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Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 16
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sommertag

Und der Tag und ich fuhren fort zu wandern, und vom Sausewind kamen wir auf uns selbst zu sprechen, was für Streiche wir gemacht hätten und was für Windbeutel wir nicht gewesen wären – damals. Wie wir alles gerade am liebsten gemacht, was wir nicht durften, und wie wir immer geglaubt, es hätte gar keine Eile mit dem, was wir nun doch mal gerne sollten.

So kamen wir oben auf dem Berg an und gingen da, wo von verschleißenden Wettern das dicke Fell geborsten und zerschunden war und wo die harten Gesteinknochen des Bergungetüms knubberig am Lichte standen. Große Blöcke warens, diese Bergknochen. Hitzestrahlen hatten das Fell gedörrt und Furchen hineingerissen, und Regengüsse hatten davongeschlämmt, was lose war oder vermorscht.

Da waren nur noch einzelne Blumen zurückgeblieben, die führten ein elendes Dasein und senkten mühsam ihre Wurzeln ins Steingefüge und waren häßlich und mager und vorzeitig alt, und kein Schmetterling kam und keine Hummel, sie zu küssen.

Und als wir über die Steingrate schritten und dem Bergvieh über die lang und hohl gestreckte bloße Wirbelsäule gingen, lobte mich der Tag. Als es hieß, einen Beruf zu erlernen, hatte ich die Stubenhockerei vor allem nicht gemocht, dieses Geschäft, das zu den vornehmsten gerechnet wird, das schon so überfüllt ist. Aber der Andrang ist immer noch groß. Und das hatte mir der Tag hoch angerechnet.

So ein ausgelernter Stubenhocker gefiele ihm garnicht, sagte der Tag; er hätte einen Standesdünkel, der unerträglich sei. Wald und Wiesen und Alle klagtens ihm täglich vor. Gewohnt, wie die Stubenhocker sind, alle Welt nur aus dem Rahmen ihrer Glasfenster zu beurteilen, bringen sie kleine Brillenfenster mit heraus, um ja ihren hochnäsigen Standpunkt nicht zu verlieren. Noch ganz jüngst hatte er darüber ein paar gediegene Worte von dem alten Waldgeist gehört, dem mit dem struppigen Moosbart und der grünen Fichtennadeljoppe. Der hatte mit seinen paar Felszähnen geknirscht und von den männlichen Stubenhockern gesprochen, die immer den allerneusten Hosenschnitt tragen, und von den weiblichen, die sich nicht gerne sehen lassen, ehe sie sich den dunklen Schmachtton unters Auge gemalt haben. Und geschworen hatte er, diese Leute sollten ihn doch noch einmal kennenlernen und einsehen, daß er ein Andrer wäre, als sie dächten, und ganz und garnicht zu ihnen gehöre, wie sie wohl meinten. Da täten sie wohl große Augen reißen, was für Einer er in Wirklichkeit wäre, freilich wohl! Denn sie kennen ihn ja doch nur als Saison- und Salonwaldgeist und als eine Art Rezitator unserer ersten Dichter. Daß er von Stimmung überschäumen kann, wie einer, der den Größenwahn hat, das ahnt ja keine höhere Stubenhockerin, und das glaubt sie ja garnicht, sie kennt den Wald besser. Sie besucht ihn zur Frühpromenade und neu geputzt zum Fünfuhrozongenuß. Die Bäume säuseln und träumen sanfte Nadelalbumpoesie. Aber daß er auch schimpfen kann im Rheumatismuszorn und schauerlich husten in Sturmnächten, wenn die frühzeitige Herbstkälte ihn krank macht – – wie schrecklich!

Er hat noch allerlei Grimmiges in den Buschbart gemurmelt, man würde noch nichtswürdig genug sein, von ihm zu verlangen, daß er sich gebildet aufführe und lernte, sich anständig zu benehmen. Wirklich, er wollte doch einen Antrittsbesuch beim Park machen; der würde ihm zeigen, wie man sich nach englischer Mode ein wenig zurechtstutze! Ob er sich scheren lassen solle wie ein Pudel, und was man von Waldwegen denken solle, die sich schlängelten wie englische Parkstiege, und von einfachen Waldbäumen, die auf den Rasenbrettern ständen und frisiert und geputzt wären wie eine Tänzerin und sich hielten wie Leute, die für Geld Männchen machen!

Und der Tag lobte mich, daß ich so einer garnicht wäre, über den der alte, brave Waldgeist geschimpft.

Als wir auf der anderen Seite des Berges wieder hinabstiegen, reckte sich ein Glockenturm im dunklen Nebeltale hoch und schaute nach uns aus, und das Sonntagsgeläute kam uns entgegengelaufen, gleich ein ganzes Gebimmel muntrer Glockentöne. Die sprangen überlustig durcheinander. Die ganze Woche müßten sie auch stillsitzen im eisernen Neste, sagten sie, denn der Turm führe strenge Hausordnung und hielte die Schallöcher zu, und dann saßen sie da im Dunklen und konnten sich mit dem dickköpfigen Klöppel unterhalten. Wie sie sich dann auf den Sonntagmorgen freuten, könnte keiner sagen. Tag und Nacht wechselten sie ab im Geschichtenerzählen, und alle handelten von nichts, als wo sie herumspringen wollten und wie weit sie rennen und wo sie den Ringelreihen tanzen wollten am nächsten Sonntagmorgen. Und der dumme Klöppel horchte auf und kannte aus ihren Gesprächen auch schon die Gegend und sprach manchmal ganz bescheiden von Feldern und Bergen und Schmetterlingen. Aber was Sonnenschein wäre, sagte er, würde er sein Lebenlang nicht begreifen, dafür sei er zu dumm, und die Klöppel wären ja auch nicht Leute danach, so etwas kennen zu lernen.

Und der Tag und ich gingen immer weiter zusammen und sprachen miteinander noch über viele andere Dinge. Der Fluß kam heran und machte einen weiten Umweg und dampfte, so weit man sehen konnte. Er wollte sicher nicht lästig fallen, sagte er, aber er möchte wohl anfragen, da wir doch denselben Weg hätten, ob er ein Stückchen mitgehen könne. Er war sehr redselig und pries, wie schön es sei, auf den Bergen zu wandeln und immer den Kopf mit Nase, Mund und Augen im Himmel zu haben. Denn so hoch, schien es ihm von unten, wäre man da oben. So gut hätte er es nun freilich nicht, obgleich er von hochentsprungenen Quellen stammte. Aber so weit er auch liefe und wie er auch arbeitete und Mühlenräder in Schwung brächte und Flöße und Boote schleppte und wie viel Menschenkinder er auch badete den langen Sommertag über, keiner gab ihm was dafür, und es ginge nur immer mehr bergab mit ihm, daß es eine Schande sei! Ja, wer so über Berg und Tal seine Fußtritte streuen könne wie der Tag und seine Freunde!

So schüttete er sein Herz aus, und dann machte er einen halben Knick und bog schnell vom Wege ab.

Und der Tag lächelte und sagte, man solle ihn nur reden lassen, er bliebe doch hier unten. Denn für ihn sei das Tal, wo es am tiefsten ist, und die ehrliche Arbeit bei Tag und Nacht, ein gewaltiger Tagewerker, wie er wäre, so ein breiter Strom. Er könne ja immerhin einmal versuchen, auf Berge zu klettern, er würde seine Dummheit bald einsehen. Denn die Höhen blieben am Ende doch zu oberst trotz Überschwemmung und Überundunter – und er redete noch allerlei Gutes, der Tag, und wir gingen noch lange fort miteinander und hielten gleichen Schritt und waren gute Freunde wie immer.

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