Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Barlach >

Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/barlach/fragment/fragment.xml
typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090407
projectidf15596bf
Schließen

Navigation:

Sturms Heimkehr

I

Mitten im Waldgebirge lag, verschrumpft und verfallen, von viel Sommern und Wintern alt und mürbe geworden, ein Städtchen. Kümmerlich hatte sichs in die Talecke gedrängt und konnte froh sein, daß die großen, dicken Berge es sich heranschmiegen ließen und ihm gnädig erlaubten, sich zu ducken mit allen niedrigen Dächern und Wärme zu suchen an den Tannenpelzen und den breiten Flanken der Berge.

Und es hatte doch soviel Söhne und Töchter gehabt, das kümmerliche, baufällige Stadtmäuerchen, in Kammern und Stuben – ja, die waren nun alle groß und alle von dannen, und keinen verlangte es, ihm im bedürftigen Alter alle Sorgen und die vieltausend losen Nächte aus Jugendüberkraft zurückzuerstatten und ihm seine Gebrechlichkeit zu stützen in dankbarer Liebe. Aber einer von ihren Söhnen, die es großgezogen in der Talecke auf den grünen Hängematten, zwischen den Bergen – einer war von allen der größte geworden, und an ihn dachte sie am allermeisten und war stolz auf ihn wie auf keinen andern, obgleich er nur ein Pflegesohn war, ein Verstoßener.

Das war der Sturm, der zwischen den Hängen am Waldgebirge seine zweite Heimat gefunden hatte, ihr Herzensjunge. Sein Vater war der alte Wüterich von Norden – und [flennend] und vor gehabten Ohrfeigen ganz blöde war der Sturmjunge eines Herbstabends im Tale gesessen und konnte auf jede Frage, die sie an ihn tat, immer nur von frischem flennen und antworten mit nichts als noch ungestürmerem Geschluchze, daß es grauslich über die Wiesen klang. Es hatte auch sonst niemand Erbarmen mit so einem langgeflügelten, mageren Windbeutel, denn gut tat er nicht, und umsonst hatte ihn wohl der alte Nordsturm nicht zum schwarzen Felsenhause hinausgejagt.

Da hatte das alte Mütterchen zu den vielen auch noch diesen Sohn genommen; wohl mußte er in den Gassen schlafen, das waren nur schiefwändige Betten, und manche gab es im Haushalt des Waldstädtchens, die waren krumm vor Alter, und seit langem hatten ihre oberen Häuser die unteren nicht gesehen, andere hatten nur einen einzigen Rinnstein in der Mitte, der floß nie ab, und wieder andere hatten wohl zwei kümmerliche Rinnsteine, aber nur einen Eingang, die hießen Sackgassen.

Aber des Wüterichs vom Norden übelgeratener Sohn wars wohl zufrieden, denn soviel Gassen im Städtchen, soviel Sturmbetten gab es, und in den Wachsjahren, wie er war, behagte es ihm, sich lang und immer länger hinzustrecken und ohne Träume, denn die krümmen wachsende Knochen, und ohne Gewissensbisse nach begangenen Flegeltaten und ohne Angst vor Vaters Faust, nach bösen Fahrten die langen müden Glieder aus und aus zu ruhen.

So wurde er groß, der allergrößte von des Städtchens Söhnen, denn ihn verzog und verhätschelte sie, nach ihm sehnte sie sich, wenn er aus war auf Streifen und Heldenzügen und mit seinen baumstarken Keulenflügeln an den Schultern Meilen und Meilen zu Hunderten erschlug. Wenn er dann heimkehrte, der große Schlingel, dann konnte sie nie mehr böse sein, dann bekam er den wärmsten Platz im Tannenpelz des dicksten Berges, und sie schmierte um seine kalten, mageren Glieder warmen Herdrauch und balsamische Wiesennebel und schwatzte und schwatzte.

Und tat auf, was in ihr war, und gab ihm, was sie Bestes hatte in treuer Seele und was von Heiterkeit und Herzlichkeit in jeder Gasse lachte und in jedem Herde glühte, das Mark und die Innigkeit aus jedem Hause waren seine Nahrang nach Irrfahrten fern in Saus und Braus – war je ein Pflegesohn so genährt und gewartet? Dabei sollte er wohl riesengroß werden und zu enge und zu kurz für ihn seine Bettgassen, und einmal mußte er ganz fort und seine Größe in der Fremde messen, durch die Wanderjahre wandern und auf Abenteuern vieltausend Meilen mit Sauseflügeln zunichte schlagen.

Ach, das alte Mütterchen, das Pflegestädtchen des verstoßenen Sturmjungen, wußte wohl, so machens alle, wenn sie groß geworden sind. Und als seine Zeit gekommen und die unbändige Reiselust, da ließ sie ihn ziehen, und trieb ihren Haushalt wie sonst im Waldgeliege, hatte in ihren Gassen und unter ihren Dächern Söhne und Töchter zu pflegen und Wartung wie sonst und dazu Freud und Leid, viel Kummer und herzliche Sorgen, alle groß zu machen, und quälte sich viele Mißjahre hindurch und kam bei Fleiß über die Not vieler Winter, ward alt und gebrechlich.

Gruppe im Sturm, Holzschnitt, 1919
18 X 12,9 cm

II

Aber eines Sommerabends, da das Städtchen vom heißen Tagewerk müde war und in der Talecke lag und den Herdrauch aus den Schornsteinen spann, daß er über die dämmernden Dächer hin und seitwärts auf die Wiesen floß, und sie an ihren Größten sann, der lange fern war und den sie nie mehr zu sehen dachte, da wars aufgeregt von den Bergen herabgebraust, stoßweis und gewaltig; und ehe sie noch abtun konnte ihren abendlichen Rauchschleier und sehen, wers denn war, der so bekannt daherkam, war er schon herniedergefahren auf die moosigen Dächer; die klapperten erschrocken mit allen Ziegeln, als er liebkosend darüberstrich mit weitklaffenden Flügeln. Und war hineingesaust zwischen Dächer, Gärten und Höfe, daß die Büsche rauschten und die Leute schrien und überall, wo der halbwüchsige Sturmjunge sein Wesen gehabt, wo er über den Firsten Wirbeltänze getanzt in Sturmestakten, die er selbst ersonnen und die er selbst aus Pausbacken durch die gespitzten Lippen gepfiffen, wo er vor Jahren in dunklen Nächten gesessen und mit jämmerlichem Seufzen entlanggestrichen, da herumfächelte, da hereindrang, das alles rührte seiner Flügelschläge kosendes Streicheln.

Und dem Städtchen gings durch und durch, des heimgekehrten Sturmes lieber Gruß; ja, das war wohl seine Art, und ganz derselbe war er geblieben, besser als sie hatte ihn die weite Welt auch nicht machen können! Hals über Kopf war er damals in die Fremde gestürzt und hatte unbedenklich mit Sturmesarmen alles umschlungen, bald in wilder Liebe, bald in alles verderbendem Haß. Ihn hatte die Fremde geschunden wie er sie. Aber aus dem Meeraufwühler und Zertrümmerer aller festen Ordnung, aus einem Sänger der Erdwüste und einem Schweifer an den Grenzgraten zwischen Himmel und Erde, aus einem Tänzer in Sandhosen und Schnelläufer über den Ozean ward endlich vor tausend Kümmernissen und bei ewiger Unrast ein Heimwehwunder.

Heimisch in der Fremde, war er fremd in der Heimat, und in Nöten und Verdrießlichkeiten tat ihm das Heimverlangen seines Wehs langsam eiternde Wunde an, immer und immer klopfte in ihr der tiefverborgene Schmerz, und es brannte die Glut seines heftig entzündeten Triebes nach Haus: es gab ja da irgendwo in der Ecke eines Tals, berggeschmiegt, verkümmert und unbekannt, ein Heimatstädtchen zu suchen, ein vergessenes Mütterchen! Danach auf der Suche über Land, durch die Täler schnüffelnd, über die Gipfel sausend, war er lange mit seinen Meilentötern unterwegs. Den wilden Sturm schloß die Heimat in ihre Arme, schwatzte ihre alten Geschichten mit den alten Worten und legte neue zu den alten, auf die sie gesonnen in langen schaurigen Winterträumen, Kosenamen für ihren Größten. Sie redeten zusammen und klatschten miteinander von alten Zeiten, von früherer Jahre Saus und Braus, von Weh und Leid vergangener Tage – wie gings nur an, daß damals dem Sturmjungen von einer Straßenecke zur andern mehr herrliche Abenteuer aufstießen, als der Weltbereisende in vielen Wochen zwischen Nord und Süd zusammenlas? Wieviel Erinnerungen fand er aufzulesen! Denn überallhin hatte er seinen Namen gekerbt, wies so ein dummer Junge macht, allem hatte er etwas angetan, in alles was hineingelebt und aus dem Totesten irgendwie Leben herausgeschlagen.

Er zielte mit seinem Zeigefinger auf seine Erinnerungen in den Straßen und Höfen und Gärten herab und setzte, mit jedem First Wiedersehen feiernd, von Dach zu Dach.

Damals war der Markt für ihn ein Treibhaus von Abenteuern gewesen, graufarbig und vornüberhängend waren seine Wände, hügelig und holperig, wie sein Pflaster war.

Aber von allen Gebäuden war der Ratskeller am tiefsten unters Pflaster gesunken, und wer aus der Hauptstraße kam, da unten eins zu trinken, dem schiens, weil der Markt seinen holperigen Rücken krümmte, als müsse er traben, wenn er noch hinab wolle, ehe die breite Kellertür verschwand.

Und Pfützen gabs da bei Regen zwischen den Steinen, so recht, um mit den Flügeln hineinzuklatschen, und wenn es am Oktoberfest allen Mädchen die weiße Spitzenwäsche zu verderben galt und der flegeljährige Sturm auf der Straße von Schirmen zwischen den Buden spaßhafte[re] Albernheiten aus Liebhaberei am Schabernack vollführte, als alle Gliederverrenker und Possenreißer in den Buden zusammen als lebenfristenden Erwerb zu ersinnen wußten – ja, und hinter den schnellverklingenden Tönen aus den Blasblechen der Musikanten, Sturmesohren unerhört lieblich, da war er her! Und wollte, der blöde Schlingel, mitschweben und mitströmen in den langen Zügen verschlungener Klänge; aber vor seinen Erdenflügelschlägen zerflatterten sie, und bei seinen ungestümen Tanzschritten nach ungezählten Takten zerriß der Reigen und zerschellte an den grauen Steinwänden.

Am liebsten lebte er und trieb sein Sturmwesen und ging um in den Stunden, wo Häuser, Boden, Buden und Menschengewühl mit Dämmergrau beschlug[en]. Da schmolz Grün und Blau und wich zurück in Holz und Stein. Nur Rot und Gelb durfte aufbleiben und sammelte sich in den Laternen und wärmte sich in den Wirtsstuben und Häuserkammern. Da winkte es behaglich heraus und ließ sichs wohl sein, und man sah doch, daß die Häuser, diese Vierecke von Stein, hohl und räumig waren. Und der Sturm drückte seine Nase und seine Stirn gegen die beschlagenen Scheiben und glotzte aus der nassen, feuchten Kälte ins warme Behagen.

In der Wirtsstube hatte das rote Licht fast keinen Platz vor durchnäßten Menschen, Bauernröcke dampften, und Bauernpfeifen qualmten, und eine Drehorgel tat ihren Rachen voll Orgelpfeifen auf und sang aus verbissenen Lungen einen lustigen Tanz. Das war jetzt die Lieblingsweise der dicken Wirtin, die stand in der Küchentür und horchte und weinte eilig ein paar Tränen aus jedem Auge. Wenn dem Singekasten auch die Luft ausging, wenn er auch ächzte bei den leidenschaftlichsten Stellen, immer kam er doch zur rechten Zeit herum, und das ist die Hauptsache bei einem Tanz.

Zwischen grauen Firsten ragten die Wipfel von Äpfel-, Birn- und Pflaumenbäumen, da schwang sich der erinnerungssüchtige Sturm hinab, nieder ins weiche Gedämmer und auf einen Rasen, von Jungensfüßen zertrampelt, stöberte um jeden Baumstamm und spielte Kriegen mit seinen Erinnerungen. Er erzählte sich mit den dunklen Winkeln eines kleinen Hofes wichtige Sachen und rauschte in den Gipfeln eines alten Holunderbaumes. Wie der nach Heimat roch, und wo mochte der Junge sein, der immer mit seinen Büchern verborgen saß im dunklen Gebüsch des Baumes – sie waren gute Freunde und freuten sich jedes Wiedersehens, wenn der Sturm von den Bergen herabfuhr und im Hofe heulte und den schwankenden Baum mit dem jungen Bücherwurm in der Krone zerzauste.

Weiter schwamm der Sturm durch die Schwüle des Sommerabends, leise, daß die Luft hinter ihm kaum gurgelte. Er hatte noch andre Freunde gehabt, winters bei Schnee, dann wußten die Straßen nichts vom Ringelreihen wie heut, und die kleinen Mädchen saßen in der Ofenecke und kochten süße Speisen für ihre Puppen. Aber sie selbst aßen sie auf, wenn der Brei schmackhaft geriet.

Aber ihre Brüder und Vettern stopften die Hosen in die Stiefelschäfte, zogen die Pelzmützen über die Ohren und schwänzten den Kaffee, weil sie dann gerade im besten Spaße waren und weil ihre Mütter leicht fanden, sie hätten schon nasse Füße und müßten nun Stubenhocken. Dann gab es Halloh und Schneebälle, Schneemänner und Schanzen und Schlachten im Schnee, und der Schneesturm konnte nicht wüst genug unter ihnen hausen und sausen!

Aber nachts! Da hörte der Sturm schlecht, wenn das Städtchen bat, er möchte doch ruhen wie die andern Buben auch, aus vom Tageswinterwetter. Dann fegte er noch spät mit seinem Flügelbesen längs den Straßen und baute eine große Schneewehe nach Mitternacht gerade vor des Bürgermeisters Haus.

Wenn er so die Winternächte durch einsam über die Giebel weg tollte und sich im Schnee wohlbehagte, kopfüber hineintauchte und darin schwamm, ihn hochstäubte und über sich in die Luft schleuderte, dazu voller Freude sang – er wäre ja ein Findelkind und von nordischen Eltern, sagte dann wohl das Städtchen zu seiner geheimen Sorge, wenn es bis zum Morgen kein Auge zutat, in seines Vaters Sommerpalast wären ja Eisberge, und wenn er sich heiser geschrien, wäre seine beste Erholung von jeher gewesen, vierundzwanzig Stunden auf Nordpols Packeise zu schlafen.

III

Von den gesunden, schuldenfreien, aus Steinen von tief gegrabenem Grund aufgeführten Häusern war ein ganzes Häuflein elender, siecher Hütten aufs moorige Wiesenland verdrängt. Da mochten sie sich graulen, wenn die Nebelgespenster umgingen und die Irrlichter tanzten. Die chronische Baufälligkeit mochte ihnen Gebälk und Fachwerk mürbe fressen und das Schwammfieber Anstrich und Aussehen verderben, selbst die Landstraße, die zwischen ihnen hervorkroch, nachdem sie sich unter den besseren Häusern als Straße stattlich aufgeputzt und schnurgerade gehalten, mißachtete die Moorhäuser und schlich mit ihren beiden Gräben Arm in Arm mürrisch dahin und trödelte nur so und zockelte zwischen ihnen durch ohne Abschiedsgruß aufs Wiesenland hinaus. Dann aber wandte sie sich bald zur Seite und schlängelte sich mühselig bergan und wollte noch vor Mitternacht ins nächste Dorf. Das glaubte ihr freilich niemand, denn weit kam sie nicht, und wenn man genau hinsah, so verirrte sie sich zwischen den Feldern, und dann verlöschte sie ganz und verlor sich im Walde.

Aber zwei Reihen hoher Pappelbäume standen da am Wege, wo die letzten schwammbrüchigen Häuser sich drängten, und zu ihnen schwang der Sturm sich nieder, denn so eine Pappelallee ist eine Sturmesharfe, und er hatte frohe Laune zur Musik.

Und er packte die am düstersten ragenden, griff an die knorrigsten Bäume. Einmal, zweimal langten gewaltige Hände durch die Reihen, und die Saiten bogen sich unter solchen Griffen.

Da floß grollendes Brausen hervor und staute sich und stand und schwoll und rauschte dumpf wie schwere Flut; aber des Sturmes Faust dämpfte sie nieder und zwang die grollende zur Ruhe, während sie gewaltig wuchs und schwoll und schwoll. Lang reckte der Sturm den Arm hinaus, Dreiklänge packend, die sprangen unter seinen Greiffingern hervor, die Weitspringer und Takttänzer, und hei! gab es ein klingendes Jagen durch die Harfensaiten des Sturms, sein Herz hämmerte höher und höher und ging vor heller Freude in mutigen Schwüngen rascher und rascher; und das war der Takt seiner Melodien, so klang des Sturmes Herz aus den Saiten seiner Harfe!

Und die gewaltige Glut düsterer Grundtöne blieb auch kein dumpfes Brausen, denn nun tat er seine niederzwingende Faust davon, und in die hochaufschäumenden mitten hinein sprangen die muntersten Herzschlagrhythmen des Sturms, die rissen fort in stürmischem Gang alle schwere Gewalt und die ganze düstere Wucht langgezügelter Leidenschaften, und wie die Wogen des Weltmeeres wandern, riesenhoch schwellend und langgestreckt, so wälzten sich die Melodien des Sturms aus jauchzendem Herzen strömend dahin.

Wo hatte denn der Sturm Musikstunden gehabt? Aus schwankenden Spitzen scheuchte er mit rüttelnden Griffen dichte Schwärme bunter, heiterer Klänge; darüber schwebten die dunklen Sturmesschwingen und zwangen mit breitgespreizten Flächen die Verwirrten hinab in die Tiefen der wogenden Donnermelodie. Da schwammen sie, leuchteten und zitterten überm schwarzen Grundlosen. Da klammerten Tausende sich und ballten sich zu Haufen, und ein bunter Schwarm löschte aus und überfärbte den andern und ging unter und versank und erfüllte mit glänzender Schönheit die schweren Tiefen und durchfärbte und entzündete mit Glut und buntem Licht die hochgehenden Weisen des schwärmenden Sturms.

IV

Der Abend im Tal war dunkler, als er pflegte zu sein; und gar in der Talecke, wo das verschrumpfte Städtchen und ihr starkknochiger, mächtig geflügelter Pflegesohn miteinander Wiedersehen feierten, hatte dicke Schwüle sich verfangen, hing zäh in der Enge und staute sich zwischen den Bergwänden.

Krank und fiebrig war der Boden; er lechzte und schwitzte graue Dünste; schon den ganzen Tag hatte er phantasiert, aber gegen Abend wurde es gar schlimm.

Mehrmals sah der Sturm hinter sich, mehrmals schien da wer zu stehen, zu fliegen oder sonstwie zu sein. Das waren die Fieberträume der kranken, dürren Erde, die huschten vorüber. Ihre Wahnvorstellungen, die schwirrten furchtvoll und stoben davon und graulten sich vor Nichts, Nichts war ihnen auf den Hacken. Nichts griff zwischen sie mit unsichtbaren Händen, ihnen die Hälse umzudrehen, Nichts war ihr Würger und ihr Schrecken.

Der Sturm ließ seine Hände sinken, die zwischen den dunklen Bäumen mächtig gewaltet und brausende Melodien geschaffen. Er hob den Kopf und sah um sich.

Und Zeit wars nicht zu fröhlichem Sang und Klang, denn im Reviere, grau und gespenstisch wie die Dämmerung selbst, huschte auf langen Fledermausflügeln der fliegende Schreck, den wir alle kennen und mehr fürchten als Tod und Gefahr.

Regellosen Fluges durchzuckte er die ganze Gegend wie ein Augenblicken, die Haare feucht von Schweiß; lange Strähnen zeugten, woher er kam, und die großen Augen wurden hierhin und dorthin geworfen. Seine Brauen liefen schnelle Botengänge zwischen Haarwurzeln und Augen.

Aber schon war er wieder fort und stieg hoch und irrte mit erregtem Augensuchen über die Länder, fleißig blickend wie der Falke nach der Maus im Feld. Und fiel wieder herab, war ganz fern und schnüffelte ohne Ermüden durch Täler und Schluchten, Zickzack und pfeilgerad.

Er raunte allen in die Ohren von Tod und Jammer und schrie gräßlich und gellend, daß den Leuten die Haare zu Berge standen. Er verzweifelte vor Ängsten und rieb sich auf in grenzenlosem Mitleid. Er verbreitete sich über die ganze Landschaft in ungeheurer Schnelle, sein Kreischen ward immer lauter und drohender!

Da war er wieder!

Auf den Sturm hatte er sich geworfen, mit schwirrenden Flügelschlägen umkreiste er sein Haupt; gehäufte Jammerworte ließ er stöbern, kreischende Hilferufe um seine Ohren wimmeln, und wie er gescheucht zurückwich, strich er mißtönend durch die Harfe und scheuchte mit heiserm Wehgeschrei die heitern, unschuldigen Freudenklänge mit ihren Glanzflügeln wie verwehte Blätterstreu davon.

Das Schreckgespenst lief geschäftig über die trockene, fiebernde Erde, streute aus krächzende Silben und erschreckte zu Tode das altersschwache Städtchen mit schaudervollen Gebärden; es rannte durch die Gassen und klopfte schreckhaft an jede Haustür; es riß mit sich die herumschwärmenden Fieberträume und strich mit ihnen durch Stuben und dunkle Kammern, es streute in die dumpfe Luft schwelende Angst und vergiftete mit übelriechendem, erstickendem Qualm den Atemzug jedes Schläfers.

V

Die Häuser erwachten; zuerst tat ein Dachfenster einen ängstlichen Blick in die schaurige Nacht, dann schlugen hier und da viereckige Stubenfenster die Lider auf; Lichter rannten treppauf und treppab, guckten ängstlich heraus, liefen ein Stück vor auf die Straße und sprangen in scheunentorgroßen Schlaglichtern an die Wände des Nachbarhauses; wer konnte denn schlafen in solcher Nacht!

Nein auch, wie der fliegende Schreck sich gebärdet, wie er das Rathaus mit greulichem Kreischen aus dem vormitternächtlichen Schlummer gerissen, wie er die Bürgermeisterei mit seinen Fratzen zu Tode erschreckt, wie entsetzlich er seine bleichen Hände gerungen!

Und sicher, er hatte die schwärmenden Fieberträume mit giftigen Stacheln in Wolken auf die Stadt gehetzt – die kleinen Mädchen, rotbäckig wie ihre Puppen, hatten so schön geträumt vom Ringelreihen und Ballspielen, und die großen mit langen Zöpfen waren kaum eingeschlafen vor lieblichen Gedanken an den starken Hans oder den bildschönen Jochen.

Und Jochen und Hans lagen auch und schnarchten mit offenen Mäulern, und wenn ihnen was vor Augen gaukelte, so warens gewiß die Bilder von Frieda und Jette.

Ihnen allen griffs an die Haut wie Nesselschärfe und giftiger Mückenstachel, wenn treibende Schwärme durchs offene Fenster in die dumpfen Kammerhöhlen hineindrangen und Träumer und Siebenschläfer, Puppenmütterchen und Familienväter erwachten, denn das Blut war ihnen verdickt vom Angstgifte und Ruhe und Müdigkeit zerstochen und gescheucht. Alle besseren Häuser haben »Papiere«. Die wurden zum Retten in den Wohnstuben bereitgelegt, und die Kinder mußten heute tun, was sie sonst nie gedurft, spät nachts bei den Großen im Zimmer sitzen – wahrhaftig, das Städtchen hatte heftige Unruhe im Blut und war gar nicht wohl! Die Flurklingeln tönten so sonderbar in der tiefen Nachtstunde, und Geräusche gingen hin und her, die niemands Ohr zu deuten wußte, allerlei Leuchtendes strich über die Dächer und schaute in die Fenster, das niemand je gesehen hatte, denn zur Mitternachtsstunde haben sich die Gesichter nie gekannt und die Stimmen sich nie gehört, und beim Blendlichte, das die Schwüle umlagerte, oder wenn der fliegende Schreck draußen vorbeikeuchte und von seinen mühsamen, überlang gedehnten Seufzern die kleine gelbe Flamme ängstlich flackerte, sahen die bangen Kinder die Schauer der Gewitternacht und des Erdenfiebers über die Gesichter ihrer Eltern hinhuschen – so starr blickend, so bleich und fremd haben sie ihre Eltern nie gesehen!

Nur das Kirchlein mit seinem ergrauten Schieferdach blieb vollwürdig und ruhig; und mochte es da oben noch so stickdüster sich ballen und mochten noch so unheimliche Geister ihr Wesen treiben überm Dächerhorizont, der Turm blieb unerschrocken hochaufgereckt stehen und räusperte sich nur die verschlafenen Schallöcher und schwang ein paar Mal zur Probe den Sturmglockenklöppel, sicher zu sein aller schmetternden Metallkraft seiner Stimme zum Warnungsrufe: Feuer! – Feuer!

Draußen aber, von der Pappelallee steilaufwärts, schwang sich der Sturm. Wie zur Festzeit, so war die Stadt erhitzt unter ihm, aber von keiner Freudenglut! Noch immer peitschte der fliegende Schreck mit Jammerrufen ihre ruhigen Straßen, hämmerte mit knöchernen Fäusten ihre Türen und wirbelte seinen Alarmschrei über die Dächer.

Schlag nicht nach mir, nicht nach mir!, keuchte er zum Sturm, der ihn mit Flügelschlägen scheuchte und mit Faustgriffen jagte; tückischen Flatterns entging er den Händen des Starken, schmiegte und heftete sich mit seiner widrigen Schweißkälte an ihn. Was seine Stimme gewesen, die gellende, damit hatte er die Dächer übergeifert, die war versiegt und verspritzt – aber Galliges, Heiseres floß ihm noch immer aus der pfeifenden Brust. Er reckte den mageren Arm, daß des Sturmes Blick daran hinausschoß, dann flatterte er taumelnden, bahnlosen Fluges davon.

VI

In die Ferne trug das Schreckgespenst seine ringenden Hände; aber wo es hingezielt und des Sturmes Blick gelenkt: über den dunklen Berg, dunkel gegen die Himmelshelle, ragte ein Haupt und kam hervor, von hartgerissenen Formen, eine ungeheure Wolkengestalt. Die schritt finster und langsam über den Berg heran; schwoll auf, schob alle Helle beiseite und stieß sie hinab unter die Berge.

Und vor sich her trieb die Gewitterwolke eine Herde von Blitzen; die wildesten, ungebärdigsten, die man je gesehen, zündende, sprühende, feuerblütige, schlagende, leuchtende Springer; die machten kilometerlange Sätze von der Erde in den Himmel, von Wolke zu Wolke, brüllten ihr Donnergeheul durch die Täler, bellten vor wütendem Hunger und fauchten an gegen ihre finstere Treiberin und bissen nach ihrer packenden Faust. Denn sie hatte die räuberischen Bestien eingefangen und aus den Schluchten und Gründen die versteckten, aus den Höhlen der Wolkengebirge die lauernden hervorgezogen und herabgerissen, die wilden Luftwölfe von ihren Zickzackbahnen am Himmel, und trieb sie über die Berge und Täler zu[m] neuen Weideplatz der Blitze. Da sollten die halbverhungerten Bestien ihr Fressen haben, ein Festfressen zur Nachtzeit, der ewig hungrigen Blitze Leckerstes: Häuser und Scheunen und knochendürres Gras, ganze Diemen und Böden vollgestopft, Gebälk und Stroh für den gröbsten Hunger und kostbares Hausgerät von trockenem Eichenholz und sauber poliert, Eiderdaunen in Federbetten bissenweis präsentiert und berauschendes Petroleum beim langgedehnten, üppigen Schwelgen nach Tisch.

Wer aber den Blitzen ihren Dächerfraß verdarb, das war der Sturm und des Sturmes Flügel! Wer den ersten, sprühenden, langstrahligen Blaublitz aus seiner Sprungbahn stieß, das waren des Sturmes immer kampflustige Fäuste, und wer dem Wutfauchender einen gewaltigen Schlag mitten ins feurige Maulwerk tat und über die prasselnde Blitzherde weg einen hellen Kampf schrei schleuderte, das war auch der Sturm!

Die Ruhejacke hatte er abgeknöpft, die lag unter den Pappeln, und seine Meilentöter an den Schultern waren Blitztöter, sie wußten nicht, wie das geschah.

Das Wutgebrüll der enttäuschten, freßlüsternen Räuber war ein einziger Donner. Aber was stärker gegen die Berge stieß, das dumpfe polternde Rollen aus den leeren Mägen der Blitze oder der helle Jubelschrei aus Sturmeskehle, danach fragte heute das Städtchen nichts, das hatte sich in besinnungsloser Angst an den Boden geklammert und sich in der Talecke so klein wie möglich gemacht. Über dem Rücken seiner Häuser war stickdüstere Nacht, und die Gewaltigen zwischen den Firsten und dem Himmel, zwischen schwarzen Wolken und schwefeligen Dämpfen, die heulten und balgten, würgten sich und ächzten. Das klang, als triebe der Herrgott von neuem sein Scheidewerk und jagte mit Donnerbefehlen ineinander verbissene feindliche Elemente auseinander, die waren ineinander verschlungen und wußten von nichts als gegenseitiger Vernichtungswonne.

Aber das Städtchen hatte menschenlebendurchströmte Gassen und Häuser voll Menschen-Sinnen und -Trachten, und seine Kammern und Zellen bargen Gutes und Böses. Mochten die Gewalttätigen in den Lüften ihm liebevoll gesonnen sein oder waren sie lüstern, es an die Kehle zu packen, dem talgeschmiegten, erdgewachsenen Städtchen grauste es gleichem weis, wenn ein tobender Räuber oder ein stürmender Retter an es kam. Und es wäre gerne mit allen Häusern in den Boden gekrochen vor dem ungeheuren Kampfgetöse in den Lüften – wenn es doch nur in der Verwirrung nicht alle Überlegung verloren und die Gedanken verlegt hätte, so hätten doch wenigstens die schmuckesten Straßen zwei und zwei einanderfassen können, und man hätte sie ins nächste Tal geschickt, bis die Gefahr vorbei war.

Die andern Gassen konnten schon etwas vertragen, und es gab nicht gleich Schönheitsfehler, wenn ein tiefer, verzielter Flügelstreich des Sturms die Dächer rührte, statt eines Blitzes Rückgrat zu knicken, und in blinder Wucht über die Ziegelpfannen fuhr und an die Schornsteine stieß, die naseweis und neugierig in die Höhe schnupperten, daß sie wankten und auf die Straße niederrasselten.

Oder wenn der Sturm die Richtung verlor; dann hatte er sich zwischen die Blitze gespießt und hineingekeilt in die gehäuften, drei, vier lange züngelnde riß er heraus aus dem Schwarm, sie röchelten, denn er drückte ihnen die Donnerkehlen zu – und dann fuhr so ein Knäuel wohl mit heftigem Getöse auf den Markt nieder, statt in die freie Luft hinauf, Fetzen zäher Wolken hatten sie im Ringen mit herabgerissen, und der Sturm lag auf dem Rücken und klatschte seine gewaltigsten Flügelschläge auf das holperige Pflaster, um seinen Kopf wieder über die Dächer zu bringen. Aber in seinen Fäusten, wie Iltisse, in Tellereisen gefangen, preßte er die zappelnden, verreckenden Blitze. Die heulten über den Marktplatz ihr letztes Wutgebrüll und schlugen gegen die schiefen Häuserwände mit feurigen Leibern verzweifelte Zickzacken zu allerletzt. Und bissen in die Federn dem Sturm, daß Knistern heraussprang und erstickende Wolken mit Schwefelgestank und Brandgeruch dem Rathaus in die Fenster krochen.

Wenn so die Gewalten rasten, daß es schien, als wollten sie das Städtchen plattmachen mit Wälzen und es zertrümmern mit Balgen, dann wimmerte es mit seiner Sturmglocke ein Stoßgebetlein, denn das, wußte es, war das Letzte, was man tun könne.

Aber der Sturm mit seinen weitgreifenden Flügelschlägen zerriß das Gebetlein, und die Fisteltöne und das ängstliche Kreischen der Sturmglocke fuhr zerstückt in alle Winde.

Was hatte sie denn auch zu erschrecken, die gute Alte! Sah sie nicht, daß er davon war, ehe das Blitzgelichter ihm einen Ziegel fraß? Guten Muts sollte sie sein und ihren Sturmsohn loben!

Manche Wolke brach da nieder, wenn sie in tölpelhafter Neugier dem Sturm so dumm in den Weg lief, daß er über sie rannte; und denen, die auf den Bergen umherstanden und zusahen, wer da stritt, fuhren scharfzackige Schnellblitze an die Beine und Bäuche, daß sie platzten von Regen und niedergingen und das Tal überschwemmten.

Denn die Blitze flohen überall, und der Sturm hinter ihnen schmetterte schwere Flügelhiebe zwischen sie, daß sie auseinanderstoben, griff mit Würghänden in ihre in Felsecken und Schluchten zusammengeballten Knäuel, trieb sie zu Scharen und zwang sie mit harten Flügelstößen gegen die Berge, mochten sie ihre Zähne an seinen Flugknochen ausbeißen, mochten sie zischend an der Bergwand längssausen und Rettung suchen, er quetschte sie doch mit breitem Rücken alle auf einmal zu Nichts. Mochten sie um ihn züngeln und nach seinem Leben trachten, ihm feurige Schlingen legen und ihr Donnergebrüll auf ihn häufen, daß es fürchterlich krachend über ihm zusammenschlug und manchem der Mut fortgeschwemmt wäre im schrecklichen Wirbel und Rollen – des Sturmes Flügel klafterten weit von Spitze zu Spitze, und wo sie zusammentrafen sausenden Schlages, da verging jeglichem Dinge die Freude am Sein; wohin die Zorngespreizten zielten, wo sie einen Schlag taten, da wars schnell vorbei mit Donner und Blitz.

VII

Das geschah in der Heimkehrnacht des Sturms quer durch der Gewitterwolke verderbliches Trachten. So beschaffen sind immer wahrer Stürme innigst vollbrachte Taten, und Sturmgemüter haben am liebsten ranggleiche Himmelsgewaltige zu Feinden, Donnerwolken und Blitzherdenbesitzerinnen, immer die am mächtigsten Beamteten zwischen Himmel und Erde, die sich am freudigsten hassen können, ohne Galle, und sich am herzlichsten befehden ohne Gift und Ränke, die in Gewitterstürmen miteinander reden und gegeneinander hadern.

Und die Gewitterwolke ist wahrlich eine großmächtige Himmelsfürstin, unmittelbar vom Allmächtigen mit Rang und Macht bekleidet, aber so majestätisch, wie sie ihren ungeheuren Schritt aufs Gebirge tat, und mit welcher Schönheit sie den Himmel verfinsterte, das ermaß von des Städtleins Bewohnern in dieser Nacht keiner. Ihnen, den Talbewohnern, auf dem Boden gewachsen und von ihm lebend, hatte keines Allmächtigen unmittelbarer Finger das Auge geöffnet für solcher Größe ungeheure Herrlichkeit. Sie sahen auf ihrem unbewegten Gesicht nur einen Willen gemeißelt, zu verderben und zu vernichten, und als die Riesenhafte den Rücken wendete und über die Berge zurückschritt, sturmbesiegt, da sandten tausend Herzen ihr einen dichten Hagel böser Flüche nach und wünschten sie auf Nimmerwiedersehen in die Ferne.

Aber der Sturm reckte seine Schwungfedern aus und strich kosend über die Stadtdächer und eile die runzeligen Gassen und besänftigte das tödlich erschrockene Mütterchen.

Er war nicht schlafsüchtig, denn solche Kämpfernächte stählen nur und verjüngen die Ewigkeit solcher ungebundenen Wesen – sie aber sollte schlafen und ruhen, sie hatte Lebensgeister, die mürbe, und Kräfte, die erschöpflich waren, und wollte doch noch manches Jahrhunderts Winter- und Sommernöte erleben und vieler Frühlinge und Herbste irdische Freuden in bescheidenem Maße hinnehmen.

Er wollte doch sehen, ob das Gutsein mit Kranken und das Trösten so ganz gegen seine tobende Natur sei! Er wollte der Alten nun nach stürmisch vollbrachter Rettung auch seine besten Besänftigungsversuche nach schnellerfundener eigener Art antun, ihrer erschütterten Seele wieder Ruh und ihrem verschüchterten Mut wieder Leben ertrösten.

Ja, und das Städtchen war schnell vom Furchtfieber genesen und seufzte sich alle schwere Angst vom Herzen, tat tiefe Atemzüge und spülte mit kühler Nachtluft Kammer und Keller rein und blies eratmend mit dem Odem der Sommernacht den schwelenden Gewitterdunst und den Angstgeifer des fliegenden Schrecks aus Straßen und Höfen.

Und mählich, als der letzte Blitz längst sein letztes Röcheln gegrollt und die Donnerwolke längst in die fernste Ferne jenseits der Berge in einen Zaubermantel gehüllt und entrückt war, da kroch auch der Mut wieder aus den dunkeln Verließen hervor und putzte und brüstete sich auf den Straßen.

Und unterm Zureden des Sturms ward auch die vor Schreck starre Herzlichkeit des Städtchens wieder weich, und die Lust am friedlichen Haushalten im Tal und am Leben auf der Matte ward wieder rege, und die Geschwätzigkeitsmusik mit ihrem heimeligen Gesumme ging wieder wie in friedlichen Zeiten auf ihren Lippen hin und her.

Aus den Schornsteinen aber begann es bei tiefer Mitternacht zu schmauchen, und aus den Küchenfenstern blinkte das Herdfeuer, und das Klirren der Tassen und der Duft aus den Kaffeekannen erfüllte und schwängerte mit würzigen Wolken Stube und Dielen.

Durch die streichelnden Fittiche des Sturms gurgelte der Himmelsodem, und ein müdmachendes Wiegenlied säuselte hervor, damit zauberte der Sturm das verängstete Städtchen in Schlummer; eins nach dem andern klappte es die Fensteraugen zu und lag bald und streckte sich nach Behaglichkeitbedürfnis unbedacht im Traum aus auf den reinlichen Matten des Talbettes, an die Tannenpelze geschmiegt der in tausendjähriger Schlafversunkenheit ruhenden Berge.

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.