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Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 31
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidf15596bf
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Vom Abend geletzt

Um alle Mühseligen und Beladenen schlägt der Abend seinen Dämmermantel, und auch mir von Tagestoben und seinen harten Griffen von allem Mut Gebrachten betupft er mit seiner Trostwatte die schmerzenden Stellen und kühlt und beruhigt mein Angstfieber und gibt mir mit heilkundiger Hand vernünftige Bedenken einzunehmen und schenkt mir aus seiner Altertumssammlung urehrwürdige Philosophien zum Anschauen und Behalten und Studieren.

Oh, der Abend hat seltene Talente; oh, er ist wahrlich ein Verführer und Kirremacher des spröden Glücks, ich lobe ihn und liebe ihn, und ich möchte auf seine Eigenheiten klingende Reime ersinnen, – und wenn ihr das Neueste wissen wollt, er ist mein Vereinsbruder, ein Mit-Maurer in einer freien Genossenschaft gleicher, glückslüsterner Seelen.

Alle, die so wie ich vom Tage oder Tagesknechten gehetzt sind, die sammelt der Abend zu friedlicher Gemeinde und herzlichem, heimlichem Glücksdienste, die wirbt er mit unversehens auf die Schulter gelegten Händen zusammen in sein friedliches Erbe. Und es ist eine absonderliche Gemeinde, keiner kennt den andern und niemandem Tagesverfolgten und mit Verdruß Gesteinigten steht ein unlieber Rücksichtheischer von Vereinsgenosse ärgerlich im Wege. Es scheint jedem einzelnen, als bestünde der ganze große Verein nur aus ihm allein und dem Abend, und umfaßt doch in der Tat die ganze Erde, und seine Heimstätten umspannen mit viel tausend verschiedenen Äquatorgürteln den dicken Erdenbauch rundherum.

Seht, es gibt noch liebe Tageszeiten! Aber der Abend ist mir die liebste, denn er ist ein unermüdlicher Vergessenspender, und sein Zugerede und herzlich Geschwätz glückt immer gleich ungezwungen, seine Spaße und sein Scherztreiben ist wahres Wunderwesen für uns Kinderseelen, und sein Schwärmen und Phantasieren reißt unsere Sohlen von der Erde, daß wir unsern Sack voll teurer Sorgen aufbinden und über die Welt wegsäen mögen; laß sie finden und pflegen, wem sie behagen!

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