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Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 28
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
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Die Hexe der Einsamkeit

Heute aber, da Mutter verreist ist, alle Glieder voll Rheuma und zwei Koffer voll Wäsche und Kleider für lange Zeit, ist bei mir als erstberechtigte Haushexe und als Wirtschafterin in meiner Mutterverlassenheit die Einsamkeit eingezogen, die uralte Tante, aber wahrlich eine mächtige Person! Hat Besitz genommen von Diele und Küche und wirtschaftet da mit unhörbaren Schritten, leise, leise, und nachmittags sitzt sie, stattlich angetan, stolz und gespreizt im Wohnzimmer auf dem Sofa und hat ihre Kaffeeschwestern geladen, das Stillschweigen mit den tauben Ohren, der die Zunge am Gaumen festgewachsen, und die Trübsal, die in geschwätzigster Stimmung nur allstündlich wie Zufallswindhauch verloren seufzt, die und noch andre Stuben-Gespenster, ja sogar das Graulen vom Boden bittet sie zuweilen herab und läßt es sich halb zu Tode wundern über ihren Aufwand, daß es vor Dankbarkeit über die große Ehre ganz überschnappt.

Aber nach Dunkelwerden schickt sie ihre Freundinnen und Schwesterseelen fort. Dann bricht bei ihr die angeerbte Sonderlichkeit des uralten Familienwahnsinns hervor, und dann ist die abgeschlossene Stubenreihe, da sie mir für Mutter die Wirtschaft treibt, eine schlimme Gegend für mich heimkehrenden Verehrer der häuslichen Gemütlichkeit.

Habt ihr schon die tobsüchtige Einsamkeit erkannt? Die heulende gespürt, wie sie rastlos von einem Zimmer ins andere steigt und mit wilden Gebärden um die Stubenecke biegt? Immer stille, aber in ihren Mienen liegt das Graulen, immer stolz und grandezzig, aber aus der Raschheit und Gewaltsamkeit ihres Rundgangs spricht das Toben, und aus ihren Augen funkelt das innere Wüten heraus. Glaubt ihr, daß es eine angenehme Wirtschafterin ist, die Einsamkeit mit ihrem leidenschaftlichen Wesen? Aber sie ist mir doch lieber als hundert andre mit fetter, feister Behäbigkeit draußen und drinnen, sie ist mir sehr lieb, denn ich kenne ihre Eigenheit schon lange, und nie bin ich mehr ich selbst, als wenn die Einsamkeit an meinem Herde waltet. Ja, sie ist wahrlich eine mächtige Person, und andre als ich, solche, denen ich nicht das Wasser reiche, würdigten sie vor mir und suchten aus Massenelend heraus inbrünstig ihre Gesellschaft und buhlten um ihr Vertrauen.

Manchen Bessern als mich vor Jahrhunderten hat sie ungetröstet und ungeraten mit unwirschen und Polterworten verjagt, aber mich Glücklichen hätschelt sie und besorgt seine Wäsche auf ihre Sonderart, wie sie bei schon vielen gunstflehenden Gläubigen ihres heilkräftigen Rates nicht besser getan. Bei mir gehört sie wie zur Verwandtschaft, und fast nenne ich sie Tante.

Tante Einsamkeit geht zu Zeiten mit mir um wie andre Tanten mit ihren blöden und armen Jungens von Neffen, auch hart und herrisch, und spricht zu mir keine andern als Zwangsworte im Mußton und aus der Entwederoder- und Wohloderübel-Stimmung heraus. Wer aber ein rechter Einsamkeitsneffe ist, der spitzt auch, trotzdem ihm harte Laute wehtun, seine inneren Ohren, und wer ein würdiger Gewürdigter ist ihrer Verweisung, dessen Tonfallen entgeht keines ihrer ehernen Worte, die aus ihrem harten Munde gehen, der läßt seine Seele treffen und erschüttern von ihren hervorgestoßenen, blitzmäßig sprühenden Sprüchen.

Mit so harten Sprüchen zerbrach sie schon manche meiner am liebsten und längsten gepflegten Selbsttäuschungen, und mit so sengendem Tadel hat sie schon manch wuchernden Fehler mit allen seinen tiefsten Wurzeln aus- und ausgebrannt. Denn ihre Heilsweisheit haben ihr die Hexen aus den schärfsten Giftkräutern der unerforschten Wüsteneien und der unerklommenen Riesenberggipfel Tropfen für Tropfen nach tausendjahrlanger, mühevoller Behandlung köstlich und selten bereitet. Jede dieser Ortssibyllen ist so alt wie die Gegend selbst, so verwittert und zerrissen und starr wie das Gestein, so braun wie das Moorland, so weiß und schaurig wie die Wüste, und alle sind sie die eingeschworenen Freundinnen, Giftmischer und Parteiverfechter der hehren Einsamkeit.

Ja, und das furchtlose Kündigen von Gut und Böse und das treffsichere Besserwissen ohne Irren, das hat ihr bei Erschaffung der Welt der restlos Allmächtige selbst als Patengeschenk in die Wiege gelegt.

Zu anderen Zeiten hat sie mürrische Laune wie ein Schloß vorm Munde und findet selbst die härtesten Wahrworte an mich törichte Verschwendung am Unerschöpflichen. Dann scheint sie mit der Griesgrämlichkeit verschwistert, die mir auch einst die Wirtschaft führte, und braut draußen in der Küche mit heftigem Geräusch gewaltsam, daß ichs schon ahne, was kommt, aus bittern Säften starke Tränke zum Einnehmen und nächtlichen Schwitzen, und solch scheußlicher Sud der heilswütigen Einsamkeit von vorgeblich wohltätiger Wirkung muß hinuntergewürgt werden, ungezuckert und ohne daß ich über Schmerzen gejammert habe, gerade wenn ich mich im Besitz des untadeligsten Gewissens wähne, und ich tue es schon ganz glattweg und lasse mich ohne Mucksen halb zu Tode vergiften von Einsamkeits-Einflüssen und verziehe keine Miene mehr, wenn der Ekel mir bis an die Kehle steigt und die Schauer ihrer Heilgifte mir im Innern wogen, daß der Schweiß herausbricht, und liege die ganze, lange Nacht mit den purgierenden Arzneitränken der Einsamkeit in der Seele und lasse über mich die Wehen der Gewaltkur alle ihre Wut ergießen.

Aber dann, andern Tags oder meist nächsten Abends, wenn ich noch matt bin und mürbe von kaum überstandenem Leid, dann fügt meine Haushälterin, wie ein Vater nach der Züchtigung gute Worte und Ermahnungen spricht, solange die jammernde Seele des Kindes noch weich ist, zu dem gewesenen Bittern die lieben, herrlichen, tief eindringlichen, leise geraunten Einsamkeits-Einflüsterungen. Sitzt mit mir am Tisch, vertraulich und verwandtschaftlich, nicht wie Gottes Patenkind oder wie die urweise Lehrerin der Philosophen, sondern ganz muttervertretend und tantenhaft im Wesen, und ich fühle mich nicht von den Worten ihrer Zunge, sondern von den tongewordenen Schwingungen ihrer Seele durch und durch erschauert und erwärmt. Daß ich ja doch um Gottes willen kein Glücksspekulant werde, diese Gefahr zu besprechen, sucht sie aus innerstem Herzen ihre zaubermächtigsten Sprüche und salbt mit den überzeugendsten Worten meine Standhaftigkeit gegen das gefährlich zudringliche Laster der Äußerlichkeit hornhart wie mit Fafnerblut.

Wie ihre Mundwinkel sich tief herab verziehen, wenn sie von den Glückssüchtigen spricht, und wie mit Geifer und Gift vermischt träufeln ihre Haßworte über diese Irrlehrer nieder, und wie fressende Säure brennt sie ihnen mit heißen Worten das aufgedunsene Glücksfleisch von der jammervoll verkrüppelten Anatomie und den verweichten Knochen.

Sie möchte ja zu gerne, ich pflanzte mir, so recht nicht herauszureißen, ihre Offenbarung vom wahren Glück der Innerlichkeit und der Einfachheit tief ins Gemüt, darum sitzt sie noch spät nachts bei mir im Stübchen und verführt meine schwankende Seele mit kaum gemurmelten und auch ohne Ton verstandenen Einsamkeits-Einflüsterungen, durchdringt mich ganz mit gierig erlauschten herzlichen Zusprüchen und läßt mir armem Zweifler und Sucher nach dem Unverfälschten von ihren Lippen leise einen immer frischen Quell von Trost und Hoffnung an die Ohren rauschen.

Habt ihr dieses Quelles leises Sausen, dieses Silbengemurmel aus dem Munde der Einsamkeit in stiller Nacht nicht schon gehört?

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