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Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 41
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
projectidf15596bf
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Der Strandwächter

»Halloh!« sagte der Strandwächter und beugte sich weit über die Brüstung, brachte die eine Hand vors Auge – aus alter Gewohnheit, denn er stand früher in dem Dienste des Sommers – und blickte mit seinen Luchsaugen scharf spähend aufs Meer hinaus. Zu gleicher Zeit fuhr seine Rechte unwillkürlich in einen dürftigen Holzverschlag, der zur Seite stand, seinem Spieß und ihm selbst in Mußestunden eine nicht unwillkommene Herberge.

Er hatte Glieder, als wären sie aus dem Felsen geformt, auf dem er stand; steil und schroff ragten die trotzigen Massen, als hätte eine gewaltige Riesenfaust sie als Wall und Feind dem Meere hochgetürmt, fest und unerschüttert Jahrhunderte schon, und in ihren Mienen stand, trotz gähnender Risse und tief einschneidender Sprünge, der steinerne Wille, es auch künftig Jahrhunderte so zu üben. Ein alter Eichbaum hatte sich auf ihnen festgeklammert, ein guter Kamerad in Sturm und Not, mit knorrigem Stamm, kernigen und vielgewundenen Ästen und ankerstarken Wurzeln, die reichten dem Felsen bis ins Herz, mannigfach sich um ihn schlingend und so ihn haltend und von ihm gehalten, wenn heulend der Nordsturm über die See daherbrauste und sein schäumendes, eroberungslustiges Wogenheer gegen sie führte.

»Halloh!« rief der Strandwächter und nahm einen guten Schluck aus der Flasche, »ich glaube fast, sie kommen, hole sie der Teufel!«

Schon mit dem Frühling war er in das Land gekommen, und der Herbst war jetzt sein dritter Herr; er war im Dienste alt und grau geworden und hatte grimmig gelächelt, als man ihm die nördlichste der Wachen anvertraute. Der Winter solle kommen, hieß es rings im Land, und alles hatte sich zum Kampfe wohlgerüstet. Und auch des Wächters scharfe Augen spähten Tag für Tag, und Nacht für Nacht lieh er sein Ohr dem Sausen, das vom Meere tönend über die Klippen fort hinein ins Land fuhr.

Es war ein harter Fluch, der über seine Lippen gebrochen war, und kein leerer! Dort hinten war im Dämmerlicht des Abends schon die Aussicht wüster, als sie pflegte, und Himmel, Meer und Wolken schienen zu verborgener Beratung und Verschwörung verstohlen Zwiegespräch zu halten; ein verhüllender und eisig kalter Nebel stieg empor; der Wächter biß die Zähne aufeinander und ballte seine Faust noch straffer um den Spieß.

Der Mörder, Federzeichnung, um 1911
Im Motiv verwandt mit der Plastik »Der Einsame« Vorzeichnung zur Lithographie »Der Mann mit dem Messer«, 1926
15 x10,5 cm
Barlach-NachlaßVerwaltung Güstrow (Heidberg)

Ein Windstoß kam dahergebraust, wo soeben der Horizont sich in unheimlich schmutzigem Dämmer verloren hatte; es schien, als ob ihn die düstern Mächte dahinten voll Bosheit und Schadenlust erzeugt und zusammengebraut hätten, so zerstörungswütig war sein Ton. Es hatte hier schon stärker gebraust und getobt, aber aus diesem Stoß grollte verborgener Zorn, das war kein eitler Pomp und hohler Lärm, darin lag Stahl und starkgewillter, zweckbewußter Geist; er kältete stärker als der Nebel, kältete bis auf Mark und Knochen! Dann brach er ab, kurz und scharf. Der Strandwächter schaute prüfend hinauf in den Wipfel des Eichbaums; der war auf einmal kahl geworden, als hätten tausend geschäftige Hände seine Zweige leer gelesen, und um ihn flatterten wie Gespensterflügel seine letzten rot und gelb gefärbten Blätter. Auch durch seine Wurzeln hatte es gezogen, ein paar Krumen waren unter leisem Knirschen vom Felsen abgebröckelt und ins Meer gerollt, er selbst aber raffte sich kräftig zusammen, als wollte er sagen: »'s ist nur Katzengewinn, – komm nur wieder und versuch das Spiel einmal im Ernst!«

Der Strandwächter nahm aus seiner Flasche noch einen Schluck, den letzten; er hatte ihn nötig, denn in dem Hexenkessel ferne brauten immer schwärzer böse Geister ihre dunklen, bösen Taten.

Und dann erscholl wie ferner Donnerton sich langsam steigernd wüstes Lärmen. Der Nebel wallte auf, die Luft ward klar, und Stürme füllten tosend alle Lüfte. Tollwütend Brausen rechts und links, auch oben schienen Riesenblasebälge von Riesenhand getrieben ächzend sich zu mühen.

Das Meer zischte, schaumbedeckt im Nu, wie in Empörung gegen den Tyrannen Sturm. Am Felsen donnerte die erste große Woge und flog mit Pfeilgeschwindigkeit seewärts zurück, bis sie die zweite traf, und eine turmhohe Wand von blendend weißem Gischt ward in die Höhe geschleudert und von dem Sturme auf den Fels geworfen.

Der Strandwächter stand da, triefend vor Nässe, aber festen Auges in die Ferne schauend. Er sah es kommen, und er war an seinem Platz!

Weißblinkend kams daher in endlos langen Reihen, des Winters Heer. Da wimmelte es von weißen Barten, langen strähnigen, die weit im Winde flatterten, daß sie glitzerten wie Eiszapfen, und darüber spielten wirbelnd durcheinander weiße, flockige Locken. Tausende von Augen blitzten tückisch unter greisen, finstern Brauen, es drängte, schob und stieß und jagte, es eilte, flog und stob und wühlte – vorwärts! Vorwärts war der einzige Gedanke, der dies Gewühl belebte und durchglühte, vorwärts trieb eine unsichtbare, gewaltige Kraft, vorwärts drang es mit wütendem Ungestüm, mit ungeduldiger, höllischer, taumelnder Freude, gleich der Lawine, die vom Bergabhang ins Tal stürzt, Wälder begrabend, Dörfer zermalmend, ohne von Halt und Hindernis zu wissen: nur vorwärts!

Im Sturm, der sich an des Nordpols Eisbergen gekühlt hatte, kamen sie daher, und Eiskristalle stachen hageldicht den Wächter ins Gesicht. Es sauste und brauste; die Eiche rang mutig mit dem Sturm, sie bog sich heftig, denn er hielt sie fest und stark gepackt, und sie merkte, daß er seine Jugend bewahrt und seine Kräfte gestählt hatte seit einem Jahre, während sie selbst steifer und starrer geworden. Es krachte in den Felsen, und sie stöhnte schwer. Stärker brausten die Wogen, unter dem Anprall zitterte leise der Fels, und immer lauter und toller heulte es in den Lüften.

Der Wächter, von Schneeflocken umwirbelt, stand fest und sah grimmig darein. Er war kein schlechter Mann und verachtete kindischen Starrsinn. Aber »Maß muß sein«, dachte er, »meine Knochen werden alt und die Gelenke steif; ich kann den Nacken nicht mehr beugen, und ich hab auch keine Lust dazu. Hol ihn der Teufel!«

Dieser Wunsch galt dem Winter, dem neuen Eroberer, dem Gewalthaber, der das alte Herrscherhaus vertreiben wollte, um ein Regiment nach eigener Willkür zu errichten.

Der erste Haufe seines Heeres war herangekommen; es waren alte, treugediente Leute, und der Wächter erkannte den einen von ihnen, einen finstern Gesellen, der ihm schon vor Jahresfrist einen bösen Schabernack gespielt hatte. Im fröhlichen Heere des Frühlings dienend, hatte der Wächter aus einem kleinen, heimlich versteckten Dörfchen des Winters rauhe Mannen vertrieben und es sich bequem gemacht im glücklich eroberten Neste; da war ihm dieser hinterlistig, bei stiller Nacht, noch einmal mit Frost und Schneesturm mächtig auf den Hals gerückt und hatte ihm all die sprossende Pracht tückischen Sinnes zerstört. Da hatte der überlistete Alte zornergrimmt Rache geschworen, und nun war die vergeltende Stunde gekommen. Mit starker Faust war der Erste, Beste gepackt und auf den alten Feind geschleudert. Es krachte wie von gebrochenen Rippen – der Wächter stieß ein grimmiges Lachen aus und sprang gewandt zurück, den Spieß ergreifend für den letzten Kampf. Schneesturm und Kampfgetöse drängten auf ihn ein, des Winters Heer flutete unwiderstehlich machtvoll über die Klippen, und das Dunkel der Nacht senkte sich auf den Strand.

Selbstbildnis, Kohlezeichnung, 1928
31,5 X 23,5 cm
Barlach-Haus, Hamburg-Kleinflottbek (Sammlung Reemtsma)Im Jahr der Herausgabe des »Selbsterzählten Lebens« entstanden zahlreiche Selbstporträts als Zeichnungen und Lithographien

Ein großer, altersgrauer Rabe war am nächsten Morgen der erste Gast des Strandes; von breiten Schwingen getragen, kam er über die Felsen geschwebt, wie immer bei dämmerndem Morgen: denn er war des Alten liebster Freund und gewohnt, sich auf seiner Klippe das Frühstück zu holen. Heute gabs für den alten Raben noch mehr zu spähen als nach dem gewohnten Futter. Über Nacht hatten Klippe und Strand ein anderes Kleid angezogen. In den Vertiefungen hatte sich der Schnee gehäuft, die dürftigen Grashalme waren vom Frost gebräunt, und nun schüttelten sie sich und zitterten vor Kälte; und wo das nackte Gestein hervorsah, schien es selbst den grauen Winterhimmel zu rühren, wenigstens gab er sich alle Mühe, für ein wärmendes Flockenkleid zu sorgen.

Endlich ließ sich der alte Rabe im Gezweig eines Eichbaums nieder, der vom Sturm entwurzelt den morschen Bretterverschlag in Trümmer geschlagen hatte. Darüber hatte der Schnee eine weiße Decke gebreitet. Der Rabe hackte mit seinem Schnabel hinein, aber anstatt auf Futter pickte er zuerst auf die harte Spitze des Wächterspießes und dann auf eine erstarrte Menschenhand.

Der arme, alte Rabe stieß ein betrübtes Krächzen aus, wie er alle diese Zerstörung bemerkte; dann sah er sich noch einmal prüfend um und sagte mit polternder Stimme: »Hols der Teufel!« Das war seines alten Freundes Lieblingsfluch, den er sich als für alle Vorkommnisse des Lebens wohlgeeignet gemerkt hatte.

Dann schwang er sich langsam, verzagt und mißmutig wieder in die Lüfte, warf noch einen melancholischen Blick nach unten und segelte in südlicher Richtung davon.

Im Norden aber hatte der siegreiche Winter seine Herrschaft begonnen.

Wandernder alter Mann, Detail aus der Grablegung (Totenklage), Relief, Eichenholz, 1917
Gesamtgröße: 62,5 X 75 X 9,5 cm
Städtische Kunstsammlung Karl-Marx-Stadt (Museum am Theaterplatz)

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