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Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 33
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
projectidf15596bf
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Die Bildhauer gehen über Land

Was Wunder auch, der Mißmut geht ja um im Land, der Maler und Bildhauer am lebendigen Fleische, der Spezialist für Runzelfalten zu meißeln und der Virtuos für Kümmernisschatten und Griesgrämlichkeits-Grau aus vollen Farbtöpfen auf die Gesichter zu pinseln. Er hat so viele Schablonen wie Kunden und bedient alle Gesichter auf das Beste ganz nach der besonderen Eigenheit der Vergrämten und Gequälten. Was Wunder auch, daß wir Maler und Bildhauer am toten Gestein und kreidiger Leinwand feiern müssen und aus Langerweile über Land laufen wie der vielgeschäftige Mißmut aus Beruf!

Ja, wären wir Bildner und Auffärber am lebendigen Fleische wie die Barbiere und Friseure! Könnten wir den eitlen Kunden und den häßlichen Weltbewohnern wie dem toten Gestein am lebendigen Nasenfleische, an Augen und Wangen, am Knochenbau des Schädels und überall, wo es fehlt, mit mühsam erlernten, schönheitschaffenden Handgriffen Dienst leisten, der Mißmut mit seinen Griesgramfarben und seiner nur auf Runzelfalten eingemeißelten Hand müßte feiern und liefe, ein echter Bankerottierer, ein Bettler, um Beschäftigung für Hungerlohn umher und würde mit Schimpf und Schande ungespeist und unbemitleidet von allen Türen gejagt. Da könnten wir vierspännig auf Praxis fahren und hätten in seidenen Kästen goldene Meißel und silberne Klöppel, und unsere Rechnungen schickten wir mit reitenden Kassierern in Postillonsröcken den Kunden vor den Operationen in die Häuser!

In solchen Wolkenkutschen rollen wir über den Himmel und besichtigen unsere verschiedenen Schlösser ebenda und aus demselben Himmelsgestein; und haben doch selbst unsere Mienen von diesem elenden Kunstkollegen mit Jammersalbe verdüstern und unsere Stirnknochen von seiner Meißelschärfe zerklüften lassen und eine Anklageinschrift in Mißmutshieroglyphen dreinritzen.

Aber auf der Wolkenkutschenfahrt, wie wir uns gegenseitig den Spiegel vorhalten, durchschauen wir die Torheit solcher Modefrisuren, und wie die blanke Sonne auf unseren Mienen die Falten und Runzeln mit Strahlen verdeckt, erkennen wir die Stilwidrigkeit solches Aufputzes und empfinden mit farbfrohen Augen die Griesgrämlichkeit in unseren Gesichtern als Schmutzflecke in der Natur, und der Anklagestil der Hieroglyphenschrift auf unseren Stirnen fügt sich mit seiner verschnörkelten Formgebung nach dem Muster verflossener Jahrhunderte unorganisch in die heitere Sonnenwelt, die Sommernachmittagsgegenwart hinein. Und begeistert wie alle jungen, eitlen Leute von neuen Kleidern und Moden, heißen wir die Sonne schnell alles Mißschöne an Farben ausbrennen und alle Mißmutbuchstaben, alle Griesgramhaken und krausköpfigen Sinnzeichen auf der Stirn und in den Mund-, Nasen- und Augenwinkeln, tief hineinversenkt mit Klammern ins Fleisch, ausreißen und abbeizen.

Haderndes Paar im Regen, Holzschnitt, 1922
9,3 X 13,2 cm
»Der Findling«, Blatt 2

Und wissen ganz gut dabei, solche Sonntagsmienen sind des Menschen eigentlichste Tracht. Jeder verlangt sie vom andern und sieht ein, alle Mienen nach Mißmuts-Zweckbegriffen sind Geschmackssünden, und verachtet und meidet den, der sich aus der Griesgrämlichkeit seiner Gesichtsfrisur zur Mißmutskundschaft bekennt.

Wir Überland wandernden Bildhauer und Maler, wir Schönheitsjäger von Beruf, wir hantieren notgedrungen und experimentieren am berufensten an unseren eigenen Gesichtern und wenden an unserem eigenen Leibe die erjagten und erlisteten Schönheitsregeln an. Denn die mürrische Schmutzfarbe unserer Gesichter enttäuscht alle, die an unsere Wunderkunst den Geldbeutel wenden sollen.

So mürrisch und verzagt, scheinen wir die Schicksalsschläge wohlverdient zu haben, und wenn wir vom Glück am Ohr gezaust sind und geschüttelt, scheint es unseren Kunden, als war uns das uns zukommende Maß wohlzugemessen, wenn wir die Ohren hängen lassen. Und dann wendet uns kein- und keiner ein Mitleid oder einen Anteil zu, beileibe nicht; darum die Mundwinkel hoch und ganz wie ein Glückslächeln aus Stein in Fleisch und Knochen Freude und Behagen geschienen! Denn diese bekannten und abgeleierten und banal gemeißelten Rundbogen im Gesicht, die das Publikum liebt in der Kunst, die liebt es auch im Leben.

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