Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Barlach >

Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 32
Quellenangabe
pfad/barlach/fragment/fragment.xml
typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
projectidf15596bf
Schließen

Navigation:

Mondscheinspuk

Nächtlicher Heimweg vom Dorfe auf Deiches Rücken entlang, die Sohlen tappen mit Wonne im Wiesengrün! Und das tauige Gras, von Mondesstrahlen durchwirkt, und die leise leisen, Hand an Hand gefaßten Nebelgeister aus den Wassergraben und aus den feuchten Morästen und Sumpfkammern treiben Mondspuk, und wir Heimgänger vom Dorfe und vom stillen Sommergarten der Dorfschenke verscheuchen mit unsern wilden Gebärden oben auf dem vielgewundenen Deichrücken keinen Grabengeist und kein zartes Wiesennebelchen vom sehnsüchtigen Wiegen und Schweben und vom geheimnisvollen nächtlichen Spuktreiben der mondhellen Nacht.

Denn wir sind ihnen nicht unverwandt mit unserm Hexentanzschritt, unserm Schwärmerwesen. Sind wir doch auch freigelassene Seelchen aus Dunstmorast und bei Tage Eingekerkerte in qualmvergifteter Kammer der Großstadt; und gleich den Gebannten der Moräste erlöst uns der Abend, und wir tanzen gleich den Feierabendnebeln über der Wiese auf dem Deichpfade entlang dem Flusse, mitten im Reigen geschlungen und hineingezogen ins stille Wogen der Abendseelen aus den feuchten Gründen. Der Mondscheinspuk verzaubert uns und die in der Zauberferne schwelgenden Augen, erlöst uns vom Stadt-Bann und Dunstmorast-Elend, und wir fühlen uns in der allgemeinen Spukstimmung als wahre Zauberer und tanzen begeistert übernatürliche, gespenstische Hopser.

Wie wir von den Nebelseelen und ihren feuchten Stuben schauerlich dichten, so besingen die Froschbarden in den Sümpfen, diese unermüdlichen Quak-Poeten, Stadt und Herkunft und geheimnisvolles, unergründliches Wesen von uns Schwärmern längs dem Deiche.

Der Mondscheinzauber umfließt unsere Leiber und erlöst uns von Schwere und Körpertum. Im Mondglanz gleichen wir Schatten aufgelöster Erdenbegänger, schwarze Seelen, aus schwarzen Kerkerleibern geschlüpft; wie die Freuden- und Freiheistlüste aus Gefolterten und Beladenen selbst tanzen wir schwarz hingerissen gegen den hellen Nachthimmel wie wilde, freudentaumelnde, scharfgeschnittene Schattenbilder.

Glückliche Stätte erlöster Seelen zum Freiheitsübermut, zum Festtanz im Überschwang unirdischer Wonne, überirdischer Freiheit! Die flachen Wiesen ein Festplatz und Sammelort stiller Geister; der Deich am Fluß entlang ein Saumpfad.

 << Kapitel 31  Kapitel 33 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.