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Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 14
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Fiedel

Neulich traf ich einen Alten, der hatte seine Fiedel unterm Kinn, und seine Finger waren zitterig und knochig. Und ich kehrte wieder um, als ich vorbei war, aber der Alte hatte mich nicht gerufen, und er hatte auch sonst niemand gehört und wunderte sich, warum meine Füße die Wegwitterung verloren hatten und ich so schnell vergaß, was ich in der Ferne suchte. Das mußte an dem Alten liegen, und ich fragte ihn, was er da machte.

»Musik«, sagte er.

Und da wollte ich gerne wissen, was für ein Ding sie eigentlich wäre, wie sie denn aussähe.

Nun, sagte der Alte, ob ich nicht sehen könnte – dünne Strähnen lang und dünne Streichfäden quer –

Und da wollte ich wohl eine Faustvoll sammeln, denn sie schmeckten meinen Ohren gut, und ich verlangte, wo sie denn wüchsen, daß man sie pflücken könnte.

Aber sie wachsen gar nicht, sie würden gespielt, sagte der Alte. Und weil ich sehr begierig war und schnell große Lust bekommen hatte an den Strähnen lang und quer, so wollte ich auch spielen und versuchte es und bekam gleich einen großen Schrecken, denn die Saiten behagten sich gar nicht in meinen Händen und fauchten nach meinen Greiffingern, zeterten und mauzten vor übler Lust, und wie ich weiter versuchte, sangen sie erst recht nicht und weinten und kreischten, verzogen, wie sie waren, und verlangten in die Arme des Alten zurück. Dieser Schlaukopf, er log, was er mir erzählte; er selbst war die Musik, und ich täte ihm gerne seine dünnen Knochenfinger stehlen, denn wenn sie die Saiten streicheln, dann sind sie gleich wieder lieb und gut, selbst wenn sie laut geweint haben und eigensinnig gewesen sind. Dann tun sie anklägerisch, daß ich so ungeschickt gewesen bin und niemals ein rechter Saitenverführer werde, und lachen mich aus und sind lustig und denken nicht an Mauzen und Schmollen; sie können nicht verstehen, daß es trübe Augen gibt und Stirnen, die in einem Netz von Runzelfalten hängen, und verlangen, daß alles gerade so ausgelassen ist wie sie.

Und ich täte dem Alten gerne seine weißen Haare abschneiden und ließe mir eine Perücke daraus machen, denn wenn sie im Winde wehen und Geheimnisse flüstern, dann horchen die Saitenkinder hoch auf und lassen sich erzählen, wie der Alte auch mal jung war, und weinen mit ihm über seine verwelkten Erinnerungen und seine getrockneten Andenken.

Ich täte auch gerne des Alten Augen vertauschen gegen meine eigenen; die sind wohl scharf und blank und haben weitfliegende Blicke, aber wenn seine in die Ferne wandern wie der den Wolken ins Genick springende Wind, schwimmen und baden im Abendrot, den Durst zu löschen nach Farbe und Schönheit, dann wissen sie besser, was heimzubringen, den zauberlüsternen Saiten geschenkt, Gesammeltes und Geraubtes, und was sie am liebsten hören mögen, Erzähltes und Abenteuerliches aus der Ferne.

Darum machen sie sich eilig auf, knicksen ihre höflichsten Knickse vor der Feldlerche und bitten um einen Tanz himmelan.

Darum fliegen sie meilenweit, flattern und schmeicheln um die fernen, blauen Berge und lauschen auf Neuigkeiten und horchen aufs Geschwätz der Ehrwürdigen am Horizont. Was die blaue Ferne im Innersten denkt, des flüchtigen Schwans Wanderlied am Himmel, und was die Lerche von der Heimat singt, das bringen die schnellen, eifrigen Blicke den dünnen Saiten heim auf die Fiedel.

Das sind Finger und Augen, das ist das Schneehaar eines Hexenmeisters von Geiger, der hat sich die zarten, verwöhnten Dinger ganz jung irgendwo auf seine Geige gestohlen, hat sie mit seinen Märchengedanken verzaubert und mit seinem kinderlieben Gemüte gehätschelt, und mit immer neuer Zauberei verlockt er sie weiter in die Ferne.

Er macht sie glauben, er wäre ihr rechter Vater und sie seine eigenen Kinder, so lieb hat er sie; zu schwatzen mit ihnen ist seine einzige Freude, und er würde sein Leben verlieren, wenn sie ihm stürben und er ihre Plapperstimmen nicht mehr hören, wenn er sie nicht mehr mit kosenden Fingern streicheln dürfte oder sie zum Lachen oder Weinen bringen mit lustigen Späßen vom Himmel oder mit Trauermären aus der Vergangenheit.

Er hat sie ganz zu seinem Willen verführt und mit seinen Seligkeiten genährt, all ihr Singsang, all ihr innigstes Geschwätz ist die Wiederholung, die Verjüngung seiner vertrautesten Gedanken, die ganze Musik seiner Geige spricht die Sprache seiner alten, junggebliebenen, freude-innigen, trauer-freudigen eigenen Seele.

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