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Eduard Bauernfeld: Fortunat - Kapitel 6
Quellenangabe
typedrama
booktitleGesammelte Schriften Band 3
authorEduard v. Bauernfeld
firstpub1835
year1871
publisherWilhelm Braumüller
addressWien
titleFortunat
pages1-2
created20060728
sendergerd.bouillon
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Vierter Act.

Erste Scene.

(Einsame Gegend mit einer Hütte.)

Rosamunde (in Männerkleidern, sitzt vor der Hütte und bessert ein Fischernetz aus). Dann Vasko.

Rosamunde (allein).
Es dunkelt bald – er kommt noch nicht nach Hause;
Wenn er die Wand'rung in's Gebirg nur ließe!
Er kehrt doch immer trauriger zurück.
Ein munt'rer Alltagsfreund ist die Natur,
Der gern mit Fröhlichen Gemeinschaft hält,
Doch um den Trübsinn kümmert sie sich nicht,
Und lächelt heiter, während jener weint.
Horch! Raschelt's nicht im Busche? Ja, er ist's!
(Steht auf).

Vasko (tritt auf).
Ei, guten Abend, Proteus, Du mein Bürschchen!
Gott grüß Dich! Kennst Du mich nicht mehr?

Rosamunde.                                                     O ja!

Vasko. Nun sieh! Wo ist Dein Herr?

Rosamunde.                                   Im Wald.

Vasko.                                                           So, so! –
Hier also wohnt er jetzt? – Recht artig, wirklich!
Ein bischen zwar – wie soll ich sagen? – eng,
Zumal für einen weiten Geist, wie er –
Doch die Beschränkung hat auch ihre Reize;
Dies Haus ist klein, vielleicht nicht sehr bequem,
Man könnt' es füglich eine Hütte nennen –
Doch ist die Lage hübsch, die Luft gesund.
Sagt nur, wie Ihr Euch hier die Zeit vertreibt?

Rosamunde. Wir fischen.

Vasko.                             Was Ihr sagt! Ihr fischt! Sieh doch!
Der Ritter Fortunatus ward ein Fischer!
Ich sag's, ein tücht'ger Kerl schickt sich in Alles. –
Er hat ja den Pallast, so heißt's, verkauft?
Da muß ihm eine hübsche Summe bleiben.

Rosamunde. Es blieb ihm nichts, denn seiner Habe Rest
Ließ er zu Schiffe bringen, und das Schiff
Sandt' er, ein frommer Sohn, den Eltern zu,
Durch einen Landsmann, dem er trauen konnte.

Vasko. Was aber segelt er nicht selbst nach Hause?

Rosamunde. Der arme Herr war krank, gefährlich, lange;
Selbst seine Sinne, ungetreue Diener,
Verließen ihn, als ihn sein Glück verließ,
Und Wahnsinn war ihm nah' in Fiebergluth;
In Traum und Wachen sprach er von dem Herzog,
Der ihn nicht sehen wollte, von der Fürstin,
Die ihn verrathen. Sorgsam pflegt' ich ihn,
So ging er nach und nach der Heilung zu;
Doch hat er seinen frohen Muth verloren.

Vasko. So blieb von seiner vor'gen Vornehmheit
Ihm gar nichts übrig, als vornehme Krankheit,
Die man Melancholie auf griechisch nennt. –
Allein wo bleibt der melanchol'sche Herr?
Ich möcht' ihn sprechen.

Rosamunde.                         Ihr?

Vasko.                                         Der Herzog schickt mich.

Rosamunde. Ist's möglich, daß der Herr sich sein erinnert,
Da man von dem Pallast ihn stets zurückwies?

Vasko. Der Herzog sendet mich mit guter Botschaft,
Doch muß ich Euern Herren ungestört
Und baldigst sprechen.

Rosamunde.                     So? (Bei Seite.) Ich trau' ihm nicht. –
Dort kommt der Herr!

Vasko.                             Wo?

Rosamunde.                             Ueber jenen Hügel.
Er spricht mit sich allein, er scheint verzückt;
In diesem Zustand darf man ihn nicht stören.
Tretet hieher; laßt mich erst mit ihm sprechen.

Vasko. Der arme Herr! Er sieht ein bischen bleich;
Die Fischerkost scheint ihm nicht anzuschlagen.

(Sie ziehen sich zurück.)

Dritte Scene.

Vorige. Fortunat (etwas phantastisch gekleidet, den Wunschhut auf dem Haupte).

Fortunat. Natur, wie mächtig ist Dein Lebensathem!
Und wie erhebend ist Dein stilles Walten!
Wie strömst Du dem, der sich in Dich vertieft,
Die Fülle kräftiger Gedanken zu!
Ich lieg' auf grüner, sonnenheller Matte,
Im duftigen Gebirgsthal, Blumen lesend,
Die Blicke send' ich nach den Hochgebirgen,
Die, gleich des Thoren Wunsch, in Nebel schwinden,
Die Sonne spricht zu mir, der Mond, die Sterne,
Die schweren Wolken, die ihr luftig Leben
Verdampfend, Blitz und Donner rings versenden,
Und sich in milde Segensströme lösen,
Mit rauher Art erwünschte Gaben bietend,
Gleich einem Biedermann, der murrend wohlthut.
Das ganze große Leben steht vor mir,
Die Schranken eig'nen Sein's vergess' ich gern',
Und fühle tief die Harmonie der Welt;
Und meine Seele freut sich ihres Daseins,
Fühlt sich des Unermeßlichen ein Theil,
Und dehnt ihr Leben selig hoffend aus. –
O wer in Einsamkeit stets sich nur lebte,
Wer nie sich in's Gewühl der Menge mischte!
Wo die Gemeinschaft ist, da ist Verderben,
Wo Leben sich an Leben drängt, ist Tod.
D'rum fort aus der verwirrenden Gesellschaft!
Ein Siedler will ich werden, ohne Habe,
Und heimisch nur in meiner Seele sein;
Nicht brauch' ich eines Andern Wort und Gabe:
Der echte Mensch, das ist der Mensch allein.
(Er setzt sich vor die Hütte.)

Vasko (zu Rosamunden).
Sagt, ist der Paroxismus bald vorüber?

Rosamunde. Ich will versuchen jetzt, mit ihm zu sprechen. –
Herr –

Fortunat.   Proteus! Du? – Gib mir zu trinken.

Rosamunde.                                                   Gleich. –
's ist Jemand hier, der mit Euch sprechen möchte.

Fortunat. Wer ist's?

Vasko (tritt hervor).   Ich bin's, Herr Fortunat.

Fortunat.                                                     Du? Vasko?
(Zu Rosamunden.)
Bring' mir zu trinken. (Rosamunde ab.)
(Zu Vasko.)           Hier ist nichts zu holen,
Mein Freund, Du mußt zu reichen Leuten geh'n.

Vasko. Ich komme nicht zu holen, nein, zu bringen.

Fortunat. Zu bringen? So? Und was?

Vasko.                                             Erst einen Gruß
Von unserm gnäd'gen Herzog.

Fortunat.                                     Von dem Herzog?

Vasko. 'ne Botschaft dann von Dame Agrippina –

Fortunat (steht rasch auf).
Nenn' diesen Namen nicht, liebst Du Dein Leben!
Es macht sein Klang mich toll, wie Zauberformeln.

Rosamunde (kommt zurück mit einem Becher).
Hier ist ein kühler Trank.

Fortunat.                             Du kommst zurecht.
Gib nur und geh! (Trinkt.)

(Rosamunde zieht sich zurück, ist aber im Laufe des folgenden Gesprächs öfter sichtbar.)

Fortunat (zu Vasko).     Du nenne Deine Botschaft.

Vasko. Sie, die ich Euch nicht nennen soll, frägt an,
Wie lang' Ihr hier im Land zu bleiben denkt?

Fortunat. So lang' es mir gefällt.

Vasko.                                     Die Fürstin meint,
Ihr werdet wieder nach der Heimath reisen.

Fortunat. Vielleicht – vielleicht auch nicht.

Vasko.                                                     Nun, für den Fall,
Wär' Euch, so meint sie, Reisegeld vonnöthen,
D'rum schickt sie Euch durch mich den vollen Beutel.

Fortunat. Laß einmal seh'n. Wie viel ist in dem Beutel?

Vasko. Einhundert Goldstück.

Fortunat.                               Potz! Ein fürstliches Geschenk!

Vasko. Das mein' ich auch.

Fortunat                           Meinst Du? Ich aber meine:
Wenn sie ihr ganzes Land mir schenkt, so wär' es
Ein Bettel nur 'gen das, was sie mir raubte.
D'rum sag' ihr nur, ihr knickerndes Geschenk
Hab' ich verächtlich so von mir geschleudert.
(Schleudert den Beutel weg.)

Vasko. Was thut Ihr, Herr?

Fortunat.                           Der Erde geb' ich wieder,
Was ihr entstammend, uns zur Erde zieht.

Vasko. Nun wie Ihr wollt! Reist ohne Reisegeld,
Nur bitt ich: reist.

Fortunat.                   Ich reise nicht.

Vasko.                                             Ihr sollt!
Der Herzog gibt Euch noch drei Tage Frist,
Dann will er, daß Ihr Stadt und Land verlaßt,
Und Dame – Namenlos theilt seinen Willen.

Fortunat. Sie, die Euch All' am Gängelbande leitet,
Die ein Geheimniß weiß, das Ihr nicht ahnet,
Das dem Besitzer große Macht verleiht,
Das thöricht ich verrieth, sie schlau verbirgt –
Sie, sie, sie will mich fort? – O süßes Labsal!
Ich bin der Wermuthstropfen ihrer Lust,
Der bitt're Beischmack aller ihrer Freuden,
Ich bin der Krebs, der ihr am Herzen nagt,
Das Schwert, das über ihrem Haupte hängt,
Ja, ich bin ihr Gewissen, ihre Reue,
Ihre Verzweiflung – ich! O welche Wonne!
Ich danke Dir, Du gabst mir gute Nachricht;
Von nun an will ich nie das Land verlassen.

Vasko. Herr, seht Euch vor! Man hat noch andere Mittel,
Euch zu entfernen.

Fortunat.                     Feiger Sclave, schweig'!
Was kann sie thun? Mich tödten? Desto besser!
Ein neu Verbrechen gibt ihr neue Qual;
Todt oder lebend bleib' ich ihre Geißel.
D'rum künd' ihr an, ich reise nicht, und Du
Befrei' mich bald von Deiner Gegenwart.
(Setzt sich wieder vor die Hütte.)

Vasko (für sich).
Das ist ein Starrkopf! – Hm! Ich brech' ihn doch,
So, oder so! – Ich habe weiten Auftrag;
Ein bischen ihm zu drohen, wird nicht schaden.
(Nähert sich Fortunat.)
Herr Fortunat –

Fortunat.                 Was gibt's?

Vasko (indem er mit dem Dolch am Gürtel spielt).
                                          Ihr wollt nicht reisen?
Ihr solltet doch –

Fortunat.                   Laß mich zufrieden, sag' ich.

Vasko. Bedenkt: Ihr habt gar eine mächt'ge Feindin!
Sie kann Euch weite Reise machen lassen,
So eine, wo Ihr gar nicht wiederkommt.
Versteht Ihr mich? – Antwortet doch! Versteht Ihr's? –
(Mit einer drohenden Geberde.)
Hört, Schatz! es gibt noch Dolche in der Welt.

Rosamunde (die sich indessen herbeigeschlichen, fällt ihm rückwärts in den Arm).
Verräther!

Vasko (verwundet sie).   Dummer Junge!

Rosamunde.                                       Wehe mir!

Fortunat (steht rasch auf).
Was ist gescheh'n?

Rosamunde.               Herr – Vasko – einen Dolch –

Fortunat (reißt Vasko rasch zu Boden und entwindet ihm den Dolch).
Für mich? Fahr' selbst zur Hölle!

Rosamunde.                                     Schont sein Leben!

Fortunat. Recht! Schade wär's, entzög ich ihn dem Galgen.

Vasko. So seid doch nicht so rasch! War ja nur Spaß. –
Ich glaube ein'ge Rippen zu vermissen –

Fortunat. So hat sie, mich zu morden, Dich gedungen?

Vasko. Nicht doch! Nur drohen sollt' ich –

Fortunat.                                                 Schweig' und lauf,
Bevor mich's reut, daß ich Dich laufen lasse.

Vasko. Verzeiht, wenn ich Euch ungelegen kam.
(Für sich.)
Nach jenem Busch hat er das Gold geschleudert,
Ich denk', ich kann's im Mondenlichte finden –
(Ab).

Vierte Scene.

Rosamunde. Fortunat.

Fortunat. So weit ist es gekommen! Mich zu tödten
Verlangt sie um des schnöden Mammons willen!
(Zu Rosamunden.)
Was hast Du ihn verhindert, mich zu tödten?
Ein inhaltleeres Leben ist ja Tod! –
Allein was hast Du? Deine Kniee schwanken,
Dein Angesicht scheint bleicher mir als sonst –

Rosamunde. Mich schmerzt der Arm –

Fortunat.                                             Der Arm? bist Du verwundet?
Laß sehn.

Rosamunde.   Nicht doch!

Fortunat.                         Du blutest!

Rosamunde.                                     's ist ein Ritz nur –

Fortunat. Der Schurk' hat Dich verletzt! Was sprachst Du nicht?
Ein solcher Tropfen kostet' ihm sein Leben. –
Doch komm' hieher! Setz' Dich! Ich hohle Linnen.
Hier ist noch Wasser; gelt, das kühlt?

Rosamunde.                                         Ach ja –

Fortunat. So! Laß mich nur gewähren. – Ei, was Du
Für zarte Arme hast, fast wie ein Mädchen!

Rosamunde (zieht die Hand zurück).
Nun ist's schon wieder gut –

Fortunat.                                   Jetzt zum Verband.
Doch sieh! Die Schärpe taugt ganz gut dazu.
Es ist zwar ein Geschenk der Jugendfreundin,
Von der ich Dir erzählt, doch würde sie,
Daß ich es so verwendete, nicht grollen.

Rosamunde. Sie dankt' es Euch vielmehr.

Fortunat.                                                 So, jetzt ruh' aus.
Soll ich in's Haus Dich führen?

Rosamunde.                                 Nein, ich dank' Euch.
Die Abendkühle thut mir wohl.

Fortunat.                                     So bleib'! –
Fühlst Du noch Schmerz?

Rosamunde.                           Fast gar nicht.

Fortunat.                                                     's war mehr Schreck. –
Du guter Knab', wie Du so treu mich liebst,
Und wie ich gar nichts that, Dir zu vergelten!
Nun fällt es mir auf's Herz, in Noth und Krankheit
Hieltst Du allein an meinem Lager aus;
Du machtest meinen wirren Sinn genesen,
Durch treue Sorgfalt, wie ein liebend Weib.
Ein Weib? Was will ein Weib? Ich liebe keine,
Doch Dich trag' ich im Herzen.

Rosamunde.                                 Ihr liebt keine?

Fortunat. Nein! Sie sind alle falsch; Du bist es nicht.

Rosamunde. Nein, eh' bin ich ein Weib, Herr, als ich falsch bin.

Fortunat. Ich schäme mich, daß ich im bösen Unmuth,
Die Zeit vergeudend, fast Dich darben ließ;
Daß ich den Trostesworten, die Du mild
Mir eingeflößt, ein halbes Ohr nur lieh,
Durch Schweigen kränkend Dein beredtes Lieben;
Doch ich will anders werden bald, ganz anders!
Hab' ich erst wen, der meiner Kraft bedarf,
So wird die Kraft auch wieder frisch erwachen.
Für Dich nur einzig will ich sorgen, streben,
Mich nimmermehr von Deinem Schicksal trennen;
Mein Leben, das sein eig'nes Ziel verlor,
Bewahr' ich für ein fremdes: für Dein Wohl.

Rosamunde. Ach, Herr, Ihr seid so gütig und so mild –

Fortunat. Du weinst? Dein Blut und Deine Thränen sind
Tief in mein Herz gegraben, guter Proteus.
Doch trockne Deine Thränen, ruh' jetzt aus.
(Entfernt sich von Rosamunden, für sich).
Gefahr droht jenem Knaben, so wie mir;
Nun gilt's erwachen aus der trägen Ohnmacht.
Daß sie den Seckel hat, das ist gewiß,
Ihn wieder zu erwerben, nicht unmöglich.
Ich bin nicht gar so hilflos als ich scheine,
Ich bin ja noch der alte Fortunat.
Der Dolch hat meine Seele aufgestachelt.
Wie konnt' ich nur so lange meiner selbst,
Wie konnt' ich diesen Zauberhut vergessen?
Du holde Gabe sollst bald thätig werden.
Es streift mir ein Gedanke durch die Seele –
Ja, ja, so geht's! – Bald ist der Seckel mein,
Und süße Rache wird mein Herz erquicken. –
Mein Proteus, schläfst Du?

Rosamunde.                           Nein, Herr.

Fortunat.                                                 Geh' hinein,
Die Nacht wird feucht und kühl. Ich will hinab
Zum Teiche seh'n, ob Fisch' im Netze sind.
Komm' ich nicht bald zurück, so geh' nur schlafen.
Leb' wohl, mein liebes Kind! – Jetzt rasch an's Werk!
(Ab.)

Rosamunde (allein).
Mir ist so wohl zu Muth – so weh!
Hier saß der Freund, in meiner Näh',
Er faßte mich in seinen Arm,
Und sprach so hold, so lieb, so warm!
Er nannte mich sein liebes Kind,
Und seinen Knaben, treu gesinnt.
Ja – seinen Knaben! – Einerlei!
Das Mädchen war ja auch dabei.
Ich fürchte nicht, wenn er's erfährt,
Daß sich seine Lieb' in Haß verkehrt.
Fast hätt' ich Alles ihm entdeckt,
Doch hätt' es ihn zu sehr erschreckt;
Er ist noch eben im Genesen,
Da hat man gar ein zärtlich Wesen.
Doch sicher bald bered' ich ihn,
Von dem verhaßten Ort zu zieh'n,
Und im geliebten Heimathland
Reicht Rosamunde ihm die Hand.
Weist er sie dann zurück? – Wohl schwer!
Er liebt den Proteus gar zu sehr. –
Komm', süßer Schlummer, sende Du
Mir bunte, holde Träume zu;
Zeig' mir des Freundes liebend Bild –
Doch mach', daß sich der Traum erfüllt.
(Ab.)

Fünfte Scene.

(Zimmer im herzoglichen Pallast, erleuchtet.)

Der Herzog, Agrippina und Vasko (treten auf).

Agrippina (zu Vasko).
Sehr ungeschickt hast Du Dein Amt verwaltet,
Ihn nicht entfernt und unsern Sinn verrathen.
Wir hätten einen Klügern senden sollen.

Vasko. Ei was! Ich trug doch meine Haut zu Markt,
Und dafür schon verdien' ich meinen Lohn.

Agrippina. Sprich nicht von Lohn, wo nichts geleistet ward. –
Es ist schon spät. Mich schläfert. Gute Nacht!

Herzog. Schwester, ein Wort! – Willst Du die Summe schaffen,
Die Du versprachst?

Agrippina.                     Ich will's versuchen; doch
Du kommst zu oft.

Herzog.                       Erschöpft ist unser Schatz,
Und ohne Dein geheimnißvolles Münzen,
Wüßt' ich mir kaum zu rathen. Wirst Du mir,
Dem Bruder, Dein Geheimniß nicht enthüllen?

Agrippina. Nimm Du die Hilfe, laß mir mein Geheimniß.
Es frägt der Boden nicht, wovon er grün wird;
Dem Himmel danke, der durch mich Dich segnet.

Herzog. Gut' Nacht denn, und vergiß nicht Dein Versprechen.

Vasko. Lebt wohl, hochedle Frau!
(Bei Seite.)                         Du geiz'ger Satan!

(Beide ab.)

Agrippina (allein).
Ich bin allein – nun ist mir wieder wohl;
Nun darf ich mich am holden Schatz erfreu'n.
(Sie langt den Seckel hervor.)
Nachts, in des Schlafgemaches Einsamkeit,
Fern von der Neugier stets geschäft'gem Auge,
Besprech' ich mich mit Dir, Du holder Seckel!
Wie thöricht war dein voriger Besitzer,
Und wie erlaubt war's, dich ihm zu entreißen!
Er glaubte durch Verschwendung dich zu ehren;
Wie Midas wandelt' Alles er in Gold,
Und da die edle Gab' er leicht gewann,
So warf er sie mit vollen Händen hin,
Wie Kinder ihr veraltet Spielzeug schenken.
Er überschwemmte fast die Welt mit Gold,
Bis er's gemein für alle Menschen machen
Und keinen Dienst dafür sich kaufen könnte,
Verschwendend so, der thöricht'ste Verschwender,
Nicht nur den Reichthum, auch des Reichthums Werth.
Das ist dein Sinn, du holde Gabe, nicht,
Du hast nur in der Hand der Klugheit Werth,
Ja, sie verleiht dir erst die wahre Würde.
Sie giebt für kleine Leistung kargen Lohn,
Denn eitle Großmuth schafft nur Mißvergnügte;
Ist auch dein Born, o Seckel, unerschöpflich,
Die Klugheit trinkt nur, ihren Durst zu löschen,
Nicht, in dem Ueberfluß sich zu berauschen.
D'rum werden mir, du holder Zauberseckel,
Stets deine Gaben segnend sein. – Jetzt komm',
Laß mich bescheiden deine Kraft erproben.
(Sie öffnet den Seckel.)

Sechste Scene.

Agrippina, Fortunat (erscheint, den Hut auf dem Haupte).

Agrippina (nachdem sie in den Seckel gelangt).
Himmel! Die Hand ist leer! – Was soll ich denken?
Hat sich die Zauberkraft so schnell erschöpft?
Ist wo ein Späher?
(Blickt zurück und sieht Fortunat.) Rettung! Fortunat!

Fortunat. Schweig', wenn Du leben willst!
(Er umfaßt sie und schwingt den Hut.) Nun wünsch' ich mich
In fernen Landes unbewohnte Wildniß –

(Beide verschwinden. Musik.)

Siebente Scene.

(Wilder Wald. Mondbeleuchtung.)

Fortunat und Agrippina (erscheinen).

Agrippina. Mich schwindelt! – Gott! Was ging nur mit mir vor?

Fortunat. Entartet Weib, Du bist in meiner Macht!

Agrippina. Barmherzigkeit, o Herr, Barmherzigkeit!

Fortunat. Was streckst Du flehend mir die Hand entgegen,
Die noch den Seckel hält, den Du mir raubtest,
Und schärfst so meinen Zorn, statt ihn zu mildern?

Agrippina. O nimm den Seckel!

Fortunat.                                   Sicher ist er mir,
So wie Dein Leben.

Agrippina (wirft sich auf die Knie).   O verschone mich!

Fortunat. Du kniest vor mir, der ich vor Dir sonst kniete! –
O Agrippina, was hast Du gethan?
Wie konntest Du's in deinem Herzen haben,
Mir also große Untreu' zu erzeigen,
Der ich Dir treu war, wie die eig'ne Seele,
Der Leib und Gut und Blut ich Dir geweiht?
Du stand'st vor mir, gleich einem Götterbilde,
Dem man sich naht, demüth'ger Ehrfurcht voll –
Du lächeltest mir zu – ich war so selig!
Denn also unverfälscht war mein Gemüth,
Daß ich nicht kannte, was Verstellung sei,
Du gossest Argwohn erst in diese Brust;
Ich las in Deinem Lächeln Gunst der Liebe,
Allein es war nur Kunst der Buhlerin;
Der erste Kuß, der Seel' an Seele bindet,
Er war Dir feil – und sei's um eine Welt,
Allein er war Dir feil! – Ein Judaskuß,
Das Opfer, das Du Dir erwählt, bezeichnend!
So brachtest Du mich um mein einzig Gut,
Und jagtest mich in Spott und in Verzweiflung,
Daß nur der Wahnsinn, der mich rasch ergriff,
Mich abhielt, nicht mein Leben wegzuwerfen,
Doch schleppt' ich es in Schmach und Elend hin;
Da, geizig, wie Ihr Weiber Alle seid,
Hast Du ein ärmlich Zehrgeld mir geboten,
Mir, dem Du alles Glück der Welt verdankst.
Ich nahm es nicht – und Du, in dunkler Ahnung,
Die Zaubergabe sei Dir nicht gesichert,
So lang' ich lebe – sandtest mir den Mörder:
Sieh hier den Dolch, den Du für mich gedungen. –
Nun sprich: Betrug und Habsucht, Geiz und Mordlust,
Sind dies des zarten Weibes Tugenden?
Die, außen schöne Frucht, ist innen faul?
So mag sie denn der Gärtner nur vertilgen!
Du hattest kein Erbarmen je für mich:
Soll ich es haben? Sprich Dir selbst Dein Urtheil.

Agrippina. Herr, niedrig und verworfen fühl' ich mich.
Ich hab' Euch schwer gekränkt, ich weiß es wohl,
Doch seit dem Tag kam in dies Herz kein Frieden.
Wollt Ihr mich strafen? Ihr, ein starker Ritter,
Das schwache Weib? Genüg' Euch meine Reue!

Fortunat. Nun kannst Du bitten! Doch das rührt mich nicht.
Zu groß war Dein Verbrechen, Deine Bosheit!
Bereite Dich zum Tode. Du mußt sterben.

Agrippina. Herr, nur mein Leben schont!

Fortunat.                                               Nicht meine Hand
Soll sich mit Deinem falschen Blut besudeln;
Doch in der Wüste hier will ich Dich lassen,
Die niemals noch ein Menschenfuß betrat;
Hier sollst Du Hitz' und Frost und Hunger leiden,
Wild in Verzweiflung Dir den Tod erfleh'n,
Und ihn in eines Tigers Rachen finden.

Agrippina. Barmherzigkeit! Was war denn meine Schuld?
Bei Gott, nicht dacht' ich d'ran, Dich zu ermorden!
Blick' in mein Herz: es war nicht immer boshaft.
Du selbst bist meiner Frevel erster Grund.

Fortunat. Ich?

Agrippina.     Ja, Du selbst. Vernimm in dieser Stunde,
Was früher ich mir selber kaum gestand: –
Ich liebte Dich, als ich zuerst Dich sah.

Fortunat. Armsel'ge Lüge!

Agrippina.                         Nein, ich lüge nicht:
So wahr ich fühle, daß ein Gott uns richtet! –
Dein männlich Wesen hatte mich bezwungen,
Dein froher Sinn und Deine holde Anmuth;
Doch da erwachte rasch der Stolz der Fürstin,
Die nicht des Bruders Dienstmann und Vasallen,
Die nur sich eignen kann dem Gleichgebornen.
So zwang ich denn zurück der Liebe Blüthe
Mit Kraft, die mir vor andern Frauen ward,
Und sä'te Haß, der üppig wuchs wie Liebe,
Da man am tiefsten haßt das einst Geliebte.
Und and're Laster wucherten wie Unkraut,
Verstrickten und umrankten meine Seele,
Wie Epheu rasch die schlanke Säul' umwindet,
Und ihres Baues Harmonie verbirgt.
Ja, meine Seele war einst groß und rein,
Ein edler Stolz war einzig nur mein Fehler –
Nun ich erwacht aus meinem wilden Taumel,
Begreif' ich's nicht, wie ich so tief gesunken,
Und bitt're Reue nagt an meinem Herzen. –
Du weißt nun Alles. Thue, was Dir gut dünkt,
Leg' eine Buße mir, die schwerste, auf,
Doch kann es sein, so lasse mir das Leben.

Fortunat (nach einer Pause).
Viel der Dämonen sind in uns'rer Brust,
Und Einer mag den Andern wohl verdrängen;
So heiltest Du den Stolz mit schnöder Habsucht,
Und tauschtest Laster gegen Fehler ein.
Ich will Dir glauben, was Du mir vertraut,
Was mich zum Gott entzückt, gestandest Du es früher,
Ich jetzt mit schmerzlichem Gefühl vernahm.
Die Lieb' ist leicht gefährdet, wie die Pflanze,
Wer Einmal mich verletzt, hat mich verloren;
Von Krankheit mag der Körper wohl gesunden,
Doch Seelenschmerz heilt nicht wie Leibeswunden. –
Wir sind getrennt, für immer, für das Leben,
Doch wenn Du echte Reue fühlst, so sprich:
Willst Du im Kloster, an der heil'gen Stätte,
Dein Leben endigen?

Agrippina (die sich indessen ermattet, auf einen Baumstamm gesetzt).
                                Ich bin's zufrieden.

Fortunat. So komm! Ich führe Dich sogleich dahin.

Agrippina (sinkt nieder).
Ich kann nicht fort – ich bin so matt – so kraftlos –
Die Zunge klebt am Gaum – mich friert – mich schüttelt Fieber –

Fortunat. Nimm' meinen Mantel um; ich will indessen
Nach Wasser spähen, oder Waldesbeeren.
(Geht ab.)

Agrippina (allein).
Da halt' ich in der Hand den Zauberseckel,
Als wie zum Hohn, indeß ich hier verschmachte,
Und Angst und Reue wühlen in der Brust.
Die Stunde soll mein ganzes Leben ändern.
Der Pracht, der Herrlichkeit will ich entsagen,
Nie wieder meinen Prunkpallast betreten.
Doch auch im Walde möcht' ich nicht verschmachten –
Es ist so kalt, so schaurig hier, so einsam!

Achte Scene.

Agrippina, Fortunat (kommt zurück, Wasser im Hut).

Fortunat. Dort fand ich eine Quelle; nimm und trink.
(Reicht ihr den Hut.)

Agrippina. Ich danke Dir.
(Trinkt.)               O wie mich das erquickt!
Kein gold'ner Becher gab der Fürstentochter
Ersehnteren Genuß.
(Trinkt wieder.)

Fortunat (bei Seite).         Sie dauert mich –

Agrippina. Leer ist das Hütlein.

Fortunat.                                 Bist Du nun bereit,
Die Reise anzutreten?

Agrippina.                       Laß mich noch
Ein wenig ruh'n; ich bin zum Tode matt,
Vermag es kaum, mich aufrecht zu erhalten;
Das schlecht'ste Lager wäre Seligkeit,

Fortunat. Wie oft beklagt' ich Bauern, Jäger, Fischer,
Ob ihrer harten, schlechten Ruhestellen!
O wär' ich jetzt in einer kleinen Hütte,
Wie sie die Fischer haben unsers Landes!
(Sie verschwindet.)

Fortunat (allein).
Agrippina – – Weh mir! Sie ist verschwunden!
Sie sprach das Zauberwort bewußtlos aus –
Unsinniger Thor, der ich Fortuna's Gaben
So frech mißbrauchte, so verschleuderte!
Nun bin ich zehnmal ärmer noch, als je,
Da ich den schnöden Reichthum mir gewünscht!
Verderben muß ich in der wilden Wüste,
In die mein eig'ner Zauber mich verbannt. –
Ich will nicht langsam sterben, nicht allmählich,
Nein, diese Hand, die jener Frevlerin,
Den Wunschhut anvertraut, soll selbst sich richten
Für ihre Thorheit, ihre Raserei!
(Zieht den Dolch hervor.)
Du warst ja schon für meinen Tod bestimmt,
Wenn nicht den Arm des Mörders Proteus wandte – –
Proteus! Mein holder Knabe! Er ist schutzlos,
Verwundet und verlassen, seinen Feinden
Und meinen Preis gegeben. Ich will leben!
Ich muß den Knaben finden, muß ihn schützen,
Wie ich es heilig mir und ihm versprach.
Du güt'ger Gott, vergib mir meine Feigheit,
Daß ich das Leben, Dein Geschenk, verlassen,
Und zweifeln wollt' an Deiner Gnade Born.
Dies kurze Wort, o Herr, wird Dir genügen,
Du siehst ja, wie's in meinem Busen wogt! –
Jetzt aber will ich eig'ner Kraft vertrau'n,
Und eine Richtung suchen nach den Sternen,
Die mich zurück nach jenem Lande führe,
Wo ich so viel gelitten und verloren.
Ich will ja nichts von meinem vor'gen Glück;
Trag' ich das nackte Leben nur davon;
Nicht länger locken mich die Zaubergaben,
Find' ich nur wieder meinen treuen Knaben!
(Eilt ab.)

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