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Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 22
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
projectidf15596bf
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Das Glück

Bewegungsstudie, Kohlezeichnung, 1922
35 X 25 cm
Fritz Niescher Aachen

Das Glück ist woanders zu Haus als bei mir und wirtschaftet und leuchtet mit blanken Augen bei andern Leuten. Und macht ihnen allen liebliche Gesichter zu und tut freundlich mit ihnen und bereitet den Kranken süße Umschläge ums Herz, und den Finsterblickenden liest sie die häßlichen Runzeln vom Gesicht, fleißig und sauber, daß der Blick frei wird und froh unter der glatten Stirn.

Aber der Urahne hilft sie Schritte machen über die letzten, sauren Tage.

Wer das Glück Lust hat zu sprechen und wens gelüstet, mit flinken Lockeworten liebliches Lächeln aus den Verstecken auf seine Wangen zu locken, und daß es aus den blanken Augen und hinter den lieben Glückslippen hervorlugt, der tut den Säbel um die Lende oder setzt seine Theaterfalten um die Mundwinkel oder bringt sonstwie seine Männlichkeit in goldenen Rahmen. Solche machen Besuche beim lieben Glück und sind da wohlgelitten und werden mit lieblichen Worten bewirtet. Die dürfen dann und wann sogar ihren Witz oder ihre Weisheit und Bravheit im Glückslächeln staunend bespiegeln.

Ja, ich wollte wohl, sie und ich machten gemeinsames Haus und sie ließe bei mir ihre blanken Augen leuchten. Dann wären alle fremden Leute draußen, und mein Reden und Tun hätten reiche Muße, im Lächeln ihres Gesichts ihr Abbild zu schauen.

Ich wollte wohl manches, was das liebe Glück und ich zusammen erlebten; ich wollte viele Stunden mit ihm verbringen, wenn es auch wollte.

Aber das Glück ist reiselustig – nicht fernfroh und gierig nach der blauen Weite, nicht wie ich zu Stunden, nein, es hat Heimatverlangen, aber seine Heimat ist meine nicht; ja, das Glück ist von dannen, dahin, wo ich fremd bin und wo es heimisch ist.

Dann kommen andre Umgürtete und Glattrasierte und spiegeln ihre Schläue in ihrem Lächeln, sie ziehen Festgedanken und Gelegenheitstugenden an und stecken künstlich gezüchtete Eigenschaften in die Knopflöcher. Oh, das Glück ist ja liebenswürdig und streichelt freundlich und lächelt, wenn ihre Ritter artige Empfindungen aus wattierter Brust vorzeigen, daß sie sich zahm und edel gebärden, Männchen machen, apportieren und durch Reifen springen wie andre wohldressierte Biester auch.

Ich liebe das Glück wie keiner sonst, das gute, freundliche, angenehme Glück. Ich möchte das Glück sein für das Glück und möchte, daß es mich liebte wie keinen sonst.

Was nicht besteht, ist gerade, was ich wünschte, was aber ist, daran ist keine Freude zu erleben.

Die Wirtschafterin meiner Tage, meine Haushälterin, das ist bis Mittag ungewaschen und grau, zänkisch und herrisch, die unvermeidliche Verdrießlichkeit. Hinter meinem Herde sitzt sie und haust und herrscht zwischen meinen vier Wänden – eine keifende, bei meiner Pflege altgewordene Person!

Und seit sie in der stillen Nacht meine Sehnsuchtsworte nach dem lieben Glück vernahm, träuft sie gallige Eifersucht zu allen Suppen, die über meinem Herdfeuer brodeln, und pfeffert meine Braten und beizt sie mit scharfen Gewürzen aus ihrem Küchengärtchen, daß es Ärgerblasen zieht auf meiner Zunge. Bitternisse sind meine Mahlzeiten, und Schärfe und Unrast im Blute verscheuchen die Träume vom lieben Glück – ein böses, herrisches, eifersüchtiges Weib, die Verdrießlichkeit, meine Haushälterin, eine magere, knöcherne Person!

Ich möchte sie vor die Tür setzen, vom Herdfeuer an die Kälte des Winterabends, ich möchte ihr kündigen und ihr das Gehalt auszahlen fürs nächste Quartal, daß sie nur gleich ginge! Aber sie ist, was man sonst eine alte, treue Seele nennt, und noch mein Großvater, den sie zu Tode pflegte, hat ihr im Testament den Posten in meinem Hause vermacht, keine bessere Wirtschafterin würde ich finden!

Er würde aus dem Grabe steigen und mir nachts mit den Fäusten drohen und Wache stehen und selbst die Glücksträume verscheuchen, tät ich doch die alte Verdrießlichkeit entlassen.

Ich möchte ihr Gift unter den Kaffee mischen und Bilsenkraut in die halbtauben Ohren träufen, aber sie ist so voll Gift und Bilsenkraut, so voll Gift und Galle, ihr ist nicht mit dem Schärfsten elend zu machen, nicht das Schlimmste straft sie an ihrer hämischen Seele.

Ich weiß, sie meinen, das Glück ist nicht für mich; sie wissen wohl, es ist lieblich und liebenswert und hat liebe Dinge für jedermann – aber für mich, sie glauben nicht, daß man das denken kann. Aber das Glück selbst sagt nichts, weiß nicht, wer es ist, und sucht im stillen auch sein Glück zu finden, sagt aber nichts.

Meine Wünsche finden den Weg wohl nicht, ihm in den Ohren zu nisten und flüsternd zu preisen, wie gern ich wollte, daß gerade es mein Glück sei!

Ich habe wachende Blicke, sie laß ich kreisen ums Glück, ich habe spürende Gedanken, die laß ich schwärmen auf seinen Wegen, und meine zudringenden Beobachtungen greifen auf jedes Augenleuchten, jeden schnellen Atemzug des Glücks und lugen umher nach den Gründen, wenn in seine Wangen die Farbe hineinschlägt, und spüren nach Art und Gestalt der Anwesenden, wenn seine Augenbrauen auf die Stirn hüpfen und eine Schar krauser Falten vor sich herdrängen bis zu den Haarwurzeln herauf.

Ja, meine spürenden Blicke und meine treuen Beobachtungen melden mir, was das Herz mit Unruh vergiftet dem lieben Glück, welche Süßigkeiten vor allen es gerne hat und um was für Dinge es wohl seine Seligkeit unbedenklich vertauschen würde, käme nur wer, mit ihr darum zu feilschen.

Und ich bin nicht beim ersten und nicht beim zweiten, und unter meinem ganzen Kram, unter Erbstücken und Raritäten allerneuesten Geschmacks ist auch nicht eins, käme ich, ihrs für ihre Seligkeit anzubieten, daß sies anschaute und es nur prüfte, kein Ring und nichts!

Nicht öffnen ihre Ohren so die feinmaschigen Fangnetze, schreite ich vorüber, wie wenn Herr von Säbelschlepper, klirr, klirr, an seinen Fersen die Säbelscheide gut dressiert traben läßt, auch sitze ich nicht hoch als Zierde auf eines Rosses Rücken, und von meinen galanten Abenteuern tuscheln auch unsichtbare Gerüchte nicht den Damen beim Straßengange in die zarten Seelen, daß sie erröten und lange dem Flüstern nach- und nachsinnen.

Was man von mir weiß, macht keinem beizende Unruhe ins Geblüt, mein Leben geht brav und langsam voran, das reißt mit seinem schnelleren Trott nicht des Glückes Herzschlag zu schnellerem Laufe fort. Und wenn ihm bei tiefer Nacht die langsamen Minuten im Ohre summen wie Mückenschwärme und seine innersten Gedanken, die scheuen und bei Tage tief versteckten, sich hervorwagen, dann haben ihr andere so viel von ihren Schätzen vorzuprahlen, was sie Gleißendes und Echtes im Busen hätten, daß des Glücks zarter Sinn wohl unendlich lüstern ist, ihre ganze, wohlgepflegte, junge Seligkeit für ein oder das andere Prunkstück einzutauschen, käme nur einer, der tauschen möchte. Dann denkt sie so viel an andre, und was dieser und der aus der Fremde heimgebracht, Schätzenswertes und Erseh[n]enswürdiges; ich und mein Trödel und meine Neugier, die ich auch leer in die Ferne getragen und hochgehäuft wieder heimgebracht, wir sind wohl schlecht angesehen vor des Glücks nächtlichem Sinnen und sind nicht im Kreise ihrer scheuen, innersten Glücksgedanken, wenn die langsamen Minuten ihr im Ohre summen wie Mückenschwärme.

Nicht immer summen die Minuten beim nächtlichen Tanz wie schwärmendes Mückenvolk; nicht immer säuseln sie und locken einem die verliebten Glücksgedanken aus der dunklen Herzhöhle herauf, die da im Warmen behaglich beieinander schlummern; nein, manchmal schickt die Nacht aus ihrem Zwinger andre Gezeiten, um mich zu wesen und mich zu bewachen. Dann sind es unheimliche Nachtstunden, die streichen im Dunkeln umher und strecken ihre Dolchkrallen hervor und sind brüllende wilde Bestien, haben bellende Mägen und Zähne, beißgierig auf zarte Gedanken, wie sie im Herzennest wohnen.

Das sind schlimme Nachtminuten, und wer seine Gedanken unter sie hinausschickt, der hat mutigere, als die Glücksritter sie haben, und solche Kampfgedanken, solche großgewachsenen Totschläger und Besteher nächtlicher Notstunden hausen ungeschlacht und nicht angeschmiegt und verträglich in stärker gebauten Herzen, als in denen die zahmen Busenbewohner der Verliebten zahlreich hecken.

Das sind keine Glücksgedanken, sie werden schwerblütig und dickleibig bei Ruhe und unzufrieden bei Frieden. Sie sind unzierlich und ungezogen, stolz, rechthaberisch und herrisch und oft unwirsch bei bösen Launen, die großen, selbstherrlichen, unverträglichen Gedanken.

Wenn nun die Mitternacht ihre heulenden Minuten hetzt, lüstern, zarte Glücksgedanken zu zerfleischen, und wenn die gehäufte dicke Finsternis alle Sehnsucht erdrückt und die blutjunge Hoffnung erstickt, dann bleiben doch die starken Gedanken aus noterprobten Herzen streitfrohe und kampfgewöhnte Gesellen; diese Siegerkämpfer in harten Sträußen, die haben schon an den fernen Grenzen geschweift, an den äußersten Säumen des Lebens, die haben schon ihre blinzelnden Augen hinüber in die gräuliche Wüstenei gerichtet, wo kein Leben mehr wächst und stirbt, wo keine jungen Quellen mehr rauschen und keine alten Ströme fließen. Die haben lange, schaudernde Blicke hinübergetan ins schwarze Nichts und entsetzt an den äußersten Gestaden des Lebens gestanden, wo die tote Unendlichkeit von allen Seiten starrt.

Seit ich weiß, wo das Glück haust und zu finden ist für Leute, die wissen, ihm sein scheues Lächeln aus den Verstecken auf die Wangen zu locken, seitdem heulen die Nachtstunden nicht mehr und schleichen nicht länger um mein Bett, meine Seele zu ängsten. Sie sind wie verzaubert und gezähmt, gehen auf Katzenpfoten mit eingezogenen Dolchkrallen und dehnen sich und strecken die Leiber auseinander und schmiegen sich längsseits vor Behagen zusammen, soviel ihrer sind nach Mitternacht.

Denn Träume von Glück sind bei mir in den schwärzesten Nächten, und Halbträume kommen, wenn auf der Straße draußen die dicke Finsternis um die Flackerflammen der Laternen lagert, sich ganz dicht herandrängt und gierig zuhorcht, was das Licht mit leiser Stimme für Märchen erzählt.

Dann haben die Halbträume Mut, denn bei Tage, da sind die Tagesgeräusche hinter ihnen drein wie Bullenbeißer, aber nach Mitternacht schwärmen sie und schleichen an den Häuserwänden längs; vorbei an den Laternen, die mit Lispelflammen der Finsternis Gespenstergeschichten zuraunen; herein zu mir, denn sie wissen, wie ich das Glück liebe und daß ich brav bin und verdiene, Glücksmärchen erzählt zu bekommen. Sie setzen sich zu mir, die lieben Träume, und die Nachtstunden schließen die Augen von Mühlrädergröße zu Haarstrichen und schnurren. Sie hören zu, was die Glücksträume schwätzen, und es ist ihnen, als striche die Herrin selbst, die Nacht, mit sanfter Hand übers Fell. Dann lagern sie sich im Kreise ums Bett und sind stille und liebe Tiere.

Die Träume aber plappern durcheinander und wissen gar nicht, was für Flunkerei ihnen aus dem Munde geht, und ich selbst weiß es am wenigsten. Ich denke ja zu gerne, es ist die blankste Wahrheit, wenn einer den andern zur Seite drängt und mit aussetzendem Atem wie im Kinderton Grüße bringt vom lieben Glück, heimliche und vertraute.

Aber der schlimmste Lügenschmied der Träume ist ein gefährlicher Unterhalter; ein schauspielernder Vortäuscher von allerlei, was das Glück von mir Gutes meinte und wie es immer nur an mich dächte und auf mich sinnte. Er weiß meinen Namen auf die allerverschiedenste schmeichelhafte Weise zu sagen und beteuert und verschwört sich, so hätte ers dem Glück abgelauscht, so täte es, wenn es allein ist. Er sagt mir die allergröbsten Schmeicheleien und lobt und preist mich, daß ich denken muß, so allerdings möchte ich dem Glück wohl gefallen.

Mit Eigenschaften umgürtet er mich und zieht mir so herrliche Kleider an und hält mir solche Schmeichelspiegel mitten im Nachtdunkel vor die Augen, daß sich keiner mit mir messen kann von denen, die Besuche machen beim Glück. Ja, wenn mir in stickdunkler Nacht, wo das wahrheitsliebende Tageslicht mit seinen Zollstäben aus Sonnenstrahlen fern ist, die flunkernden Glücksträume ums Bett sitzen, dann habe ich auch, wie das Glück gern hat, klirr, klirr, blitzende, wehrhafte Eigenschaften an den Fersen rasseln, dann bin ich auch mit Mut wattiert und habe mit Witz meine Mägel zu voller Rundheit und Glätte ausgeglichen, dann weile ich, wo das Glück am liebsten geht, und da die Träume bei uns sind, so schaffen wir schnell nach eigenen Plänen ein heimisches Paradies und sind da zusammen gute Kameraden und einsame Bewohner.

Bei solchen Traumwesen, wenn die Wache haltenden Schauerstunden der Nacht mit süßem Wundergift eingeschläfert sind und tiefe Stille und dicke Finsternis überall lagern, dann vergesse ich immer den Weg, den die Träume mit mir durchs Fenster nehmen, und behalte auch nicht im Gedächtnis, wieviele Minuten unser Paradies vorm Tore liegt. Aber die Träume wissen genau den Ort, wo das Glück mich erwartet, und verfehlen nie die rechte Zeit, mich hinzuführen.

Da sind wir denn wie im eigenen Garten, und alle fremden Leute sind draußen, und das liebe Glück teilt mit mir, was es an Schätzen im Innern besitzt, füllt zu und häuft auf, wo ich leer bin an Glück.

Und da mich ja die Träume stattlich aufgeputzt haben und angetan mit Überfluß an blanken Eigenschaften, wie sie vor allem scharf und bestechend dem Glück in die Augen funkeln, so bin ich wohl das Glück für das Glück, wie ich mir immer gewünscht habe, und es gibt alle seine Seligkeit unbedenklich hin und tauscht sie ein in einem paradiesischen Liebeshandel gegen allerlei Kleinigkeiten, die mir die Träume geliehen haben.

Wahrhaftig, im Traumparadiese, das ich nicht wiederfinden kann, obgleich ich gut Bescheid weiß in Stadt und Umgebung, da schenkt mir das Glück seine innersten Gedanken, und seine scheuesten Wünsche, die tief in den warmen Herzenskammern wohnen, wagen sich an des Paradieses wonnevolle Luft heraus, und ich darf mit ihnen spielen und kann sie bewundern, und [sie] werden schnell vertraut mit mir und behagen sich in meinen Händen, wenn auch meine Finger fast zu tolpatschig sind, die zarten Dinger zu streicheln.

Wenn morgens die Bullenbeißer wieder aufwachen, die traumverjagenden Tagesgeräusche, dann bin ich aus dem Traumparadiese längst wieder zurück, schlafe und habe ganz vergessen, wo der Rückweg war und wie lange ein mittelmäßiger Fußgänger braucht vom Paradiese ins Liegebett.

Aber daß Träume da waren, merke ich am stattlichen Flitterstaat und an den Bühneneigenschaften, mit denen sie mich angeputzt haben, daß ich dem Glück gefallen möchte und ihm lieb sei und es sich verführen ließe, paradiesischen Liebeshandel mit mir zu treiben und seine Schätze herzugeben, warm gehegt im tiefsten Innern.

Der hängt mir noch um die Schultern, wie der Tag an die Scheiben klopft und fragt, wie ich geschlafen habe und hei, was für einen lumpigen Theaterkram ich mir angetan hätte. Wenn ich das Glück in Wahrheit liebte, dann hegte ich allerdings wohl einen kleinen Begriff von meiner Liebsten, ich sollte mich schämen.

Und ganz mißmutig stand ich auf und bat den Spiegel an der Wand zwischen meinen beiden Fenstern, er solle mir doch die Wahrheit sagen, ob ich nicht so dem Glück gefallen möchte. Wahrsagen, das ist des Wandspiegels Beruf, dafür ist er angestellt auf Lebenszeit, und meiner hatte seine Lehrzeit gut benutzt. Geschliffen war seine Redeweise nun nicht, und er gehörte zu den Spiegeln, die denken, grob sein und aufrichtig sei gleich. Und so begann er denn ganz ausfallend zu schelten und nannte mich einen dummen Lümmel, nahm mich rauh bei den Ohren und wusch mir die aufgelegte Traumschminke von den Backen und riß mir die bunten Lappen und unechten Kleider von den Schultern. Sagte, der Tag hätte ganz recht, solche Liebsten, als wie ich meine begriffe, gäbe es überall, aber das echte Glück dächte sicher anders als ich, meinte, ich sei ein rechter Sinner auf Dummheiten, häßlich wäre ich ja, auch wenn er nur ein bißchen näher zusähe, und es sei eine Schande für ihn, mit Kerlen wie mir Geschäfte zu machen.

So grob redete der Wandspiegel eine ganze Weile, er war leidenschaftlich auf seine Hantierung aus und behandelte mich gewissenhaft, wie es zünftig ist bei den Wandspiegeln. Rücksicht auf meine Eigenliebe nahm er keine, und meine Enttäuschung benannte er Empfindlichkeit.

Mir war der absprechende Geselle an diesem Morgen ganz zuwider; aber er war vereidigt auf die Wahrheit und sein Gemüt ohne Heuchelei, deshalb stampfte ich nur ein paarmal heftig mit der Hacke auf die Diele und tat, als geschähe es nicht aus Ärger.

Wenn ich gegen den Spiegel aufbegehrte, das wußte ich, bekam ich doch Unrecht von jedermann, und selbst der Tag, mein wahrer Freund, gab große Stücke auf ihn. Da ging ich ärgerlich hinaus, machte lange Schritte und trat die Straße derb mit den Füßen. Sonst mußte ich meine schlechte Laune verstecken vor meinen Bekannten und meine Enttäuschung und heucheln, als säße mir keine Bitternis im Herzen, denn es nützte nichts, daß ich meinen Groll ausließ am Winde; er verstand mich nicht, obwohl wir Jugendfreunde gewesen waren. Er ließ sich nie von einem Spiegel behandeln und hätte laut gelacht, täte ich ihm vom lieben Glück erzählen und wie unglücklich ich wäre, ihm nicht zu gefallen.

Er kam aber und wollte mit mir gehen, zupfte mich am Mantel und wollte mich zur Wut reizen. Aber ich biß die Zähne aufeinander und tat, als wäre er gar nicht da, schlug auch nicht nach ihm, denn er war flinker als ich, und ich wußte, es war seine Weise, einem den Hut vom Kopfe zu schlagen, während man mit der Faust dahin traf, wo er schon nicht mehr stand. Dann konnte man ihm nachrennen, dem Herren, und machte sich lächerlich und atemlos.

Oh, ich kannte den Wind durch und durch, als Nachbarskinder hatten wir zusammengelebt und auf unserm Hof und in den Wäldern unseres Heimatstädtchens voneinander gegenseitig Schelmstreiche, Klettern und Laufen gelernt. Und da ich so unbekannt tat und nur vorsichtig meinen Hut an der Krempe festhielt, so warf mir der Wind eine ganze eisige Aprilwolke voll Hagel ins Gesicht und machte vom hohen Ufer herab einen mächtigen Satz grad ans Segelwerk eines seewärts gehenden Schiffes. Ihm war ja die blaue Ferne so bekannt, und er wußte, wo er mit mehr Lust seine Späße treiben konnte. Und so in weiches Segelleinen gebettet und von den Wellen geschaukelt, reiste er am liebsten. Aber mir stand nun gar kein Sinn nach der blauen Ferne, all mein Sinnen stand nach dem lieben Glück.

 

Da ich seitdem auf dem Wege über wenige Wochen meine Sohlen verschlissen habe, steht mein Sinn doch in die blaue Ferne; denn da ist das Glück – davon ist sie, und ich sinne und sinne ihr nach.

Und sie will fern bleiben, denn sie denkt, das Pflaster und die Gänge, die würdig sind, von meinen Sohlen begangen zu werden, sind es von ihren nicht; und sicher hat sie Wünsche in die Ferne, aber so scharf meine Beobachtungen um sie streifen auf Kundschaftergängen und so nahe mein Spürsinn sie beschlich, ihre innersten Wünsche und ihre zartesten Sehngedanken haben sie nicht erblickt.

Alle meine Träume haben gelogen und sich unnütze Mühe gemacht, die reißenden Stunden der Nacht einzuschläfern und mich mit verbundenen Augen vors Tor in ein verlogenes Paradies zu führen, über das selbst mein Freund, der Tag, laut lachte; wohl konnten sie mir da allerlei Ähnliches vom lieben Glück vortäuschen, aber von seinen innersten Wünschen, von seinen wirklich innersten wußten sie nichts.

Da hat es mich in die blaue Ferne genommen, und vielleicht der Jemand, der mit ihnen spielen darf und dem sie alle schlummernden oder halbwachen oder ganz verschlafenen aus dem warmen Herzensnest hervorlangt und in die Hände gibt.

Und so, wie ich es täte, wird sie keiner bewundern und ihnen ein guter Reiseonkel sein, der immer etwas Süßes in den Taschen hat, woran zarte Wünsche ihre herzlichen Späße finden; so, wie ich wollte, wird keiner mit ihnen spielen nach ihrem buntesten Gefallen, denn ich liebe ja das Glück wie keiner, und sicher ist niemand so wie ich begierig, einen Blick in das heimelige Versteck der lieben Glückswünsche zu tun. Aber darauf ist ja nicht mehr zu hoffen, jetzt ist die ganze blaue Ferne das Versteck für das Glück, ein weltweites, und mein ganzes Sinnen steht in die blaue Ferne.

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