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Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 20
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
projectidf15596bf
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Fragmente aus Hamburg und Altona

1898–1899

Reiter, einen Esel besteigend, Kohlezeichnung, Berlin 1909
23,9 X 32,2 cm
Barlach-Nachlaßverwaltung Güstrow (Heidberg)

Besuch bei mir

Als ich lag und schlief, nachmittagsmüde, bei offengebliebenen Türen, schlich ganz leise, so verstohlen er nur konnte, der Wind herein. Aber ich hörte doch wen da herumsäuseln und hob halbwach ein blinzelndes Auge über den Tischhorizont, zu sehen, wer da war.

Und es war kein Fremder, es war der Wind –, der ging auf Luftzehen neugierig leise herum, er hob alles auf, um dahinter zu schauen, und was in den Ecken stand, das schob er beiseite und blies vorsichtig den Staub fort von dem geheimnisvollen Gerümpel, das da lag. Er faßte auch an den großen Vorhang und ließ ihn leise wehen und freute sich, wie die langen Falten auf und ab liefen von der Decke des Raums bis an den Boden.

Der neugierigste von meinen früheren Spielfreunden ist doch sicher der Wind. Er ist so neugierig wie Münchhausens Pferd durstig, es scheint, als hätte er gar keinen Bauch, um von allem, was er auf seinen Fernreisen mit den Augen verschlingt, wissenssatt zu werden. Wer weiß denn, woher der Weitschweifer heute kam und was für Wasser welcher fremden Zone ihm noch aus den Flügeln tropfte!

Aber er tat so erstaunt und hatte die Augbrauen so hoch auf die Stirn hinaufgezogen wie einer vom Lande, der noch nie einen doppeltnaturgroßen splitternackten Menschen aus nassem Lehm gesehn hat, wie ein Bildhauer manchmal bei sich zu Besuch hat.

Und jetzt machte er sich gar an mein Zeug, das an der Wand hing, lüftete die Ärmel und fuhr versuchsweise hinein, obs ihm wohl paßte.

Aber grade da rief ich ihn bei Namen und mit keinem Kosetone, das hörte er wohl heraus. Und war ganz schämig und verwirrt, als er herankam, aber er sagte doch ganz harmlos guten Tag, als hätte er mich bei unserm letzten Zusammensein gar nicht laut ausgelacht, als ich ihm mein Liebesunglück vorklagte, weil wir doch oft als Kinder zusammen auf derselben Straße gespielt hatten, ich als Doktorssohn, er als junger Sausewind vom edelsten Luftgeblüte; und einer hatte den andern die Streiche gelehrt, die er schon konnte. Er setzte sich an den Tisch und fragte mich ordentlich, wie es denn dem lieben Glück ginge, und zog die Augbrauen hoch und tat teilnehmend erschrocken, als er hörte, es war abgereist, und ich sähe es nimmer – der liebe, alte Sturmjunge, mein bester Freund damals, der immer muntre Sausewind! Was hatte er wieder erlebt, seitdem er vom steilen Ufer herab einem Segelschiff grade in die weißen Segelkissen gesprungen war, übersatt von meinem Jammern!

Lauter blitzend neue Abenteuer waren es, die er mir heute erzählte – ja, die blaue Ferne hatte ihm besser gefallen als mir, das wollte er meinen.

Als ich mir eine neue Zigarette gedreht, wie ichs draußen gelernt hatte, den blauen Rauch durch die Nase blies, wie ich auch wußte, daß es sich so gehörte, da fing ich an, die blaue Ferne zu verlästern, sprengte allerlei gelehrte Ausdrücke und fremde Worte zwischen meine Weisheit hinein und erklärte dem dummen Sausewind, die blaue Ferne, die sei eben immer die blaue Ferne, und sobald man näher herankäme, rücke sie sachte fort und immer fort, und wohin man auch käme auf der Welt, man stände immer nur in der grauen Nähe.

In meinem Eifer merkte ich gar nicht, daß der Sausewind seine mühsam vorgehaltene Manierlichkeit kaum noch erhielt; aber das ganze feierliche Ende meiner Weisheit und die Nutzanwendung, die schwemmte er mit einer überströmenden Lachwelle aus seiner erinnerungsfrohen Sturmbrust mir vom Munde weg.

Ich solle stillschweigen und zuhören, sagte er, wenn ich noch einfache Worte Sprechdeutsch verstünde!

Und dann machte er den Mund weit auf und erzählte, was er wußte.

Beim Ozean hatte er sich einmal verdingt. Der Uralte ist der größte Grundbesitzer der Welt; auf seiner endlosen blauen Wasserwiese unterhält er große Schiffsherden und hat eine ganze Schar Stürme und Sausewinde als Hirten bei sich in Dienst, alles freimütige, frische Burschen, der Wind konnte stolz sein auf seine Sippe. Da mochte der Sausewind wohl seine Flügel spreizen nach Tollmuts Wohlgefallen: gegen den Horizont vorn und hinten stießen sie nicht, und da mochte er wohl sein Leiblied mit dem Hurra-Rundreim aus frischer Sturmkehle singen, das äffte ihm kein Echo nach, und kein Wald verschlang es, und kein Gebirge zerschnitt es mit scharfen Graten oder schnappte danach mit klanghungrigen Felsschluchten; auf der ebenen Meerwiese klang es frei heraus, so stark und so stürmisch der Sturmjunge nur wollte.

Bloß die wilden Dampfschiffstiere schnoben und brüllten ihm dazwischen; die rannten ungebärdig quer über die blaue Wasserwiese, trotzig gerade gegen des Hirtenwinds Lenkpeitsche an; hatten einen Atem von stickendem Qualm, trampelten alles unter sich und erschreckten mit ihrem Toben und bedrohten mit vorgestrecktem eisernen Horn alle zahmen Segelschiffkühe auf der Weide des Ozeans. Halloh, hailoh, was gab es da für ein Rennen und was für ein Juchhei, wenn so ein schwarzer, eisenhäutiger, tollköpfiger Rennstier über die saubergezirkelten Horizonthürden herein und gerade durch den entgegengesetzten Horizont herausbrach, windgepeitscht und selbst ungeschreckt von des Ozeans dröhnendem Scheltbaß! Als ihm der Hirtendienst mißbehagte, machte der abenteuernde Wind Besuch am Hofe des Taifuns und verliebte sich im Handumdrehen in dessen jüngste Prinzessin, die niedliche Brise mit dem krausen Wellenhaar, aber die ältere Tochter aus früherer Ehe, die langweilige Windstille, hätte er haben können, wenn er nur wollte – und der gewalttätige Taifun, der ein sehr forscher Herr war und gar nicht daran dachte, daß der Wind seinen eigenen Willen haben konnte, wollte, daß er wollte. Er geriet in schweren Zorn, als er die Verliebten zusammen überraschte – wahrhaftig, der Wind mußte erzählen, wie er mit genauer Not, voll Schimpf und Schande und mit verrenktem Flügelknochen sein Dasein vor den Würghänden des Taifuns gerettet hatte.

Von solchen Geschichten war des Windes Gedächtnis vollgestopft, und nur die allerobersten zog er hervor, die er mit seinem einfältigen Mundwerk am bequemsten herunter erzählen konnte. Und das war stürmisches Geschwätz, und manchmal klang es gar nach windigster Flunkerei!

Aber wenn Stürme toben und auf Fernreisen um den Erdball schweifen, so geht es munterer her, als wenn unsereins mühsamen Schritts, seinem Schatten auf Lebenszeit angetraut, fürbaß wandert. Man kann ja nicht zwischen Sonnenaufgang und Mondaufgang müßig stehen und mit Zeigefingerspielerei, wenn die ganze Bergpalette von hochgetürmter Wolkenfarbe tropft, zornige Schwiegerväter wie den Taifun als Männchen und Spottbilder an den Himmel malen, als wäre es des Nachbars Gartenplanke. Auch nicht vor toller Freude, wie der Wind sagte, daß er getan, über die Wüste tanzen, die ein Tanzboden ist, wie man keinen zweiten sieht – einen Wirbeltanz in Sandhosen von einem Ozean zum andern; und zurück hatte er ein zweites Paar verschlissen. Der Sturmwind hat wohl auch wie unsereins seine Grimmstunden und weiß am andern Tage gar nicht mehr, warum; hat auch seine Zeiten voll Frohlaune und hätte gar keinen Anlaß dazu bei seinen vielen schlechten Streichen, aber wenn ihm eine Zornkraft die Finger spreizt und ein Verlangen die Fäuste durchglüht, etwas zu zerschlagen, oder wenn ein Strom ihm durch die Arme zittert und eine Lust, etwas zu umarmen, dann hat seine Herzensfreude andre Grenzen als meine und unsere, und sein Grimm hat die ganze Erde, darin zu wüten und zu toben und [sie] mit Sturmesschritten zu durcheilen; und um das weite Himmelsgewölbe zu erfüllen, hat des Sturmes Kehle und sein Jubelgesang grade die rechte Schallkraft – wo in den Himmelsregionen die räuberischen Blitze hausen, die sich in Zickzacksprüngen auf ihre [Beute] stürzen, da hatte der neugierige Windjunge sich hingewagt.

Und der Donnerwolke, dem Gewaltweib zwischen Himmel und Erde, hatte er die Hagelsäcke aufgebunden und sich einen Armvoll Schneebälle herausgerafft, die warf er den fauchenden Blitzen zwischen die Zähne und gegen die knurrenden Flanken.

Mit Ost und West und mit ausländischen Winden, selbst den am übelsten beleumdeten, hatte er Brüderschaft gemacht und mit ihnen gemeinsam Sturmfreuden gejagt; bald hatte die blaue Ferne ihn gestreichelt, bald hatte sie ihm Fußtritte versetzt, und die Fremde hatte ihn behandelt wie einen gefährlichen Landstreicher und ihn von einer Himmelsgegend in die andre geschoben, wenn er mit seinem Brausewesen ihre Gastfreundschaft über Gebühr ausnützte; aber seinem himmelsfrohen Gemüte konnte selbst so rauhe Behandlung keine Runzeln ziehen, und er hatte ungebessert weitergespaßt mit den schwerwürdigen Gebirgshäuptern aus Granit, die uralt sind und leicht gereizt, wenn so ein junger Sausewind mit rauschenden Flügelschlägen zwischen ihre versteinerten Betrachtungen fährt; er hatte unbeirrt eine Zone nach der andern mit seinen Streichen erfüllt und sich unverdrossen mit allen Fernen abwechselnd geliebt und gezankt.

Zu allerletzt war er den Störchen begegnet auf der Nordreise; das waren ihm liebe, reisefrohe Gesellen, die spießen mutig die Ferne auf die spitzen Schnabelkeile und schleudern sie mit breiten Schaufelflügeln hinter sich zurück; mit der Storchwolke war er heimgekehrt.

Wem, wenn er so des prahlenden Windes Wortmühle klappern hört, würde nicht reiselüstern von uns! Und das war ich denn auch ganz gewiß sehr, ließ allerlei stichelnde Reden und beizende Ausdrücke um den guten Wind herumschwärmen, lobte scheinheilig sein eigenwüchsiges Flügelwerk, als ob ichs ihm recht von Herzen gönnte, und wenn er nächstens wieder auswärts ginge, sagte ich, so möchte er doch vorfragen, vielleicht wäre ich mit von der Partie. Da machte der Wind große Augen und fragte, wo ich denn meine Flügel hätte, denn in den Himmelssälen über Land und Meer und bei der Sturmpromenade auf geballten Wolken könnte ich auf zwei so erbärmlichen Schreitbeinen, wie ich sie hätte, ganz gewiß nicht auftreten.

Da wurde ich ein wenig rot und gestand ihm, daß ich wohl einen Frack mit zwei [Schwalbenschwänzen] zu Hause im Schrank hängen hätte, aber zu zwei Flügeln, wie sie sich im Verkehr mit Stürmen gehörten, hätte die Kunst bisher nicht genug abgeworfen; meine Siebenmeilenstiefel aus den Kindertagen hätte ich verlegt, und Fußwerk wie die Pantoffeln des kleinen Muck, mit denen man sich ja behelfen könne, wären auch schwer zu haben, außerdem wären sie ganz aus der Mode – ob er mir nun nicht ein Paar Flügel von den Verwandten in den höheren Luftschichten mitbringen wolle, es käme mir nicht darauf an, daß sie ganz genau paßten?

Was der Wind sagte? Aber so sind sie alle, wer einen Frack hat, verachtet einen, wenn man bloß einen Gehrock besitzt, und wer sich Flügel leisten kann, hält den mit dem Frack für ungehörig zur guten Gesellschaft. Es war doch meine Schuld nicht, daß ich zur Weltreise keine Flügel anziehen konnte und daß meine Anatomie nur einfach menschlichen Ansprüchen genügte, und einen Anstandsunterricht nach den Begriffen bevorrechtigter Luftblütler hatte man in meinem Stundenplan gar nicht vorgesehen!

Der Wind kehrte die ganze Hochfahrenheit seines Inneren gegen mich zutage und ließ mich mit meinem Ehrgeiz zu Höherem gewaltig ablaufen. Schüttelte ein wahres Hagelwetter von Hohn aus seinen Flügeln auf mich herab. Ich solle an meinen Stand denken und auf dem platten Lande bleiben, wo ich hingehörte, mit meinen beschränkten Bewegungsorganen. Um durch die Lüfte zu schweifen, müßte man vom Sturmstamme sein wie er.

Als er mir die ganze Flügellosigkeit meines Menschentums so recht deutlich vorgeschildert und mir in wahrem Hochmutsärger obendrein die Unmöglichkeit des Hochfluges schwer an die Seele gekettet hatte, da machte der Wind breite Schwingen und packte die Luft fest und sträubte seine zornigen Schwungfedern; die standen quer zur Erde, und der Himmelsatem gurgelte und säuselte und rauschte hindurch. Und wie er sie trotzig schwang, schäumte lang sausendes Klingen auf dem Luftstege hinter ihm drein.

Ich aber saß und konnte ihm nachhorchen mit weitgespannten Tonfallen und ihm nachgrübeln und nachhinken mit lahmen Hoffnungsgedanken.

Ja, wer auch seine Tritte vom klebrigen Boden könnte reißen und seine Füße zum Wandern an den Himmel setzen, mit Stürmen sausen und mit Winden fliegen auf hochgebauten, durch den Himmelsraum geschlängelten, mit Wolken gepflasterten, luftigen Bahnen!

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