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Formen der Liebe

Franz Blei: Formen der Liebe - Kapitel 40
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authorFranz Blei
titleFormen der Liebe
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Nietzsche über die Liebe

Schwester Eugenie, eine jansenistische Nonne, die im Jahre 1660 starb schrieb diesen klugen Gedanken auf: Die Geschöpfe, die uns zu wenig lieben, irritieren uns, und jene, die uns zu sehr lieben, werden uns lästig. Dieser Satz, in dem sich Verachtung des Mittelmäßigen ebenso wie des Extremen ausspricht hätte in Nietzsches apollinisch-stoischer Periode seinen Beifall gefunden, wo er, in der Morgenröte, die Probe einer Überlegung vor der Ehe gibt: Gesetzt, sie liebte mich, wie lästig würde sie mir auf die Dauer werden! Und gesetzt, sie liebte mich nicht, wie lästig würde sie mir erst da auf die Dauer werden! Es handelt sich nur um zwei verschiedene Arten des Lästigen: heiraten wir also.

Nietzsche hatte wenig Erfahrung in der Liebe. Als er in Sorrent Malvida von Meysenburg ein Heft mit Aphorismen über die Frauen zu lesen gab – sie sind dann im ersten Bande von Menschliches, Allzumenschliches erschienen –, lächelte sie, als sie ihm nach der Lektüre das Heft zurückstellte, und er sagte: Veröffentlichen Sie das nicht.

Daß die im siebenten Kapitel Die Frau und das Kind geäußerten Gedanken den schwächsten Teil des Werkes bilden, hat wohl nichts mit Nietzsches geringer Erfahrung zu tun. Wo hat jene jansenistische Nonne die Liebe erfahren, über die sie doch einen so klugen Satz sagt? Oder gehört nicht das, was die heilige Therese über die Liebe schreibt, zu dem Besten und Packendsten, was je darüber gesagt wurde? Wie haben sich diese mystischen, in Klöstern lebenden Frauen über den Mechanismus unserer Gefühle instruieren können? Vielleicht gibt es, unter so mannigfachen Formen sie sich auch verkleidet, nur eine einzige Art Liebe, die bei aller sichtbaren Verschiedenheit des Mittels zu einer gleichen Befriedigung neigt: zur freudvollen Erfüllung. Wie es ebenfalls ein Mönch, der Verfasser der Nachfolge Christi, in vier Worten formuliert hat: amor currit, volat et laetatur. Es unterscheiden sich nur die Mittel, nicht das Ziel, welches die Eroberung der vollkommenen Freude ist. Befreit von den Folgen einer natürlichen Funktion ist die mystische Liebe, die keinen andern als einen imaginativen Partner hat, vielleicht die Liebe, aus der man die beste psychologische Unterrichtung ziehen kann. Fragen und Antworten stellt und gibt aus einem einzigen Verlangen der gleiche Geist, und so entsprechen sie sich logischer, finden leichter diese Einheit des Willens, welche Liebespaare oft so schlecht realisieren.

Das vollkommene Weib ist ein viel höherer Typus der Menschheit als der vollkommenere Mann; es ist auch viel seltener. Die Naturgeschichte der Tiere gibt ein Beispiel, diese Behauptung wahrscheinlich zu machen. Nietzsche hat hier eine wissenschaftliche Wahrheit erkannt, welche die zoologische Forschung bestätigen sollte.

Die große Rolle des Mannes im Leben der Frau ist unbestritten; aber sie ist vorübergehend. Während die natürliche Rolle der Frau dauernd ist. Der Mann repräsentiert nur sich selber, die Frau die ganze Nachkommenschaft. Die Überlegenheit der Frau über den Mann ist unbestreitbar da, wo die Frau nichts als Frau ist; sie verliert sie, wo sie sich dem Manne annähert. Aber daß die vollkommene Frau weit seltener sei als der vollkommene Mann, darin irrt Nietzsche, ganz abgesehen davon, daß es schwierig ist, festzustellen, worin die Vollkommenheiten und Überlegenheiten des Mannes bestehen, denn es gibt deren verschiedenartige, während die Vollkommenheit der Frau einzig ist. Aus diesem einen Irrtum, den Erfahrung nicht richtigstellt, kommt Nietzsche zu seinen weiteren Irrtümern über die Frauen, deren größere Natürlichkeit auch in höchster Zivilisation er verkennt – vielleicht aus mangelnder physischer Sympathie, die aber Geschöpfen gegenüber, die dem Leben näher und weit physischer sind, nötig ist, wenn man über sie etwas anderes aussagen will als Abneigung oder Indifferenz. Nietzsche hält es für eine Inferiorität der Frau, daß sie seltener von den Sachen und häufiger von den Personen ergriffen werde, mit andern Worten nicht abstrahieren könne. Das ist eine Inferiorität nur dann, wenn es sich um das Philosophieren handelt, nicht um das wirkliche Leben. Aber Ideen sind da, damit sie Fleisch werden. Nietzsche selber definierte ein philosophisches System als nichts sonst als den Ausdruck einer physiologischen Besonderheit. Geht die Frau von der Sache zur Person, so geht der Mann keinen andern Weg, nur geht er ihn weniger offen, weniger natürlich als die Frau. Die betrogene Frau benimmt sich meist weniger dumm als der betrogene Mann, weil sie besser um diese Dinge als des Menschen Bescheid weiß. Weil sie natürlicher und dem Leben näher ist.

Nietzsche kommt im Kapitel der Frauen zu erstaunlichen moralischen Gemeinplätzen dort, wo er nicht gerade Schopenhauer resümiert. So wenn er sagt, daß die jungen Mädchen, die ihre Existenz auf ihre Jugend und Schönheit gründen und darin von den Müttern unterstützt werden, das gleiche Ziel wie die Kurtisanen haben, nur weniger anständig seien als diese und bösartiger. Oder wenn er sagt, daß sich das unerfahrene junge Mädchen mit der Idee schmeichle, daß es in ihrer Macht gegeben sei, einen Mann glücklich zu machen, um später dann zu erfahren, daß solches dasselbe sei wie den Mann entwerten, wenn es nur eines jungen Mädchens bedürfe zu seinem Glücke. Oder er formuliert seine große Unerfahrung in dem Satz: Mit der Schönheit der Frau wächst im allgemeinen ihre Schamhaftigkeit, während doch die der Frau natürliche Schamhaftigkeit sich, abgesehen von der Erziehung, nur durch den Umstand mehren kann, daß sie das Gefühl einer physischen Unzulänglichkeit besitzt. Ein zu verbergender körperlicher Defekt wird das natürliche Schamgefühl steigern, das Bewußtsein vollkommener körperlicher Schönheit kann das Schamgefühl, falls es vorhanden, unalteriert lassen, kann es mindern, sicher aber nicht steigern.

Nietzsches Meinung, daß man mit den Sinnen nur eine Frau lieben könne, wenn man sie intellektuell schätze, drückt den naiven Immoralismus eines Mannes aus, dessen Sensibilität ganz zerebral ist. Aber auch diese rein metaphysische Ehe lehnt er ab, wenn er sagt, daß ihm alle Philosophie verheirateter Philosophen verdächtig ist.

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