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Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 24
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
projectidf15596bf
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Auf Deichwegen

Durch die Marsch wird marschiert, und der Deichrücken wird, Meil' aus, Meil' ein, von unsern natürlichen Schrittmessern in seiner ganzen Länge vermessen.

Wir, so heißen mit ganz bekannten Namen einer Ich, der andere Du – wir sind aus Straßenläufern und großstädtischen Kaffeehaussitzern forsche Deichbeschreiter und Meilenvernichter geworden, auf unseren dünnsohligen Stiefelpaaren reiten wir, wie auf dem Rücken trottlustiger Gäule, wacker übers wassergrabenbemusterte, mit Äckern bedeckte flache Dithmarser Land.

Wenn uns in graue wirbelnde Mäntel wie in mächtiges, vom Wind aufgeplustertes Flügel- und Federwerk Gehüllte die marschwüchsigen Buben und Mädchen, Alte und Junge – ich hinter Dir oder Du hinter mir – gegen den Himmel scharfgerissen vom tiefen Deichwege oder aus der warmgeheizten Stube hinter den Scheiben hervor erschauen, dann rottet sich in ihren Schädeln das Staunen zusammen, dann sind sie gleichen Sinns und voll gleichen Eifers im Erraten unseres sondergleichen Rätselerscheinens. Selbst Großmutter, die in ihrer Ofenecke schon kaum mehr hienieden weilt, muß noch schnell trotz ihres an Lebensjahren satten Alters ans Fenster und zwischen Blumenstöcken durch mit erschreckten Augen hinaufschielen und unser Vorüberschreiten erleben.

Unsere schwarzbehosten Schrittmesser von Beinen hat der Wind, der Spaßgeist dieses meerumrauschten Landes, zu ganz besonderer Spöttelei ausersehen; er trägt uns feierlich die langgeschlitzten Rockzipfelschleppen und dreht sie boshaft zu Schlingen, wirbelt sie unermüdlich und wirft sie uns um die Beine, schnürt uns und fängt uns in unsern eigenen Kleidern.

Großmutters Augen sammeln sich voll Entsetzen, gläubiges Entsetzen ohne Aber; ihr macht die Zukunft schon ernste Gedanken, und des Windes Späße und Windhumor finden keine Bewunderin mehr in ihr; in ihren tausend Gesichtsfalten sitzt ein heiliger ängstlicher Ernst, und ihre Augen fragen uns, ob wir Erzengel sind, ihr das Nahen des Endes zu verkünden, oder zwischen Luft und Wasser schreitende Geister, die Viehsterben und Wasserschaden oder sonst Ferngewünschtes aus den Falten ihrer Gewänder über die Dächer säen.

Aber wir sind nur Du und Ich, selbst landesbürtig und bloß von der Ferne gestützt, gekämmt und angezogen; das Land hier, das wir beschreiten, hat uns geboren und unsere jungen Wurzeln mit der Kraft seiner Erde genährt, aber es hat uns seitdem vergessen, wie Viele, die auch ihre Wurzeln herausgezogen haben, eine um die andere, und in die Ferne gezogen sind, um sich ein anderes Laub zu schaffen und besseren Blättern nachzujagen.

Wir kennen es kaum mehr und es uns gar nicht; wir erscheinen ihm sonderbar und verwunderlich, und wo wir unsere Füße traben lassen, da rottet es all' seine Aufmerksamkeit auf uns und hält uns für landfremd und unverwandt. Es häuft auch die Spaßlust seiner munteren Geister auf uns zusammen, und da es zumeist ein ernstes Land ist, schweren Marschboden hat und sich nichts vergeben darf, so kommt es auch mit schweren Worten und Fragen im dröhnenden Baß und drohenden Klang, um Herz und Nieren zu prüfen.

Der Deich streckt seinen Rücken und dehnt seine Meilen zu einer für unsere Schrittbeine unermeßlichen Länge; er ringelt sich um die Meeresbuchten und kriecht zwischen Häusern und Brandung hindurch wie eine grüne Schlange ohne Kopf und Schwanz; er wächst, so schnell und weit unsere Augenschärfe auch zielspähend schießt, immer aufs Neu und in Unendlichkeit lang und länger. Er will unsere großspurigen Schritte schon klein kriegen und unsere Beine matt und müde!

Eine ganz weiße Schneewolke saugt sich aus der Sturmkraft und dem Gehalt eines Gebirgs von schwarzblauem Gewölk groß und voll zum Platzen, und satt löst sie sich langsam und schwebt tief und tiefer, ein landüberschattender praller Schneesack segelt er grade auf den Deichrücken los und senkt sich drohend wie der schwere Leib eines Riesengeiers auf uns armes Zweigebein von Deichtretern nieder. Er will uns schon plattwälzen und in seinen Schneefluten ersäufen! Das Meer, das mehr Schrecken erdenken kann als sein Nachbar Land in seines behäbigen Busens Grimm, will auch etwas tun; Ölmäntel haben wir ja nicht an, aber über diese lächerlichen Fliterflattermäntel hat es sich baß erbost. Es schickt ein paar seiner weißhaarigen, schaumgeifernden Bullenbeißer, die stattlichsten und erschrecklichsten seiner Wogenmeute, vom Horizont ans Land. Die sollen mit rauhem Anschlagen wohl unsere zaghaften Seelen erschüttern und mit ihren Ungebärden unsern flitterstaatlichen Hochmut wie losen Sand nieder- und auseinanderschwemmen.

Und da der junge Wind, der überall dabei sein muß, diese grimmigen Gebärden sieht, spuckt er sich in die Hände, bläst die Backen auf und läßt den Brustkasten voll Sturmodem schwellen, ganz wie ein zünftiger Sturmgeist nicht besser kann. Er will uns zermalmen und zerschmeißen, wir sollen merken, was ein hiesiger Seewind für Arme hat, er will unsere Mäntel zerfetzen und unsere vier Beine nach allen Windrichtungen blasen!

Mit Sturmgebärden beginnt er im nachgeahmten Scheltbaß seines Sturmvaters grobe Erkundigungen zu tun und Auskünfte zu verlangen: woher, wohin, warum und wozu? – und wir sollen fein unsere Hüte abnehmen, die Mäntel auftun und höflich Bescheid geben. Wir aber ziehen unsere Hutkrempen über die Augen, schlagen den Kragen hoch und beißen die Zähne aufeinander, denn das sind zünftige Vorbereitungen, wenn man mit dem Winde einen Ringkampf eingeht; und so stärken wir uns mit Trotz und gehen mit Kopf und Kragen gegen ihn an.

Und der Himmelsschneesack kommt auch eilends herangeschwebt, schlitzt sich an einer Mastspitze ein Loch in den prallen Bauch und kommt häuptlings über uns mit Schneesturz, und [sie] verschmelzen ihre Wut und ihr Getobe zu einem Schneesturm, bedräuen und bedrängen uns grimmig, verüben an uns ihre böslichst ersonnenen Kniffe und meinen, uns nach Billigkeit Gewalt und Zwang und Schaden anzutun.

Des Meeres schäumende Wogen recken auch die Hälse hoch, häufen über uns ihr Wutgebrüll zusammen, schlagen im Zorn ihre Raubtierpranken an den Deich und spritzen nach uns ihres Hasses Gischt und Geifer.

Wir aber lachen ihrer Wut; wir haben schon bösere Feinde erkannt und tiefer dringenden Fragen widerstanden; wir haben gegen die dunklen Zweifel und gegen die Woher- und Wohinfrager, die Seelenzermalmer und die Keulen der Wegelagerer auf dem breiten Lebenswege gefochten. Deren Griffe und Kniffe haben unsre Herzen geplündert und unser Innerstes verschüttet mit marterungskundiger Raublust – ach, all ihr heulenden Winde, ihr wirbelnden Schneeflocken, ihr geifernden Schaumberge, all euer Fragen, euer Sausen und Brausen, all euer wildes Gewese wärmt nur unser Gemüt wie kosend Streicheln liebspendender Freundeshände, all euer Wutgebrüll ist herzliches Geschwätz, all euer Zerren und Zetern scheint uns friedliches Fürbaßschreiten Arm in Arm mit ehrlichen groben Gesellen!

Euer Haß ist Liebe und eure Schadenlust Wohlwollen, euer vermeintlich Vernichtungswerk strömt wie überflutende Lustigkeit auf uns herab, eure Keulenhiebe sind Umarmungen und eurer Würghände Zupacken sind willkommheißende Händedrücke–ja, und aller Haß unsrer fremden Art ist herzliches Wiedersehenfeiern und rücksichtslose Anerkennung brüderlicher und landsmannschaftlicher Verwandtschaft!

Ihr jagt wie mit liebreichem Zureden die verbissenen Erinnerungen an jene Kämpfe mit seelenfressenden, friedenvernichtenden Riesenzweifeln, mit wüsten Nachtgesellen, auf Nimmerwiederfinden hoffentlich, aus unsern Herzen, ihr teilt uns in eurem Rasen als wie in einem leisen Zwiegespräch im Dämmer des sinkenden Abends die ganze gesunde Art eures Innern vertraulich mit, ihr nehmt uns auf, ihr erobert gewaltsam unsere Liebe, ergötzt uns und reißt uns fort in den Wirbeltanz nach eurer Landesart hinein!

Mit so herzensfrohen Gedanken gehen wir, Du und ich, den Hut über die Stirn herabgezogen, den Kragen hoch, mitten im Treiben des Schneesturms mit Tanzschritten über den vielmeilenlangen Rücken der Deichschlange dahin, mit so freimütigem, unerschrockenem Gerede beschwören wir das Unwetter und den Zorn des Landes über unser fremdartiges Wesen, so antworten wir in frechen Worten aus leidenschaftlichem Innern heraus auf alle zudringlichen Fragen und schlagen dem Wind mit scharfen Sprüchen aufs neugierige Maulwerk.

Bange sind wir nicht gewesen, das sieht er wohl, und gute Kerle mochten wir auch wohl sein trotz der Flattergewänder, wie es ihm schien, und wenn wir durchaus wollten, so könnten wir seinetwegen zugehen und mit den Beinen strampeln, wo wir Lust hätten im Marschreviere, sagt er mit schnellvergnügter Miene und Spaßvogelgrimassen. Da schlagen wir die triefenden Hutkrempenvisiere hoch und sprengen den Panzer von Schnee, der sich wärmend über die Brust gelegt. Das Meer ist ruhig und blau, und der Wind hat die Fetzen des leergeschleuderten Schneesacks um die Schulter geschlagen und führt damit die Gebärden des einen von uns im Schneesturm als Riesenkarikatur am Himmel zum Spaß der andern Wolken köstlich vor. Du sagst, das sollte ich sein, und ich meine, Du wärst es, wie Du leibst und lebst; und dann meinen wir beide, wir wären hungrig geworden über Tag, und suchen überm Deichrücken den Kirchturm unsers nächsten Nachtquartiers.

Und der Deich läßt ganz zuvorkommend seine Meilenlängen zu Kilometerkatzensprüngen zusammenschrumpfen und wölbt sich unter unsern Tritten, schiebt uns und gleitet mit uns schnell zwischen Häusern und Meer dahin. Ich sage, ich will zuerst einen Grog trinken und dann noch einen, und Du glaubst, Du müßtest wohl zur Friedensfeier nach dem Tageskampfe mit zweien beginnen. Beide aber wollen wir die Eckplätze im Sofa einer warmen Gaststube haben und behaglich unsere vom Meilentöten müden Beine unter einen Tisch strecken, der von der Fettigkeit des Marschlandes trieft.

Unsere Leib- und Erbfeinde aber, die Zweifel und Fragezeichenkeulenschwinger, die suchen vergeblich und schnüffeln umsonst nach unsern Spuren auf dem Deich und hecken vergebliche Pläne zu unserm Schaden aus, uns zu überfallen bei ahnungsloser Ruhe, uns mit Ängsten das Fett von den Gliedern zu schinden und mit Hieben die Seele mürbezuschlagen. Das Dithmarser Land schirmt seine Gäste, die wüsten Kolosse mögen an den Grenzen lauern und ihre Hinterhalte und Sorgenschlingen da bereiten, wo wir wieder heimwärts wechseln.

Hinterm Deich, da legen wir furchtlos unser Haupt auf den Frieden der Schlummerkissen nieder, denn wir sind im Hause und am Herde gasttreuer Leute; übern Deich her streicht der Wind und haucht seinen Seeodem über uns aus, die Felder, die Gräben, die Wiesen und die in Strohpelze gehüllten, behäbigen Gehöfte – alles keine Förderer und Helfershelfer, keine Gelegenheitsmacher für hinterrücks angreifende Erbfeinde, für Friedenswürger und Seelenvergifter.

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