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Fragmente aus früherer Zeit

Ernst Barlach: Fragmente aus früherer Zeit - Kapitel 11
Quellenangabe
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typenarrative
authorErnst Barlach
booktitleProsa aus vier Jahrzehnten
titleFragmente aus früherer Zeit
publisherUnion Verlag Berlin
editorElmar Jansen
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Spaziergang nach Tabarz

Tabarz liegt hinter einem großen, dicken Walde, so scheints den Friedrichrodaer Kindern, und den Tabarzern scheint dasselbe von Friedrichroda. Aber wir sind keine Kinder mehr, Mutter und ich, und deshalb gehen wir durch den dicken Wald und denken uns dabei nichts gar Großes. Auch dem Weg und den Fuhrwerken sieht man nichts davon an, daß sie im Märchenwalde laufen, ebenso sehen sie aus, wenn sie durchs Dorf ziehen oder übers Feld laufen.

Einsam ists da drinnen, trotz der vielen Bäume. Hier stehen zwei zusammen wie Zwillingstannen und weiterhin wieder. Wie sie wohl untereinander flüstern und klatschen, was sie wohl der einsamen Eiche allerlei Schändliches unterschieben, wie sie sich freuen, wenn ein Wanderer kommt, an dessen Hacken sie ihre Blicke hängen können und über dessen Nase sie kichern dürfen! Und gar wenn so zwei kommen, wie wir zwei, Mutter und ich – aber bei uns finden sie nicht nur was zu sehen, sondern auch was zu hören, denn wir reden dann und wann mal ein Wort über sie selbst; und auf das, was wir von ihnen sagen, können die Tannen meist stolz sein, besonders die schlanken und tadellosen oder die ganz großen oder die niedlichen Tannenkinder. Keinen üblen Odem haben sie, und wenn Mutter ihr muffiges Gesicht macht, so daß man sieht, sie mißbilligt etwas mit der Nase, und wenn sie dazu mit nobler sch-Aussprache mit quäsigem Ton sagt: »'s schtinkt!«, dann kann man auch sicher sein, daß da Einer mit der Tabakpfeife gleich um die Ecke biegen wird oder schon vorbeigestapft ist. Beide haben wir hundefeine Nasen, obgleich Mutter das nur von ihrer behauptet, aber wir sind einig, daß die Tannen herrlich duften. Beide haben wir musikalische Ohren, wenn ich das von Mutter ihren auch nicht allzu eifrig beteuern kann, und wir finden, das es wie Meeresbrandung durchs Tannengehänge saust, und das ist ein Lob in unserm Sinne, und die Tannen werdens auch wohl richtig auffassen.

Na, überm Waldschwärmen kommen wir unversehens nach Tabarz und ins Wirtshaus. Da ist ein Tisch in der Ecke; an dem fühlen wir uns gleich behaglich, weil er auf einem Beine hinkt wie unser Eßtisch zu Hause. Es dämmert schon, und Mutter in der Ecke sieht ganz malerisch verschwommen aus; ob ich auch, kann ich nicht feststellen, denn es ist kein Spiegel gegenüber.

Nicht weit ist der Ofen, gekachelt, Feuerholz zur Seite und rundherum, das ist die Heimat des kleinen Leviathans von Köterbaby – langer Hals, fast so dick wies Bäuchlein, und aus Hautfalten an seinem Ende sproßt ein langohriger Kopf, ein so großer, daß man sich wundert, wie das Vieh den so tragen kann, aber richtig, er bewegt sich selbst, seine Augen sind es, die ihn rechts und links ziehen und geradeaus zerren, Leib, Schwanz und Teckelbeine folgen auf irgend eine Hundemanier nach. Es sind naive, sehungewohnte Augen, die wiederum aus dicken Hautfalten herausblicken. Sie wundern sich noch über alles, aber es scheint doch, daß sie schon allerlei Resultate aus der Betrachtung der Welt gesogen haben, denn schon glimmt wurstlüsternes Feuer in ihrem Grunde ganz leise und sündenfrohes Erdenbewußtsein. Merkwürdig, wie die Haut auf den Zuwachs gemacht ist; nur die Augen sind schon groß genug, aber in Ermangelung von charakteristischen Zügen geben die dicken Hautfalten seinem Gesichte einen altklugen, pessimistischen, greisenhaften, clownhaften Ausdruck. Er schnüffelt an allem und trollt zu Zeiten aus seiner Ofenecke hervor mitten in den Wald von Stuhlbeinen und Tischfüßen hinein. Seltener in diesem Walde sind die Beine und Füße von Gästen, aber das Köterkind begrüßt sie mit neugierigem Schnuppern. Kleine Teiche sind nicht selten da, wo er eben gewesen; aber er scheint sie nicht zu bemerken, man wird ihn mit der Nase drauf stoßen müssen, damit er lernt, was sich schickt. Dann kehrt er von seiner Expedition zurück und versucht, im Bereich der Ofenwärme so dazusitzen, wie es erwachsene Hunde machen.

Die Gäste, die in diesem Wirtshaus sitzen, merkens nicht, wenn ihnen das Hundebaby an den Füßen mit neugierigen Naslöchern schnuppert. Ihr Geschuhe haben sie wohl auf dem Gebirge gefunden, da hat vor Zeiten ein mammutgliedriger Vorfahr ihres Geschlechts einen oder den andern verloren. Wessen Beine gewohnt sind, mit benageltem Riesenschuh das Gebirge zu treten, der geht nicht wie Mutter und ich ins Wirtshaus, um sich groß umzusehen und einen lebendigen Sinn mit tastenden Augen über alles und um alles wesen zu lassen. Die Holzhacker und Fuhrleute vom Berge haben sturmgewohnte Gliedmaßen; schwer hängen Beine und Arme am Körper; der Stuhl ächzt, wenn sie sich setzen, noch den ganzen Tag; wenn sie ruhten, hatten sie viele hundert Meter festes Steingefüge unter sich, darauf läßt man sich unbedachter nieder, das ächzt und bricht lange nicht. Wenn so vier bis fünf durchnäßt und durstig mit müder Hand und stumpfem Sinn bei Dämmer in die Gaststube treten, mit dem langsamen, sicheren Tritt, mit dem sie über Eiswege und Felsstücke neben ihrem Fuhrwerk hergeschritten sind, schwer besohlt die Füße, dann soll man sich nicht wundern, wenn sie sich im kleinen Raum zu eng fühlen und kaum dran denken, daß ein Fußtritt und ein Armschlenkern und ein Scherzwort Dach und Fach zu sprengen und zu zertrümmern scheint. Und hier sind gleich tausend kleine Gegenstände, die Rücksicht von ihnen verlangen, Tische, Stühle, Gläser, das Köterchen, der Spucknapf und die anderen Gäste – die sehen sie kaum, denn ihre Augen haben noch die großen Gebirgslinien in sich, und ihre Bewegungen scheinen unter hundertjährigen Bäumen und zur Seite der verwetterten Felswand genug gewandt und flink; hier im kleinen, ewig in kleine Gegenstände zersplitterten Räume scheint alles, was sie tun und sagen, viel zu langsam und riesenhaft und plump. Ihr Geist scheint zu schlafen. Was sind ihnen Zeitungen, die da herumliegen, die hübsche Wirtstochter, die da sitzt und am Fenster handarbeitet, das buntfarbige Plakat an der Wand mag mit Knallrot und Blitzblau gegen ihre Augen kokettieren, sie sehens nicht, sie haben noch das Riesenhafte des Gebirges, die unerschütterliche Ruhe der Berge in Sinn und Gliedern.

Ich kenn' Leute, die das schrecklich finden, dieselben Leute, die so gut wissen, sich im Wohnzimmer und Salon in die Landschaft zu passen, die nur dann ein schwindelfreies Urteil über die Welt haben und über Natur, wenn sie sie in die vier Ecken eines Fensters eingerahmt sehen, dieselben machen dann auch sonderbare Figuren, wenn ein Gewitter um den Berg herumprasselt, auf dem sie stehen. Sie fühlen sich beweitet im Naturzimmer, wo der Himmel die Decke bildet, sie schaudern beim Hinblick auf Meilenferne.

Es gibt also Leute, die fürs Große, und solche, die fürs Kleine passen, nur sind sicher nicht immer die Schlausten und Witzigsten von der ersten Sorte.

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