Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Josef Hofmiller >

Franzosen

Josef Hofmiller: Franzosen - Kapitel 1
Quellenangabe
typeessay
authorJosef Hofmiller
titleFranzosen
publisherKarl Rauch Verlag
seriesJosef Hofmillers Schriften.
volume Vierter Band
printrunZweite, erweiterte Auflage
editorHulda Hofmiller
year1939
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071016
projectid8d1ea950
Schließen

Navigation:

Flauberts »Grüner Heinrich«

»Erinnerst du dich noch des schönen Lebens, das wir uns einst ausgemalt hatten, und wie wir davon auf unsern Spaziergängen plauderten? Wir wollten im selben Hause wohnen, jeden Tag hätten wir, jeder an seinem Tisch, bis Mittag gearbeitet; dann wollten wir uns gegenseitig vorlesen, was fertig geworden war. Darauf wären wir ausgegangen, hätten die Bibliotheken besucht, die Museen und abends die Theater; nach Hause zurückgekehrt, hätten wir uns vor dem Schlafengehen nochmals vergegenwärtigt, was wir während des Tages gesehen, und dann unsere Arbeit für den folgenden Tag vorbereitet.« In welchem Buche steht das? Erinnert es nicht an einen Brief aus Adalbert Stifters »Feldblumen«?

»Ich blieb in einem Rapsfeld liegen, das Gesicht auf der Erde, den Kopf in den Händen, dachte an mein Unglück, weinte mich aus und träumte von Selbstmord. Dann stand ich auf und schleppte mich weiter. Es war ganz dunkel geworden, ich sah nichts mehr, die ganze Landschaft schwamm in düsterm Nebel. Meine Schläfen hämmerten, ich wußte nicht wohin, ich fühlte mich todunglücklich, es fror mich, es hungerte mich, ich zitterte und hatte Angst ... Voll Neid dachte ich an die friedlichen Tage derer, die mit der Morgenröte wach werden und sich mit dem Abendläuten niederlegen; sie bringen ihr Leben hin überm Pflug gebückt, sie schreiten in der Furche, die sie selber gerissen haben; wenn sie ihr selber gewendetes Heu aufladen, so singen sie, und fürchten tun sie nur die Hagelwetter, die ihre Ernte erschlagen ... Ich gehe und lebe wie ein Rad, das man in Bewegung gesetzt hat und fortrollt, bis es hinfällt, wie ein Blatt, das im Wind fliegt, solang es der Hauch trägt, wie der geschleuderte Stein, der fällt und auf einmal liegt er am Boden.« Das klingt fast wie »Werthers Leiden«, nicht wahr?

»Jede einzelne Stunde war schön, doch lag auf dem Grunde ihres Zaubers eine seltsame Sehnsucht nach der, die entschwunden war und nie, nie mehr zurückkommen würde. Wer gibt mir die Klänge der Glocke wieder, die gestern in der Dämmerung läutete, und das Zwitschern der Vögel, die heute früh in den Eichen sangen! Und doch langweilte ich mich, als die Sonne sank, und gähnte vor Müdigkeit bei der Morgenröte.« Wenn dies nicht Jacobsen ist, so ist bestimmt folgende Stelle aus dem »Niels Lyhne«. Oder sollte sie am Ende gar aus der »Anna Karenina« sein?Über Jacobsens »Niels Lyhne«, Flauberts »Frau Bovary« und Tolstois »Anna Karenina« und ihren Wert für uns Heutige vgl. »Umgang mit Büchern« (Verlag Langen-Müller). Diese Aufsätze erscheinen auch in Band 6 der »Gesammelten Schriften«. »Sie zitterten vor Angst, und diese Angst war für sie eine neue Wollust. Sie genossen alle Wonnen des Ehebruchs in stummem Glück, in verhaltener Seligkeit. In solchen Augenblicken scheint die Finsternis wundervoll, die Lüge wird zur Begeisterung, die Verruchtheit strömt ihre höllische Magie aus und macht rasend. Die unselige Leidenschaft, die solche Bande knüpft, ist so stolz darauf, andere Bande zu zerreißen, daß sie sich mit gemeiner Grausamkeit gefällt, auf ihnen mit Füßen herumzutreten.«

Aber nein, es ist doch Jacobsen: »Der volle Mond glänzte auf dem Fluß. Eine breite Silbermasse zog sich durchs Wasser, als sei sie vom Himmel gefallen. Goldene Perlen drängten sich, wogten durcheinander, glitzerten in dem tiefen Mondstrahl, der bis in den Grund des Stroms zu reichen schien und in den Wellen schwamm wie eine leuchtende Schlange. Der Schatten der Brücke mit ihren Riesenbögen fiel darauf und zitterte. Alles andre schwamm in dem bläulichen, milchigen Dufte der Sommernacht, in den Farben des Traums.«

Nun aber diese Stelle: »Luzinde war für ihn ein Mädchen, jungfräulich und immateriell, als hätte sie weder Därme im Leibe gehabt noch Hühneraugen an den Füßen.« Ist dies nicht der Zynismus des Taineschen »Graindorge«, aber um einen Grad burschikoser, etwas vom Mediziner des ersten Semesters? ... Burschikos? Mediziner? Sollte es am Ende gar...? Aber dann müßten wir die Stelle doch kennen...

»Die Ruinen begann er fast zu hassen, als er eines Tags in einer alten Burg im schönsten Schwärmen durch einen Unschlittfabrikanten gestört worden war, den er gut kannte.« Sollte es ein Franzose sein? »Er nahm auf Nimmerwiedersehen Abschied von dem makellos reinen Mädchen und dem verehrungswürdigen Greise. Jetzt wußte er, daß das erste nicht immer ein Engel ist und der letztere nicht immer ein Patriarch!« Es ist ein Franzose: die Desillusionierung, das Lieblingsthema aller großen französischen Romanschreiber!

»Was wollen sie uns sagen, diese aus dem Granit geschnittenen Riesensphinxe, die im Wüstensande liegen? In welche Weltenfernen starren tief aus ihren Pagoden die Augen der Götzen? Was bedeutet ihr berauschtes Lächeln? Wonach langen die zahllosen Arme, die an ihrem Körper hängen?« Wenn das nicht Anatole France ist, so ist es Flaubert.

»Er hörte Vorlesungen an der Sorbonne und sah, wie die Schulmeister Regeln aufstellten für den Geschmack, und Menschen, die nicht vier Zeilen schreiben konnten, lehrten, wie ein Buch abgefaßt sein müsse.« Natürlich, Flaubert ist es, aus »Bouvard und Pécuchet«!

»Unbekümmert um seinen Namen, gegen Tadel so gleichgültig wie gegen Lob, kümmerte er sich um nichts und niemand; wenn nur sein Einfall genau so aufs Papier kommt, wie er ihn konzipiert hat! Wenn er nur seine Pflicht getan, seinen Block behauen hat!« Das ist geradezu die Definition Flauberts!

»Gestern ist er in den Orient gereist. Er hat zwei Paar Schuhe mitgenommen, die er auf dem Libanon durchlaufen, und einen Homer, den er am Hellespont lesen wird.« Kein Zweifel, es ist kein anderer als Flaubert...

Es ist in der Tat kein andrer als Flaubert.

Das eine Merkwürdige ist nur, daß alle diese Stellen in einem einzigen Buche von ihm stehen. Das andere Merkwürdige ist, daß dieses Buch in Frankreich unbekannt war bis 1912 und in Deutschland bis 1922. Es ist die erste Fassung des Romans »L'Education Sentimentale«. Drei der bedeutendsten Romane der Weltliteratur liegen uns in je zwei Gestalten vor: der »Wilhelm Meister«, der »Grüne Heinrich« und die »Education Sentimentale«. Während jedoch beim »Grünen Heinrich« auch die Urfassung schon vom Autor veröffentlicht wurde, und zwar vorder endgültigen, war die unverhoffte Entdeckung des »Ur-Meisters« (1909) durch Gustav Billeter ein Fund von nicht geringerer Wichtigkeit als 1887 die des »Ur-Faust« durch Erich Schmidt gewesen war.Zu »Der Grüne Heinrich« und »Ur-Meister« vgl. »Umgang mit Büchern« und Band 6 der Ges. Schriften. Aber die Veröffentlichung von »Jules und Henry« war eine noch größere Überraschung; denn während es sich bei den genannten Werken, auch beim »Wilhelm Meister«, nur um Umarbeitungen, wenn auch zum Teil sehr einschneidender Art, gehandelt hatte, ist die erste Fassung der »Sentimentalen Erziehung« ein völlig anderes Werk, das mit der endgültigen nichts gemein hat: keinen Helden, keine Situation, keine Seite, keine Zeile.

Der Inhalt von »Jules und Henry« ist der denkbar einfachste. Die Entwicklung zweier junger Leute, sonst nichts. (Wir erinnern uns, daß die beste deutsche Übersetzung der Education Sentimentale den Titel trägt: »Geschichte eines jungen Mannes«). Nur daß der eine dieser beiden jungen Leute Gustave Flaubert heißt. Jules ist das Selbstporträt des jungen Flaubert, das einzige direkte und breit ausgeführte Selbstporträt, das wir von Flaubert besitzen. Das verleiht diesem Buche einen persönlichen Zauber, den Flauberts spätere Romane nicht mehr haben, trotz, besser gesagt, wegen ihrer größeren künstlerischen Vollendung.

Kein Wunder, daß die Franzosen mit »Jules und Henry« nicht allzuviel anfangen können: denn es ist in mancher Beziehung mehr eine deutsche Geschichte als eine französische. »Man kann sagen: an diesem Werke ist, abgesehen vom Milieu, eigentlich alles deutsch«, urteilt der verdienstvolle Herausgeber, E. W. Fischer, der Flaubert kennt wie kaum ein anderer.

Ein junger Mann erzählt weniger seine äußere als seine innere Biographie. Um sich selbst schärfer sehen zu können, stellt er sich einen Gegenspieler an die Seite: den normalen, begabten, jungen Franzosen, der nach Paris geht, um sich ins Leben der Großstadt zu stürzen, um sein Glück zu machen, seinen Aufstieg zu bewerkstelligen. Er macht wirklich sein »Glück«, der andere: er erlebt seine große Passion, sein Liebesabenteuer, »enorm«, wie Flaubert sich im Brief oder im Gespräch ausgedrückt hätte: Verführung, Ehebruch, Flucht mit der Geliebten nach Neuyork (vielleicht im Nachklang der Lektüre der »Manon Lescaut«, jedenfalls was Schilderung und Darstellung anlangt, der schwächste Teil des Buches), Rückkehr nach Paris, Versöhnung der Frau mit ihrem Gatten, zielbewußtes Karrieremachen des ehemaligen Liebhabers, der sich mehr und mehr zum kalten Arriviste entwickelt wie Charles in Balzacs »Eugenie Grandet«.Balzacs »Eugenie Grandel«, vielleicht sein bester Roman aus der französischen Provinz. Das Urbild Henrys ist Ernest Chevalier, Flauberts Jugendfreund, den er so liebte, daß er sich von einem Lehrling seines Onkels ein Petschaft machen ließ:

Gustave Flaubert
Ernest Chevalier
Menschen, die sich nie verlassen werden.

Aber als Chevalier einen bürgerlichen Beruf ergriff und eine normale Laufbahn einschlug – er ging als Staatsanwalt nach Korsika – wurde er Flaubert innerlich fremd. Denn Flaubert konnte ihm seinen Erfolg nicht verzeihen, so wenig er sich selbst verzeihen konnte, daß er im juristischen Examen durchgefallen war.

Der andere aber, Jules, was erlebt er? Sehr wenig und sehr viel: eine Theatergesellschaft kommt in das kleine Provinznest, in dem er wohnt. Muß man erst sagen, daß er sich in die jugendliche Liebhaberin verliebt? sich ihr als Dichter offenbart? ihr sein Stück vorliest, dessen weibliche Hauptrolle sie spielen wird? Und muß man erst sagen, daß dieses Stück niemals gespielt wird? daß ihn der Direktor der Schmiere nur ausnützt? daß er seine erste Liebeserfahrung nicht nur mit vielen Bitternissen erkauft, sondern auch mit mehreren hundert Francs, die er dem Direktor pumpt? daß sich die ganze Truppe über Nacht verflüchtigt?

Jetzt aber, und dies eben ist Flaubert selbst, jetzt zieht sich der junge Mann ganz in sich selbst zurück. Um sich zu trösten, stürzt er sich nicht in die fragwürdigen Wonnen der Großstadt, sondern in die ernsten Freuden der Erkenntnis: die letzten sechzig Seiten sind nichts als innere Biographie. Er bildet sich; erzieht sich zur Bildung. Kein französischer Roman ist in diesem strengen Sinne des Wortes so sehr ein Bildungsroman wie der spätere Teil von »Jules und Henry«. Henry ist uns ebenso entschwunden wie dem Verfasser. Ihn und uns interessiert nur noch Jules. Welches sind die geistigen Stufen, die Flaubert zurücklegen mußte, um eines Tages die »Salambo« zu schreiben und die »Versuchung des Heiligen Antonius«? Er zeigt sie uns, eine nach der andern: Studien, »enorme« Studien, wie er im Gespräch sagen würde: Geschichte, Archäologie, Literatur, Philosophie, Studium der modernen Gesellschaft, Prüfung und Verwerfung jeder einzelnen ihrer stolzesten Errungenschaften, Analyse der eigenen Seele, Flucht in die Einsamkeit, ins Ich. Er trifft Henry wieder; sie wärmen ihre erkaltete Freundschaft auf mit dem zu erwartenden Ergebnisse, daß ihre Wege immer weiter auseinandergehen. Henry wird immer ausgeprägter ein Erfolgsmensch von eleganter Vulgarität, Jules Künstler, nichts als Künstler. Henry ist der Handelnde, Jules der Betrachtende. Darum wird Henry »eine reiche, einflußreiche, glänzende Partie machen... in vier bis fünf Jahren ist er Abgeordneter –« Jules hingegen ist »gestern in den Orient gereist; er hat zwei Paar Schuhe mitgenommen, die er auf dem Libanon ablaufen, und einen Homer, den er am Hellespont lesen wird ...«

Natürlich läßt sich vom künstlerischen Standpunkt aus gegen »Jules und Henry« zum mindesten ebensoviel einwenden, wie gegen die erste Fassung des »Grünen Heinrich«. Unter anderem, daß das Problem, rechnerisch gesprochen, nicht »aufgeht«. Daß man mit 23 Jahren nicht seine innere Biographie schreiben kann, ohne sie unkünstlerisch vorwegzunehmen. Daß die Darstellung zweier Parallelen notwendigerweise im Leeren verläuft. Entweder muß der Gegenspieler bescheiden zurücktreten, wie Werner gegen Wilhelm Meister; oder die Linien müssen sich schneiden, wie sich im berühmten 11. Kapitel des »Niels Lyhne« auf einmal die Linie Erik und die Linie Niels schneiden.

Die Aufgabe war unlösbar. Darum arbeitet Flaubert »Jules und Henry« klugerweise nicht um, sondern schreibt ein vollständig neues Buch. Aber die Urform hat, wie die des »Grünen Heinrich«, Reize, die das spätere Werk nicht besitzt. Nirgends ist Flaubert so dichterisch. Er ist so ganz erfüllt von seinem Ich, daß ein großer Teil des Werkes in der Ich-Form des Briefes geschrieben ist. Wenn man dann wieder in die Er-Form geworfen wird, empfindet man sie fast als gezwungen. Oder vielmehr: die Jules-Szenen sind ein Ich-Roman, die Henry-Szenen ein Er-Roman. Dadurch kommt etwas Zwiespältiges in das Buch. Es strotzt von Reflexionen wie der »Grüne Heinrich«. Ich muß immer wieder auf ihn zurückkommen: es gibt kein französisches Buch, das ihm und daher uns Deutschen näher stünde. Ich habe bereits einmal geschrieben, daß ich in Flaubert ein undefinierbares Element zu spüren glaube, das alles andere als französisch ist; eher germanisch. Es reicht bis ins Syntaktische hinein: Flaubert subordiniert nicht gern. Dies Element drückt sich in »Jules und Henry« so stark aus, daß die Franzosen zu dem Buche kein Verhältnis finden.

Es versteht sich, daß sich der Verfasser der »Frau Bovary«, der Gestalter Flaubert, in ihm bereits angekündigt: alle Nebenfiguren sind meisterhaft gesehen, mit einer Ironie, die oft in Humor übergeht (der spätere Flaubert ist humorlos). Manchmal wird der Typus Homais auf Augenblicke sichtbar: in Henrys Vater vor allem. Der ganze spätere Flaubert steckt schon in diesem Jugendwerke: der Nihilismus der »Versuchung«, die archäologische Strenge der »Salambo« und »Herodias«, die Illusionszerstörung der »Sentimentalen Erziehung«, die Provinzschilderung der »Bovary«, die enzyklopädische Marotte von »Bouvard und Pécuchet«. Das macht »Jules und Henry« für den Kenner Flauberts so überaus anziehend: alles, aber wirklich alles ist schon im Keim da. Aber nicht diese Möglichkeiten zu Doktordissertationen sind es, die das Werk zu etwas Einmaligem, Köstlichem machen, sondern die Kühnheit des Vorwurfs, der persönliche Zauber des wechselnden Vortrags, eine Genialität, der gegenüber die späteren Werke sich im höchsten Grade talentvoll ausnehmen, gepflegt, gearbeitet, aber durch einen tiefen, wenn auch schmalen Abgrund geschieden. Genial ist der spätere Flaubert nicht mehr. Eine Szene wie die mit dem nachts herumstreunenden fremden Hunde z. B., die bei Dostojewski stehen könnte, hat er nie mehr gewagt.

Offenbar hat Flaubert dies Werk ohne Plan drauflos geschrieben und offenbar ist es ihm unter der Hand zu etwas ganz anderem geworden. Was er machen wollte, wäre seine Variation des Themas von der verlorenen Illusion gewesen; demonstriert an dem corpus vile Henry. Was er wirklich macht, ist eine Doppelgeschichte, deren zweiter Held dem ersten über den Kopf wächst. Ein Bekenntnisbuch, ein Ich-Roman (ohne dessen Form), demgegenüber z. B. Daudets Ich-Roman »Der kleine Dingsda« ein amüsanter Kitsch ist.

Eigentümlich ist das Zerfallen des Romans in zwei Teile: bis Seite 260 dichtet Flauberts Schwärmerei, von da ab seine souveräne Verachtung. Dem entspricht ein auffallender Wechsel des Vortrags: bis dahin eine oft lyrische Erzählung mit reichlich eingeschobener Reflexion, von da ab ein sehr objektives, aber etwas abstrakt ausgeführtes, moralisches Porträt des korrekten, eleganten, gebildeten Durchschnittsmenschen, der vor dem Leben kapituliert, um es zu erobern (Henry), sozusagen ein reicherer Labruyère, und eine höchst subjektive Selbstcharakteristik des Dichters, alles, was er denkt, empfindet, anstrebt: die Existenz des leidenschaftentrückten Künstlers, der sich vom Leben fernhält, um es nur noch darzustellen.

Das Werk fällt auseinander, wie man es auch betrachtet. Aber es ist mir lieber als jedes der Werke der Reife, genau wie im »Ur-Heinrich« Dinge stehen, die ein junger Dichter nur ein einziges Mal wagt, so neu, so kühn, daß der alternde Dichter sie nicht mehr versteht und streicht.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.