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Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 25
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidf15596bf
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Karls Vormittagszüge

Wenn Karl als rüstiger Sohlenverschleißer straßauf straßab rennt mit Besuchsfeierlichkeit festlich geschmückt und extra gleißender Miene, und schlecht gebändigter Freibeutersinn ihm wie durch Schiffsluken blitzend raublüstern in den Augen lauert, dann ist Karl wie ein Störtebecker mit geblähten Segeln, wogenauf, wogenab, treppauf, treppab, noch bettwarm auf vormittäglichen Raubzügen unterwegs.

Er rauscht daher wie ein Held, und das Wehen seines Flattermantels bedräut und erschreckt Vorzimmerwächter und Schreiberseelen, überrumpelt die Unnahbaren in den allerheiligsten Hinterzimmern, läßt gegen sie als Droh-Gruß den schwarzen Hut wehen und öffnet die Stückpforten seines Mundes gegen alle Autoritäten.

Aber nein, Karl möchte wohl, ihm gingen die sinnschweren Worte wie sprühende Bomben aus Kanonenschlünden wohlgezielt und wirkungssicher aus dem Munde, und ob er zwar, wie ein Krieger am Morgen einer Schlacht den Eisenhut, den tadellos blanken, eigenen Zylinder, diesen Besuchshelm von heute, aufgesetzt hat, ob der Mantel rauscht und bauscht, ob Kragen und Manschetten blitzen, Störtebecker- und Seehelden-Lust und ungestümes Wagen hat er gar nicht und ganz nicht am Besuchemachen!

Und ungezwungen hat er sich solch kühnem und frischem Beginnen nicht ergeben, und das ganze Herumhorcher- und Treppenerklimmer- und Vorzimmerstürmer-Wesen sind nur Drang- und Notentschlüsse, denn der Arbeitshunger wühlt in unsern Eingeweiden; wahrhaftig, seit sechs Monaten sind wir Prahlhänse und klimpern mit blechernen Hoffnungstalern in den Taschen, sind »Habeganzundgarnichtse«, und die Saat goldener Hoffnungen, die wir ernten wollten, sind taube Ähren.

Wir seligen Träumer haben monatelang im Rausch gelegen, und war doch nur ein geteilter Erster Preis die ganze Opiumpfeife, die wir genossen; wir säten goldene Hoffnungskörner und sahen endlose Felder unsern Scheuern ersprießen, wir lauschten dem süßen Flötengetön schöner Versprechungen, träumten und lauschten den ganzen lieben langen Winter.

Aber heute sind die Luftschlösser zerplatzt, das Geld vertan, die Augen klargerieben und scharf eingestellt und die Enttäuschungen heruntergeschluckt. Keine Miene verzogen! Es waren bittere Pillen, aber gesunde, rauschvertreibende, ernüchternde Giftkugeln.

Ja, wären wir doch wortallmächtig! Könnten wir doch reden wie Granatenfeuer und Kernworte sprechen wie Zielschüsse mitten ins Schwarze! Wäre unser Zungenvorrat voller blanker und spitzer Worte, solcher, wie sie die dichten Wälle vorgefaßter Meinungen glatt durchschlagen und in das vermorschte Gefüge veralteter Ideale Bresche legen, wie täten wir sengen und brennen, und wie würden die Salbungsworte unserer Glücksstürzer verstummen und wären Kinderlallen gegen den festen Taktdonner-Rhythmus unserer tongewordenen Spruchweisheit!

Aber ach, wir sind nicht so begabt! Unsere Rede ist Stammeln, und unsere Worte sind windverwehte Flitzbogenpfeile und Blasrohrflitscher und verirren sich oft und gleiten ab vom Ziele während des Fluges, und die vorgefaßten Meinungen bleiben undurchlöchert und die breitspurigen Ideale unserer Glücksstürzer unerschüttert.

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