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Fragmente, Entwürfe und Miszellaneen

Georg Christoph Lichtenberg: Fragmente, Entwürfe und Miszellaneen - Kapitel 1
Quellenangabe
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typemisc
authorGeorg Christoph Lichtenberg
booktitleSchriften und Briefe ? Dritter Band
titleFragmente, Entwürfe und Miszellaneen
publisherZweitausendeins
editorWolfgang Promics
isbnISBN 3-86150-042-6
correctorjohannschneller
senderwww.gaga.net
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Fragmente von Erzählungen

Zur Biographie Kunkels Gehöriges

Wir haben den Antiquarius Jonas Kunkel verloren. Unter dem boshaften Gezische und Gepfiffe eines parteiischen Publikums, in welchem sich der Beifall von 3 bis 4 Paar hohlen Händen, die die Sache besser verstanden, notwendig verlieren mußte, schlich er sich im Dezember des vorigen Jahrs hinter die Coulissen dieser Welt. Bis auf heut gerechnet, also schon vier völlige Monate, und niemand hat nur im mindesten sich gegen jenen Machtspruch öffentlich geregt. Also wird er nun ohne weitere Appellation in alle Ewigkeit fort gelten, dachte ich; diesem Gedanken folgte bei mir eine Bewegung in der Gegend, wo der point d'honneur sitzt, dieser Bewegung ein gerechter Unwille, und diesem gerechten Unwillen endlich der Entschluß, dem der Leser dieses Büchelchen zu danken hat. Sollte, dachte ich, (dieses war der Schritt von der ersten Bewegung zum gerechten Unwillen) sollte unter den paartausend Federn, welche, die Bleistifte nicht mitgerechnet, täglich zum Dienst der Wahrheit in unserer Stadt geschäftig sind, nicht eine einzige sein, die unserm Jonas Kunkel einen kleinen Dienst erweisen wollte? Nur so viel Nachruhm, als man gewöhnlich demjenigen erteilt, von dem man sagt: Er war doch eine gute Haut; wenn auch dieser Nachruhm nicht länger dauerte, als eine Studentengeneration. Ewigkeit verlangte Jonas Kunkel nicht einmal jemals im Scherz; wie viele Federn unter 3tausenden würden sie ihm auch gewähren können? Er hatte in dieser Zeitlichkeit eine solche Stellung genommen, daß sein verwegenster Wunsch selten ein halbes Jahr voraus ging, und seine entfernteste Erinnerung nicht viel länger hinter drein. Also ich bin sein Freund gewesen, und er war der meinige, wenn er sonst nichts zu tun hatte; könnte ich diese kleine Kollekte nicht selbst für ihn heben? Kein Geld, meine Herren, nicht einmal eine Träne, jenes braucht er nicht mehr, und auf diese hat er in seinem ganzen Leben nicht viel gehalten. Ich meine nur etwas leidlichere Gesinnungen von seinem Charakter, und wenn ich nur so viel heraus kriege, als guter Narr und ehrliche Haut ohngefähr zusammen beträgt, so will ich es an seinen Aschenkrug hinlegen und kein Wort mehr sagen. So ging ich vom Unwillen zum Entschluß über.

Der Mann, lieber Leser, mit dessen Charakter ich dich etwas genauer bekannt machen will, war kein Gelehrter, wenigstens hat er keine von den 9 Musen jemals mit Wissen erkannt; auch nicht vom Adel, physice gewiß nicht, Beförderer der Wissenschaften im eigentlichen Verstande war er auch nicht, ohnerachtet er es als Büchertrödler doch noch mehr war, als der Buchhändler, er brachte nicht allein Bücher wohlfeil an die Hungrigen, sondern nahm sie auch denen auf eine billige Art wieder ab, die deren zu viel hatten. Weswegen war er denn also merkwürdig? Dadurch daß er alles dieses hätte werden können, wenn er vor ohngefähr 36 Jahren gewollt, und seit 20 Jahren her gekonnt hätte, durch die sonderbare Lage seines Standpunktes in der Welt, dadurch war er mir merkwürdig, den meisten Menschen war er es durch Eigenschaften, die in jenen ihren Grund hatten, durch seinen Hang, in dem bekannten Zustand zu sein, in welchen wir Christen uns durch den Wein und die Türken durch Opium sich zu versetzen pflegen, und überhaupt durch eine Lebensart, die bis auf den sechsten Nachbar zur Rechten und zur Linken und gegenüber mit gerechnet sehr rauschend war. Dafür war er aber, vermöge einer gewissen Gleichgültigkeit, in seinem Leben so billig, gegen ein leichtzugewährendes Stillschweigen, das die Nachwelt bei seinen Fehlern beobachten sollte, auf alles Lob seiner Tugenden Verzicht zu tun. Es ist aber, wie es scheint, nie zu diesem Vergleich gekommen, die Nachwelt straft ihn nicht mit öffentlicher Satyre, sondern mit einer kleinstädtischen schleichenden Famosität, die bei dem Ärgerlichen der kaltblütigsten Vergessung so bitter ist als die gedruckte Satyre. Hätte er jemals bekannt zu werden verlangt, so hätte er mit gleichem Verlust an Kredit und einem minderen an Kraft durch eben so viel Quadratmeilen bekannt werden können, als er es jetzt durch Quadratfuße ist, wenn er hätte nur die Blöße von Seiten des Genies geben wollen, die er von einer andern gegeben hat. Also die Nachkommenschaft hat von ihrer Seite den Vergleich gebrochen, dieses ist eine schöne Gelegenheit für einen Schriftsteller wie ich, um den sich die Welt wenig bekümmert, es im Namen eines andern mit ihr aufzunehmen.

Ich habe es wohl zwanzig mal auf der Wiese vor dem Grönder Tor versucht, wenn ich mit einem Radius von 80 Fußen einen Zirkel um mich als den Mittelpunkt beschreibe, so kann mich kein Mensch mehr verstehen, der außer diesem Zirkel steht, ich mag so laut sprechen, als ich immer kann und will. Dem größten Prinzen der Erde, wenn er just nach der Tangente vorbei ritte, getraute ich mir jede Wahrheit ins Gesicht zu sagen ohne daß es für diesen Prinzen im geringsten mehr sein sollte, als wenn ich es einmal, hinten in meinem Bette, des Nachts, gegen die Wand zu, gedacht hätte. Also einmal für allemal eine Rede daraus zu machen, dieses ging nicht an; ich kann schon der Druckerpresse nicht mehr entbehren, wo andere gesündere Leute noch mit ihrer Lunge auskommen, aber sie sei mir auch nur, ganz bescheiden, ein Sprachrohr und nicht ein Instrument virtuelle Allgegenwart meiner in meinem Vaterland zu bewirken, dieses ist die Ursache warum ich dieses Werkgen habe drucken lassen. Eine Befriedigung irgend einer eiteln Begierde ist nicht dahinter. Denjenigen Trieb, der mit einem gewissen andern sich in den Zeiten des ersten Barts zu regen pflegt, habe ich zwar sehr früh bei mir verspürt, ich meine den Trieb Bücher zu zeugen, aber allezeit demselben mit einer Standhaftigkeit widerstanden, die ich halb meinem Blut und halb der fleißigen Lesung von Philippis Märtyrer Geschichte zuschreiben muß. Alsdann nachdem der Hubertsburger Friede unserm Vaterland die Ruhe wieder geschenkt hatte, und nun in den Gemütern die Liebe sich gedruckt zu sehen wieder aufwachte, die Posten nach Leipzig und Frankfurt wieder sicherer und die Verleger wieder zahlbarer wurden, kurz in diesem Frühling für die deutsche Literatur, wo so viele Dinge keimten, die jetzo groß und stark sind, da keimten auch auf meinem Schreib-Pult allerlei Gedanken, Plane zu Entwürfen und Projekte zu Projekten, aber ich habe sie nie aufgestellt, sie sind alle verdorrt. Wenn keine Inquisition gewesen wäre, sagte Cervantes, dann hättet ihr erst meinen Don Quixote sehn sollen. Wenn mir jemand die Prozeß-Kosten bezahlen wollte – dann, Hochzuehrender Herr, wollte ich einmal eine Satyre schreiben. Schleichhandel mit der Wahrheit zu treiben, dazu ist meine Stirne zu offen und zu deutsch – Aber ist denn die Wahrheit Contrebande? Behüte der Himmel wo denken Sie hin! Ich glaube, wir verstehen einander nicht, ich meine der Satz aus nichts wird nichts praktisch für dieses oder jenes Individuum, Stadt, Hof oder Land behandelt, das 2 mal 2 pp in diesem oder jenem Fall für das Herz bearbeitet, darauf haften Abgaben, mein Herr, die unerleglich sind, so lang man sie mit der Würde eines freigebornen Menschen sagen will. Dort mögen sie liegen in meinem Pult, libri unici auf meine Lebens-Zeit; und dann mögen sie in ihrer natürlichen Gestalt erscheinen, wenn ihr Verfasser da ist, wo Brod und etwas dazu nicht mehr gespeiset wird, und wo Bayle vor dem Jurieu ehmals so sicher stund, daß dieser allen Mut verloren haben soll jemals etwas wider jenen zu unternehmen. Daß ich hier einem kränklichen Kredit eines Freundes einen Almosen zuwerfe, mit einigen Lehren für den ...

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