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Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 15
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidf15596bf
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Sommermorgen

Erster

Manchmal weckt mich der Tag, sobald er munter wird, und er steht ja gewöhnlich sehr früh auf im Sommer. Wenn ich dann den Kopf durchs Fenster stecke, fallen meine Blicke, müde, wie sie noch sind, aus blinzelnden Augen gleich kopfüber auf die Straße und haben noch gar keine Lust, schnell an die Gegenstände heranzuspringen, sich stramm zu verbeugen, wie sichs doch schickt, und sie zu fragen, ob sie ihnen vielleicht Neuigkeiten zu erzählen haben, wohin sie gehen und wie sie heißen. Denn solche Ausfragerei ist ja meiner Blicke Tagewerk.

Aber sie fallen weich; denn die Straße unten ist wie ein großer Graben, halb vollgewachsen mit Kastanienbäumen, die im Morgengrauen aussehen wie ein langer, weicher Teppich, tief und dick; man kann wunderschön den schlafmüden Blick darin schwimmen lassen, und er wird behaglich warm, wenn er sich verwickelt und tief hinein versinkt. Der Teppich ist mit Pyramidenkerzen gemustert und mit verschlafenen Spatzen durchwirkt.

Die Spatzen sind so früh noch rein von Freßgier, Zanksucht und Klatschlust; sie wiederholen sich halbwach noch einmal die angenehmsten Stellen ihres Sommernachtstraums und piepen stoßweise ein unschuldiges, lallendes Piepen. Das ist so ihre Art am frühen Sommermorgen, dadurch wird so ein Kastanienlaubteppich herrlich geschmückt.

In der Ferne sieht man die blauen Buckel schlafender Häusertiere, die verschwimmen in der frischen Morgenluft. Aber hinter ihnen und über ihren unbeweglichen Rücken ist es schon heiß; da ist der Himmel geschmolzen, und die rote Glut frißt sich immer weiter nach oben.

Zweiter

Heute weckte mich der Tag wieder, als er eben aufgestanden war. Wie man nur so lange schnarchen kann, sagte er, und stampfte mit seinem Krückstock auf den Boden.

Ich gähnte und rieb mir die Augen und tat, als wärs nicht der Mühe wert zu antworten, denn es ist sicher unangenehm, wenn sich die Muster neben einen stellen und man nun vergleichen und hin und her gucken und sich schämen soll. Eigentlich hätte ich schnell die Augen vollends blank machen können und zum Wanderstabe greifen; und der Tag hätte gern gesehen, ich wäre mitgegangen; aber um diese Morgenstunde sind meine Entschlüsse noch im Hemde und schaudern vor Frische und Kühle, trödeln lange, bis sie gefrühstückt haben und Staat gemacht und nun zeigen können, daß sie forsch sind und sich bei nichts zweimal besinnen.

So ging der Tag denn allein mit starken Schritten; und wollte bis zum Abend noch über viele Länder und Meere. Seine Backen waren voll Morgenrot, und gewaschen hatte er sich, daß ihm die kühlen Tautropfen noch in den Haaren saßen. Er weiß nie was von Unwohlsein, und wenn er sich von der Nachtruhe erhebt, rollt ihm reine Freude durch die Glieder, und sein Herzschlag ist fest und laut. Er hat den Abend vorher nichts getrunken und sich sein Mark nicht aus den Gebeinen geschwärmt. Da kann er schon mit der Sonne aufstehen und fest auf den Boden stampfen; da braucht er kein grimmiges Gesicht zu machen vor Schädelbrummen, und wenn ihm der helle Schweiß über die Backen rollt, kann er immer noch lachen und strahlen

Seine Schwalben laufen auf ihren langen Flügeln durch die Morgenluft, gleiten über den Himmelsplan und zeichnen große Bogen darauf und ziehen ausgelassenes Kreischen hinter sich her wie ein langes Flatterband. Aber der blaue Grund saugt alles in sich auf, Bogen und Kreise und langgezogenes Schwalbengeschrei.

Es geht ein kräftiges Atmen überall, kühl und voll – die Leute verdienen gar nicht, daß ihnen so gut vorgemacht wird, was Leben heißt, sie schlafen und hören nicht, daß der Tag in die Schaftstiefel fährt und vor seinem festen Schritt die Gasse klingt!

Dritter

Diesesmal weckte ich aber den Tag; wie man nur so lange schnarchen kann, sagte ich im Keiftone und klopfte mit meinem knöchernen Zeigefinger an die Scheiben. Und da fuhr Er auf und gähnte Er und rieb Er seine Augen und tat Er ganz bestürzt. Aber als er die Gucklöcher klar hatte, fing er an zu lachen und sagte, ich hätte zum ersten Male einen guten Witz gemacht, denn ich konnte kaum die Augen offen halten und tappte schon wieder auf Schlaffüßen zu Bette.

Ich konnte nur noch sehen, wie der Tag sich an die schlafenden Häusertiere machte und vor allem dem alten Dom den vergoldeten mächtigen Kuppelrücken blank striegelte. Über die rauchschwarzen Wände und über die rissige und runzlige Gesteinhaut und durch die schwarzen Tiefen zwischen den Architekturgliedern strich er nur leicht mit kosender Hand; das tat dem Riesenbauwerk, dem steinalten, verwetterten, wohl, aber daß man hindurchfuhr und die Schwärze hinauswusch und rein spülte mit Tageslicht, das liebte es gar nicht, denn es befand sich wohl im ehrwürdigen Schmutze, alt, wie es war, und grimmig gesonnen gegen die leichtfertigen, spieligen Jüngelchen von neumodischen Wohnhäusern, kokett mit billigem Ornamentkram aufgeputzt und ohne künstlerisches Gewissen erbaut. Und für Geld waren sie alle zu haben. Der junge Sausewind lungerte auch herum, schaute zu und hatte Langeweile; und da der Tag ihn fragte, was er da zu gucken hätte, ob ihm sein Vater erlaubt hätte, allein herumzubummeln, da antwortete er, er täte gerne ein Handwerk lernen, und ob der Tag keinen Lehrling brauchen könne; es schiene ihm ein schönes Geschäft, Häuser zu striegeln und dem Dom den Rücken blitzblank zu machen; er hätte große Lust dazu.

Der Tag hielt einen Augenblick am Werk inne; er könne wohl einen Lehrling brauchen; aber ob der Sausewind auch genug Ausdauer hätte? Achtzehn Stunden Arbeitszeit gäbe es im Sommer bei ihm, ohne Frühstück, Vesper und Mittagsruhe, man würde ja sehen, er wolle es mit ihm versuchen ...

Und da war ich schon wieder eingeschlafen.

Vierter

Manchmal ist dem Tage seine nüchterne Regelmäßigkeit selbst zuwider, und daß man als Muster eines braven Mannes gilt, wenn man nur immer früh auf ist und gesund bleibt.

So mußte es ihm heute wie Fieber durch die Glieder gehen oder wie schwere Träume und herrliche Phantasien im Sinne liegen.

Denn er war lange vor der Sonne auf und hatte sich den jungen Sausewind geweckt, seinen neuen Lehrling. Der sollte ihm helfen und war auch gleich voll Eifer bei der Arbeit.

Mit seinem Flügelbesen mußte er den Wolkendunst zusammenfegen, fein gleichmäßig, befahl der Tag, über den ganzen Himmel weg, daß es eine große Kuppel gab über der Erde. Eine Kuppel, die stand auf einem breiten Streifen heller Luft, der ringsherum lief um den Horizont; und als ich aufstand und mit blinzelnden Augen das Werk anschaute, da war der junge Wind gerade dabei und putzte die unteren Wolkenränder glatt und machte alles sauber.

Wie man nur so lange schnarchen kann, sagte der Tag, denn das war der gewöhnliche Gruß, den wir uns gegenseitig jeden Morgen boten; und der Tag sagte es mit gewöhnlicher Miene, aber ich merkte wohl, daß er die Ohren spitzte und bei sich selber fragte: Was er wohl sagen mag, wenn er das sieht?

Ich aber war sehr verschlafen und hatte keine Fieberträume und keine herrlichen Phantasien gehabt. Ich machte Hm!, weil ich nicht gleich etwas zu sagen wußte und doch glaubte, daß ich mir aus Höflichkeit ein Urteil bilden müßte. Und dann fragte ich den Tag, was er sich dabei gedacht hätte, so eine Riesenkuppel auf einen gelben Luftstreifen zu setzen, und geriet schnell in kritische Begeisterung und verwies ihn auf den alten Dom, der nicht weit entfernt stand. Kuppeln stelle man immer auf Säulenstützen, und ob er etwa meine, was Außerordentliches geschaffen zu haben?

Über all dem Schelten kam die Sonne, und als sie den Himmel überkuppelt fand, überbaut und zugemauert mit Wolkenwänden, und doch gehalten war, mit ihren Strahlen alles blank zu spülen und die Erde zu waschen, da goß sie ihr Goldwasser durch den Streifen rings um den Horizont und kam selbst und schaute hindurch und goß und spülte wieder nach, daß es gegen die Wolkenkuppel spritzte. Die flüssigen Goldtropfen zerliefen an der hohen Wand und mischten sich mit den Wolkenfarben, und die ganze Kuppel hatte einen düstern, schweren Glanz und sah aus wie eine frisch gegossene Metallglocke, die noch nicht ausgekühlt war und in deren Fleische die flüssige Metallfeuchtigkeit verschiedenfarbig ineinander drängte und glühte. Und stand doch alles nur auf dem Luftring, den der Wind wolkenrein gefegt hatte und durch den die Sonne ihre Strahlen goß.

Der Tag hatte mir den Rücken gekehrt, als ich anfing, gelehrt von Kuppeln und Säulen zu reden; ich glaube, er murmelte: da möchte man doch lieber den ganzen Dreck zerschlagen, und hinterher kam etwas von Dummheit und Unverstand, ich weiß nicht mehr, welches von beiden. Er war mir bös.

Mein Mund aber blieb nur überm Reden offen stehen, und ich ärgerte mich, daß ich den Tag mit dummdreisten Worten vor den Kopf gestoßen hatte, und verkroch mich wieder im Liegebett.

Der junge Sausewind war schon dabei und mußte niederreißen, was mühsam hochgebaut war; er zerrte an den Rändern und tat Sprünge kopfüber durchs dichte Gewölk, riß Löcher hinein und stemmte die Schulter gegen die Wände und drückte, daß es Risse gab übers ganze Kuppelbauwerk hin.

Fünfter

Was die Leute hingebend schaffen, das soll man nicht mit blinzelnden Augen besehen. Und wenns einem nicht gleich verwunderlich erscheint und über alle Erde erhaben, so kann doch zuweilen einem seine Gleichgültigkeit und selbstzufriedene Schlafmützigkeit schuld daran sein, und es kann einem gehen wie mir, daß er nachher bewundern muß, was er kaum des Ansehens und Drüberredens für würdig hielt.

Heute gab es keine Kuppeln am Himmel, die der Tag ersonnen und hochgeführt hatte, weil er von mir eine gute Meinung hegte und glaubte, ich hätte Verständnis für große Wolkenarchitektur; und der junge Sausewind war mißvergnügt, weil er umsonst geschwitzt hatte und geschleppt; der Tag hatte seinen Ärger an ihm gehabt und ihn nichts recht machen lassen. Darum ließ er die Unterlippe hängen und machte sein muffigstes Gesicht und schimpfte in sich hinein, was für ein Unglück er mit der neuen Lehre gehabt hätte, und trollte sich und flezte sich überall am Himmel herum; und weil ihn der Tag knuffte, so haute er wieder jeden durch und prügelte mit seinen Luftstelzen, wer schwächer war als er.

In den Wolken wirtschaftete er, wie es sich garnicht gehörte. Die jüngsten und dümmsten melkte er, daß es einen feinen Sprühregen gab, aber den dicken Platzregenwolken gab er Fußtritte in den Bauch, daß sie vor Angst und im ersten Schmerz alles laufen ließen, was Regenwasser in ihnen war.

Eine ganze Herde Landregenwolken jagte er über meinem Hause und meinem Viertel zusammen und steckte die Hände in die Hosentaschen, pfiff höhnisch ein feierliches Lied und lungerte herum und freute sich, daß ich ein langes Gesicht machte, als ich die Wolkenherde über mir sah. Dann tat er, als ob ihn zufällig jemand weiterhin einen Augenblick sprechen wollte, stahl sich davon und suchte sich andre Gesellschaft als mich wasserscheues Menschenkind; er wollte abwarten, bis er einen besseren Lehrherrn fände als den Griesgram von Tag und ein besseres Geschäft, als der Tag betrieb, denn das sah er ein, er hatte Unglück im Leben, und es gab schwer einen Beruf zu finden, der für ihn paßte.

Ich sah, es war am besten, ich ließ den Tag schmollen, so heftig er mochte. So ein strahlender Sommermorgen ist ja als Beispiel von Schönheit in jedermanns Munde. Wenn so einem dann allerlei Tadel übers Herz streicht, dann beizt ers schnell schwarz und zieht Blasen und zeichnet Runzeln und krause Schmollfalten darüber hin, zarthäutig, wie es noch ist, das verwöhnte Gemüt.

Letzter

Eines Sonntag-Morgens klopfte der Tag wieder an die Scheiben; die Ärgerblasen waren verschwunden, das sah ich gleich, und der Tag trat sich vor Wanderlust fast die Zehen ab.

Und ich ließ ihn nicht lange klopfen und ging mit ihm durch die schlafenden Straßen vors Tor und auf die Wiesen und hielt gleichen Schritt, und wir waren so gute Freunde wie je vorher.

Wir sprachen ganz vernünftig von dem guten Sausewind; was für ein Jammer es sei, wenn so ein Junge nicht gut tun wollte; aber ob man sich denn groß darüber wundern müßte? Der Alte wäre ja selbst ein rechter Windbeutel!

Und dann kamen wir auf den Berg und setzten ihm unsre Füße auf den breiten Rücken; aber er merkte nichts davon, denn er lag tief, tief in seinem tausendjährigen Schlafe, und hätte man ihm auf dem Rücken eine große Stadt hineingegründet und hochgebaut, man hätte ihn gar nicht zu fragen brauchen. Daß er etwa erwachte davon, sich um und um wälzte, die Stadt vom Rücken zu scheuern, und eine Strecke fortwatschelte und sich weiterhin bequemer lagerte, daran war nicht zu denken, so tief war sein Schlaf.

Sein Fell war stramm und samtglatt, Grashaar und Blumen durcheinander; und weiße Flocken von Schmetterlingen flatterten drüber hin und griffen die Blumen bei den Köpfen und küßten sie; und die kleinen Blütenwangen waren weiß vor Schreck oder rot vor Scham, und die Blumen neigten die dünnen Hälse und schämten sich der ungestümen Liebhaber bei hellem Tage. So glitten die Schmetterlinge von einer zur andern, und die Blumen warteten immer geduldig, bis der rechte käme, und manche waren gelb und grün und blau geworden vor Ärger und langem Harren.

Es ging ein Summen von Hummeln und Bienen über den gewölbten Bergrücken, das klang, als ob der dicke Berg schnurrte, denn er lag behaglich und breit im Talbette, und die Sonnenstrahlen kamen und tranken den blanken Nachttau, und wie sie auf seinem Pelze westen, das konnte ihm wohlgefallen, er wurde warm und fühlte sich so wohlig wie andre dicke faule Tiere, die im Sonnenschein liegen und schlafen.

Die kleinen Sonnenstrahlen putzten die Halme, bis sie glänzten, denn es war Sonntagmorgen, und wenn man da keinen Feiertagspelz hat oder keinen Bratenrock, so soll man wenigstens den alltäglichen fleckenrein haben und ganz heil.

Selbst der Himmel hatte ganz ungefleckte, weiße Wolkenkühe auf die Weide getrieben, nur ein paar, aber die allergrößten, die er je gezüchtet, ebenso groß wie der Berg.

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