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Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 40
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
projectidf15596bf
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Nicht datierte Fragmente

Aber ihr könnt euch denken, wenn die Sterne über unsern Häuptern Mißlingen und Fehlerfolg aus ihren unglückgeschwellten Leibern nieder schütten, daß ich dann mein Handwerk und mein Tun mit keinen Festtagsbegriffen und mit keinen Frühlingsgleichnissen ausschmücke und von den goldenen Gedanken meines Schädels und von der Gedankensaat im furchtbar-fetten Tone nicht reden und rühmen mag. Dann wird im grauen Lichte des nüchternen Werktags verdrossen gedacht und gedacht und das Schädelerdreich und das gedankenbergende, gedankenspendende graue Gehirn um- und umgegraben, bis alles leer und erschöpft und vertan ist und die zähe Hoffnung, die nicht abließ zu treiben und zu spornen, doch abläßt und niedersinkt, und den Blick abwendet von ihren Zielen.

Barlach: Fragment »Arbeit«

Verliebte Reverenz, Holzschnitt, 1922
7,8 X 9,1 cm
»Walpurgisnacht«, Schlußblatt

Aus den Erlebnissen des jungen Humors

Ein junger Mann muß die Welt kennen lernen, hatte man dem Humor gesagt; der war gleich bereit zu reisen, und weil man ihm Paris vor allen andern Plätzen der Welt gerühmt hatte, so war er da, ehe er eigentlich wußte, was es in Paris Sehenswürdiges gab und was er dort beginnen sollte – nun, seine Abenteuer waren bisher immer glücklich abgelaufen, und es wäre ganz unhumoristisch gewesen, wenn diese Regel bei Paris eine Ausnahme gemacht hätte. Wohl ließ es sich in den ersten Tagen so an, und er erlebte so schreckliche Dinge, daß wir sie lieber erzählen wollen, wenn wir einmal recht ernst und gefaßten Gemüts sind; aber schon am dritten Tage machte er eine Menge Bekanntschaften und traf obendrein einige Freunde, ja sogar einen Onkel, von dem er bisher noch nie gehört hatte. Gegen Abend geriet er bei einem Spazierfluge auf den Concordienplatz. Da saß eine Reihe vornehmer Damen aus Stein in weitem Rund; wie es schien, waren sie Schwestern. Die jüngste hieß die Stadt Straßburg und war das Lieblingstöchterchen des Concordienplatzes; der warfen die andern allerlei Hochmut und eitles Sinnen vor, denn sie war herrlich geschmückt, über und über von Kränzen verdeckt und mit dreifarbigem Zierat beflaggt. Wie sollten auch die Schwestern in grauen Hauskleidern das ertragen! Sie hatten mit giftigen Blicken ein gefährliches Netz über den Platz geknotet, darin hingen zappelnd allerlei Gefühle, die in den Kränzen der jüngsten Schwester nisteten – Gefühle in Trauer- oder Halbtrauerphrasen, die litten schrecklich in diesem Gewebe scharfsaugender Blicke und haßheißer Gedanken, und die zartesten von ihnen waren schon ohne Besinnung.

Andre waren froh, ihren Kleidern entschlüpfen und splitternackt davonflattern zu können; dann hockten sie auf den Dächern der nächsten Gebäude und schauten frierend auf ihre reizenden Kostüme herab. Sie schämten sich sehr, und es war ein großer Skandal, denn es stellte sich heraus, daß die meisten gar nicht in ihre stattlichen Sachen paßten und spitzknochig, wie sie gewachsen waren, nur klägliche Figuren machten.

Den Humor faßte inniges Mitleid mit den Gefühlen, die da noch im Netze zappelten; er lieh sich von der einen Fontäne den längsten Wasserstrahl und holte damit mehrere von ihnen, die am lautesten nach Rettung schrien, herunter. O Gott, wie sahen die armen Dinger aus! An den Phrasen waren die Glanzstellen herausgebrannt, die kühnsten Wendungen geplatzt, und die mageren Stelzbeine und spärlichen Schwungfedern zeigten haßunterlaufene Beulen und zur Unkenntlichkeit versengte Posen.

Es war so schrecklich wie möglich, und der Humor war im Begriff, die armen Schreihälse wieder in ihre Nester zu setzen, als ihn eine Stimme aus der Höhe anstieß. Er blickte auf und fuhr zusammen, denn der da von oben herabschwebte, war ihm wohlbekannt, und Erinnerungen aus der Jugendzeit stürmten schrecklich durch sein Gemüt: es war ein alter Lehrer von ihm, der Autoritätenglaube, Kunst- und Naturforscher ersten Ranges. Er war im Jagdkostüm und trug einen Kätscher in der Hand; seine Jagdtasche war dick gefüllt mit Flattergeistern aller Art.

»Sie haben da einen kostbaren Fang gemacht«, sagte er und nahm dem Humor die verbrannten Gefühle aus den Händen; und wie er ihnen die Glieder ausrenkte und mit scharfen Blicken hier und da anschnitt, um Klasse und Ordnung zu bestimmen, schauderte es den Humor vor dieser wissenschaftlichen Grausamkeit. Der Autoritätenglaube murmelte einige lateinische Namen vor sich hin und packte seine Gefangenen, wie sie auch kreischten, zu den übrigen in die Tasche; dann drückte er seinem alten Schüler die Hand und erkundigte sich freundlich nach seinem Ergehen – wie es ihm denn in Paris gefalle, und ob er schon den Klub der deutschen Ideen auf dem Triumphbogen besucht habe – nein? – so könne er mit ihm kommen, denn er sei gerade auf dem Wege dahin.

Dann plauderte er lebhaft von seinen Fängen: es war ihm gelungen, einige recht gut gewachsene Exemplare einer besonderen Art von Flattergeistern zu kätschern, einer Gattung, über deren eigentümliche Entstehung er dem Klub von ihm neu ersonnene Theorien vorlegen wolle. Das waren die Lieblingsträume oder sehnsüchtigen Gedanken, eine Variation, die in fremden Ländern entsteht und deren Eier in französischen Romanen und Schilderungen des Pariser Lebens durch die heiße Phantasie lesewütiger Damen und abenteuerdurstiger Jünglinge ausgebrütet werden. Da ist es nun höchst interessant, die Stärke der ersten Jugendeindrücke zu beobachten, den geheimnisvollen Einflüssen des Geburtsortes nachzuspüren, denn alle diese sehnsüchtigen Träume – er wolle einen klangvollen lateinischen Namen dafür schon finden – weilen und wesen gerade an den Stätten, wo sie als einfache Eier in den Schilderungen des Buches gelegen haben. Seine Exemplare hatte er im lateinischen Viertel gegriffen, in den Ateliers der Künstler und in den Wohnungen der Studenten. Doch gibt es sie überall; am meisten auf den Boulevards, aber da sind sie gemein wie Spatzen, einer genau wie der andre.

Nun waren sie vor dem Klub der deutschen Ideen angelangt, und während das Rauschen des Equipagenstromes, der vom Concordienplatz am Triumphbogen vorbei ins Boulogner Gehölz floß, den stolzen Bau wie ein wallendes Gewand umwogte, schwebten sie hinan.

Auf der Plattform waren schon eine Menge Ideen versammelt; zerstreut und für sich einige, andre zu Gruppen geballt und um die Tische gerundet. Einzelne Einsame saßen auf der Brüstung, still und geduldig, denn es war Angelzeit, und sie hatten ihre Blicke in das Häusermeer zu ihren Füßen hinabgeworfen und fischten zum Zeitvertreib nach allem, was etwa anbeißen würde.

Als die Versammlung den Autoritätenglauben erblickte, gab es eine stürmische Begrüßung, denn er war Klubpräside und hochangesehen; und wie sich alles um sie drängte, erkannte der Humor unter der Menge manch bekanntes Gesicht. Da waren besonders die beiden voreiligen Schlüsse, Zwillingsbrüder und Jugendfreunde des Humors aus dem Heimatsdorfe, zwei schwächliche, hochaufgeschossene Jünglinge. Die waren sehr vornehm geworden und hatten sich in Berechnung der wahrscheinlichen Änderung der Mode Gehröcke mit so langem Schick machen lassen, daß er auf der Erde schweifte. Wie fast alle Landsleute in der Fremde hatten sie ihre Originalität nach französischer Sitte stutzen lassen und sich ein modisches, blitzblankgebürstetes hohles Ideal aufgesetzt.

Sie waren sehr geniert, als sie den Humor im leichten Reiseanzug erblickten; sie begrüßten ihn herablassend und förmlich, und als sie sahen, daß ein paar andere Ideen sich um ihn drängten und sich seiner anzunehmen schienen, verloren sie sich leider im Gedränge. Diese aber, die sich so unbemerkt herangestohlen und ein schäbig-elegantes Aussehen hatten, schienen dem Humor sehr fragwürdige Wesen zu sein. Sie wollten ihm alles zeigen und horchten hoch auf, als er begann, ihre zahlreichen Fragen zu beantworten. Aber als im selben Augenblick ein stattlicher Geist um die Ecke bog, ließen sie schnell ihre freche Haltung fahren und liefen eilig und würdelos in lächerlichem Trabe davon.

»Was sind das für welche?« fragte der Humor durch sein lautes Lachen hindurch den Geist, dessen zickzackige Augenbrauen und durchdringende Blicke ihm gefielen. Der sah ihn mit besonderen Augen an und zeigte ihm eine Reihe blitzender Zähne mit freundlicher Miene. »Sei bescheiden, mein Junge«, sagte er, »du siehst, ich habe ein gutes Gebiß – ich bin der Witz, wenn du noch nicht von mir gehört haben solltest; die da gelaufen sind, das sind gar keine eigenen Ideen, und es ist gut, daß ich kam, sonst hätten sie dich rein ausgeplündert, die Bauernfänger, sie kennen und fürchten mich wie alle und wagen sich nur in den Klub, wenn ich auf Reisen bin. Und wer bist du?« Der Humor nannte seinen Namen und berichtete, woher er stammte. Da musterte ihn der Witz noch einmal vom Kopf bis zu den Füßen und nannte ihn seinen Neffen. »Komm, erzähle mir von diesem Dorfe«, sagte er, und sie nahmen sich unter die Arme und gingen plaudernd auf und ab.

Der Humor sah, daß sein Onkel hochgeachtet und noch mehr gefürchtet war, denn viele Ideen wichen ihnen aus und taten, als hätten sie sich plötzlich anders besonnen. Andre kamen heran, erkundigten sich höflich nach seinem Ergehen und waren froh, wenn sie von ihren Freunden gerufen wurden.

Der Witz lächelte, als ihm der Humor erzählte, durch welchen Zufall er heute hier sei und in welchem Verhältnis er zum Autoritätenglauben gestanden. »Das ist ein Paar!« sagte er, »dein Lehrer und sein Busenfreund, die Idee von Glück, ein widerwärtiger Junggeselle, stolz auf seinen Adel. Du siehst ihn an seiner Seite sitzen mit dem matten Blick und der flachen Brust. Er hat sich wie gewöhnlich an Delikatessen übernommen und leidet chronisch am Magen; trotzdem schwört er weiter auf seine Leckereien – komm, ich will Dich ihm vorstellen.«

Und wie sie näherkamen, entstand eine allgemeine Bewegung; dem, der gerade sprach, brach das Wort kurz über dem Vokal und fiel mit klappernden Konsonanten auf den Vereinstisch. Vorsichtig begrüßten der Autoritätenglaube und von Glück den Witz. Auch die Bierideen drängten sich herzu; sie kamen von einem »gemütlichen Farbenbummel« und regten sich gewaltig auf, als sie von dem jungen Neffen des Witzes hörten. Denn sie gaben vor, ebenfalls seine Verwandten zu sein, und pochten heftig auf diese Eigenschaft. Aber das Geräusch ging um, es sei kein wahres Wort an ihrer Behauptung und alles eitel Prahlerei.

Die Stunde war gekommen, wo die offizielle Klubsitzung ihren Anfang nehmen sollte; eine frische Generaldebatte wurde angezapft, und der Autoritätenglaube nahm seinen Ehrenplatz ein. Der Witz winkte dem Humor, sich zu ihm zu setzen; da war noch ein anderer Geist, alt und griesgrämlich, der mit dem Witz auf Du und Du stand ... »der Pessimismus«, sagte der Witz, indem er den Humor zwischen ihm und sich niederzog, und das war die ganze Vorstellung. Und nun, da die Ergüsse in schäumenden Perioden kreisten und die wackeren Zecher sich gegenseitig Mut und Kraft erzeugten, ward als einleitende Förmlichkeit eine herrliche, alte Gepflogenheit deutscher Geister beim Festgelage geübt, jetzt begann ein allgemeines Werfen von Grobheiten, auch Wahrheiten genannt, deren jeder eine Tasche voll bei sich führte. Huissa! da ging es lustig her! Da flogen manchem so dicke Grobheiten an den Kopf, daß ihm der Schädel brummte und das innerste Gemüt blutfarbig zutage trat. Vor allem war es der heroische Bombast mit seinem Eisenschädel und hervortretenden Glotzaugen, der sich bei dieser Feier hervortat und seinen Ruf als erster Grobian glänzend bewährte. Seine Geschosse waren die größten, und er las im Umsehen einen Arm voll Grobheiten vom Boden auf, wenn die seinen zur Neige gingen, um sie in ganzen Lasten wie vernichtendes Hagelwetter auf Vereinstische und Klubgenossen niedersausen zu lassen.

Der Humor zechte tüchtig mit und vergaß schnell die Abenteuer der ersten Tage in Paris. Der alte Pessimismus hatte augenscheinlich seine helle Freude an ihm und taute schnell aus seiner starren Versunkenheit auf. Ob er nicht werfe? fragte er den Humor und bot ihm seine eigene Tasche, als der Humor erklärte, daß er nur auf der Durchreise und ohne viel Gepäck sei. Es war ein wahres kleines Komplott, denn die beiden alten Freunde ließen nicht ab, ihm ermunternde Rippenstöße zu geben und ihn anzufeuern, ordentlich auf den Autoritätenglauben zu zielen.

Der Pessimismus war einer von den wenigen, die ihre alten Hüte beibehalten, und nachdem er mehrere Perioden voll berauschender Gedanken hinuntergestürzt hatte, rückte er den formlosen Deckel schief und saß trotzig und grimmig da. Seine Augen funkelten verächtlich, wenn er die hohen Ideale seiner Landsleute erblickte. Unbemerkt ließ er einige Sarkasmen in die Tasche gleiten, aus der der Humor seine Grobheiten entnahm. Die Sarkasmen waren des alten Pessimismus Lieblingswaffen und scharfe Geschosse; aber da er sah, daß der Humor eine glückliche Hand hatte, so ließ er ihn, der keine Ahnung hatte, was ihm statt der stumpfen Grobheiten plötzlich in die Hände geriet, ruhig einige von den gehaßten Idealen zerlöchern. Das gab eine große Bestürzung unter den Mode-Ideen; einige näherten sich mit drohend geschwungenen Behauptungen und überhäuften den Pessimismus mit Vorwürfen und Schmähreden. Der aber saß in sich zusammengesunken ungerührt da und zeigte ein Lächeln, das sich ausnahm wie Zähnefletschen. Da ließ man ab von ihm, denn er galt für unglücklich und verrückt, und man wußte, daß er große Lust hatte, mit Sarkasmen zu schießen, wenn er sich so gebärdete. Mitten in den Sturm der Grobheiten hinein warf der Autoritätenglaube jetzt die ganze Ausbeute seiner wochenlangen Streifzüge. Hui, wie das im Wirrwarr schwirrte und nach allen Seiten zu entflattern versuchte, wie die Schwingen durcheinanderwühlten und die Flügel klatschten! Aber die Ideen waren schneller und griffen zu, und nun wanderten die seltenen Exemplare von Hand zu Hand.

Sehr viel Teilnahme erregte ein geheimer Liebesseufzer, dessen Fang dem Autoritätenglauben nur mit Aufbietung seiner feinsten Jagdgriffe geglückt sein konnte, da er flüchtig war wie ein Windhauch und ungreifbar wie ein Dämmerschatten, ein herrlicher Nachtflatterer mit weichen, schweren Flügeln, mit zitternden, mondfarbig glänzenden Tastern und einem sanften, warmen Schimmer über den ganzen Körper. Eine häßliche philosophische Schrulle wollte sich gar nicht in ihre Gefangenschaft fügen und biß und kratzte nach Leibeskräften um sich; für die interessierte sich der alte Pessimismus ganz besonders. Er nahm sie einem der voreiligen Schlüsse, der mit ihr spielen wollte, aus den ungeschickten Händen, denn sie hatte seinen langen Schick besudelt und ein tiefes Loch in sein mageres Gemüt gebissen. Er wußte besser mit derartigem wilden Geflügel fertig zu werden; er goß ihr den Satz aus seiner Periode in eine Untertasse und war kindlich vergnügt, als sie nach kurzem Schnuppern und vorsichtigern Probieren mit Wohlbehagen und in gierigen Zügen zu schlürfen begann. Er strich ihr liebkosend über die struppige Theorie, und nach kurzer Zeit hatte er sie so weit, daß sie sich zusammenrollte, schnurrte, zufrieden neben ihm lag und mit ihrem Schatten spielte.

Das war ihm eine Herzensfreude, und während der Autoritätenglaube seinen Vortrag über die Entstehungsweise der Lieblingsträume hielt, erzählte er dem Humor, daß er schon lange gewünscht, sich ein Luxusmotiv dieser Art zu zähmen; deshalb solle es ihm auf einige Sarkasmen mehr oder weniger nicht ankommen, wenn der Autoritätenglaube das Tier dafür hergeben wolle.

Als der Vortrag beendet war, brach der Abend vollends herein, und die Wagenflut zog sich wieder bis hinter den Concordienplatz zurück und zerrann in den vielverzweigten Kanälen der Pariser Straßen. Und nun, da es dunkler und dunkler wurde und der weiche Dämmerschein alles mit leisem Bogen dichter und dichter umhüllte, begannen die funkelnden Augen zu ermatten, und die aufgeregte Sprache der Parteien ward müde und schläfrig. Ein Verlangen nach Schönheit und Poesie vereinigte alle in sanftem Zwange und wandte die Blicke nach außen, damit sie in der wundervollen Ferne schweiften und aus dem Getriebe abendlicher Dunstgebilde eine Fülle von Sehnen und Schwärmen bewundernd sogen. Das große Häusermeer ebbte mählich zur Ruhe, und als die beiden voreiligen Schlüsse sehr hübsch ein Duett in die Abendstille hineinsangen, da fühlte sich selbst der alte Pessimismus von stiller Schwärmerei ergriffen und ließ die rollenden Augen unablässig den verschwommenen Horizont entlangschweifen. Die Größe und Schönheit der vom gewaltigen Tagewerk ermatteten Riesenstadt erzeugten in seinem erhitzten Schädel eine wilde Jagd von berauschten Phantasien, die in wilder Freude tobend und jauchzend über die Ebene dahinstürmten; denn der Anblick erinnere ihn an frühere Tage, sagte er zum Humor, es sei wie seine heimatliche Moorwiese mit ihren Flächen und Gräben, mit ihren Abendnebeln und schwarzen Sumpflöchern, wo er die Irrlichter gehetzt habe, wenn sie im verlockenden Glänze überm Unergründlichen getanzt ... Da hätten die alten Tanten von Weidenstümpfen geragt wie die Kirchtürme hier; aber nicht mit Glockenstimmen hätten sie ihre Märchen erzählt, sondern mit groteskem Augenfunkeln und röchelnden Stimmen, daß ihm Angst und Bange geworden – ja, das waren Zeiten.

Einzelne Gruppen der Ideen zogen die Tische bis dicht an die tiefgezackte Brüstung und schwärmten so von steiler Höhe mit begeistertem Gesang, und eine Schar junger Feuergeister knallte eine Rakete nach der andern in die Luft. Das war gefährlich, denn es saß ein dichterischer Genius unter ihnen am Tisch mit unförmlich dicker Phantasie, und das ist bekanntlich ein furchtbarer Sprengstoff. Aber da alle lustig und bezecht waren, so achtete man darauf nicht und feierte tollausgelassenen Wesens die herrliche Nacht.

Und der festliche Jubel hob sich höher und höher und breitete sich aus über diesem unheimlichen und entzückenden Paris, schwebend und nach allen Seiten sich verbreitend wie die aus feuriger Tiefe entstandene Wolke eines Vulkans von Begeisterung und Phantasie ...

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