schafskopp!« sagte die Alte und drehte sich mit unwirscher Gebärde der Tür zu.

Da stand nun der Kiwi. Eine geraume Zeitlang revierten seine lichtblauen Augen verloren über Wiesen und Kolke, dann gab er sich einen merklichen Ruck: »Also denn 'ran an die Arbeit, aber mit Andacht.«

Aus der verschlissenen Samtweste holte er einen irdenen Pfeifenstummel hervor, stopfte ihn mit Krülltabak, setzte ein Schwefelholz an der Velvethose in Brand und begann blaue Wölkchen und Kringel über die Landschaft zu blasen.

»So'n Fraumensch!« muffelte er zwischen den Lippen, »mich und meine Bibel nicht estimieren zu wollen – und dann 's noch mit den Neu-Luisendörfern zu halten ...!«

Er drehte sich in Richtung der Gegend, wo das verhaßte Nest etwa liegen konnte, streckte die Faust aus und sagte: »Aber wehe Dir, Chorazin! wehe Dir, Bethsaida! – Wären solche Taten zu Thyro und Sidon geschehen, als bei Euch geschehen sind, sie hätten vor Zeiten im Sack und in der Asche Buße getan. Doch ich sage Euch: Es wird Thyro und Sidon erträglicher ergehn am Tag des Gerichtes denn Euch. Und Du Kapernaum ...«

»Aus!« schrie in diesem Augenblick eine keifende Stimme von drinnen. »Nu ist's aber satt und genug mit dem verfluchten Geseire. Marsch an die Arbeit!«

»Schön, Mutter,« sagte der Kiwi, ließ sich im Schatten des Häuschens nieder, grapste die geschälten Weidenruten zusammen und begann die Gerten mit fingerfertigen Händen ineinander zu flechten.

Eine große Stille war um ihn. Die weite Welt hielt den Atem an; nur die Weidengerten zischelten leise unter den arbeitsamen Händen, und ab und zu lief ein verlorenes Schwirren und Summen von den Wiesen herüber. Man hätte die Stille greifen können, so nah und ungeniert kam sie auf ihren weichen Schuhen gegangen, sah dem einsamen Mann über die Schultern und folgte den blauen Rauchwölkchen, die sich kräuselnd bei den niedrigen Ziegeln verfingen. Derweilen perlmutterte der Sonnenglanz über die endlosen Wiesenkomplexe. Die Fernen gaben sich wie ein resedenfarbiges Band, das den Horizont abgrenzte. Nur vereinzelte Baumgruppen hoben sich aus der grasigen Fläche, über welche kein Lüftchen streichelte, auf der sich kein Hälmchen bewegte, und die da lag wie eine schnurrende Katze am Ofen, hinter deren Ohren eine behagliche Hand kraute – verschlafen und träumend. Nur das eigentümliche, weltferne, kaum wahrnehmbare Schwirren dauerte weiter und weiter.

Die einlullende Stille drückte dem Kiwi den Kopf leise nach vorne. Da kam der Elstervogel gegeckert und bäumte wieder bei seinem einsamen Nest auf. Das störte den Mann; er riß die Augen auf und sah träumend ins Leere. Das tat er gern, denn in einem solchen Halbdusel wurden alte Tage lebendig. Er konnte sich nicht aller Dinge erinnern; sein Gehirn war nicht wie dasjenige anderer Menschen, es war anders geartet, schwerfälliger, unbeholfener, es war belastet, wenn auch nicht ständig belastet, aber doch immerhin so angekränkelt, nicht alle Dinge in der richtigen Weise aufzunehmen, wie sie sich gaben. Nur vereinzelte Bruchstücke aus seinem früheren Leben drängten sich zeitweilig in seinen Ideenkreis hinein, ohne daß er die Kraft besaß, sie zu fassen, ordnungsgemäß aneinander zu reihen und zu einem regelrechten Ganzen zu fügen. Häufig sah er die Dinge an, wie man die Welt durch einen Straminrahmen ansieht: ungewiß, ohne bestimmte Konturen, nebelartig, verschleiert – und dann wieder bekam der Straminrahmen Risse, lichte Momente taten sich auf, die die Nebel zerstreuten und einen Zustand weckten, der von demjenigen gewöhnlicher Menschen kaum des Nennenswerten abirrte und einen Sinn für praktische Dinge hervorbrachte. Dabei lief häufig ein Scharfblick mit unter, der geeignet schien, die Geisteskräfte des Vereinsamten höher zu werten, wie sie es wirklich verdienten. Nein, der Kiwi war nicht für die Welt und das praktische Leben verloren, er hatte ein Recht darauf, sich zu betätigen, sich nützlich zu machen und Gottes belebenden Odem in sich aufzunehmen – aber dann kamen sie wieder, die Dämmerungen, die seltsamen Nebel, die am fernen Horizont aufstiegen, sich immer näher bewegten, sich türmten und steilten und schließlich aus ihrem Gewölk eine mächtige Hand vorschoben, die in ihren gekrampften Fingern ein aufgeschlagenes Buch hielt: und das war die Bibel ... die Bibel ...!

Josias Spettmann oder, wie ihn die Leute nannten, der ›Kiwi‹ war nicht von Kind an mit dieser geistigen Mißbildung behaftet gewesen. Träumerisch, insichgekehrt – das war er allerdings, und seine wunderliche Körpererscheinung hatte häufiger Anlaß zu unliebsamen Zwischenfällen und Spötteleien gegeben, aber er blieb bis zum fünfundzwanzigsten Lebensjahre ein annehmbares Mitglied der menschlichen Gesellschaft, baute in der kleinen Gemeinde seinen ergiebigen Acker, wußte seinen Nutzen zu ziehen und Geschäfte zu machen und verstand es, sein kleines Anwesen tatkräftig über Wasser zu halten. Daß er eines Tages beim Einbringen des Heues aus der Bodenluke gefallen war und die Augen seltsam verdreht hatte, war scheinbar ohne nachteilige Folgen an ihm vorüber gegangen. Nach einigen Wochen nahm er wieder seine hergebrachte Beschäftigung auf und sorgte wie früher. Ja, er verstattete sich sogar einen eigenen Rauch, warb um ein Mädchen, das nicht jung und nicht schön war, führte sie heim, lebte mit ihr einige Jahre – und da war es mit einem Male gekommen, so ganz mit einem Male gekommen.

Über den Berg fort, auf der unscheinbaren Hügellehne jenseits der kleinen niederrheinischen Stadt, deren massiger Kirchturm aus den Pappelkronen hervorsah, war Josias Spettmann zu Hause. Hier in einer begüterten protestantischen Enklave, die vor Zeiten durch Friedrich den Großen in eine stockkatholische Bevölkerung eingesprengt wurde, hatte er seinen Kohl gebaut, geheiratet und in der Bibel gelesen. Inzwischen war ein ordinierter Adjunktus an Stelle des verewigten Geistlichen Prediger in der Neu-Luisendorfer Gemeinde geworden – und das geschah um die Zeit, da der Roggen in Blüte stand und so ein warmer, duftiger Ährenrauch über die weiten Felder dahinlief. Als es dann Winter wurde, das monotone Klappern der Dreschflegel von den Tennen herkam und der Kanonenofen sich rote Backen zulegte – da, eines Winterabends saß Josias Spettmann bei seinem Weib in der Stube und las in der Bibel. Aber die Frau verstand nicht, was er ihr vorlas, was er überhaupt wollte – er war heute so eigentümlich und seltsam. Draußen lag so ein kalter Schnee, der unter den Füßen zwitscherte, und die weiße Decke dämmerte bläulich ins Zimmer. Die große Standuhr ging wie gewöhnlich, der Kanonenofen plauderte wie an gewöhnlichen Tagen, die Lampe knisterte und brannte wie sonst, und dennoch ...

Da klopfte Josias plötzlich mit der Faust auf den Tisch, schlug eine Stelle in der Postille auf und las mit scharfer Betonung: »Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter ehren, auf daß es Dir wohl ergehe und Du lange lebest auf Erden. – Weib, hast Du das immer getan?«

Die Frau sah ihn mit großen Augen an,

»Nun?!«

»Ja,« sagte sie verschüchtert, »Josias, das habe ich Zeit meines Lebens also gehalten.«

»So?!« sagte Josias Spettmann mit verhaltener Stimme, schlug eine andere Stelle auf, erhob sich und las dann: »Du sollst Vater und Mutter verlassen und dem Manne Deiner Wahl anhangen, – Weib, hast Du dem immer Folge gegeben?«

Die Worte saßen. Über das unschöne Gesicht der jungen Frau lief eine ängstliche Spannung. Was wollte ihr Mann denn?

»Weib!« schrie dieser und hatte den Folianten erhoben.

»So wahr mir Gott helfe ...«

»Nein!« schrie Josias und schleuderte die Bibel in eine Ecke des Zimmers, »das hast Du nicht getan; Du hast es mit dem Prediger gehalten, Du hast es mit dem jungen Pfaffen auf der Tenne gehalten!«

Das Weib machte ein stupides Gesicht und stieß einen gellenden Schrei aus: »Josias ..!«

»Ha, Du ...!« knirschte dieser, umspannte ihr Handgelenk und sah ihr ins Auge. Sein Gesicht war eine Grimasse geworden. Jeder Zug, jede Linie in ihm war anders wie früher.

»Du bist nicht auf der Tenne gewesen?«

«Ja, ja, ja!« schrie das Weib auf.

»Wann?«

»Gestern Abend.«

»Und ...?«

»Ich habe Häcksel geschnitten.«

»Und der Pfaffe ...?«

»Das ist ja ein Unsinn, das sind ja ausgestunkene Lügen – das sind ja Gespenster ...! – So wahr mir Gott helfe!« rief sie noch einmal und warf die Arme nach oben, »der Herr Pastor hat nur in der Tür gestanden – hat mir 'nen guten Abend gewünscht und ist dann weiter gegangen,«

»Oha!« sagte der junge Bauer, »das findet sich, das findet sich alles.«

Mit beiden Händen griff er zum Kopf und preßte mit einem häßlichen Lachen die Schläfen. Es war ihm so, als wäre eine kalte, gespenstische Hand über seine Stirne gefahren.

»Das findet sich alles!«

Ungelenk nahm er hierauf die Bibel vom Estrich, riß die Tür auf und trat barhaupt und mit großen Schritten ins Freie.

Draußen lag eine kalte, mondhelle Schneenacht gebreitet. Die weiße Decke quiekste und piepste unter den klobigen Schuhen, als wären dort erstarrte Mäuse wieder lebendig geworden. Die Sterne standen wie kaum wahrnehmbare, lichtschwache Punkte am Himmel. Es mochte gegen zehn Uhr sein. Anderen Tages war Sonntag. In der langen Dorfgasse wohnte kein Leben mehr; die Leute waren bereits schlafen gegangen. Nur weit hinten, neben der Kirche, flimmerte noch ein vereinsamter Lichtschein. Er kam aus dem Pfarrhaus. Die Tür stand allen Gläubigen zu jeder Zeit offen; so war es von jeher in der kleinen, orthodoxen Gemeinde gehalten worden. Ein heller Lichtbalken fiel quer über die Straße. In der behaglich durchkachelten Stube ging der junge Prediger mit großen Schritten auf und nieder. Er trug die feingegliederten Finger auf dem Rücken. So konnte er besser denken und sinnen und sich in dem blumenreichen Garten der Gleichnisse aus dem Neuen Testamente ergehen. Er überlegte seine morgige Predigt. Seine Augen waren von einer samtbraunen Tönung; in ihnen wohnte der Frieden. Jedesmal, wenn er sie gegen das Licht wandte, leuchteten sie auf, und dann stand da eine überirdische Verklärung geschrieben.

Ohne anzuklopfen war Josias Spettmann ins Zimmer getreten.

»Ah, guten Abend, Josias!« sagte der Prediger. »Darf ich wissen, was Sie in so später Stunde nach hier führt?«

»Was mich nach hier führt ...?« fragte Josias.

»Sie wissen,« ergänzte der Prediger in ruhigem Tone, »daß ich gern helfe, wenn es in meinen Kräften steht. Darf ich daher Ihr Anliegen wissen?«

»Mein Anliegen ...?«

Josias war näher getreten. Seine starren Finger umkrampften die Bibel; in den tiefliegenden Augen begann es zu leuchten.

»Ich habe kein Anliegen«, sagte er abgehackt und in trockener Weise. »Schwere Brett noch mal! – ich wollte nur fragen, wo das geschrieben steht, was da heißt: Komm, laß uns buhlen bis an den Morgen, und laß uns der Liebe pflegen; denn der Mann ist nicht daheim, er ist einen fernen Weg gezogen.«

Der Prediger wußte nicht, was er mit dem Fragesteller anfangen sollte. Er wich einige Schritte zurück, besann sich aber und meinte: »Ja, Josias, das steht in den Sprüchen Salomonis geschrieben.«

»Das wissen Sie?«

»Ja, das weiß ich, Josias.«

»Und wo steht, Herr Pastor: Laß Dich nicht Deines Nächsten Weibes gelüsten.«

Spettmann hatte die Bibel erhoben.

Der Prediger entsetzte sich.

»Ja, das, Herr Pastor ...«

Der Geistliche behielt seine Fassung. »Das ist in den zehn Geboten enthalten,« sagte er ruhig.

»Und Sie,« schrie Josias, »Sie schämen sich nicht und haben doch mit meinem Weibe ...«

Seine Stimme schlug um; er taumelte rücklings.

»Sie sind krank oder haben getrunken, Josias. Gehen Sie jetzt ruhig nach Hause. Der morgige Tag wird für Sie Erlösung bringen – Erlösung und Frieden. Und über das Geschehene will ich den Schleier des Vergessens ziehen. Und somit ...«

Die liebevolle Art und Weise des Sprechers imponierte dem Kranken. Ohne daß er es zu hindern versuchte, wurde er von sanften Händen über die Schwelle geschoben. Er stand fröstelnd in der kalten Schneenacht und wußte kaum noch, was sich da drinnen begeben hatte. Es war alles so unbestimmt und verschwommen. Er hatte das Bewußtsein der eigenen Unvollkommenheit. Es kam ihm wie ein Traum vor, an dessen wirre Einzelheiten er sich nur schwer zu erinnern vermochte. Seine Gedanken flatterten wie Fäden im Wind; er konnte keinen mehr greifen. Da begab er sich kopfschüttelnd und taumelnd nach Hause. Er war ruhig wie ein Kind und gefügig wie ein Jagdhund geworden. – Die Nacht ging ohne weitere Kümmernis hin. Am frühen Morgen hingen frische Gardinen von den Fenstern herab; sie waren aus lichten Eisblumen zusammengesetzt. Die Sonne spielte darauf und weckte glitzernde Funken. Darüber freute sich Josias. Über seine kranke Seele lief eine heitere Stimmung. Fast gehobenen Mutes nahm er die Bibel unter den Arm und ging mit seinem Weibe zur Kirche.

Es war der dritte Sonntag im Advent. Auf dem Altar brannten die Kerzen. Wie Armeseelchen standen die matten Flämmchen auf den hohen Wachsschäften. Die kleine Gemeinde war vollzählig erschienen. Mit klopfenden Herzen lauschte sie den Worten des jungen Predigers, der die Lehre des Herrn mit Engelszungen verkündete. Als er geendet, verließ er die Kanzel, wandte sich dem Altar zu und ergriff den Kelch, um das heilige Abendmahl zu spenden. Während der Handlung hatte Josias den Kopf auf die Bibel gesenkt und aus tiefster Seele gebetet. Jetzt erhob sich sein Weib von seiner Seite, faltete die Hände und ging dem Altar zu.

Was wollte das Weib da?! – Eine starre Gewalt saß Josias im Nacken und riß ihn empor. Die schwindsüchtigen Flämmchen auf dem niedrigen Chor tanzten vor seinen Blicken. Er sah jemand kommen; die übrigen bemerkten es nicht, aber er sah es. Es war der unheimliche Geist, der ihn schon gestern abend heimgesucht hatte. Ein Riß ging über sein Gesicht; da verließ er die Stelle, wo er bislang gekniet hatte, und mit glutenden Augen trug er den kleinen Kopf auf dem mächtigen Nacken durch die Kirche bis zur Bank hin, wo das Abendmahl ausgeteilt wurde. Hochaufgerichtet hatte sich Josias an die Seite seines Weibes begeben.

Der Priester erhob den Kelch und sprach die Einsetzungsworte: »Das ist mein Blut, das für Euch vergossen wurde!« und er gedachte ihn schon an den Mund des vor ihm knieenden Weibes zu führen.

Da streckte Josias die Hand aus.

»Halt!« schrie er mit geller Stimme, daß ein Schauer die Kirche durchfuhr, »hier diese ist des Blutes unseres Herrn nicht würdig. Zurück mit dem Kelch! Und Du da – schwören sollst Du mir hier auf die Bibel, daß Du mit meinem Weibe keinen Umgang gehabt hast, denn geschrieben steht: Du sollst Dich nicht Deines Nächsten Weibes gelüsten – nicht ehebrechen sollst Du!«

Josias streckte die aufgeschlagene Bibel über die Bank fort.

Der Prediger hatte seine Fassung verloren; seine Lammsgeduld war zu Ende gegangen. Er wußte nicht mehr, was er sagte, aber er sagte es dennoch.

»Du Narr!«

»Was?!« schrie ihm Josias entgegen.

»Du Narr!«

Der Kelch war dem Prediger aus den Händen gefallen.

Da lief ein einziger Schrei durch die Kirche.

Josias Spettmann war vornüber getaumelt. –

Die Tage vergingen, und als Josias aus seinem Fiebertaumel erwachte, da hatte er kein Erinnern an das Vergangene mehr. Hinter ihm lag Nebel und Dunkel, und wenn er dort einzudringen versuchte, so tastete er nur in Finsternis. Er gesundete zwar, wie er eben zu gesunden vermochte, tat sein Tagewerk noch, blieb aber in unheimlicher Weise mit der Bibel verwachsen, prophezeite aus ihr, sagte gute Ernten und Mißernten voraus und hielt sich für einen, der gekommen, den bestehenden Dingen eine andere Wendung zu geben. Aber die Leute glaubten ihm nicht, und so wurde der Ärmste zum Gespött der kleinen Gemeinde. Das wurmte Josias, und sein Weib hatte Erbarmen mit ihm. Sie veräußerten ihren kleinen Besitz, ließen die Berglehne, zogen ins niedere Land und erstanden das ärmliche Anwesen, das sie jetzt noch bewohnten – und das war vor ungefähr fünfunddreißig Jahren geschehen. Hier, inmitten der endlosen Wiesen, der stillen Wasser und umgeben von dem eintönigen Gesäusel der Pappeln, fand Josias Ruhe und Frieden. Noch in seinen alten Tagen begann er Körbe und Reusen zu flechten, und wenn er nicht über seinen geschälten Weidenruten saß oder den Fischen nachging, streifte er viel in der Gegend umher, folgte dem Lauf der gurgelnden Wasser, war bei den Schleusen zu finden oder machte sich an den Deichen zu schaffen, die hier nach allen Richtungen hin das weite Tiefland durchquerten. Er wußte sie alle mit Namen zu nennen, kannte ihre Vorzüge und Nachteile – und wenn in Frühlingstagen die Kiebitze wieder ins Land kamen, dann folgte er mit lichtblauen Augen ihren Flugkünsten, sah sie schweben und schwanken und ahmte ihren charakteristischen Ruf nach. Und dann sagten die Leute, und besonders die auf dem Fingerhutshof: »Der Kiwi ist lebendig geworden, der Deichvogel ruft – nun ist der Frühling gekommen.«

Aber auch zu anderen Zeiten und bei sonstigen Gelegenheiten ließ er seine Stimme ertönen.

Horch, wie das lautet: »Kiwi! – Kiwi! – Kiwi!«

Und er saß noch immer im Schatten seines ärmlichen Häuschens mit den hängenden Ziegelpfannen, verpaffte gekräuselte Rauchwölkchen aus seiner irdenen Pfeife und stierte ins Leere. Trotzdem arbeiteten seine Hände mechanisch weiter und weiter, Weidengerte fügte sich an Weidengerte; das Flechtwerk nahm Fassung und Form an und zeigte schon deutlich, was für ein Ding das werden sollte.

Die Schatten waren länger und dünner geworden. Das Flimmern in der Luft hatte nachgelassen, eine angenehme Kühle wehte vom Deich, und auf den Wiesen wurden viele Stimmen lebendig.

Von der kleinen Stadt her brummte die sechste Abendstunde herüber.

Da erhob sich der stille Mann, warf seine Arbeit beiseite, schob seine rechte Hand über die Augen, wie er es schon vorhin getan hatte, und sah in die Ferne.

»Noch immer nicht! – Nu wird's aber Zeit,« sagte der Kiwi, ging ins Haus und trat bald darauf wieder ins Freie.

Er hatte sich eine abgegriffene Seidenmütze mit fettigem Schirmrand über die Ohren gezogen.

Sein Pfeischen qualmte noch immer.

Mit großen Schritten und klappernden Holzschuhen ging er ins Land fort.

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