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Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 2
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Reise des Humors und des Beobachtungsgeistes

[Bruchstücke eines Geisterromans]

I

An diesem Tage hatte er noch ein anderes Abenteuer; er wurde fortgeschickt, um einen Fleischton von Murillo zu borgen, mit dem man Nachdunkelungsexperimente anstellen wollte. Da kam er durch einen Raum, in welchem ein Kunstgelehrter auf den Knien lag und mit Stift und Notizbuch in der Hand jede Nummer von den vielen Hundert des Zimmers notierte. Seine Rockschöße schleiften auf der Erde, und sein Zylinder geriet ins Wanken, ohne daß er es merkte. Da kamen durch die Tür zwei andre Zylindermänner, die alles nur soweit interessierte, als es ihren Hüten nicht schadete. Sie waren von einer Dame begleitet und sahen nur jedes achtzigste Stück an, und alles war für sie nur eine Gelegenheit, hübsch auszusehen und sich anmutig umeinander zu drehen. Als sie den Mann an der Erde bemerkten, kicherten sie und steckten alle drei ihre Köpfe über einer kleinen Marmorfigur zusammen, um ihre Glossen auszutauschen.

Als der Kunstgelehrte diese parfümierte Gesellschaft bemerkte, glitt ein verächtliches Lächeln über sein Gesicht, und mit vermehrter Überzeugung rutschte er um einen Fuß weiter, und der Humor glaubte zu hören, wie er seinem Schöpfer dafür dankte, daß er nicht war wie jene, und diese erzählten sich mit verliebten Augen dasselbe.

Auch der Humor mußte lächeln, als er weiterging. Die buckelige alte Jungfer, die die unbefleckte Empfängnis kopierte, konnte keinen einzigen Fleischton entbehren; ob er keinen von ihrem Bilde gebrauchen könne, die seien ebenso gut. Und der Humor ließ sich überreden, einen mitzunehmen, den sie ihm sorgfältig in Papier schlug, damit er keinen Flecken bekäme.

Es wurden also Nachdunkelungsversuche angestellt, die aber zu keinem Resultat führen wollten, bis endlich der Ton ganz unerwartet explodierte und als ungehörter Liebesseufzer der alten Jungfer hinausklang. Das gab eine große Verwirrung, und der Humor wurde strenge vorgenommen. Er gestand ganz freimütig, von wem der Ton entliehen war, und beteuerte, sich dabei garnichts Arges gedacht zu haben, aber es glaubte ihm niemand, und er wurde zum Karzer verurteilt.

Da saß er nun traurig neben dem Sklaven des Michelangelo, denn in diesen entlegenen Räumen befand sich der Karzer. Die beiden sprachen sich gegenseitig keinen Mut zu, und der Humor fand, daß es ihm immer schlechter gehe. Sogar die Nächte in der Gesellschaft der Mumie deuchten ihm jetzt herrliche Ereignisse, und die glückliche Zeit, da er mit dem Beobachtungsgeist auf die Wanderschaft ging, lag in goldenen Dunst gehüllt in weiter Ferne. Mit den Schatten des Abends wurden auch seine Gedanken schwärzer. Er dachte an das Klassenzeugnis, das er in der nächsten Woche bekommen würde, und es graute ihm, wenn er sich vorstellte, wie ihn der Kunstsinn im Klub der deutschen Ideen heruntermachen würde. Da stieß er einen recht humoristischen Seufzer aus, und der Sklave stimmte ihm bei.

Ein Gespenst schlurfte durch die Gänge, ein regelrechtes, ruheloses, seufzendes Gespenst, das war von der Direktion des Pensionats als Wächter angestellt. Denn dazu eignen sich Gespenster am besten. Das machte alle drei Stunden seine Ronde durch die sämtlichen Räume, und da der Karzer gewöhnlich leerstand, so hatte es sich angewöhnt, ihn als Wächterzimmer zu betrachten. Es freute sich, Gesellschaft zu finden, und nachdem es den Humor sorgfältig von allen Seiten betastet und nach seiner Gesinnung gefühlt hatte, setzte es sich zu ihm. Sie schalten gemeinsam über das Pensionat und die Unterrichtsmethode, und das Gespenst vertraute dem Humor, daß es auf dem Kirchhofe Père-Lachaise wohne und dieses Wächteramt nur aus Liebhaberei angenommen habe. Als es noch kein Gespenst war, sei es Beamter im Louvre gewesen, fünfzig lange Jahre, und jetzt sei es ihm lieb, die gewohnten Räume zu durchwandern, wenn auch nur nachts und in untergeordneter Stellung. Es fragte, ob der Humor einen Rundgang mitmachen wolle, und warf seine Bedenken kurzerhand in den Kehrichtkasten. Dann packte es seinen Koffer auf, den es immer mit sich herumschleppen mußte. »Es sind meine Erinnerungen«, sagte es, indem es die Last von allen Seiten ansah, ob noch alles wohlverpackt war. Der Humor entdeckte ein beschriebenes Blatt Papier und machte das Gespenst darauf aufmerksam. Er rühmte die Schönheit der Buchstaben und fragte, ob das Gespenst selbst die Schrift geleistet hätte, worauf dieses, etwas verwirrt, das Blatt hineinschob und sagte, es seien Erinnerungen aus seiner Schulzeit. Ob viele Fehler drauf seien, fragte der Humor in der Hoffnung, einen Leidensgenossen zu finden. Aber das Gespenst antwortete: »Nein, kein einziger, nur die Unterschrift ist falsch.«

Nun gingen sie los, der Humor mit der Laterne voran, das Gespenst seufzend unter seinen Erinnerungen hinterdrein, treppauf, treppab, durch lange Säle und hallende Korridore, und der Humor leuchtete, wohin es ihm beliebte. Das Gespenst machte ihn darauf aufmerksam, daß es verboten sei, die Figuren in den Rahmen zu necken, auch warnte es ihn, sich lange aufzuhalten, da er ein hübscher Kerl sei, dem die Weiber alle nachlaufen würden; bei ihm selbst habe das keine Not. Es lugte scharf umher, ob alles in Ordnung war, und erklärte, daß es den Figuren streng untersagt sei, aus ihren Rahmen herauszugehen. Früher hätten sie ihren wöchentlichen Ball auf der Escalier Daru gehabt, aber beim letzten hätte eine Menge Verlobungen stattgefunden, und dann hätten die jungen Paare, mir nichts, dir nichts, wie die Verheirateten einen gemeinsamen Rahmen bezogen. Sie mußten mit Gewalt in ihre besonderen Wohnungen befördert werden, das habe viel böses Blut gesetzt. Es wüßte, daß eine Note zur Unterschrift zirkuliere, in der das allgemeine Koalitionsrecht gefordert würde. Das wäre immer schöner und sei durchaus gegen den Katalog. Dann standen sie vor der unbefleckten Empfängnis, und der Humor erzählte dem Gespenst sein Unglück von diesem Tage. Da lachte das Gespenst und sagte, das sei eine alte Geschichte, die Kopien dieser alten Jungfern würden alle in einem feuersichern Räume aufbewahrt, sonst würden die Explosionen kein Ende haben.

Der Regen klatschte gegen die Scheiben, als sie in den nächsten Saal traten, dessen Ende der Humor garnicht ableuchten konnte. Sie traten an ein Fenster und sahen hinaus. Da tat sich die Nacht gütlich an schwarzen Schleiern, und den Humor durchschauerte es von Verlangen, in die finstern Winkel zu schleichen und um die Pfeiler der Brücke zu weben. Solche Nächte wie diese kannte und liebte er, dann pflegte er draußen im Wald und auf der Heide sein Wesen zu haben, und im nebligen Geriesel des Feuchten von Baum zu Strauch und vom Strauch zur Erde gab es Kurzweil ohne Ende. Das Gespenst sah seinen Kummer und lud ihn ein, mit ihm auf den Pere-Lachaise zu kommen und ihn in seiner bescheidenen Wohnung zu besuchen; in der nächsten Woche würde er sich eine freie Nacht machen, die Fahrgelegenheit sei eine gute, und am Morgen könne er mit dem ersten Omnibus zurückfahren.

Der Humor nahm mit Dank an und fragte, ob er vielleicht die Mumie mitbringen dürfe, er sei ihr eine kleine Erkenntlichkeit schuldig, und es sei gewiß, daß es ihr viel Spaß machen würde, in eine moderne Gespenstergesellschaft eingeführt zu werden. Das konnte er, und nach dieser Pause half er dem freundlichen Gespenst, seinen schweren Koffer wieder aufpacken, und dann leuchtete er weiter. Lang, lang war der Weg im Dunkel des Riesengebäudes, und nur flüchtig konnte er im Vorbeiwandern einzelne Stellen beleuchten, bald einen Kopf, der an ganz andere Dinge dachte, als daß er hier an der Wand hing, und zuweilen erschrak der Humor vor Blicken, die durch die Steinwände in die Ferne flogen, vor krausen Stirnen, die die Geheimnisse früherer Zeiten bargen, vor zusammengepreßten Lippen, die sich niemals öffnen würden, um die Arbeit, die hinter diesen Stirnen stattfand, der Welt mitzuteilen. Auch den erzürnten Blick mancher rotwangigen Schönen bekam er, wenn er sie unvermutet in [den] Armen ihres Liebhabers beleuchtete, und viele ledige Mädchen träumten in dieser Nacht humoristische Träume von dem schönen Jüngling und legten sich die Worte zurecht, mit denen sie seinen Antrag unter Hinweis auf das Ungewohnte einer neuen Leinwand zunächst ablehnen würden. Dann stiegen sie eine breite Treppenflucht hinab und drangen vorwärts durch einen Wald von Marmorfiguren. Davon sprachen einzelne den Humor an und fragten ihn, ob er ihnen nicht zu ihrem Rechte verhelfen könne: ganz fremde Glieder habe man ihnen aufgedrängt, sehr zum Schaden ihres guten Namens. Die aus gleichem Marmor gemeißelten Glieder seien ihnen rechtmäßig verlorengegangen, und diese Errungenschaft wollten sie bewahren. Die jugendlichen, fremden Gesteine aber hätten gar keine Achtung vor ihrem Alter, und das Verhältnis sei das denkbarst schlechteste. Ob er nicht sagen könne, wo man den Scheidungsprozeß anstrengen müsse. Aber das Gespenst wies sie mit harten knöchernen Worten zurecht, und sie müßten sehen, wie sie mit ihren Restaurationen auskämen. Und dann standen sie vor der Venus von Milo, die ihr eigenes Zimmer allein hatte, weil sie mit als erste Zugkraft galt. Hier legte das Gespenst abermals seinen Koffer ab und versuchte, eine Unterhaltung zu beginnen. Die Göttin aber antwortete garnicht und wandte keinen Blick von der Ecke. Das ärgerte das Gespenst, und es rühmte sich gegen die Venus seiner früheren Eroberungen – sie solle nur mal seinen Koffer ansehen, der sei ganz voll von Erinnerungen an Liebesabenteuer, es hätte wahrlich nicht nötig, sich lange zu bemühen, wenn sie seine Unterhaltung nicht wolle, so möchte sie sich bessere suchen. Da konnte Venus nicht umhin, ganz sanft zu lächeln und mit einem einzigen Blick den Koffer zu mustern. Es schiene doch wohl nicht genug darin zu haben, sie aber hätte Liebesabenteuer ohne Zahl erlebt, aber nicht mit Gespenstern, sondern mit Göttern. Da räusperte sich das Gespenst und griff schnell nach seinen Effekten. Hastig schritt es davon, daß der Humor kaum folgen konnte, und wie er es einholte, hörte er, wie es mit den Zähnen knirschte.

Wieder ging es durch lange Säle und über viele Treppen, von einem Flügel in den andern. Sie hatten viel Zeit vertrödelt und mußten sich beeilen. Einige Figuren wurden ertappt, wie sie Visite in Nachbarrahmen machten. Deren Katalognummer wurde notiert und ihnen gedroht, sie würden verhängt werden, im Wiederholungsfalle aber unter Glas gesetzt. Ein ganzer Saal war ausgewandert und hatte als Wache ein altes zahnloses Weib in verblichenen Tinten zurückgelassen, die freute sich, die Vernachlässigung rächen zu können, und teilte dem Gespenst geschwätzig mit, daß alle andern auf einer Partie rund ums Louvre auf dem Sims des ersten Stockes begriffen seien. Das war eine willkommene Botschaft für das Gespenst. Es übergab dem alten Weibe seinen Koffer, und sie stiegen hinaus in die Regennacht, und das breite Gesims entlang eilten sie dahin auf der Suche nach Ausflüglern. Sehr häufig stießen sie auf Figuren, die ihnen nicht ausweichen wollten, weil sie verdrießlich über den Regen waren. Dann streichelte sie das Gespenst mit schönen Versprechungen. Es würde dafür sorgen, daß die Nischenfiguren einmal heraus müßten und sie ins Trockene kämen. Dann lächelte der von Wetternarben bedeckte Stein hoffnungsfreudig und machte höflich Platz. Er stellte sich steifer und heroischer auf als vordem, und wenn ihm die Tropfen kitzelnd an der Nase hingen und das kalte Naß an den Beinen hinabrann, dann lächelten sie verächtlich über alle Beschwerden. Wenn sie in die Nische kämen, sei ja alles Leid vorbei, und es wäre sehr die Frage, ob die Nischenfiguren ebenso gut dem Wetter trotzen und lange ihre glatten Gesichter und zierlichen Glieder behalten würden.

Nun erreichten das Gespenst und der Humor die Vergnügungspartie. Sie schlichen vorsichtig näher, denn hier schoß ein breiter Strom, der aus einer verstopften Wasserrinne überfloß, grade auf das Gesims herab und versperrte den Figuren den Weg, und da standen sie nun und taten dem Charakter gemäß, den der Maler in sie hineingelegt hatte. Da war ein Löwe, der hatte so runde Backen, daß alle glaubten, er lache heimlich über sie. Das war aber nicht der Fall, und der Löwe selbst glaubte, daß er furchtbar und dräuend anzuschauen sei. Da waren auch ein paar barocke Schäferinnen in zierlichen Kostümen, hübsche Mädchen, die hatten sich hoch aufgenommen, denn der Regen war eine gute Gelegenheit, und das war die Hauptsache an ihnen. Sie aber taten, als wüßten sie nichts davon, und ihre eifrige Unterhaltung drehte sich um die Rosen in der Hand der einen. Das ärgerte einen alten philosophisch gesonnenen Herrn von mittelalterlicher Anschauungsweise, und er riet den beiden hübschen Mädchen, ins Kloster zu gehen, und ein paar Mönche waren frivol genug, ihr Kloster zu diesem Zwecke zu empfehlen. Alle andern waren verstimmt und behaupteten, sie hätten es gleich gesagt, daß der Ausflug zu Wasser werden würde – bei dem Wetter! Ein sehr anständiger junger Gott, der nie etwas auf Kleidung gegeben hatte, fror entsetzlich und klapperte mit den Zähnen, man möchte umkehren, ihn verlange nach der goldenen Sommersonne seiner komfortabel eingerichteten Landschaft. Aber er fand kein Gehör, denn alle hatten das einzige Verlangen, sich zu amüsieren, und wollten im schlimmsten Falle in den ersten besten Korridor eintreten und einen Ball veranstalten. Da erbarmte sich ein alter friedlicher Holländer mit breitem Gesicht des nackten Gottes und gab ihm zur Erwärmung seine Pfeife zu rauchen. Hier fuhr das Gespenst dazwischen und hielt fürchterliche Musterung. Es gab einen traurigen Rückzug, und zu allerletzt ging der junge Gott. Dem war vom Rauchen entsetzlich schlecht geworden, und er beklagte bitter seinen Leichtsinn, während er in den Armen des Humors und des Holländers langsam vorwärts kam: er habe in seiner Landschaft alles, was er sich wünschen könne, eine Baumgruppe, Schatten, Quellen, Aussicht aufs Meer, ja sogar einen Hund, wenn man über die schlechte Zeichnung hinwegsähe – er begreife garnicht, wie es ihm möglich gewesen sei zu glauben, es könne anderswo noch schöner sein. Der Humor tröstete ihn und riet ihm, sich hieraus eine Lehre zu entnehmen – er wolle sich beim Gespenst für ihn verwenden, da er sähe, wie tief er seinen Ungehorsam bereue.

Als alle wieder regelrecht auf ihren Plätzen standen, graute der Morgen durch die Fenster, und die ersten Tagesgeräusche flatterten herein. Die waren auf Gespenster dressiert, und der Wächter konnte sich kaum vor ihnen retten. Schnell nahm er Abschied, und der Humor begab sich in den Karzer zurück.

II

Die Mumie war hoch beglückt, als sie hörte, daß sie den Humor begleiten dürfe, und fast schadete ihr die Aufregung. Als der verabredete Abend kam, tat sie ein Gewand um, das sie von dem benachbarten Glasschrank geliehen. Das stand prächtig zu dem Übrigen, von dem man nicht unterscheiden konnte, ob es gedörrte Haut oder Lumpen waren.

Das Gespenst, das pünktlich erschien, war entzückt und machte ihr feurig die Kur. Es stellte Vergleiche an zwischen ihr und der Venus und fand, daß diese sehr zum Nachteil der letzteren ausfielen. Das schmeichelte der Mumie durchaus nicht, denn mit der Venus verglichen zu werden, daran fand sie nichts. Indes lächelte sie höflich und fragte, wie gut denn die Venus erhalten wäre – ob sie noch die ganze Haut hätte, und sie schwieg bedeutungsvoll, als das Gespenst sagte, daß sie wohl noch die Haut, nicht aber die Arme mehr besäße.

Unter solch angenehmen Gesprächen war man ans Ziel gelangt, und das Gespenst begann, bei der Mumie zu reussieren. Dieser schien das Gespenst auch zu gefallen, und sie glaubte, ihre freundliche Gesinnung nicht länger verbergen zu müssen, als sie erfuhr, daß der Koffer ganz mit Erinnerungen angefüllt sei.

Das Gespensterreich auf dem Père-Lachaise regierte sich nach dem Prinzip des Erbbegräbnisses, und die Fremdlinge wurden beim Eintritt sorgfältig untersucht, ob sie nichts bei sich führten, was dem Glänze dieser Regierungsform einen Abbruch tun könnte. Die Mumie sagte, sie sei aus einem der ältesten Erbbegräbnisse entführt, sei vaterlandslos und weckte dadurch augenblickliche Sympathie. Die Nachricht von ihrem Erscheinen verbreitete sich nach allen Seiten, indem sie zu gleicher Zeit immer größer wurde, wie dies die eigentümliche Gewohnheit von Nachrichten ist, und bald wußte man, daß es die Gesandtschaft irgend eines befreundeten Geisterreiches sei. Man fand sehr bald, daß die freundlichen Gesinnungen des Père-Lachaise seit langer Zeit diesem Reiche gehört hätten, und es wurde öffentlich und von Erbbegräbnis wegen Sympathie verteilt, und jeder Geist konnte davon heute so viel zu sich nehmen, wie es ihm beliebte. So feierte der Père-Lachaise die Anwesenheit der Mumie.

Das Gespenst, das als Wächter im Louvre diente, konnte wahrlich froh sein. Denn plötzlich war es ein öffentlicher Charakter geworden, und man schob seiner Geschicklichkeit, seinem Takt den ganzen gespenstischen Erfolg der Erbbegräbnispolitik zu. Es führte die Mumie und den Humor in seine Wohnung, die in einem der ärmsten Viertel des Reiches gelegen war, und sofort wurde durch allgemeinen Gespensterwillen dieser Straße der ehrende Name Mumienallee beigelegt. Selbst die vornehmsten Mitglieder der Regierung kamen jetzt in diese Gegend, die sie früher nie gesehen, und viele ließen das Gespenst dringend um eine kurze Unterredung unter vier Augenhöhlen bitten. Denn da man seine baldige Ernennung zu einem hohen Posten der Grabkammer erwartete, so mußte man sich möglichst gut mit ihm zu stellen suchen. Dem Gespenst ging bei dem vielen Händeschütteln schließlich ein Armknochen verloren, und es brummte ganz unwirsch, wenn das der Glanz der öffentlichen Laufbahn sei, so würde sich derselbe wohl bald in alle Ecken verlieren – man könne bei solchem Trubel ja garnicht seine paar Knochen beisammen behalten.

Indes nahm es den Humor beiseite, versicherte ihn seines dauernden Wohlwollens und bat ihn, doch in einer der nächsten Nächte bei der Venus vorzugehen und im Gespräch ganz nebenbei sein plötzliches Glück zu erwähnen. Er solle nur sagen, es zürne ihr durchaus nicht, aber er glaube kaum, daß das Gespenst noch einmal auf sie zurückkommen würde – das Übrige wolle es dann schon selbst in Ordnung bringen.

Die Mumie sagte zu dem allen kaum ein Wort. Ihr Verstand war zwar gut erhalten, und man konnte schwören, daß sich das solide Werk nie verwirren würde, aber es war seit Jahrtausenden nicht so rasch gelaufen, wie es heute verlangt wurde, und sie bemerkte zum Humor, es schiene ihr, daß man die Minuten zu voll stopfe. Früher hätte man eine nach der anderen sorgfältig gefüllt und sich darauf verlassen können, daß keine platze – ja, ja, das ließe sie sich nicht nehmen, Geschichte habe man damals viel solider konstruiert.

Fortwährend ließ man die Mumie hochleben, und sie mußte sich häufig zeigen. Ihr brauner Ton war mit einem Schlage Mode geworden, und wie es früher zum feinen Gespenstertum gehörte, mit glänzend weißen Knochen zu gehen, so strebte man jetzt nach einem Verfahren, die braune Farbe zu erzeugen. Einige ganz gemeine Bettelgespenster, die stets die Knochenpflege vernachlässigt hatten und deren Ton als schmutzig verabscheut worden war, kamen ihr ziemlich nahe und konnten sich mit Glanz in den feinsten Gräbern zeigen.

Das glückliche Wächtergespenst bewog die Mumie, die Einladung zu einem der feinsten Erbbegräbnisse anzunehmen, die die Herrin der Gruft ihr überbringen ließ. Es war in der Avenue Principale, in der Tat ein prachtvolles Monument, mit einem Engel und vergoldeten Buchstaben geschmückt.

Unterwegs war man an einem Grabe vorbeigekommen, wo eine andächtige Menge lautlos weilte. Das Schauspiel gefiel dem Humor, und während die andern weitergingen, fragte er ein gebücktes altes Gerippe, das nur noch die notwendigsten Knochen besaß, nach dem Grunde der Versammlung. »Hier reist ein neuer Patriot seinem hohen Gespenstertum entgegen«, sagte das Alte mit würdevollem Tone, indem es den Humor mit einer Kopfneigung ansah, als blickte es hinter den Brillengläsern hervor, deren es vormals im Stadium seines noch unvollkommenen Menschentums bedurfte, und der Humor erkannte sogleich, daß vor ihm ein weises Gespenst stehe, und er sagte in Bezug auf die wenigen Knochen der neuen Bekanntschaft, er bewundere seine philosophische Bedürfnislosigkeit, worauf das Alte freundlich mit dem zahnlosen Unterkiefer wackelte, was man hier lächeln nannte. Und es erzählte ihm, daß der Besitzer dieses Grabes nun bald als Gespenst hervortreten könne, nach der Zeit des langsamen, stillen Werdens unter der Erde. Im Laufe des Gespräches fragte der Humor, wie es mit dem Lieben und Heiraten sei. Denn ihm war aufgefallen, daß der Wächter ein großer Damenfreund war, und er argwöhnte, daß er nur deshalb seinen Dienst im Louvre habe, um diese Liebhaberei pflegen zu können.

»Heiraten und Lieben, das sind menschliche Schwächen«, sagte das trümmerhafte Gespenst, indem es mit dem einzigen Arm, den es noch hatte, eine wegwerfende Bewegung machte. Und in der Tat fiel die Hand ab, die der Humor sich beeilte aufzunehmen. Das bedürfnislose Alte hätte zwar die Hand ruhig liegen lassen, aber diese Aufmerksamkeit nahm es mit Dank an. »Das sind menschliche Schwächen«, wiederholte es, indem es die Hand provisorisch befestigte, und nun setzte es philosophisch dem Humor auseinander, daß die Menschen doch eigentlich nichts dafür könnten, da sie ja ihre Augen wie das Herz gewähren lassen und mit sich tragen müßten wie manche andre Unvollkommenheit[en], welche den höheren Knochenwesen nicht mehr anhaften. Und es schloß: »Übrigens sind die Menschen bei aller ihrer Unvollkommenheit noch eingebildet und hochmütig. Da sie sich in Wirklichkeit nichts Höheres als das Menschentum denken können, so lehren ihre Professoren, daß sie der Zweck und die Krone der Schöpfung sind, und einige begehen gar die Lächerlichkeit zu behaupten, daß mit ihrem Tode alles zu Ende sei. Aber wie aus der Raupe der Schmetterling, so entwickelt sich aus dem Menschen das Gespenst – der Vergleich ist schlagend.« Und wirklich schlug es mit der klappernden Hand triumphierend auf den Grabstein, daß die Handknochen nach allen Seiten davonsprangen. Es schenkte sie ein paar allerliebsten jungen Gerippchen und sagte, daß es die Kleinen gar zu gern habe, und als der Humor sich verabschiedet hatte, sah es den Kindern voll Interesse zu, wie sie um seine Knochen spielten.

In der Avenue Principale ging es lebhaft zu. Der Mond war aufgegangen, und sein Licht war im Erbbegräbnisstaate die fashionableste Beleuchtung. Zwar flüsterte man sich zu, daß einige Gespenster sich über die guten Sitten hinwegsetzten und am hellen Tage herumklapperten, aber allgemein verdammte man diese schlechte Gewohnheit, und die Täter blieben von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen. Herrlich nahm sich die Straße aus, und allgemeine Freude herrschte über die gute Witterung. Denn der Eindruck, den die Mumie mit sich davontragen würde, mußte ein feenhafter sein. Durch die Gruppen der im tadellosen Weiß promenierenden Gerippe drängte sich der Humor in das Erbbegräbnis, dessen Gast er als Freund des Wächters geworden war. Hier bildete die Mumie, im Kreise der Vornehmsten hockend, das Entzücken aller. Denn es war beim ersten Eintritt allgemein aufgefallen, mit welcher Sicherheit und Grazie sie sich auf dem Parkett der Grüfte zu bewegen wußte. In dem berauschenden Moderduft der Grabesatmosphäre war sie braun und klapperdürr geworden, hatte sie eine Knochenführung gewonnen, die sogleich als ebenbürtig derjenigen der ersten Erbbegräbnisse anerkannt wurde. Man fand es reizend, wie sie die Beine in die Höhe zog, das Kinn zwischen die Kniescheiben bettete und die Hände auf den Füßen ruhen ließ, und das Licht der Grabampel brachte auf ihrer gedörrten Haut eine Wirkung hervor, die einen anwesenden Poeten zu hinreißendem Ausdruck seiner Bewunderung in einem unbestimmten Versmaß begeisterte. Es war die dichterische Größe des Staates. Die erste Sammlung seiner ergreifenden Gedichte unter dem Titel »Klapperbein« hatte aus dem ganz unbekannten Gerippe in dem ärmlichen Mansardengrabe zu fünfzig Toten der Krankenhäuser mit einem Schlage den verwöhnten Liebling aller Grabespatrioten gemacht. Niemand vor ihm hatte Worte solcher Innigkeit, solcher Farbentiefe für die Schilderung des Knochenlebens gefunden, und sein stürmisches: »Spukt, spukt, Gespenster – Gerippe zu Hauf!« war geradezu Nationalhymne geworden. Er und sein gelehrter Freund, dessen berühmte Abhandlung über den Begriff der reinen Hirngespinste den Grundstein der ganzen modernen Erbbegräbnisphilosophie bildete, huldigten mit Begeisterung der Mumie. Der Gelehrte gestand unumwunden, daß bei ihrem Anblick sein System nicht ausreichend erscheine und er wahrscheinlich gezwungen sein würde, durch Einverleibung des Zweckbegriffes eine Erweiterung der Anschauungen zugunsten einer noch größeren Vervollkommnung des idealen Gespensterdaseins, der Möglichkeit einer dauernden Vereinigung von Haut und Knochen zu bewirken, worauf die Mumie erwiderte, daß es viel einfacher sei, sich einbalsamieren zu lassen. Und dann gab sie das Rezept zu einer gut konservierenden, nicht übermäßig teuren Salbe, die, wie sie erzählte, zu der Zeit ihrer Einbalsamierung patentiert gewesen sei. Dies wurde als Preisgabe eines politischen Geheimnisses, als untrügliches Zeichen des herzlichsten Einvernehmens mit dem befreundeten Gespensterreiche angesehen und mit fast religiöser Inbrunst aufgenommen. Geschah hier drinnen der Ausdruck des Dankes in den Grenzen des feinsten gesellschaftlichen Taktes, so gewann er draußen den stürmischen Charakter überwältigender Begeisterung: unter dem Einfluß der reichlich genossenen Sympathie quoll eine Flut gespenstischer Freude empor und ergoß sich über das ganze benachbarte Viertel. Überall sah man im bläulichen Schimmer des Mondlichtes die unentwirrbaren Knäuel sich umarmender Knochenmassen, und heute nahm man es nicht so genau mit meinen und deinen Gliedern. Aus allen Gräbern, von allen Monumenten herab erscholl das »Spukt, spukt!«, und die Freigebigkeit nahm solche Ausdehnung an, daß ein einzelner Schädel, für den man schon seit Monaten sammelte, in wenigen Minuten mit allen Knochen ausgerüstet war und in der nächsten Stunde ein Extraskelett für die Feiertage sein eigen nennen konnte.

Der Humor war froh, daß man wenig auf ihn achtete. Er drückte sich in eine Ecke, wo ein paar nicht groß gewordene Mädchengerippe miteinander kicherten. Das machte ihn sehr verlegen, aber er hielt es für höflicher, nicht gleich wieder wegzugehen. Obgleich ihm die ganze Gespensterwirtschaft dieser Nacht garnicht gefallen wollte und das Selbstglück dieser lustigen Knochengerüste ihn durchaus nicht anheimelte, so glaubte er doch, ein bißchen Entzücken zur Schau tragen zu müssen, und fügte deshalb einige Ausdrücke der Bewunderung und Überraschung zusammen. Das eine Mädchengerippe, das sich den Backenknochen nach der neuesten Mode mumienfarbig gepudert hatte, fragte: »Sie sind wohl gar kein Gespenst?«, und da er bejahte, entfuhr beiden ein Ausruf des Mitleidens, und als er gar zugestand, daß er garnicht spuken könne, kamen sie darin überein, daß es doch recht sonderbare Existenzen gäbe.

Nun fragte die andre ihn, ob er kein sicheres Mittel gegen Zahnweh habe. Der amerikanische Dentist in der Avenue des Acacias ziehe ja die Zähne sehr geschickt aus [und] ersetze sie durch andere – aber das habe nichts geholfen, und gerade jetzt schmerze sie der neue ganz unerträglich. Der Humor bedauerte, nicht raten zu können. Er habe da keine Erfahrungen sammeln können, denn überall, wo Zahnweh eingetreten, habe man ihn schnell in den Garten geschickt – wie es denn täte?

Die beiden Gerippe fanden ihn als Nichtgespenst ganz passabel, und diese letztere Frage zeigte ihn gar als gesellschaftliches Talent. Sie erzählten nun die Länge und Breite von Zahnweh, und er hörte aufmerksam zu. Je länger sie sprachen, desto mehr amüsierten sie sich, und als der Morgen anbrach, fanden sie, daß es eine entzückende Nacht gewesen war.

Der Aufbruch geschah mit aller Hast, denn es war fast zu früh geworden. Noch am Tore wurde der Mumie eine großartige Ovation dargebracht, und als sie und der Humor beim Eintritt in die Rue de la Roquette noch einmal zurücksahen, warfen die Gespenster, die ihnen nachschauten, alle ihre Schädel in die Höhe als ehrenvollsten Gruß in die Ferne.

III

Riesige Karren mit zwei gewaltig hohen Rädern drangen schwerbeladen von allen Seiten in die Stadt ein, das waren rüstige Karren! Zwischen die Arme hatten sie das Pferd genommen, das ihnen immer am meisten Mühe mit dem Vorwärtskommen machte, da es faul und schläfrig war, auf dem Buckel eine große Menge Gemüse und Sachen vom Lande, nach denen Paris einen ewigen Heißhunger hat, und zuoberst mehrere Gestalten, die die Mumie im Morgengrauen für Verwandte hielt, – und mit dieser ganzen Last rollten die Karren schon von weither und hatten auch jetzt noch gar keine Zeit, sich ein bißchen zu verschnaufen, obgleich ihre Achsen laut nach einem Bissen Schmiere kreischten. Hier und da lagen Hügel von übel riechenden Wertgegenständen, halb auf dem Trottoir, über den Rinnstein hinweg und über die Fahrstraße nach vielen Windrichtungen weit zerfranst. Dazwischen forschten mit Händen oder Hacken eifrige Schatzgräber mit unbestimmten Kleidersäumen nach dem Allerbesten, tief gebückt und von dem oberflächlichen Blick in ihrem bescheidenen Tun kaum vom Kehricht unterschieden, und mancher Kohlstrunk, der hier vor Tag und Tau von dem Hacken aus dem Gerümpel von kostbaren Sardinendosen, Eierschalen und allerlei Gegenständen, deren Herkunft naturwissenschaftlich nicht mehr mit einfachen Klassennamen bezeichnet werden konnte, hervorgeholt und durch vielfache Umdrehungen gewissenhaft geprüft wurde, war gestern auf den hohen Rädern an ähnlichen Abfallgebieten vorüber gefahren und wußte nun, wie wenig Zeit es braucht, um ein Lump zu werden.

Sie kamen an die Seine, wo der Vorschein des Tages schon geschäftig hin und her webte und manche täglichen Gegenstände im Journal numeriert hatte. Er ging ganz systematisch vor und bezeichnete selbst nur die allergrößten Massen, indem er die Detailarbeit dem Tage selbst überließ. Hier ein Häuserblock, dort ein langes Straßenpflaster, eine Wand von Laub, die in Wirklichkeit aus vielen Bäumen bestand; nun die viereckige Silhouette der Palastinsel, die im Innern die Notre Dame, das Hôtel Dieu, den Justizpalast und eine Kaserne verbarg, dann den riesigen Steinblock des Louvre, und Alles nahm sofort ein eintöniges Grau an und stellte sich aufrecht und stramm, um die weiteren Befehle des Tages zu erwarten. Bis hierhin waren der Humor und die Mumie mitgegangen. Nun schlüpften sie schnell hinein, und als die letztere ihr Gewand in den Glaskasten gehängt hatte und ihren Sarkophag bestieg, stieß sie einen recht gefühlvollen Seufzer aus und fragte den Humor, ob er glaube, daß die Gesinnung des Gespenstes gegen sie aufrichtig und ehrlich sei. Der Humor aber tat, als ob er schon schliefe, denn er erinnerte sich seines Auftrages an die Venus.

Am Sonnabend dieser Woche bekamen sie ihre Zeugnisse, und der Humor machte sich nach dem Arc de Triomphe auf den Weg, um dem Klub der deutschen Ideen seinen Besuch abzustatten. Er hatte gar keine Eile und glaubte, daß er immer noch zu früh kommen würde. Und wie er so unter den Bäumen des Tuileriengartens hintrödelte mit seinem schlechten Zeugnis, erschrak er, als er in der Ferne den großen Bogen sich gegen den Horizont abmalen sah. Zu ihm hinauf hatten sich längs der ganzen Avenue Bäume in Parade aufgestellt, und der Obelisk reckte sich so steif in die Höhe und stand so zielgerade und feierlich in der Luftlinie davor, daß dem armen Humor beim Anblick dieser Vorbereitungen ganz schlimm zu Mute wurde. Er ging traurig zur Seite, um dem herrlichen Anblick zu entgehen, denn er hatte keine gleichartige Stimmung mitgebracht, und fast wäre er lieber zu dem Zahnarzt in der Avenue des Acacias gegangen.

Er klagte der Statue der Verschwiegenheit sein Leid, denn die versprach, nichts weiterzusagen, und rühmte sich ihrer Zuverlässigkeit. Alle Reisenden, die vorbeikämen, äußerten sogleich, die sage garnichts, und dann gingen sie weiter. Der Ruf sei fest begründet. Aber da sie wirklich weiter nichts sagte, als daß dies so sei, so war sie für den Humor nur ein kleiner Trost. Er ging weiter und kam auf den Konkordienplatz.

Da saß eine Reihe vornehmer Damen aus Stein im weiten Rund. Die hatten es gut, denn sie saßen auf breiten und geräumigen Unterbauten und brauchten sich nicht erst an schwindelfreien Aufenthalt zu gewöhnen. Die eine von ihnen war über und über mit Kränzen bedeckt, und das gab ihren Schwestern Anlaß zu Neid und bitteren Gedanken. Sie hatten mit ihren Blicken ein gefährliches Netz über den Platz geknotet, denn sie waren höher gestellt als er selbst; darin hingen zappelnd allerlei Gefühle, die in den Kränzen der andern Dame nisteten in Trauerphrasen oder Halbtrauerphrasen. Die litten schrecklich in diesem Gewebe von Giftblicken, und einige waren schon ganz ausgesogen. Andre waren froh, ihre Kleider im Stich lassen und splitternackt davonflattern zu können. Sie schämten sich sehr, die armen gehegten Gefühle, und schauten von den Dächern der anliegenden Gebäude verlangend nach ihren reizenden Kostümen. Es war ein großer Skandal, denn es stellte sich heraus, daß die meisten garnicht in ihre Phrasen paßten und ohne sie mit dürren Absichten und krummer Aufrichtigkeit nur klägliche Figuren machten. Als der Konkordienplatz aus seinem Mittagsschlafe erwachte, da die Zeit nahte, wo der tägliche Equipagenstrom ins Bois de Boulogne begann, erstaunte er nicht wenig über das Schauspiel, das ihm seine Töchter zum Kummer der Jüngsten bereitet hatten. Aber er durfte nicht viel sagen. Er raunte nur dem Obelisken, seinem Hausfreunde, zu, es erinnere ihn schmerzlich an die schlimmen Zeiten vor hundert Jahren, und dann erzählte er, der es am besten wußte, wieviel Hinrichtungen täglich auf ihm stattgefunden. Der Stadt Straßburg aber rückte er liebevoll die leeren Kränze zurecht und vertröstete sie auf die nächste Gelegenheit. Die käme gewiß einmal unvermutet an den Haaren herbeigezogen, und dann bekäme sie neue Kränze mit echten Gefühlen.

Der Humor faßte inniges Mitleiden mit den im Netze zappelnden Gefühlen. Er lieh sich von der einen Fontäne den längsten Wasserstrahl und holte damit mehrere von ihnen, die am lautesten schrien, herunter. O Gott, sahen die armen Dinger aus! Den Phrasen waren die schönsten Sätze herausgebrannt, die kühnsten Wendungen geplatzt, und die mageren Stelzen und spärlichen Schwungfedern zeigten haßunterlaufene Beulen und zur Unkenntlichkeit versengte Posen.

Es war so schrecklich wie möglich, und der Humor war im Begriffe, die armen Gefühle wieder in ihre Nester zu setzen, als eine Stimme aus der Höhe ihn anstieß und ihn überredete aufzusehen. Es war der Autoritätenglaube, der eilig heranschwebte, als er sah, daß der Humor etwas in der Hand hielt. Er trug einen Kätscher bei sich und hatte eine Tasche umgehängt, die dicht gefüllt war mit Flattergeistern aller Art. »Sie haben da einen kostbaren Fang gemacht«, sagte er zu dem Humor und nahm ihm ohne Umstände die verbrannten Gefühle aus den Händen. Und wie er ihnen die Glieder ausreckte und mit scharfen Blicken hier und da anschnitt, um Klasse und Ordnung bestimmen zu können, schauderte es den Humor vor dieser wissenschaftlichen Grausamkeit. Er murmelte einige Fremdworte vor sich hin und packte sie, wie sie auch kreischten, zu dem Übrigen in seine Jagdtasche. Dann drückte er dem Humor die Hand und fragte nach seinem Ergehen. Der Humor war heftig erschrocken und sagte, er hätte die Absicht gehabt, die Gefühle wieder in die Kränze zu setzen, in denen sie nisteten. Aber der Autoritätenglaube lachte und belehrte ihn, wie die meisten chemischen Experimente dargelegt hätten, daß Mitleid und Wissenschaft sich gegenseitig ausschließen. Wenn er noch die Meinung habe, Barmherzigkeit sei etwas Gutes, so sollte er sich baldmöglichst hiervon operieren lassen – das sei garnicht schlimm, und wenn er wollte, könnte es gleich geschehen. Dabei zog er aus einem Täschchen eine Zange hervor, mit der man, wie er erklärte, am schnellsten und fast schmerzlos hohle Meinungen auszöge. Aber der Humor sprang entsetzt zurück und erklärte heftig, diese Meinung sei durchaus nicht hohl bei ihm, und er wolle sie nicht entbehren; ohne sie könne er nichts mehr kauen und müsse verhungern, überhaupt – sein ganzes Gebiß sei ausgezeichnet. Das war eine Redensart, die den Autoritätenglauben oft aus dem Munde des Witzes in Angst gejagt hatte und die auch jetzt noch eine Wirkung auf ihn ausübte. Er ließ seine Absicht fahren, steckte mit einem finstern Blick seine Zange wieder ein und fragte nach dem Zeugnis. Diese taktlose Frage raubte ihm das letzte Stück Achtung, das der Humor noch immer bei sich gehabt, und wie er an der Seite dieses Kunstsinnes, dem der Witz den Beinamen Autoritätenglaube gegeben hatte, dem Triumphbogen zuschritt, wußte er, daß zwischen ihnen beiden niemals ein leidliches Verhältnis bestehen und daß er wohl bald gänzlich von ihm gehen würde. Der Autoritätenglaube hatte das Zeugnis nach einer kurzen Prüfung eingesteckt und übte die verdammliche Schulmeistermethode aus, ihn über sein Urteil in Zweifel zu lassen. Freundlich bat er ihn, die Jagdtasche zu tragen, und plauderte lebhaft von seinen Fängen. Es war ihm gelungen, einige recht seltene Flattergeister zu kätschern, darunter ein paar, über deren eigentümliche Entstehung er dem Klub von ihm neu entdeckte Aufschlüsse vorlegen wollte. Das waren die sehnsüchtigen Gedanken oder Lieblingsträume, eine Art, die in fernen Landen entstand und deren Eier in französischen Romanen und Schilderungen des Pariser Lebens durch die Phantasie lesewütiger Damen oder das unbefriedigte Verlangen nach Abenteuern in der Fremde von Jünglingen ausgebrütet würden. »Da ist es nun ganz merkwürdig und interessant, die Stärke der ersten Eindrücke in der Jugend zu beobachten und den geheimnisvollen Einflüssen des Geburtsortes nachzuforschen, denn alle diese sehnsüchtigen Träume oder Gedanken« – der Autoritätenglaube wollte schon einen klangvollen lateinischen Ausdruck dafür finden – »weilen und wesen an den Stätten, an denen sie in den Seiten des Buches als einfache Eier gelegen hatten.« Seine Exemplare hatte der Autoritätenglaube in der Antonsvorstadt in dem Gewühle alter Straßen, unter den Torbogen der Höfe und in den Dachkammern der höchsten Etagen gegriffen, wo das Elend und die Verworfenheit gemietet hatten. Übrigens gab es sie überall und auf den Boulevards am meisten. Aber die waren gemein und ordinär wie Spatzen – einer genau wie der andere. Doch sind sie zart und leicht vergänglich, wenige kommen perennierend vor, und er sagte, daß sie sehr sorgfältig gepreßt werden müßten.

Der Humor entdeckte eine große Beule am Kopfe des Kunstsinnes und machte ihn darauf aufmerksam. Aber der tat, als hörte er nichts, und der Humor verstand, daß er ein paar Erinnerungen, die er nicht sehen lassen wollte, vor ihm verbarg. Da ging er schnell auf die andre Seite. Nun erblickte er, daß der Autoritätenglaube noch einigen großen Gedanken nachgejagt war, die mit Vorliebe an den geschichtlichen Erinnerungsstätten schweiften und flatterten, in dem Glauben, es mit einigen besonders gut geratenen Exemplaren der vorigen Art zu tun zu haben. Aber er hatte sich böse verrechnet – sie waren zwar auch in denselben Büchern und in dickleibigen Erinnerungswerken ausgebrütet, aber von gigantischen Phantasien. Sie hatten weitspannende Flügel und trugen als Waffen wuchtige Gedanken. Die hatten ernste Arbeit und sammelten ganze Lasten von schätzbaren Betrachtungen, und wo ihnen solche verwehrt wurden, hatten sie Befehl, sie mit Waffengewalt zu erkämpfen. Die schlugen alles kurz und klein, wo sie Hindernisse fanden, und drangen auf der Suche nach den Betrachtungen bis in die tiefsten Gründe. Die hatten den Autoritätenglauben mit seinem Kätscher schlimm verhöhnt, und einer hatte ihm mit seiner Denkkeule stracks vor den Kopf geschlagen. Er konnte froh sein, daß sie ihm nur die allergeringste Bedeutung beilegten, sonst wäre er nicht so glimpflich davongekommen.

Nun langten sie im Klub der deutschen Ideen an, und während das Geräusch des Equipagenstromes den Triumphbogen wie ein wallendes Gewand umwogte, schwebten sie hinan. Auf der Plattform war schon eine Menge Ideen versammelt. Viele waren da, die der Humor gleich wiedererkannte, andre waren aber so verändert, daß er sie zuerst garnicht für deutsche Ideen ansah. Da waren besonders die beiden voreiligen Schlüsse, die sich in Berechnung der wahrscheinlichen Veränderung der Mode Gehröcke mit so langem Chic hatten machen lassen, daß er auf der Erde schleifte. Sie aber verachteten das allgemeine Lächeln und erklärten, daß sie zuletzt und also am besten lachen würden. Fast alle hatten sich ihre Originalität nach französischer Sitte stutzen lassen und sich ein modisches, blitzblankgebürstetes hohles Ideal aufgesetzt. Nur einige hatten ihre alten, verschiedengestalteten Hüte aufbehalten. Die machten sich das Vergnügen, mit Kalauern nach den Idealen zu knipsen, und jedes Mal, wenn es einen hohlen, blechernen Klang gab, ging ein ironisches Lächeln durch ihre Reihen.

Als die Versammlung den Kunstsinn erblickte, der Klubpräside war, und den Humor mit der gefüllten Jagdtasche erkannten, gab es eine stürmische Begrüßung. Rauschend wie ein Schwarm Feldhühner erhoben sich die Ideen von den Steintischen, die Ideale blitzten in der Sonne, und wahre Athleten von Händedrücken umschwärmten die Ankömmlinge in überwältigender Menge. Von den Tischen flogen die Skatkarten, die Schachbretter, und die in Haufen überall verstreuten Anekdoten wurden in ihre Körbe gepackt und in den Vereinsschrank geschlossen. Dann ward eine frische Generaldebatte aufgelegt. Der Autoritätenglaube nahm seinen Ehrenplatz ein. Der Humor setzte sich neben einen griesgrämlichen Pessimismus, der ihm schon auf der Reise Zeichen von Wohlwollen gegeben hatte, und nun kreisten die schäumenden Ergüsse, in Perioden von ganzen Litern verzapft, und eine herrliche alte Gepflogenheit deutscher Geister beim Festgelage blühte auf in der ungebrochenen Kraft ihres volkstümlichen Ursprungs: es begann ein allgemeines Werfen von Grobheiten, deren jeder eine Tasche voll bei sich führte. Da flogen manchem so dicke Grobheiten an den Kopf, daß ihm der Schädel brummte und die blanken Ideale furchtbare Wunden erlitten, und wenn er sich solch schweres Wurfgeschoß verbat und entrüstet die blutrünstige Beule zeigte, so wurde er verlacht und belehrt, niemand dürfte eine Wahrheit übelnehmen. Denn diese Benennung war durchaus zulässig und bezweckte, einen ernsthaften Streit im Verlaufe dieses freudigen Spieles unmöglich zu machen.

Der Humor zechte tüchtig mit und vergaß für einige Stunden alle seine Leiden. Der alte Pessimismus gab ihm ordentlich zu trinken und hatte viel Freude an seinen Gesprächen. Er fragte nach seinen Studien und sagte, das sei alles Unsinn – überhaupt der Kunstsinn! Der Humor teilte ihm den Beinamen mit, den der Witz ihm gegeben, und darüber wollte sich der Pessimismus totlachen. Es war ein wahres kleines Komplott. Denn der [Pessimismus] stellte dem Humor, der keine Grobheiten besaß, seine ganze große Tasche voll der allerschwersten zur Verfügung und ließ nicht ab, ihm ermunternde Rippenstöße zu geben, als er dem Autoritätenglauben eine nach der andern an den Kopf warf.

Der Pessimismus war eine von den Ideen, die ihre alten Hüte beibehalten hatten, und nachdem er mehrere Perioden voll berauschender Gedanken hinuntergestürzt hatte, rückte er sich den formlosen Deckel schief und saß trotzig und grimmig da. Seine Augen funkelten verachtungsvoll, wenn er die hohlen Ideale seiner Landsleute erblickte. Er ermunterte den Humor, die ganze Tasche voll Grobheiten zu verwerfen, und ließ ganz unbemerkt einige Sarkasmen hineingleiten. Das waren seine Lieblingswaffen und scharfe, gefährliche Geschosse, aber da er sah, daß der Humor eine glückliche Hand hatte, so ließ er ihn ruhig einige von den gehaßten Idealen zerlöchern. Das gab eine große Bestürzung unter den Modeideen, und einige näherten sich mit drohend geschwungenen Behauptungen und überhäuften den alten Pessimismus mit Vorwürfen und Schmähreden. Der aber saß in sich zusammengesunken ungerührt da und lächelte ein Lächeln, das sich ausnahm wie Zähnefletschen. Da ließ man ab von ihm, denn er galt für unglücklich und verrückt, und man wußte, daß er geneigt war, seine bekannte Bravour im Sarkasmenschießen zu zeigen, wenn er so lächelte.

Der Humor erkundigte sich bei ihm nach von Glück, den er nirgends sah, ganz ahnungslos, denn er wußte ja nicht, daß er des alten Pessimismus schlimmster Feind war. In seiner Gegenwart konnte niemand wagen, von ihm zu reden, und jetzt horchten die Nächstsitzenden ängstlich auf und erwarteten einen furchtbaren Auftritt. Da begab sich das Außergewöhnliche, daß der alte Pessimismus dem Humor die Frage hingehen ließ, ja, er gab sogar Auskunft, indem er wegwerfend die Hand bewegte und sagte, von Glück sei magenkrank, er habe sich in Delikatessen übernommen, und sein ganzes Glücksystem sei in Unordnung geraten – ja, seine Art von Glück sei eigentlich nur für die Strauße erreichbar, und dann fuhr er fort, mit scharfen Blicken zwischen den Ideen herumzufunkeln und die Zähne zu fletschen.

Der Jubel des Festes wuchs kräftig empor und schlug sich mit dem Summen des unten vorbeifließenden Stromes von Wagen in einer heißen Schlacht. Tapfer verteidigte er seine Festung, und ununterbrochen strömte ihm Verstärkung zu. Da wuchs seine Kraft plötzlich zu Riesenstärke. Denn der Autoritätenglaube warf, um dem Spiel mit Grobheiten ein Ende zu machen, die ganze Ausbeute seiner wochenlangen Streifzüge auf den Tisch. Hei, wie das im Wirrwarr schwirrte und nach allen Seiten zu entflattern versuchte, wie die Schwingen ineinander wühlten und die Flügel klatschten! Aber die Ideen waren schnell und griffen zu, und nun wanderten die seltenen Exemplare von Hand zu Hand. Sehr viel Teilnahme erregte ein geheimer Liebesseufzer, dessen Fang dem Kunstsinn die größte Mühe gemacht hatte, ein herrlicher Nachtflatterer mit weichen, schweren Flügeln, mit zitternden, mondfarbig glänzenden Tastern und einem sanften, warmen Schimmer über den ganzen Körper. Die verbrannten Gefühle wurden genau untersucht, und es wurde festgestellt, daß sie meistens im letzten Stadium der Schwindsucht standen. Man nahm Rücksicht auf ihren krankhaften, ausgezehrten Zustand, nahm ihnen nur die prächtigen Trauerphrasen ab und ließ sie von der Höhe entfliegen, und der unten fließende Strom führte sie mit sich fort ins Bois de Boulogne, da konnten sie sich im Grünen Nester bauen und versuchen, durch Einatmen gesunder Vernunft ihre verlorene Gesundheit zu retten.

Eine häßliche philosophische Schrulle wollte sich garnicht in ihre Gefangenschaft fügen und biß und kratzte nach Leibeskräften um sich. Für die interessierte sich der alte Pessimismus ganz außerordentlich. Er nahm sie dem voreiligen Schluß, der mit ihr spielen wollte, aus den Händen. Denn sie hatte ein Loch in seine Oberflächlichkeit gebissen und ihm den langen Chic besudelt. Er wußte besser mit derartigem wilden Geflügel fertig zu werden. Er bot ihr eine Periode, aus der sie mit Wohlbehagen in gierigen Zügen schlürfte, strich ihr liebkosend über die struppige Theorie und blies sie von Zeit zu Zeit mit dichten Rauchwolken aus seiner knurrigen Gutmütigkeit an, und im Handumdrehen hatte er die ungebärdige Bestie soweit, daß sie zufrieden neben ihm lag und mit ihrem Schatten spielte.

Das war ihm eine Herzensfreude, und da er schon lange gewünscht hatte, sich ein Luxusprinzip dieser Art zu zähmen, so unterhandelte er mit dem Autoritätenglauben, ob er ihm die Schrulle überlassen wolle. Der stellte sich sehr schwierig und behauptete, daß es ein unersetzlicher Verlust für seine Sammlung sein würde. Es sei eine anstrengende Jagd gewesen, und die Gefühle hätte er auch schon fliegen lassen müssen – er war ein Intrigant und reizte den Pessimismus zu immer höheren Geboten, und endlich kamen sie überein, daß ein Dutzend tadelloser Sarkasmen mit Gebrauchsanweisung franco geliefert der Preis für die Schrulle sein sollte. Nun wollte der Kunstsinn auch noch, daß der Pessimismus die Gefahr, die für ihn im Gebrauch mit den scharfen Geschossen lag, auf sich nehmen sollte, wogegen dieser erklärte, daß er dann nur stumpfe Waffen liefern könne. Er ward ärgerlich über die lange Handelei und verlangte nun seinerseits Garantie dafür, daß die Schrulle noch keine Gewohnheiten des Kunstsinns angenommen hätte. Dann wolle er verzichten. So stritten sie und einigten sich endlich mit Not und Mühe dahin, daß der Käufer dem Verkäufer einige Stunden im Gebrauch der gelieferten Waffen geben sollte.

Der Kunstsinn hielt jetzt seinen Vortrag über die Entstehungsweise und Lebensgewohnheiten der Lieblingsträume, und man erkannte, daß man es hier mit einer hochbedeutsamen Errungenschaft im Reiche der Erkenntnis zu tun habe.

Der alte Pessimismus hörte nicht viel auf die Weisheiten des Kunstsinns. Er betrachtete stillbeglückt seine Schrulle und sagte zum Humor, daß er schon eine ganze Menagerie besitze, und bezecht, wie er war, erzählte er, zum Heiraten sei er nicht gekommen, eigen sei es ihm mit den Wahrheiten gegangen – alle schönen hätten ihn verachtet und einen Korb nach dem andern gegeben, bis er alt an eine Wahrheit geraten sei, die ihn mit Gewalt hätte heiraten wollen. Sie sei seine Haushälterin und habe ihn noch lange nicht aufgegeben, aber ihn grause es bei ihrem Anblick, und sie erhielte kein freundlich Wort von ihm. Trotzdem sei sie das einzige brauchbare Frauenzimmer seiner Bekanntschaft und eine reelle Person. So käme es, daß er sich an die Tiere gewöhnt habe, und wieder beugte er sich auf seine neue Schrulle hinab, um ihr den beizenden Qualm seines gewohnten Knasters ins Gesicht zu blasen, was sie mit einem behaglichen Schnurren aufnahm.

Der Vortrag war beendet und ein Faß mit frischem Redestoff angezapft. Der Abend war hereingebrochen, und ein kühler Wind strich über die Köpfe der Ideen. Die Wagenflut hatte sich wieder bis hinter den Konkordienplatz zurückgezogen und in die vielverzweigten Kanäle von Paris verteilt, wie es das Gesetz der Dinerstunde mit sich brachte. Das Brausen des Kneipabends erhob sich unbesiegt in stolzer Kraft von der Platte des hohen Gebäudes bis hoch in die dämmrige Luft, und die Stadt lag da ähnlich wie am Morgen ihrer Ankunft, einem gewaltigen Meere gleichend. Jetzt aber ebbte es zur Ruhe und begann einen Flor von Dunst und Dämmer als Schlummerdecke über sich zu ziehen. Die Begeisterung war allgemein, und selbst der alte Pessimismus saß mit hochgezogenen Augenbrauen da, ließ die rollenden Augen am Horizont entlangschweifen und hörte ohne Ärger das Duett, welches die voreiligen Schlüsse sehr hübsch in die Abendstille hineinsangen. Dem Humor, der niemals so viele Gedanken auf einmal getrunken hatte als heute im Klub der deutschen Ideen, wards immer wohler und gemütlicher. Er saß unter der Gruppe der alten Herren, die sich ihren Tisch bis dicht an den Rand der Brüstung gezogen hatten. Auch andre Gruppen hatten sich gebildet, hier wurde gesungen und geschwärmt, dort hatte man die Anekdoten wieder aus ihren Kästen gepackt und kitzelte sich damit gegenseitig, und eine Schar von jungen Feuergeistern knallte eine Rakete nach der andern in die Luft. Aber es war gefährlich, denn es saß ein Poet mit am Tisch, dessen Phantasie war so dick und fett, daß der ganze Triumphbogen zerschmettert worden wäre, wenn dieser gefährliche Sprengstoff Feuer gefangen hätte. Aber da alle lustig und bezecht waren, so achtete man darauf nicht und feierte beim Anblick der ruhenden Riesenstadt den herrlichen Abend in toller Ausgelassenheit.

Die Unterhaltung wandte sich zu dem Eiffelturm, der seine verschiedenfarbig funkelnden Blicke unablässig über den Himmel wandern ließ. Einer der alten Herren, der Schönheitssinn eines vor Jahren verstorbenen Künstlers, erklärte seine Verhältnisse für gänzlich verfehlt. Der Unterschied mit der aus dem Altertum überkommenen Schönheitsnorm von acht Kopflängen sei zu groß, er schätze den Turm zumindestens zwanzig bis fünfundzwanzig Längen, das sei ein ungeheures Mißverhältnis und eine künstlerische Unmöglichkeit.

Der Turm hatte schon lange das Treiben der jungen Feuergeister mit scheelen Lichtern beobachtet. Jetzt sandte er einen roten Schimmer herüber, einen langen Schlingel von herkulischer Leuchtkraft, der goß mir nichts dir nichts einen elektrischen Strom über die Feuergeister aus, eine solche Menge, daß sie fast ersäuft wären und keiner den nackten Lebensfunken rettete. Es war ein richtiger Gewaltstreich, und der entrüstete Protest der Ideen verhallte unter dem Brausen des Lichtgewaltigen und dem Zischen und Prusten der nach Luft schnappenden Feuergeister. Aber der rote Leuchtschein war noch nicht zufrieden mit der vollbrachten Zerstörung. Riesengroß ruhte er breit auf der Brüstung des Bauwerkes und wählte sich einen Gefangenen, und da er die Scheingröße über alles schätzte, so hielt er ganz natürlich den Poeten mit seiner dicken Phantasie für den Präses des Klubs. Blitzschnell griff er zu, und ehe eine warnende Stimme »Phantasie!« schreien konnte, war er mit ihm auf und davon auf halbem Wege zurück nach dem Eiffelturm. Da begab sich das Furchtbare: durchströmt vom elektrischen Lichte, entzündete sich die Phantasie und explodierte in freier Luft, eine gewaltige Garbe phantastischen Feuers, eine plötzliche Ausdehnung poetischer Gase nach allen Seiten – ein erschütterndes Schauspiel für die zurückgebliebenen Klubgenossen.

Der lange Lichtschein war gräßlich verstümmelt. Seine Verbindung mit dem Turm war gebrochen. Der furchtbare Stoß schleuderte ihn seitwärts, und besinnungslos lag er über den Mont Valérien hingestreckt. Seine negative Elektrizität war ihm fast ausgerissen und ruhte in unanatomischer Weise zuckend über seinem Leib. Die übrigen Lichter des Turmes, die grünen, die blauen, die unentschiedenen, sie gerieten in große Bestürzung, als sich dies begab. Einige Augenblicke fuchtelten sie in jähem Schrecken und wilder Verwirrung in der Bannmeile von Paris herum, dann eilten sie zum Beistand und zur Rettung herbei. Nicht lange aber, so überwältigte ihr Zorn das Mitleid, und indem sie dem einen den Transport des wie tot Daliegenden überließen, schössen sie mit wildem Toben zur Rache herbei und sprengten durch ihr ungestümes Heranstürmen im Augenblick den ganzen Klub der deutschen Ideen auseinander. Nach allen Seiten flogen die Vertriebenen den Triumphbogen hinunter. Einige stürzten sogleich in die wirren Straßen des nächsten Häuserviertels, andre jagten in wilder Flucht unter dem Schutz der Bäume die Avenue des Champs-Elysées hinunter, und einzelne gewannen, wenn auch ohne Chic und Ideale, das Bois de Boulogne, wo sie sichere Verstecke fanden.

Der Humor war in der allgemeinen Verwirrung mit fortgerissen und fand seine Besinnung wieder in einer kleinen Straße mit spärlicher Beleuchtung. Hier schlich er traurig einher, denn ihm war schlecht geworden, und nur mit stumpfer Teilnahme blieb er stehen, als er bemerkte, daß sich im Rinnstein ein Zeitungsblatt mit Hilfe eines im Staub der Boulevards ohne Erziehung aufgewachsenen Windes unter vielseitigen Gesprächen langsam vorwärts wälzte. Nun blieb es einen Augenblick atemschöpfend liegen, breit und selbstzufrieden, denn es war mit seinem Klatsch am Ende und begann von neuem. Eigentlich sei es garnicht nötig, sich zu bewegen, meinte es, denn man befände sich ja, Gott sei Dank, am ersten Platze der Welt, und weiter gäbe es keine Stufe zu erklimmen. Dann wiederholte es, obgleich seine neuesten Telegramme bereits wieder vergessen waren, daß es die letzte Ausgabe sei, und sprach nun von dem Liebesdrama in der Rue Saint-Honoré, und da es wußte, daß der verkommene Wind sich nichts daraus machte, so erzählte es mit großem Behagen von den pikanten und den allerpikantesten Umständen. Denn es wußte ja, daß es gerade durch die letzteren seinen Ruhm als letzte Ausgabe erst würdig verdiene.

Da sie gerade bei einer Querstraße waren, so winkte das Zeitungsblatt dem Winde, ihm über die Straße in den nächsten Rinnstein zu helfen. Denn da war eine Laterne, die sich gern von solchen Geschichten unterhalten ließ, und als es [sich] langsam vorwärts wälzte, fuhr es fort, einen Satz Unflat nach dem andern zu berichten.

Nun waren sie bei der Laterne angelangt, und alle Lichtstrahlen versammelten sich neugierig um das Zeitungsblatt. Es machte eine kokette Kunstpause und erzählte dann von einigen Damen, die sich eine nach der andern über einen sehr heiklen Gegenstand sehr ernsthaft unterhielten, so daß man meinen konnte, es handele sich um eine Glaubensfrage. Da leuchtete es am Himmel. Eine Sternschnuppe löste sich aus dem Schwarzen los und glitt für einige Sekunden am Himmel entlang. Alle sahen auf, und das Zeitungsblatt mit seinen vieltausend schwarzen Buchstaben rief ihr zu: »Heda! Du bist auch so ein Nichts und führst ein Vagabundenleben. Weißt Du, daß Du über Paris schwebst – Du?«

Die Sternschnuppe hatte keine Zeit zu antworten, sie sagte, schon im Vorbeisausen, dem Monde Gute Nacht und fragte ihn, wie es ihm seit den hundert Jahren ergangen, die sie sich nicht gesehen. Dann zählte sie schnell die Planeten, wie ihr Amt war, und nahm einen neuen Anlauf, um noch vor Mitternacht hinter der Sonne zu sein.

Der Humor vergaß im Augenblick das Zeitungsblatt im Rinnstein und schwang [sich] an einem Verlangen hoch, noch einen Blick von der Sternschnuppe zu erhaschen. Denn es freute ihn, wie sie so hurtig durch den Weltenraum lief; er sandte ihr einen Gruß nach, der aber verirrte sich und nahm seinen Flug über die Venus statt über den Mars und mußte, da sie auf die Milchstraße geriet, unverrichteter Dinge umkehren. Der Humor aber legte sich in einem Walde von langen, seltsam geformten Schornsteinen nieder, um seinen Rausch auszuschlafen.

Als er erwachte, blickte er grade in ein freundliches, forschendes Auge. Das gehörte niemand anders als seinem Bruder, den er in der Nacht des Theaterbrandes aus dem Gesichte verloren. Nun war das Wiedersehen eine große Freude, und alle guten und schlimmen Erfahrungen der letzten Wochen schmolzen von den herrlichen Erinnerungen an gemeinsam erlebte frühere Ereignisse. Beide fanden gegenseitig, daß sie sich sehr verändert hätten. Die zickzackigen Augbrauen des Beobachtungsgeistes schienen dunkler und schärfer, der Strahl seines Auges fester und durchdringender als früher, aber zugleich brach ein Strom von Freundlichkeit aus ihm hervor und umfloß mild und lindernd alle Gegenstände, die es mit scharfen Blicken zerschnitt und durchdrang. Der Humor aber, behauptete sein wiedergefundener Bruder, habe eine kräftige braune Farbe bekommen im Sturm der Kümmernisse und Abenteuer, und die freie Lebenslust blitze ihm aus dem Gesicht, trotzdem es einige Falten von Bitterkeit und Trotz bekommen habe. Er erzählte, daß er schon lange Zeit neben ihm säße und daß die verirrten Grüße ihn angetroffen und aus weiter Ferne hergeführt hätten.

»Du, wo warst du?« fragte der Humor, »warum fand ich dich nicht, als ich dich suchte?«

»Ich folgte dem Unglück«, erzählte der Beobachtungsgeist, indem die Blicke seiner großen Augen weit über den Horizont in die Ferne flogen, »ich folgte ihr und schlich ihr nach bei ihrem Gange über die Länder. Denn ein Gefühl trieb mich zu ihr, und je länger ich auf ihren einsamen Spuren wandelte und je mehr ich ihre großartige Schönheit schaute und erkannte, desto heftiger ward mein Verlangen nach ihrer Nähe. Nun, sie war so schön, wie die meisten es nicht verstehen, und sie schien mir unglücklich, wie kein andres Wesen unter den Sternen, so unglücklich und ohne tröstendes Mitleid, daß ich mir schwor, sie sollte erfahren, daß einer war, der sie verstand und das Vorurteil Aller übersah.

Eines Abends machte sie einen weiten, weiten Weg auf öder, einsamer Heide, immer dem Abendrot nach, das vorausglimmte, als sei der Himmel zu Trümmern verbrannt und dieses die letzten Funken. Stunde nach Stunde verrann, und aufrecht und unermüdet schritt sie düster einher. Da riß es mich zu ihr, ich packte ihre Hand, ihre Knie, doch sie stieß mich heftig zurück, und als sie sich hoch aufrichtete, so gewaltig, so schön, da sank ich vor ihr auf den Boden. Sie sah mich an mit ihrem großen Blick, demselben, mit dem sie ihr Werk geprüft und in die Zerstörungsflammen geschaut hatte, und ich fühlte eine tolle Wut, und verzweifelt trotzte ich ihrem Zorn. Sie befahl mir zu weichen, und als ich ihr meinen Willen gesagt, lachte sie und nannte mich wahnsinnig, der ich ihr folgen und ihr dienen wolle – ich solle die Bahn freimachen, denn sie habe heute noch weit!«

»Und was tatest du?« fragte der Humor, als der Beobachtungsgeist einen Augenblick innehielt.

»Ich machte ihr die Bahn nicht frei«, antwortete der. »Nein, ich tats nicht. Ich schaute in ihre großen traurigen Augen und wich nicht. Da schritt sie davon, und wieder folgte ich ihr. Wieder war die Heide öde und finster, wieder lang und ewig lang. Aber als wir eine Strecke gemacht hatten, da schaute sie sich um, ob ich ihr gefolgt war, – nur einmal, aber in ihrem Augenblick sah ich einen Schimmer, der mir die Erlaubnis gab, ihr zu folgen.

Und so machten wir unsre schweigsamen Wanderungen über die Erde, und sie ward in meinen Augen immer schöner, immer größer, immer heiliger. Und wenn ihr Amt sie schwer drückte und ihre furchtbare Pflicht den Abscheu der glücksüchtigen Welt erregte, wenn man sie mied und verachtete, wie man den Neid und die Selbstsucht verachten sollte, wenn man ihre Schönheit lästerte und ihre Größe beschimpfte, dann suchte sie mit dem sehenden Auge die Stätte ihrer Heimat, von wo der höchste Wille sie gesandt und wohin kein irdischer Gedanke die Kraft hat zu schweifen. Daher holte sie immer neue Geduld und frische Kraft, an ihrem Werke zu schaffen, zu unerforschlichem Zwecke und im Amt zu walten, das überall dahin zur Zerstörung rief, wo ein junges harmloses Glück ein bescheidenes Nest gebaut, wo Aufopferung und Wagemut mit höchsten Kräften gewirkt hatten und das Glück der anderen als einziger Lohn schon nahte. Überall war das Unglück am Platze, wo es so lange gesäumt, daß man seiner nicht mehr dachte. Da war ich mit ihr, der einzige, der sie verstand und liebte. Ich sah den Künstler im Elend sterben, dessen Ruhm nach seinem Tode die Welt durchhallte. Ich sah, wie der eben Erwachsene, auf dessen Tatkraft und frischen Mut sich die Hoffnung der Eltern gründete, die das Glück ihres ganzen Lebens für ihn dahingegeben – ich sah ihn ins Grab steigen, als ein friedliches Glück unter seiner Fürsorge seinen goldenen Schimmer zeigte. Ich sah, wie der helle Geist eines Mannes sich verfinsterte, dessen Gedanken bis zu den Sternen schweiften, und ihn gemeiner werden als die Gemeinsten seiner früheren Neider. Ich sah das bunte Glück sich entfärben und die Fröhlichkeit erblassen – so mit dem Zartesten und Besten, was die Erde zeitigt, mit den schönsten Blüten der Hoffnung und den prächtigen Früchten der Liebe und Aufopferung sah ich das Unglück ihre stolze Schönheit schmücken, so schnitt sie die Ernte des Glücks auf der Erde und nahm sie dem, der sie gesät und ihr langsames Wachstum sorglich behütet und gepflegt, in einer Schicksalsminute zu rechter Zeit.

Schweigend sah ich ihr zu, und schweigend war meine Begleitung, aber ich weiß, daß sie mir dankbar war für meine Treue und Hingabe, und zuweilen wies sie nur mit einer kurzen Bewegung auf ein Beispiel von unvermuteter Entfaltung des Menschengeistes zu höchster Vollendung, wie sie unter ihren Händen zu Tausenden entstanden, – denn oft glaubte ich, den hohen Willen, der ihr das Amt gewiesen, zu durchschauen, wenn ich bemerkte, wie das Unglück dem Menschengeiste die Nahrung gab, deren er bedurfte, um zu erstarken. Viele konnten diese Kost nicht vertragen und glaubten den Glückrausch als das Höchste ihres Lebens – aber wo ein Geist sonst aus gesunden Weltenfasern gefügt war, da wuchs er, wo die Hand des Unglücks auf ihm ruhte, schnell zu Riesengröße, und die herrlichsten Taten von Selbstlosigkeit und Hingabe sah ich hier unter meinen Augen entstehen. Ja, wir wissens lange, Humor, die Menschen sind klein, aber ihr schlummernder Geist ist von gigantischer Art, und wo er zum Wachen und Wachsen kommt, da ist ihm bald die Erde zu klein und der Raum zu eng. Auf meiner Fahrt mit dem Unglück hab ich das gesehen.«

Sie sprachen lange nicht. Sie saßen hart am Rande, wo der Häuserblock steil abwärts schoß und unten ein wilder Strom von Menschen wirbelte und tobte. Sie blickten hinein in die Wildnis von Schornsteinen und Giebeln vor ihnen, wo die Sonnenstrahlen mit den Rauchwolken tändelten und die frische Morgenluft den Blick kühlte, und der Humor begleitete mit seinen Vorstellungen noch einmal den Beobachtungsgeist und das Unglück auf ihrer Weltreise. Er sah sie in der Tagesglut umhüllt von Feuerflammen der Speicher und dem Geschrei der bedrohten Besitzer, er sah sie still und stumm neben dem Sterbelager eines Einsamen, wie die Dämmer des Abends das Licht verscheuchten und die Verzweiflung erhöhten, sah sie wandern in einsamer Nacht und tätig am schrecklichen Werke im Morgenrot. Dann sagte er, wie es gekommen, daß er sie verlassen: »Sie durfte meine Treue nicht behalten«, sagte der Beobachtungsgeist. »Sie bat mich, zu gehen und meinesgleichen zu suchen. Ihr Weg müsse einsam bleiben, und ihr Beruf sei größer, als ich verstehe. Sie sollte ein großes Werk angreifen und schickte sich zu einer langen Reise an, als wir uns trennten, und doch, als ich ihr nachschaute, wünschte ich immer noch, mit ihr zu sein, und ihre Schönheit schien mir herrlicher als vordem. Eines Tages hoffe ich, sie wiederzusehen.«

Nun erzählte der Humor seine Erlebnisse, und oft schlug ihm sein Bruder auf die Schulter, und als er geendet, sagte er, nie wieder wolle er sich von ihm trennen; sie gehörten zusammen und wollten zusammen die Tage ihrer Freiheit verleben.

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