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Formen der Liebe

Franz Blei: Formen der Liebe - Kapitel 38
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authorFranz Blei
titleFormen der Liebe
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Der romaneske Eros

Als im Jahre 1856 in der Revue de Paris die Madame Bovary erschien, skandalisierten sich einige Leser und riefen nach dem Staatsanwalt, der auch alsbald die Anklage gegen Flaubert erhob wegen Beleidigung der öffentlichen und religiösen Moral und Verletzung der guten Sitten, wie es im Akt vom 31. Januar 1857 heißt. Im Verlaufe der Verhandlung kam der öffentliche Ankläger immer wieder darauf zurück, daß Flaubert eine Glorifikation des Ehebruches gegeben habe, wo es doch seine Aufgabe gewesen wäre, eine Mustergattin zu zeichnen, eine makellose Mutter, eine fromme, almosenspendende Dame. Der Ankläger formulierte seine Entrüstung mit einer falschen Begründung. Ehebrüche kamen in den Romanen und Stücken vor und um Flaubert vor: das war nichts Neues, das revoltiert hätte. Neu war an diesem Buche, daß eine bisher als idealisch geltende und gebilligte erotische Haltung als eine Illusion aufgewiesen wurde, die darin besteht, daß sich der Mensch anders denkt als er ist und dieses anders als sein eigentlich ansieht und entsprechend dieser Selbsttäuschung handelt. Cervantes hat mit den Waffen des Rittertums der Manie des Rittertums ein Ende bereitet; Molière brach mit der Karikierung des Hôtel de Ramboillet in den Précieuses ridicules den Einfluß und die Bedeutung des Preziösentums. Flaubert hat mit der Madame Bovary mehr getan, als durch eine plastische Karikierung der erotischen Romantik gegen eine Idealisierung eines Lasters zu protestieren: er hat ein Lebensprinzip des pathologischen Individualismus aufgedeckt. Bourget nannte es die Krankheit des Gedankens, der der Erfahrung vorausgeht, statt daß er sich ihr anpaßt, das Bild der Wirklichkeit früher kennt als die Wirklichkeit selber, das Bild der Empfindung und Gefühle vor den Gefühlen und Empfindungen. So gibt es für mehr oder weniger lange Dauer bestimmte Konzeptionen der Liebe, der Tugend, der Ehre, die man hinnimmt, bis sie wieder von andern Konzeptionen abgelöst werden, ohne aus dem Bereich des Gedachten zu fallen. So sind, verbreitet durch Buch und Zeitung, Meinungen in der Welt, tausend über jede Sache, zumal Meinungen zur Moral, über die sich jede Klasse der Gesellschaft ein anderes Ideal ausbildet. Jeder sieht so sein Leben durch das tausendfarbige Prisma der Meinungen gebrochen, worüber er bis zur Unfähigkeit gefährdet wird, auf seine eigentümlichen Empfindungen, auf seine ihm eigenen Wahrnehmungen zu achten. Er hat eine vorgefaßte Meinung, nicht nur über die Dinge, sondern auch über das, was er vor diesem und jenem Faktum zu empfinden habe. Und stellt sich diese Empfindung nicht ein, so erfindet er sie. Der heutige Mensch der Masse ist die Beute von Meinungen, Vorstellungen und Ideen, von Begehrungen und Abweisungen, an denen weder sein ihm zugewiesenes Empfindungsleben noch sein ihm gegebenes Denken teilhat. Er ist die groteske Karikatur, welche ohne Gesicht die Grimassen aller Gesichter schneidet.

Das Einzelwesen ohne Persönlichkeit ist die Krankheit der Zivilisationen. Dieser Krankheit Herr zu werden war die Anstrengung jeder Kirche und ihr Heilmittel die Verhaftung jedes Einzelwesens an die unbegreifliche Gottheit, jedes Denkhaften an das unfehlbare Dogma. Aber diese hygienische Weisheit der Kirche hatte zu ihrer Wirkung eine undiskutable Glaubenshaltung der Menschen als Voraussetzung, die in Christus den Sohn Gottes und in der Kirche das unsterbliche Leben Christi sah. Ohne diesen Glauben ist die Lehre nichts als Lehre und das Evangelium eine Literatur wie irgendeine andere. Ohne ihn wurden die Glaubensformen Meinungen wie irgendwelche andere und verloren ihre Kraft der heilenden Bindung. Der Versuch der Wissenschaften, das Ganze der Welt durchzurationalisieren, schuf bis jetzt nur eine Dogmatik von weit geringerer Kraft, als sie die theologische besaß. Viel sichtbarer als die Religion trägt sie das Zeichen menschlicher Schaffung, und ihr Virus, ihr lebendiges Wesen, das skeptisch sein muß, damit die Wissenschaft lebendig bleibt, nimmt den wissenschaftlichen Sätzen jenes Absolute der Religion, das allein fähig ist, die Krankheit des Individuums ohne Persönlichkeit wenn nicht zu heilen, so doch erträglich zu machen.

Der Student Flaubert schrieb an einen Freund: Ich glaube, endlich eine Sache, eine große Sache begriffen zu haben: daß das Glück für Menschen unserer Art nirgends anderswo ist als in der Idee. Er hat die Krankheit gestreift, kennt aus den Spuren, die sie ihm hinterließ, ihre Symptome und genau die Stelle im Hirn, die man berühren muß, damit sie ihr inneres Geheimnis preisgeben. Fast in allen Gestalten seines Werkes, Haupt- und Nebenfiguren, hat Flaubert seine Entdeckung variiert, daß sich der Mensch anders glaubt, als er ist, und alles, was er tut, sich diesem anders akkomodiert als seinem eigentlichen Leben.

Emma Rouault, eines verwitweten normannischen Bauern einziges Kind, wird – der Alte kann es sich leisten – bei den Ursulinen im Kloster erzogen inmitten anderer junger Mädchen, die durch Geburt oder Vermögen zu den Schönheiten und Eleganzen eines aristokratischen Lebens berufen sind. Hier vergißt sie, daß sie ein Bauernmädchen ist, denn sie lernt alles, womit eine reiche Frau im städtischen Salon brilliert, und beginnt an dem Traum ihres Lebens zu spinnen, das mitnichten das ihre in Wirklichkeit sein wird. Eine mystische kirchlich-schöngeistige Atmosphäre umgibt sie im Alter höchster Eindrucksfähigkeit und völliger Unkenntnis über ihre Triebe. Sie verliebte sich in das kranke Lamm Gottes, in das von spitzen Pfeilen durchbohrte Herz Jesu und in den armen Christus selber ... Die Gleichnisse vom Bräutigam, vom Gemahl, vom himmlischen Geliebten und von der ewigen Hochzeit ... erweckten im Grunde ihrer Seele geheimnisvolle süße Schauer. Die gefällige Hand einer alten schwärmerischen Jungfer steckt durch das Klostergitter Romane voll unwahrscheinlichster Liebesgeschichten, außerordentlicher Abenteuer im Feenland. Emma liest Walter Scott, träumt von Minstrels und formt ein Ideal von der Liebe, die sie nicht kennt, von der Natur, die sie bisher nur mit den indifferenten Augen des Bauernmädchens gesehen hatte, von Kindesliebe, von Schmerz und allen Gefühlen überhaupt, deren Stärke ihr als sittliche Schönheit erscheint und als Zeichen vollkommenen Seelenadels und einer ungewöhnlichen Natur. Sie weiß nicht, daß man Gefühle nur spontan hat, und daß man sie nicht durch eine Anstrengung dazu erwirbt. Sie will das in Formen geschaute Ideal, das sie fasziniert hat, in sich verwirklichen. Sie wird die Summe der gelesenen Romanheldinnen, gewöhnt sich an, ihre Seele imaginären Wesen zu öffnen, und versucht, die Gefühle der fiktiven Personen zu haben. Wäre Emmas Kindheit im Hinterstübchen eines Kramladens in einem Geschäftsviertel dahingeflossen, dann wäre das junge Mädchen vermutlich der Naturschwärmerei verfallen. So aber kannte sie das Land zu gut ... An friedsame Vorgänge gewöhnt, gewann sie eine Vorliebe für das Entgegengesetzte: das Abenteuerliche. Beim Tode ihrer Mutter schreibt sie aus dem Kloster an den Vater einen sich in solchen Ausdrücken des Schmerzes ergehenden Brief, daß der Vater sie erkrankt glaubt und zu Besuch kommt. Emma empfand eine innere Befriedigung darin, daß sie mit einem Male emporgehoben worden war in die hohen Regionen einer seltenen Gefühlswelt, in die Alltagsherzen nie gelangen ... Eines Tages jedoch wurde ihr das langweilig, aber ohne sich's einzugestehen, und so blieb sie dabei, zunächst aus Gewohnheit, dann aus Eitelkeit, und schließlich war sie überrascht, daß sie den Innern Frieden wiedergefunden hatte. Sie ist von großer körperlicher Gesundheit, Schönheit und Sinnlichkeit. Angezogen vom Materiellen des Kultes malt sie sich ihre Zukunft als Nonne aus, aber ihr robustes Wesen steht in zu starkem Gegensatz zu solcher Mystizität, und die Komödie, die sie sich vorspielt, langweilt sie bald. Sie leitet, was sie hier an fiktiven Gefühlen angelegt hatte, über in das, was sie als die ihr eigentlich bestimmte Domäne betrachtet: die Liebe. Sie mit allen ihren Höhen und Tiefen leidenschaftlich zu erleben, dafür hält sie sich geschaffen, das erwartet sie voll Ungeduld. Sie heiratet den braven philiströsen Landbader Bovary. Sie vergleicht ihn mit ihrem vorgefaßten Ideal, das für sie ein absolutes Kriterium ist, und entscheidet, daß sie ihn nicht liebe. Sie wartet nicht ab, daß die Empfindungen, die die Umarmung in ihrem Fleische auslösen, ihr Herz erreichen; sie bleibt starr unempfindlich gegenüber den groben, einfältigen Zärtlichkeiten des Gatten, aber die Sinnlichkeit breitet sich in ihr aus. Ein aristokratischer Ball, zu dem man den Landarzt wegen seiner schönen Frau geladen hat, gibt der fast in ihr graues Leben Resignierten neue Kräfte, das imagniäre Wesen in sich zu leben. Hier in dieser glänzenden mondänen Gesellschaft bestätigen sich die gelesenen Feerien als nie bezweifelte Wirklichkeiten drastisch und bekommen wieder alles Leben. Über den paar Stunden Dame, die sie spielt, verlöscht jede Erinnerung an das Bauernmädchen, das mit seinen Fingern den Rahm von der Milch strich und schleckte, aber machen ihr auch ihre kleinbürgerliche Existenz an der Seite des Baders völlig chimärisch. Nun lebt sie wie sie sich denkt. Bloß Gefühle und Vergnügungen, die ihr nicht zukommen und die sie nach ihrer Fiktion eines Glückes ihres Lebens umformen kann, lösen in ihr Empfindungen aus. Sie kauft sich einen Plan von Paris; liest Balzac, Sue, die Sand; kauft sich feines Briefpapier, obzwar sie niemandem zu schreiben hat. Aber man muß vorbereitet sein, denn in jedem Augenblick kann sich das eingebildete Ideal verwirklichen. Was sie tut, hat keine Beziehungen zu dem Leben, an dem sie teilnimmt. Was sie tut, dient nicht mehr dazu, ein realisierbares Bedürfnis zu befriedigen, sondern ein imaginiertes Wesen, das sie liebt und das sie wirklich zu sein glaubt. Ihre Gesten fangen beim wirklichen Leben an und endigen in der Fiktion. Säße und lebte sie im Luxus, würde sie diesen verächtlich ablehnen als unvereinbar mit den wahren Freuden des Herzens, und sie würde sich als ein zu verwirklichendes Ideal ausbilden, an der Seite eines armen Landarztes ein kleines Provinzleben zu führen, angefüllt mit Glück und Zärtlichkeit, mit Pflichterfüllung und Kindersegen. Denn sie muß in einer beständigen Lüge gegen sich selbst leben.

Da trifft sie den knabenhaft schüchternen Léon, den sie sich sofort als den Mann ihrer Träume einbildet. Emma ist die erste Frau seines bescheidenen Liebeslebens. Vorsichtig, da solcher Wege nicht kundig, paßt er auf jedes Wort. Emma liebt ihn: sie glaubt ihn sich ähnlich darin, daß auch seinem auf das Ideale gerichteten Herzen die Liebe noch nicht ward. Der Schreiber geht auf den Ton ein, er hält ihn nicht nur in diesem ihm neuen Falle für den rechten und richtigen, sondern er gefällt sich, auch er am Übel leidend, in der Wiedergabe dieser von billiger Literatur konsekrierten Gemeinplätze über Sonnenuntergänge, Berge, Meer, Kunst und Schönheit, mit der die meisten Menschen, von Eindrücken bedrängt, die sie nicht erfühlen können, ganz guten Glaubens die Dürre ihrer Empfindungen verbergen und die Leere ihres Gefühlsvermögens anfüllen, überzeugt, auf den höchsten Gipfeln der Ideale zu wandeln. Beide begehren einander, Emma wie Léon, beider Gefühle zueinander in dieser Verkleidung mit künstlichen, ihnen fremden und erborgten Gefühlen, denen allein sie als denen trauen, welche eine ungeheure große Leidenschaft ausdrücken, allein ihrer würdig. Diese in der Fiktion begonnene Leidenschaft beginnt sich in der Wirklichkeit zu akklimatisieren. Das körperlich-sinnliche Gefühl, die Begierde ist stark, und gerade daraus muß sich Emma nach dem sie beherrschenden Prinzip einen Widerstand schaffen, durch den sie ihre imaginierte Person behauptet. Sie spielt die Tugendhafte, die Fromme, die Pflichtschuldige: sie muß diesem neuen Ideal Opfer bringen. Es besteht darin, daß sie sich Léon verweigert, der zu schüchtern ist, als daß er das Hindernis nehmen könnte. Innerlich war sie voller Begierden ... Hinter ihrem klösterlichen Kleide stürmte ein weltverlangendes Herz, und ihre keusche Lippen verheimlichten alle Qualen der Sinnlichkeit. Sie war in Léon verliebt. Sie suchte die Einsamkeit, um in der Vorstellung ungestört zu schwelgen. Diese Wollust der Träume ward ihr durch den leibhaftigen Anblick des Geliebten nur gestört ... Und dann sagte sie sich voll Stolz: Ich bin eine anständige Frau geblieben. Sie stellte sich vor den Spiegel in der Haltung der Resignation. Léon verläßt das Städtchen, und in der Abwesenheit des Geliebten verkam allmählich ihre Liebe. Sie sagt sich, eine Frau, die solches Opfer gebracht hat, hat ein Anrecht auf Entschädigungen, die sie in allerlei Extravaganzen sieht, in Launen, Romanelesen. Die Wirklichkeit nimmt ihre Revanche: Emma kommt hinsichtlich der Verabschiedung Léons darauf, das Opfer einer Illusion geworden zu sein, und ärgert sich, dieser Liebe nicht nachgegeben zu haben. Der jetzt auftauchende derbe Krautjunker Rudolph findet offene Bahn. Er hat, im Gegensatz zu Léon, Erfahrungen in der Liebe, mit den Bordellmädchen von Rouen, mit Dorfmägden; sie genügen ihm, zu erkennen, was Emma will. Nichts anderes als er, nur gäbe sie sich das nicht zu, und man müsse sie täuschen, um zum Ziele zu kommen. Er spielt den Sentimentalen, zur höchsten Zufriedenheit Emmas, denn sie wird in dieser Leidenschaft ihre unter dem idealischen Konvenü der Sentimentalität verhüllten Sinne befriedigen und auch den chimärischen Flug ihrer Seele tun, der einen Helden sucht und ihn in Rudolph findet. Emma genießt ihre Sinne in der brutalen Umarmung des kaum ermüdbaren Mannes. Aber sie will mehr. Er soll mehr sein. Held wie in den Romanen. Soll sie befreien aus diesem Leben, das zu führen sie gegen ihre Natur gezwungen. Er soll sie entführen, dorthin, wo Palmen wachsen ... Solches dramatisches Ende seines Abenteuers ist gar nicht nach Rudolphs Geschmack. Er spielt die Rolle des Entführers eine Weile, besinnt sich und schreibt unbekümmert ab. Emma trifft das auf den Tod. Aber da sie auch das Emotionale des Todes schon vorkennt, behauptet sie sich in der Krise und trägt den Gewinn daraus, daß sie die Kleinheit der Leidenschaft erkennt, welche die Kunst übertreibt. Sie hat ein Ideal als eine chimärische Täuschung erkannt. Aber sie ist nicht geheilt. Ihre Krankheit, Empfindungen zu haben, die ihr das Leben nicht gibt oder die sie, gibt sie ihr als bearbeitbare Substanz das wirkliche Leben, wissentlich fälscht, diese Krankheit besteht unheilbar weiter. Sie trifft zufällig Léon wieder und romantisiert sich ihre Liebe zu ihm, trotzdem sie erkennt, daß dieser Leon jedes Heroismus unfähig, schwach, banal, weichlicher als eine Frau, außerdem geizig und verzagt ist. Sie schreibt ihm Liebesbriefe, glücklich, alle in Romanen gelesenen schönen leidenschaftlichen Phrasen darin anbringen zu können. Sie schreibt an einen andern Menschen, an ein Phantom, und weiß das. Sie weiß auch, daß sie gar nicht die grande amoureuse ist, die sie sich einbildete. Sie kann mit ihrer Phantasie nicht mehr beschwören, aber noch weniger vermag sie ihr wirkliches Leben zu leben, und gibt sich, als dieses Leben ihr mit seiner derbsten, erbarmungslosesten Wirklichkeit, der des Geldes, entgegentritt, den Tod durch Gift. Alle Fiktion muß abgebüßt werden, denn die Wahrheit rächt sich, schrieb um diese Zeit der Genfer Amiel in seinem Tagebuch.

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