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Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 21
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
projectidf15596bf
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Grimmstunden

Ich zanke mit mir selbst, habe die Fäuste in die Taschen gestopft und zöge sie gern heraus, um dem widrigen Schicksal mit meinen knöcherigen Schlagkeulen die Rippen zu brechen, wenn es nur in meine Nähe kommt. Ich habe mir auch mit Stirnrunzelfarbe eine dicke Falte zwischen die Augenbrauen gemalt und vergifte mit grimmigen Blicken die Stubenecken, so daß die Luft der ganzen Möbellandschaft meines Zimmers schwül und gewitterig wird.

Solcher Grimmstunden gibt es bei vielen gewöhnlichen immer einige; da sind keine Gewinne nachzurechnen, und ich habe schwer zu tun und zahle widerwillig mit kleiner Münze knausernd an die grausam fordernden Sekunden warmgehegte und gehäufte Hoffnungsschätze aus. Ich weiß gar nicht, woher ich die falschgeprägten Stücke bekommen habe, aber zu haufenweis, wie sie kamen, hätte ich mißtrauen sollen und weise prüfen, denn nun sind es ungültige und wertlose Einbildungen, die ich für echten Reichtum an frohen Hoffnungen ansah.

So von Wohlhabenheit zu Glücksarmut gebracht zu werden, das macht mir Grimmstunden, da gebe ich allerlei Dingen die Schuld an meinem Herzweh, die ich selbst habe.

Nur eine leise Hoffnung spricht mir schüchtern Mut ein und raunt mir Trost zu bei meinem Jammer; daß ich nun bald erwachen werde, und es war nichts mit verfälschten Hoffnungen, und der Morgen lacht mir munter und taufrisch gewaschen, spottet, daß ich so lange schlafe, bis mir schwere Unglücksträume ins Blut dringen!

Ich ließe mich so gerne auslachen und wäre noch herzlich froh dabei, ohne schlechte Laune wie bei anderer Neckerei und ganz friedfertig; freute mich mit doppelter Inbrunst meiner Hoffnungen, die in meiner Schatzkammer im Innern hochgehäuft gleißen, und wäre noch viel froher in meinem Reichtum. Denn ich weiß jetzt, wie schlecht man sich behagt aus der Gewohnheit des Reichseins heraus und wie Enttäuschung die Seele beizt mit Gift und wie der Schmerz tief hineinfrißt, wo er drauf tropft. Weiß auch, wie leere Kammerwände aussehen, zwischen denen vor nicht langem das Glück lachte und in die es übermäßig durch die schmale Tür einströmte, daß die Behausung zu eng schien, die jetzt so leer steht, und wo man in den hintersten Ecken spärliches Abfallglück mit zerbrochenen Erinnerungen findet.

Aber ich war nie trauriger wach; und daß ich mir mit frühmorgendlichem Leichtsinn den Schwarm der Unglücksräume aus dem Sinn scheuche, daran ist nun kein Gedanke mehr.

Alle meine lieben Hoffnungen waren Einbildungen, und alle so unechten Schätze sind leichte Beute enttäuschender Sekunden; alles Gefälschte ist ihrer Habgier verfallen, und vor ihrer heulenden Wut zerstiebt ihr scheinbarer Wert, aller Schwere bar, auf Nimmerwiedereinsammeln auseinander.

Diese herzblutvergiftenden Enttäuschungen, diese raubenden Sekunden, von denen ein ganzer Schwarm über einen kommt, stürmen durch die Herzen aller Menschen, und wo sie hindurchgebraust sind, da haben sie alle Scheingüter mit sich fortgerissen und im Umsehen mit nimmersatten Schnäbeln abgefressen. Als Kehricht im rauschenden Flugstrome fortgeschwemmt vielerlei menschliches Irren und was ein Glücksjäger fälschlich für echt ansah und was er als Schätze hochhäufte und mehrte mit habefrohem Gemüte.

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