Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Blei >

Formen der Liebe

Franz Blei: Formen der Liebe - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/bleif/formlieb/formlieb.xml
typeessay
authorFranz Blei
titleFormen der Liebe
publisherPerlen-Verlag
year1956
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20121123
projectid6f18886d
Schließen

Navigation:

Daphnis und Chloe

In einem Gespräch mit dem Kanzler Müller entwickelt Goethe, wie diese Verwirrung der Päderastie eigentlich daher komme, daß nach rein ästhetischem Maßstab der Mann weit schöner, vorzüglicher, vollendeter als die Frau sei. Die Knabenliebe sei so alt wie die Menschheit, und man könne daher sagen, sie liege in der Natur, ob sie gleich gegen die Natur sei. Siehe Goethe: »Der Erlkönig«.. Aber was die Kultur der Natur abgewonnen habe, werde man nicht wieder fahren lassen, es um keinen Preis aufgeben. In der Tat war und ist ja auch die Differenzierung in die heterosexuelle Liebe ein kultureller Gewinn gegenüber der undifferenzierten Homosexualität, wenn auch mit nicht geringen Kosten erworben und festgehalten, deren größten Teil die Frau zu tragen hatte. Denn zu ihren funktionellen Aufgaben der Gebärerin und Aufzieherin der Kinder bekam sie die weiteren Aufgaben aufgebürdet, Geliebte, Freundin, Reizerin des Mannes zu sein, und die Sorge, ihn in dieser von der Kultur gesetzten Heterosexualität festzuhalten. Der Weg, den hier die Frau ging, ist gezeichnet mit Triumphen, aber auch mit Niederlagen. Die Liebe zum andern Geschlecht mußte die Kultur gegen die Natur durchsetzen. Sie mußte die vom Menschen gesuchte Lust, den einzigen natürlichen Trieb, von dem man ohne Mystik sprechen kann, auf das andere Geschlecht als das legitime Objekt, das alsbald das allein natürliche wurde, beschränken – gegen die Natur, denn Lust, die er wünscht, kann sich der Mensch selber geben oder kann sie vom Gleichgeschlechtlichen empfangen, zumal der mit Zeugungsstoff verschwenderisch ausgestattete Mann.

Athenaios berichtet, daß Sophokles ebenso sehr die Jünglinge geliebt habe wie Euripides die Frauen. Die Tage der Jünglingsliebe sinken in den Abend. Das Gymnasium verfällt, und kein Bion gibt als Beispiele glücklicher Liebe mehr männliche Paare an, wie er es tat, da er in der achten Idylle Theseus und Pirithoos, Orest und Pylades, Achilles und Patroklos nennt. Der weiche jonische Stil, asiatischer Import, beginnt den männlichen dorischen Stil abzulösen. Das Theater des Euripides kennt nur mehr heterosexuelle Konflikte und all ihre Bitterkeit. Die erotische Annäherung von Mann und Frau, unter völliger Ausschaltung des Jünglings, treibt sofort die bisher unbekannte Blüte einer seltsamen Frauenverachtung hervor. Von nun ab haben alle Schriftwerke Über die Liebe einen bösartigen pessimistischen Unterton und sind gegen die Frau gerichtet. Der vom Manne abgedrängte Mann bricht zerstörend in die Ehe ein, er mehrt die Prostitution und erwirbt bei ihr jene Verachtung des Weiblichen, die er für sein Leben nicht mehr verliert.

Im schönsten Romanwerk der griechischen Antike ist der bedeutungsvolle Moment dieser Wandlung der homoerotischen zur heteroerotischen Kultur festgehalten. Daphnis muß in der Romanidylle des Longus die Liebe zur Frau, zu Chloe, lernen. Sie ist ihm nicht aus Natur vertraut. Kein viel mißbrauchter und zitierter sicherer Instinkt leitet ihn. Er, der bisher nur die simple, vom Manne erfahrene Zärtlichkeit eines Kusses, einer Umarmung kannte, weiß sich nicht zu benehmen. Er ist ganz ungeschickt. Auch Chloe weiß es nicht besser als Daphnis. Aus der strengen Zucht des von der Mutter bewachten Frauenhauses zum Gatten entlassen, kennt sie nur die Pflicht des Gehorchens und des Mit-sich-tun-Lassens, wie es dem Gatten beliebt. Beide sind sie ganz befangen in ihrem Zustande, wo keiner nehmen und sich eins dem andern geben will, und gerade dieser fehlende Egoismus, der seine Lust kennt und sucht, macht sie noch ungeschickter. Dem Liebespaare Daphnis und Chloe bietet sich der natürlichste Ausweg: Daphnis wird von einer Hetäre unterrichtet. Die neue Liebe muß gelernt werden. Sie ist Kunst gegen die Natur. Das meinte auch Goethe, der des Longus Roman bewunderte.

Beim Longus ist die Hetäre die Lehrerin einer Kunst der zwiegeschlechtlichen Liebe. Neben der wahrscheinlich späteren Aphrodite gab es einen Aphroditos, oder man inthronisierte ihn als Protest gegen die Göttin. Die argivischen Bräute legten in der Brautnacht Bärte um ihr Kinn. Unter diesem Simulacrum, ein Mann zu sein, wurden sie aus Mädchen Frauen.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.