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Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 43
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Zeichnung

Der Vater saß im Stübchen, und mit ihm saß der Sohn. Der Uhrpendel rührte sich und wirbelte die Minuten durcheinander, leere Minuten eines schlaffen Abends. Klaus malte Zahlen ins Schreibheft, aber der Vater hatte, um sich zu trösten, nicht einmal Zahlen. Endlich holte er eine Mappe, ließ den Deckel klaffen und erlaubte seinen Händen, mit den alten Blättern zu rascheln, wie es ihnen gefiel, behende oder behutsam, pomadig oder stöbernd. Eins, ein Kohlestück wie alle, blieb endlich zwischen den Fingern hängen, wippte mit den Enden auf und ab und wurde gar in Positur an der Stuhllehne gebracht, wo das Licht der Lampe voll auf die gerade Fläche fiel, stand auch noch dort, als der Sohn aufschaute und den Blick auf den Vater anschlug wie der Vater den seinen auf das Blatt. »Was guckst du so?« fragte er, und der Vater antwortete mit ungefälligem Räuspern, was dem Sohn nur für kurze Zeit als Auskunft genügte. – – »Was guckst du?« fragte er streng, und der Vater sah ein, daß er Bescheid geben müsse.

»Die Zeichnung hat ... (hier fiel ein großer Name) damals gekauft, und ich habe mir noch eine Kopie davon gemacht – – ich wundere mich – –«

»Worüber wunderst du dich?« drängte unwillig Klaus, und der Vater reizte ihn mit undeutbarem Schnalzen zu einem unduldsamen Bestehen auf Erklärung. »Ich wundere mich, warum er die Zeichnung jahraus, jahrein in seinem Zimmer hängen läßt, und weiß nicht, was er daran findet.« Nun stand Klaus auf und stellte sich mit dem Rücken an den Ofen, da konnte er, wenn er den Kopf schief legte, das Blatt sehen.

Der Gekreuzigte mit magerem Leibe, ausgerechnet in einem halben Dutzend Linien zusammengestrichen, wäre mit Händen und Füßen über die Ränder des Blattes hinausgeraten, wenn seine Wirklichkeit in Kohle jenseits der Grenzen Bestand gehabt hätte. »Er hängt nach vorn über«, sagte Klaus, »ist das Kreuz abgebrochen?«, und der Vater gestand: »Ich weiß nicht.« Das gefiel dem Sohn übel, und er wollte wissen, warum der Vater das »getan« hätte, auf was er sich mit einem ungeratenen Ansatz zu einem Hohnlächeln abgespeist sah. »Weiß man, was man macht?« fragte nun seinerseits der Vater, aber er befragte sich selbst und fühlte sich zur Ergründung der Ursache angehalten. »Ich weiß nur, daß ich an dem Abend zum Umfallen müde geworden war und den ganzen Kram überhaupt satt hatte; es mögen ein halbes Hundert Zeichnungen vom Blatt gewischt sein, als ich auch noch diese letzte streichen wollte, aber ich war schon zu faul und zögerte einen Augenblick, und so blieb der Christus drauf – – so kams.«

Der siebente Tag, Holzschnitt, 1920/21
25.5 X 35,8 cm
Aus der Folge »Die Wandlungen Gottes«, Schlußblatt Verlag Paul Cassirer, Berlin 1921

Klaus war auch am Ende mit seinem Latein, und der Vater rührte schon die Finger zwischen andren Blättern, als sein Kopf, wer weiß woher, ein Stößlein erlitt und seine Blicke von der Seite her aufs Blatt fuhren. Er fragte den Sohn: »Sieht es nicht so aus, als ob er schwebt?« »Das nicht«, antwortete Klaus, »er fliegt«. – – »Und«, ergänzte Klaus, »es sieht aus, als wäre er am Kreuz angewachsen und das Kreuz trüge ihn.« »Ja«, sagte der Vater, »so sieht es aus, und mit der Neigung nach vorn wird die Haltung drohend, und sein Ausdruck, sein Gesicht, ist, als litte er nicht, wie man ein paar Stunden leidet, sondern als wäre Leiden sein natürlicher Zustand, als litte er und wüßte es nicht anders – – und er und sein Kreuz hängen und fliegen im leeren Raum über alles hin.« Der Sohn nahm es aber genauer und überschlug, daß das Kreuz irgendwo einmal auf der Erde gestanden haben müsse, und wo denn die Erde geblieben wäre, vermutlich unten, und so ginge das Fliegen wohl über die Erde hin, wie der Mond kreise und zur Erde gehöre.

»Ja, ja«, sagte der Vater, »schon recht, so kanns sein; man weiß ja nicht, was man macht.« Aber Klaus, der die Sache an ein faßliches Ende gebracht wissen wollte, bedang sich aus, nun endlich zu erfahren, warum der Vater »das getan« hätte. »Es ist so gekommen«, war die Antwort, und »Ja«, sagte Klaus. »Wäre ich nicht so müde gewesen«, fuhr der Vater fort, »so hätte ich wohl gehofft, etwas Fertiges zu machen und dieses Halbe weggetan, wo Hände und Füße fehlen; dann hätte ich das Kreuz geradegestellt, denke ich, und vielleicht noch für den Jammer der Angehörigen Platz gehabt. Aber weil ich müde war, kam es so, nämlich über den Text hinaus.« »Text hinaus?« unterbrach Klaus, »was für welchen Text?« »Bibeltext«, erläuterte der Vater, »Kapitel so, Vers soviel, nämlich – – und wurde dadurch mehr, meinst du nicht auch?« »Ich weiß nicht, warum ich das meinen soll«, antwortete verstockt Klaus. »So, du weißt es nicht, dann laß es bleiben«, höhnte der Vater, und Klaus brachte hämisch an: »Du kannst es mir ja sagen, wenn du es selbst weißt.«

Der väterliche Daumen und Zeigefinger rieben den Rand des Blattes zwischen sich, ohne daß ersichtlich war, wozu es gut sein mochte. Dabei klappte es nach vorn zusammen und kam auf seine Mitblätter zu liegen, und dann fielen auch die Kiefer der Mappe zu, und die beiden väterlichen Hände faßten sie und stellten sie aufrecht gegen die Lehne des Stuhls. Die väterliche Trostlosigkeit war über ihre Stunde hinausgekommen und unversehens der Vergangenheit einverleibt. Die väterlichen Lippen wölbten sich zu zwei Bogen und pfiffen ein paar lautlose Takte. »Siehst du«, triumphierte nun Klaus, »du weißt es nicht.« »Kann sein, daß ichs nicht weiß«, gab der Vater zu, »man weiß vielleicht gar nichts, aber man kann sich etwas einbilden. Ich kann mir vorstellen, daß Christus am Kreuz hängt und im Angesicht der Erde fliegt und leiden muß, so lange die Menschen bleiben, wie sie sind. Er wartet in seiner Pein, bis seine lieben Christen sich entschließen, ihn, ihren Erlöser, ihrerseits zu erlösen, indem sie anders werden, als sie sind. Aber sie werden eher meinen, daß er sich endlich davonmachen möge, denn sie feiern bald ihr zweitausendjähriges Jubiläum, und das feiert sich ohne Zweifel bequemer ohne Christus als in seiner Gegenwart.«

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