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Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 34
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
projectidf15596bf
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Fragmente aus Wedel

1902–1903

Die Vision, Relief, Eichenholz, 1912
Obere Platte: 79 X 98 cm, Sockelplatte: 40 X 57,5 cm.Werkmodell des »Schwebenden« beim Nachlaß in Güstrow mit Barlachs nachträglichem Vermerk: »Freiheit die ich meine, 22. März 1933«; es war das Datum, an dem er erstmalig von den Konzentrationslagern erfuhr. 1935 verwendet im Entwurf für das Grabmal Theodor Däubler
Galerie des 20. Jahrhunderts Berlin

Gebet

»Himmel und die Welt!« Das ist ein Gebet und klingt wie ein Fluch, denn in meiner Erinnerung ans Vaterhaus waren solche Worte das mütterliche Gegenstück zum väterlichen »Donner und Doria!« Mir, umhangen von den vertrauten Falten meines grauen Berliner Philosophenmantels und gar nicht zermalmt von der wuchtenden Last der Nichtachtung meiner lieben Stadt, wallen diese Worte über die Lippen wie Gebet, die erstbesten der stets bereiten Schar innerlicher Freuden- und Lobsprüche zum Himmel; und sie sind ganz wohlgesetzt für einen einsamen Wanderer durch schweigende Mondnacht übers blanke Feld, sagen alles und schlagen dem brünstigen Verlangen der Erde eine Brücke zum Himmel. Mir ist, als ströme durch mich Einsamen die ganze drängende Gewalt alles Lobes und Dankes der unendlich gebreiteten und mit allen Gedanken und geheimem Sehnen dem Himmel hingegebenen Erde, als war mein einsames kurzes Gebet der Funke Gefühl, dessen Sprühen und Steigen den Anstoß gab und den Weg wies der aufgestauten und hochgeschwollenen Inbrunst der Urmutter unser aller gegen die Größe und Herrlichkeit ohne Ende. Denn wir Blüten dieses Bodens saugen von untenher und empfangen von oben Leben und Lieben, wir wissen zu glühen und zu strahlen in kurzen Stunden der Weihe, und wer so urplötzlich, von Himmelskuß und -schöne geweckt, aufbricht und aufleuchtet und hinaufdringt mit allen heftigen Gefühlen, der lüftet auch von den Quellen der Tiefe die Schwere und öffnet ihrer Springkraft die freie Bahn. Und so strömte es hin durch mich wie die unendliche Gewalt verhaltener Sehnsucht aller Welt ringsherum; denn einmal sprudelnd, quillt das ohne Ende. Ich einzig Lebendiger ringsum auf Schauweite empfing in mir den Kuß von Himmel und Erde, und die Sehnsucht von unten, die Liebe von oben glühten in mir und strömten durch mich und segneten mein Herz mit übermächtiger Güte.

Der Asket (Der Beter), getönter Gips, 1925
42 X 19,5 X 21 cm
Barlach-Nachlaßverwaltung Güstrow (Heidberg)

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