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Formen der Liebe

Franz Blei: Formen der Liebe - Kapitel 7
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authorFranz Blei
titleFormen der Liebe
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Der Baum der Erkenntnis

Vor dem Verbot, vom Baume des Wissens über Gut und Böse zu essen, wird Adam und Eva befohlen, zu wachsen und sich zu mehren. Aber es hat sich eine intime christliche und besonders populäre Tradition erhalten, welche sich darauf versteift, das, was man den Sündenfall und die mit ihm verbundene Erbsünde nennt, in der fleischlichen Versuchung zu sehen. In der Tat hat die Doktrin vom Sündenfall mit ihrem Sprößling, der Erbsünde, nichts mit der Geschichte im Garten Eden als göttlicher Offenbarung zu tun. Die Doktrin erscheint in der jüdischen Lehre ohne jede Berufung auf die Eden-Geschichte als ein Resultat der Erwägung über die beobachtete Allgemeinheit der Sünde. Erst nachher suchte man in der Schrift eine Basis und fand so etwas in der Geschichte der lüsternen Söhne Gottes, die sich vor der Flut mit den Töchtern der Menschen vermischen, woraus der Terminus yeçer ha-ra, die böse Einbildung des Menschenherzens, stammt, der heute noch die jüdische Theologie beherrscht.

Adam und Eva waren ausgestattet von Gott mit den Werkzeugen, die ihnen die Erfüllung des Gebotes, sich zu mehren, erlaubten. Man hat sich mit dem Sündhaften des Menschen als in seine natürliche Konstitution einbegriffen abgefunden. Aber nicht durchaus und allgemein so. Manchem Denken erschien es unerträglich, den Schöpfer für das Geschöpf verantwortlich zu machen, und sie forderten daher einen Sturz des Menschen aus seinem primordialen Stand der Unschuld. Und wieder kam man auf die Edengeschichte von der Schlange. Für Paulus und Augustinus, der die Frau haßte wie den Bösen, war der Sündenfall eine axiomatische Wahrheit jedes Christen. Durch einen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, so daß wir alle in Adam sterben. Aber selbst die große Autorität des Paulus brachte die Doktrin, auf Adam gebaut, nicht in allgemeinen Umlauf und Anerkennung. Es blieb weitverbreitet daneben eine anthropologische Basierung aus den Fakten religiöser Erfahrung von der eingeborenen Schwäche des Menschen. Aber Augustinus gibt der paulinischen Doktrin innerhalb eines römisch-juristischen Netzwerkes die Ausarbeitung. Nicht nur die Schwäche sei menschliches Erbteil, sondern auch eine Last von Schuld und Strafe. Die unmittelbar als bevorstehend erwartete Wiederkehr Christi und die von ihm dann zu wirkende Aufhebung dieser irdischen Welt legte die fleischliche Abstinenz nahe. Kurz vor dem Aufbruch in die Ewigkeit mußte das Zeugen von Kindern sinnlos erscheinen. Die Frau war es, die auf die Schlange gehört hat. Das eifernde Wort der Heidenapostel sprach schlecht von der Frau. Schlechter noch als vom Menschen, und es war der schon ein Satansbraten. Die chiliastische Erwartung Lehre vom Tausendjährigen Reich. war lebendig bis zum Jahre 1000. Das Hinfällige jedes der Erde zugewandten Lebens mußte das der Fortpflanzung dienende Geschlechtliche ganz besonders drastisch als überflüssig erscheinen lassen. Und daß die Lust dennoch immer obsiegte, mußte sie als böse Lust erscheinen lassen, als den Fluch von Adam ab. Gnostische Sekten gab es, die in der Kastration das Heil sahen, andere in der leeren, nicht fruchttragenden Verschüttung des Samens. Es war ein langer Prozeß, der die Sünde des Fleisches zur Erbsünde schlechthin machte und dem Teufel als Hauptsitz die weiblichen Lenden anwies: diabolus in lumbis. Das Anarchische des geschlechtlichen Appetites, der sexuelle Furor ist hemmungsloser und menschlich gemeiner als jeder andere, alles wird gegen ihn in Dienst gestellt, und auch der gar nicht so deutbare fragmentarische Mythus der jüdischen Schöpfungsgeschichte muß es sich gefallen lassen, in der vulgären christlichen Tradition als der Anfang vom Übel zu gelten, das im Geschlechtlichen liegt. Das wirkte sich weiter aus im Schamgefühl, das man heute nur mehr als das sexuelle Schamgefühl kennt oder fordert.

Die Künstler, zumal die Musiker und Dichter, sind die verspäteten Repräsentanten einer primitiven Menschheit, bei der sich die Sensibilität noch nicht von der Intelligenz dissoziiert hat. Aber gerade dadurch, daß sie ihre Gefühle notiert und fixiert haben und daß sie ihrer bewußt wurden, fingen sie ein bißchen Wirklichkeit ein. Es ist eine Etappe der Erkenntnis. Die primitiven Geschöpfe nehmen die Wirklichkeit nicht wahr, ihr Hirn funktioniert noch nicht scharf, und was sie sehen ist traumverschleiert. Ganz noch Gruppenmensch, haben sie nur ein Kollektivbewußtsein; sie sind intellektuell blind, tasten nach Anhalten, suchen nach Merkzeichen und versuchen eine Ordnung ihrer unsichern Empfindungen. Daher das Tabu, der Totem, die Idole, die Götter, Gott. Man hat das vitale Lügen genannt, die aus der Irrealität eine Bedingung des Lebens machen. Aber es ist nur zu konstatieren, daß diese Lügen mit der Jugend der Rassen zusammenfallen und daß diese Rassen den Geschmack am Leben mit oder zu gleicher Zeit mit der Kenntnis der Wirklichkeit verlieren. Zumeist auch ihre Lebensfähigkeit überhaupt.

Die Primitiven glauben nie an den Tod. Untrennbar ist für sie die Idee der Ewigkeit mit der Idee des Lebens selber. Die Christen fanden sogar in der Verneinung des Lebens eine Behauptung des Lebens, was nur eine Variante der Unfähigkeit ist, die Wirklichkeit wahrzunehmen. Die Moral, die sich aus dieser Konzeption ableitet, ist unvereinbar mit der Kunst, welche der Erwecker der Wirklichkeit ist und Befreier des Menschen – Befreier fast im buddhistischen Sinne, denn diese Befreiung führt zum Tode oder zum Nichts.

Man kann von einer biologischen Funktion der Moral sprechen. Sie stellt sich als Zwang dar oder als eine Einschränkung, welche sich Individuen und Gesellschaften auferlegen, um ihre höchste Entwicklung zu verzögern, weil eben dieses Ziel ein Nirwana, das Nichts, den Tod bedeutet. Dieser instinktive Zwang ist eine Art Schrecken vor der Wirklichkeit: der Schleier der Isis darf nicht gelüftet werden. Mit soliden Nadeln festigt die Moral das Kleid der Isis, damit das Mysterium seinen Wert behalte als vitales Reizmittel. Die Moral ist ein Reizmittel des Lebens und die Erkenntnis eine enervierende Schlaflosigkeit, gegen welche von den Religionen Musik und Tanz aufgeboten werden, um einen dionysischen Rauschzustand zu schaffen, in dessen Kollektivität sich das Individuum stürzt und rettet.

Der Mythus von Adam und Eva symbolisiert den Glückszustand im göttlichen Unwissen, in das die Sünde des Wissens tritt, das Schlangengift für das Leben.

Alle Religionen sind unbewußter Versuch, die sexuellen Akte zu reglementieren, um dem Leben die Illusion zu erhalten, ohne die es nicht Leben ist oder gemindertes Leben. Der Mensch ohne Moral ist der Mensch einer zerstörerischen Freiheit. Der Priester aber ist der Exponent jener Menschen, welche nichts als leben wollen. Er ist darum der Ministrant der Liebe.

Für die Primitiven ist die Idee der Lust noch nicht von jener der Fortpflanzung getrennt. Diesen Zustand wollen die Moralisten bei den Individuen festhalten, da sie instinktiv begreifen, daß die von der Fortpflanzung befreite Lust ein Ausbruch aus dem Leben ist. Vielleicht bezeichnet man mit dem Worte Dekadenz einer Rasse oder vielmehr einer Gruppe von Individuen in einer Rasse, denn es gibt keine homogene Rasse –, daß sie einen Grad des sinnlichen Intellektualismus erreicht hat, der mit dem letzten Stadium ihrer physiologischen Entwicklung zusammenfällt: sie steht an der Schwelle der Befreiung und des Todes.

Die Idee der reinen Schönheit verneint das Leben. Die Religionen wie die Moralen charakterisiert ein organisches Unvermögen, diese Idee der Schönheit zu erfassen. Das Christentum setzt die Schönheit geradezu außerhalb des Lebens; denn ihm ist das Leben der Tod, der Tod das Leben. Die Kunstfeindlichkeit des alten Tolstoi entspricht dem reinen christlich-moralischen Ideal, das er vertritt. Der Apollinismus einer reinen Kunst, in welcher die Schönheit vom Verlangen völlig getrennt erscheint, ist in seinem Sinne nach der Menge unzugänglich. Die reine Kunst befriedigt keinerlei Bedürfnis dieser Menge, welche leben, lieben, anbeten will, sei es Gott oder das Atom.

Die große Verschiedenheit der Anschauungen über die geschlechtliche Moral ist nicht damit erklärt, daß man die eine Meinung heuchlerisch, die andere ehrlich nennt. Denn alle Anschauungen sind ehrlich und aufrichtig. Jede Zivilisation enthält in jedem Augenblick ihrer Gegenwart alle Stadien der menschlichen physiologischen Entwicklung und die ihnen entsprechenden moralischen oder immoralischen Ideen. Die letzte Stufe dieser Leiter geht immer ins Leere. Was die jeweilige Entfaltung eines Idealismus nicht hindert, der eine dem Leben übergeordnete Wirklichkeit zu finden hofft.

Adam und Eva haben uns geboren.
Adam und Eva haben uns verloren: Das Paradeis. Altes Marschlied.

So kam der Tod in die Welt. Aber auch die Liebe in ihren unendlichen Formen.

Der gläubige Moralist nennt diese Liebe die böse Lust, die Erbsünde, gepflückt vom Baum der Erkenntnis.

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