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Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
projectidf15596bf
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Artistes de l'âme

Sonntag, alle Mädchen haben neue Kleider und reine Wäsche an. Einen Fuß über dem Pariser Pflaster rauscht es von Seidengebüsch, blitzt es von bloßgelegtem Innern. Die Seine ist grün. Rue St. Lazare à la Bodinière; Frackmänner und weiße Wäschewesen, steife Leinenbretter vorm Busen, an der Kasse. Ich schwimme in einer Flut von Eleganz, von schwärzestem Schwarz, weißestem Weiß, das Neue und Ungebrauchte schlägt mir über[m] Kopf zusammen. Die Reinfarbenen, die Tadellosen graulen sich vor mir; wo ich stehe, fault dieses irreprochable Gewühl von Damen und Herren. Ich, leider habe ich meinen Heiligenschein zu Hause vergessen, bin gar nicht geniert.

Monsieur Viberts »Büste de Madame Julia Miahle«. Sie ist sehr ähnlich. Nicht ganz so diskret wie den Abend mit Schleier und schwarzem Anzug bei dem kranken Dichter. Seine Visionen sind sehr ungekämmt; leider brauche ich meinen Kamm selbst für meine Mähne, sonst würde ich dem armen Schwärmer anbieten, ihn herzugeben. Er könnte sich eine nette Portion Visionen aus dem Haar kämmen. Vielleicht tut Merkurialsalbe auch gute Dienste. Den Vorschlag vergaß ich, ihm zu machen. Karl hätte sicher dran gedacht. »Aurore des Alpes« schwebt im Nebel zwischen zwei Bergspitzen. Von Monsieur Vibert, sculpteur.

Was sollen die Leute zu Carlos Schwabe sagen? Das ist doch gewiß – was sagt doch ein Franzose höflich statt höherer Blödsinn? Herrliche Sahneweiber wühlen im blauen Wasser. Das ist kein reines Wasser, es würde Schlamm und Schmutz sein, wenn die Schlingpflanzen in großen Blüten nicht so ideal aquarelliert wären, die auf und unter der Oberfläche schwimmen. Die Mädchen brauchen nicht zu schwimmen, sie liegen im pflanzendurchwirkten, unergründlichen Blauwasser; sie tauchen nach Belieben, hoch und tief. Was stellt das Ganze dar? »Le destin«. Was kümmerts mich? Der Engel, der dem Kinde, das in seiner Wiege wie in einem kleinen Kahne heranschwimmt, ein Paar kleine Flügel beschert, ist schön. Auf dem Felsen, der aus dem Pflanzenwasser herausragt, sitzt sie; wer? Na, wahrscheinlich le destin. Zu einem Pult wächst ein zweiter Felsen hoch, worauf ihre Maschine steht. Ich kann sie nicht beschreiben, weil ich kein Ingenieur bin. Einen Namen dafür gibt es nicht ...

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