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Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 7
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Quer durch Paris

Rue Javel, da gibt es Kinder, Händler mit alten Gegenständen und viel Schmutz, schlechte Gerüche und dann bei einem Blumenladen herrliche Düfte. Pont Grenelle, da steht, mitten in dieser Arbeitergegend, die Fackel hoch, schwarz und ehern die Freiheitsstatue. Sie ist so groß, daß sie sich, wen sie müde ist, auf die Häuser am Ufer zum Ausruhen setzen kann. Was hat sie da auch zu stehen! Sie sollte herunter in die Seine steigen und sich baden!

An der Seine längs lange Wanderung. Eiffelturm vorn, Eiffelturm zur Seite, Eiffelturm hinten. Konkordienplatz. Da wirds lebendig, da fangen die Augen an zu fiebern, und man sieht Alles auf ein Mal. In einer Sekunde tausend unendliche Schönheiten. Ein Omnibus kommt im Abenddämmer herangestampft, dreipferdig und vierrädrig. Auf dem Holzpflaster rummelts dumpf wie Trauerspiel-Monolog; das Vieh scheint über die Fußgänger hinwegzutrampeln und die Equipagen zu quetschen. Es geht schnell; aus der Ferne keucht es im Augenblick heran zur Station; jetzt biegt es herum, den weißen Gäulen zieht der Kutscher die Köpfe hoch, – hohle Mäuler und blitzende Augen. Es flattern wie weiße Laken die Mähnen, vielsträhnig und im Winde wirbelnd, und in ihr Gewühl hinein flutet das grüne Vorderlicht des Wagens; es durchleuchtet und färbt sie, es strömt um sie herum und über sie hinweg. Es ist noch nicht ganz dunkel, und der feuchte Platz hat einen matten Silberton, dagegen wirken die Personen wie dunkle Tintenflecke, die an der Station stehen; im Schatten der Bäume, im Gedränge vieler Gegenstände, ein Durcheinander von Totem und Lebenden. Etwas weiter, um sich dennoch im Verborgenen des Gewühls zu halten und dabei allein zu sein, steht ein Paar. Beide vornehm; sie schwarz und stolz, tief verhüllt. Ihr Gesicht ist von rührseliger Schönheit, bleich, nervös, verweint und verliebt. Beide haben ein schlechtes Gewissen; wahrscheinlich heißen sie verschieden. Während sie ihm drei niederschmetternde Worte zuflüstert, sieht sie sich um und sucht dann die Nähe eines schwarzen Stammes. Er weiß nichts zu sagen. Wenn er schlau wäre wie ich, so würde er näher an das Stationshäuschen gehen, da bildet das Licht vieler kleiner farbigen Leuchten, die Hast und das Gedränge der Leute, die Dämmerung und der müde Tagesrest einen dicken Nebel, in dem man sicher ist. Aber zwei Personen, verstohlen hinter den Stämmen, erregen die Aufmerksamkeit.

Weiterhin mündet die Avenue des Champs-Elysées auf den Platz. Da wirbelt und strömt es von einfahrenden oder herausrasselnden Wagen. Ein gleichmäßiges Summen auf dem Holzpflaster. Die schwarzen Silhouetten der Equipagen; alle haben helleuchtende Augen. Blickt man nach links, so sieht man über das Dach der nächsten Droschke weg die ansteigende Fahrstraße, bewimmelt von neuen entfernten Wagen. Da scheint die Straße mit Sternen gepflastert zu sein bis zum Arc de Triomphe hinauf!

Es wird immer dichter, das Gedränge, man ist weiß Gott in Paris. Bei Vidrequin immer noch der alte Kellner. Er hat kein Kinn.

Oper – die Boulevards. Noch dichteres Gedränge! Man beobachtet mehr und sieht mehr in leeren Straßen als hier; der Wald vor Bäumen! Immer sitzt einem eine Person vor der Nase. Man möchte gerne das Gedränge, die Menge sehen. I bewahre, es ist wie im dichten Gebüsch, durch das man sich mühsam drängt und weiß nicht, wie weit sichs noch erstreckt. Im Wald und auf der Heide – ja, da kann man schon ein Stück weiter sehen. Schön! Das Gedränge beobachten! Einzelne, die miteinander reden wollen, flüchten sich vor ein Schaufenster, sonst reißt sie dieser Menschenstrom auseinander. Rue du Faubourg Montmartre, da wirbelts von Wagen und Menschen, da drängt sichs durcheinander. Da herrscht ein Mälstrom mit Brausen und Wirbeln. Das ist die Gegend der Überfahrenen; die ertrinken im allzu wilden Strom! Die an den Marmortischen habens gut, da streicht der Strom vorbei, und man kann ihn so aus allernächster Nähe betrachten. Da drängt sich eine Phalanx von Schönheit durch die Menschheit. Die Röcke hoch, das Kinn hoch, die Ellenbogen seitwärts hoch, so stürmt sie wie ein Dampfer durch die konträren Wogen. Um die Füße schäumt weißlich ihr Unterrock, und im Kielwasser flutet das Geträufel bewundernder Blicke. Wieder eine lange Zeit die Unendlichkeit der Zylinder und Federhüte, von Rock und Mänteln und Hosen, aus der Façon gebracht und nach dem Prinzip des Gedränges gefaltet. Plötzlich eine Wolke von Pelzwerk, und aus ihr heraus tönt eine Piepstimme – kaum ist hinter Schleiern, Kragen und im Schatten des Vordaches – auch Hut genannt – ein Paar Augen und ein Näschen zu entdecken. Aus und ein schäumt es in den Uferhöhlen. Weithin erstrecken sich die Seitenhöhlen des Stromes. Aus manchem Gestein hat der wilde Strom die schönsten Bronzegruppen herausgewaschen. Noch fern im Dämmer des Gewölbes sieht man erzerstarrte halbgroße Männer und Mädchen. Im Laden der schöne Polenjüngling; der Schnurrbart scheint ihm auf die Oberlippe gehaucht zu sein, und die Augenlider, die Wachsweiße der zarten Haut, die Süße des Gebärdenspiels und die Zeichnung der Mandelform seiner Gucklöcher sind von der Korrektheit einer Wachsfigur.

Friedrichroda

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