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Formen der Liebe

Franz Blei: Formen der Liebe - Kapitel 37
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authorFranz Blei
titleFormen der Liebe
publisherPerlen-Verlag
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Die erotische Morbidezza

Keusch wie das Papier, nüchtern wie das Wasser, der Andacht ergeben wie eine Kommunikantin, wehrlos wie ein Opfer, mißfiel es mir nicht, für einen Wüstling zu gelten, einen Trunkenbold, einen Ketzer und einen Mörder, schreibt Baudelaire in einer nicht veröffentlichten Vorrede zu den Blumen des Bösen. Der Biographie ist hier eine ästhetisch-kritische Aufgabe gestellt. Für eine bestimmte geistige und emotionale Haltung, welche die erotische Morbidezza genannt sei, und die sich als charakteristisch für die Zeit um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, den absterbenden Romantismus, aufdrängt, summieren sich alle wesentlichen Züge in dem repräsentativen Beispiel Baudelaires.

Ich glaube, für die Dichtung Baudelaires ist zuerst das mißverständliche Wort dekadent als deren Charakter bezeichnend aufgekommen, das im Ablaufe dieses und des ihm folgenden Jahrhunderts ein beliebtes kritisch vermeintes Schlagwort wurde. Man dachte in diesem Worte sich etwas zusammen, das unsauber, unmoralisch, ungesund bedeutete, zumal das letztere. Mit diesen Inhalten lebt noch heute das Wort weiter, das ehemals ein historisches Hilfswort war, von Historikern für Zeiten gebraucht, wo alte Institutionen zusammenbrechen und neue sich zu bilden beginnen, für Perioden des Überganges von einem sozialen Ideal zu einem anderen. Auf die Literatur bezogen kann das Wort dekadent historisch angewandt die Literatur einer Zeit der Dekadenz bedeuten oder metaphorisch die Literatur eines Überganges von einem literarischen Ideal zu einem andern. Diese zwei ganz verschiedenen Bedeutungen des Wortes werden aber immer in eine Bedeutung zusammengeschlagen, so, als ob eine literarische Dekadenz notwendige Begleiterscheinung einer sozialen Dekadenz wäre. So bleibt die Gedankenlosigkeit dabei, unter dekadenten Dichtern solche zu verstehen, die unmoralisch leben und Ungesundes dichten, also schlechte Dichter sind. Nun mögen die Literaten dekadenter Perioden ihr Gemeinsames haben. Aber daß die Literatur einer sozialen Dekadenz als Literatur dekadent und daher minderwertig sein müsse, ist ein populärer Irrtum. Baudelaire ist der Dichter einer sozialen Dekadenz, aber er ist in keinem Sinn ein dekadenter Dichter, sondern dessen Gegenteil: stark, männlich, zuchtvoll, bestimmt, klassisch. Durchaus nicht Epigone, sondern heroischer Begründer eines neuen dichterischen Geschlechtes.

Baudelaire erkannte sein Zeitalter als eines der Dekadenz. Wir kennen es als solches nicht nur aus seinem leidenschaftlichen Protest, sondern auch aus Balzacs romanesker Anatomie. Die neue demokratische Ordnung, welche die alte aristokratische, die gefallen war, ersetzen sollte, war noch nicht geschaffen. In den Ruinen wuchs das Unkraut. Häßlich und ohne Kontrolle, wie ausbrechende Schlammvulkane, wuchsen die großen Städte auf; gegen einen alles wie eine Krätze überziehenden Industrialismus wehrten sich mißlingende Revolutionen. Sieghaft blieb das Geld. Die Romantiker bücherten Proteste. Baudelaire stellte sein Leben auf diesen Protest. Er machte keine Konzessionen, weder an die Fiktion einer Utopie bessern Lebens, noch an die den romantischen Zeitgenossen so teure Natur. Er konfrontierte die gegebene gesehene Welt mit den höchsten religiösen Begriffen, Gott und seinem Widerspiel Satan. Er hatte das höchste Maß. Die Natur – davon war man hergekommen, herausgekrochen – auf sie zurückzublicken versteinert. Kaum ein Stückchen Landschaft ist in seinen Werken. Er bekannte sich unfähig, über Vegetabilien in Tränen zu zerfließen. Die Natur erschien ihm schamlos. Die Epoche stellt ihn und er die Epoche auf dem gegebenen Felde ihres intensivsten Lebens: dem Künstlichen der Stadt. Baudelaire, der erste Dichter der Stadt, liebte den steinernen Wald ihrer Häuser, das ausgedörrte Flußbett ihrer Straßen. Seine Einsamkeit brauchte die Menge: Menge, Einsamkeit, das sind austauschbare Begriffe für den aktiven und fruchtbaren Dichter. Wer seine Einsamkeit nicht zu bevölkern weiß, der weiß auch nicht zu sein inmitten einer geschäftigen Menge. Die Blumen des Bösen sprießen aus dem Straßenpflaster. Alles, was den Menschen und besonders die Frau vom Zustande der Natur entfernte, schien ihm glücklichste Erfindung und Zeichen menschlichen Willens, die von der Materie gelieferten Formen und Farben nach seinem Dünken zu korrigieren, berichtet Gautier. Das ist nicht Romantik, sondern ein sublimierter Realismus, der das Leben sieht, wie es sich gibt. Auch ein anderes Paradestück der französischen Romantik lehnte er ab: die erotische Leidenschaft. Mir graut vor der Leidenschaft, schreibt er in einem Liebesbriefe. Er fand sie roh, familiär, maßlos. Er glaubte an die Erbsünde und gar nicht an den edlen Wilden. Auch nicht an den Fortschritt und die demokratischen Abergläubigkeiten. Ganz wie ein katholischer Mystiker, ein Mensch völlig spirituellen Wesens, der durch alle Fenster nichts sonst sieht als das Unendliche, drückt er die Verzweiflung des erdgebundenen Menschen aus, der nichts als das Ewige und das Absolute liebt. Der Vierundzwanzigjährige schreibt, Selbstmordkandidat wie jeder sensible Jüngling dieser Zeit, einem Freunde: Ich töte mich wegen der Verzweiflung und Unordnung meines Lebens ... und weil ich mich unsterblich glaube und weil ich hoffe. Er glaubte an eine von Gott für alle Ewigkeit etablierte geistliche Mathematik, nach der auch der geringste Bruch des sittlichen Gesetzes seine eigene grausame Wiedervergeltung in sich trägt, seine unvermeidliche Folge von Angst, Reue, Gewissensqual, Ekel, Verzweiflung. Er begehrt so inbrünstig nach dem Einen, dem Unbewegten und Ewigen, daß ihm nichts sonst völlig wirklich erschien, nicht einmal die geliebteste Sensation der Schönheit. Beinahe hätte er, aus dem Stoffe der Heiligen gemacht, die Zauberei der Kunst überwunden, aber der so klarsichtige Geist überwand nicht seine Sinne, und er bittet: Laßt, laßt mein Herz an einer Lüge sich berauschen!

Für die Frauen, die mit der irdischen und der himmlischen Liebe sein Leben und sein Denken in Atem hielten, fühlte er im letzten Grunde seines Wesens eine Verachtung, die sich in Mitleid äußerte, wenn die weibliche Kreatur alt und arm und häßlich und krank war, in Mitleid bis zum äußersten Opfer seiner letzten Habe. Ihm graute vor diesen allzu natürlichen Geschöpfen, wie er mit emphatischem Widerwillen sagte, vor diesen verführerischen Formen des Teufels, deren Zulassung in die Kirche ihn erstaunte und die er zusammen mit Freidenkern, Liberalen, Generalen, Utopisten, Philanthropen, Demokraten, Victor Hugo und Musset für eine gleichgültige Horde inferiorer Kreaturen hielt.

Das junge Mädchen ist in Wirklichkeit eine kleine Gans und ein kleiner Schlampen; größte Dummheit vereinigt mit größter Verderbtheit. Im jungen Mädchen steckt alle Gemeinheit des Strizzis und des Gymnasiasten. Das Urteil Baudelaires über die, als er es fällte, eben erst fünfzig Jahre alte letzte erotische Schöpfung männlicher Phantasie und wirtschaftlicher Notwendigkeit, das Junge Mädchen – dieses Urteil greift der Entwicklung vor, und man muß es auch für Baudelaire und seine Zeit einschränken. Er hatte ja eigentlich nur immer mit Prostituierten zu tun und lebte in der Stadt, deren Atmosphäre das Miasma der Prostituierten enthält, und das zu atmen auch jene Frauen kaum vermeiden können, die sich nicht prostituieren. Daß das sorgsam gehütete und sich vorsichtig hütende bürgerliche Mädchen seine lebhafte Sinnlichkeit verbirgt und vom seriösen, vielfach elterlich geprüften Freier das Mitspielen in einem wohlchaperonierten korrekten sentimentalen Getue verlangt, das zur Verlobung führt, um im Banalen einer nun doch geübten und durch nichts als die Ehe entsündigten Sexualität zu enden, das fällt für einen religiös gerichteten und sinnlich heimgesuchten Typus, wie ihn Baudelaire darstellt, nicht nur in das verhaßte Juste-Milieu des Bürgerlichen, sondern auch in das schlechthin Sündige und Gottlose. Das komplexe Problem, das wir, ohne damit eine sittliche Minderwertigkeit bezeichnen zu wollen, die erotische Morbidezza nennen, rückt ins Licht.

Der Fall Baudelaire ist ein klassisches Beispiel für den Ödipus-Komplex. Baudelaire war ein Junge von sechs Jahren, als sein greisenhafter Vater starb. Bald darauf heiratete die schöne und kaum dreißigjährige Mutter den General Aupick, einen durchaus loyalen Mann, dem der Stiefsohn nicht das geringste vorzuwerfen hatte, bis auf das eine: daß er der Mann der über alles geliebten Mutter ist. Dafür haßt er ihn bis ans Ende. Und in diesem Manne auch alles, was er für ihn personifiziert: den glücklichen Rivalen in der mütterlichen Zärtlichkeit, die Familie, den Staat, die Armee, die Gesellschaft. Der gar nicht republikanische oder sonstwie politisch interessierte Baudelaire packt 1848 ein Gewehr, schießt auf den Barrikaden und erklärt seinen Mitkämpfern, das alles sei gar nichts, man müsse den General Aupick töten. Solchen sinnlosen Haß bildete die Liebe zur Mutter aus, und der Begriff einer reinen, höheren Form der Liebe fixiert sich als mütterliche Liebe bei einer seltsam von ihm geliebten Frau, die Muse, Madonna, Schutzengel ist, lichtes Bild gegen das Dunkel, in das er stürzt, wenn er erliegend die Huren umarmt, die er, mit solchem Bilde der reinen Liebe im Herzen, allein umarmen kann, denn ihr unfruchtbarer Schoß ist des Teufels Gefäß für seine immer als sündhafte Unzucht erkannte sterile Umarmung. Baudelaire gehörte zu den wenigen Pariser Bewunderern des Tannhäuser, als dieser in der Oper von den Pfeifen des Jockeyklubs niedergepfiffen wurde. Daß Tannhäuser im Sängerwettkampf und vor der Madonna-Elisabeth die Hymne an die Venus singen muß, in dieser Not erkannte Baudelaire die seine. Als einen metaphysischen Zustand jedoch, nicht als einen psychologischen Konflikt. Anders hätte er wie Wagner eine Minna Wagners erste Frau geheiratet und sich bei einer Mathilde Mathilde Wesendonk dafür entschädigt.

Eine disproportionierte, pathologische, senile Vereinigung nannte er die Ehe seines zweiundsechzigjährigen Vaters mit der siebenundzwanzigjährigen Mutter, und sah zweifelnd verzweifelnd auf sich als das Kind solchen ungleichen Paares.

Vom Haß gegen seinen Stiefvater, in dessen Haus er leben mußte, inspiriert, legte Baudelaire alles darauf an, ihn durch eine Lebensführung, an der er selber nicht das geringste Gefallen hatte, zu kompromittieren, denn der Stiefvater war große öffentliche Figur. Verkehr mit zweifelhaften Burschen, mit Huren, Trunk, exzentrische Kleidung und Verse: weniger hätte genügt, den honetten Stiefvater besorgt zu machen. Es mußte etwas geschehen. Man schickte den Zwanzigjährigen nach Kalkutta, in der Hoffnung, daß er andern Sinnes werde. Er brachte von dieser Reise mit den Knabenaugen jenen Exotismus mit, der magisch über vielen seiner Gedichte leuchten sollte, aber auch das brütend Lauernde, das Katzenhafte, im Blick Unbewegliche des dunkelfarbigen Weibes, Sklavin und Tyrannin zugleich, ein rechtes Höllenstück, mit dem das Teuflische zu tun den Teufel vielleicht überlisten könnte.

Neun Jahre später, als die Blumen des Bösen, handschriftlich unter Freunden schon bekannt, als kleines Buch erschien und der Dichter wegen Gotteslästerung und Unsittlichkeit angeklagt, doch nur wegen Unsittlichkeit verurteilt wurde – er litt außerordentlich unter dem infamierenden Mißverständnis seiner Konfessionen –, da starb im selben Jahre der General, und er versöhnt sich mit der gelähmten Mutter.

Geständnisse: Baudelaire hat nie, wie alle seine Freunde aussagen, von Frauen gesprochen. Er liebte und goutierte außerordentlich seine Einsamkeit und den Reiz der Undurchdringlichkeit. Das ging bis zur Mystifizierung Neugieriger, woraus eine Legende seines Lebens sich aus Anekdoten wob, die ihn als einen Besessenen darstellt, in der Liebe als einen Wüstling und Zyniker vom gewöhnlichen Niveau jener, die sowohl staunen wie auch verstehend mittun wollen.

Baudelaires Frauen: die Riesin, die er liebte, ist eine Fabel wie die Zwergin. In derlei Aufschneidereien gefielen sich die jungen Leute um 1840, weil sie recht auffällig unbürgerlich nicht nur oft waren, sondern mehr noch erscheinen wollten. Baudelaire war zwanzig, als er in einem Café chantant die Mulattin Jeanne Duval traf, die am Quai de Béthune auf den Strich ging. Die sie kannten, sagten, sie sei nicht einen Groschen wert gewesen, ohne Charme, ohne Schönheit, ohne Witz, ohne Talent, ohne Herz. Aber hätte sie diese braven Eigenschaften besessen, so wäre sie ein durch unglückliche Umstände in die Prostitution geratenes Mädchen gewesen, fast wert, von einem braven Mann gerettet und geheiratet zu werden. Nie hätte Baudelaire einer solchen verunglückten Person so sehr sein Leben geopfert, wie er es für diese enigmatische Bestie tat. Sie ließ ihn auf ihre Gunstbezeugung warten, schickte ihn erst immer wieder zu dem Judenmädchen Sarah Louchette, die er ihr geopfert hatte, zu dieser kahlen Sarah, die eine Perücke trug und deren eines Auge schielte, sich um ein paar Schuhe hingab, mit elf Jahren angefangen hatte und mit zwanzig ein altes Weib war.

Als ich bei einer Jüdin lag zur Nacht,
Ein Leichnam bei dem andern hingebreitet,
Hab' ich bei ihr, die häßlich irr'geleitet,
Der düstern Schönen meines Traums gedacht.
Ich sah des Heimatlandes schwere Pracht

– – – – – –

Das Haar, das wie ein duft'ger Helm sich spreitet ...

Baudelaire hat oft an den Rand seiner Handschriften das Bild dieser Mulattin gezeichnet: große, völlig indifferente, kalte Augen, anspringende Brüste, breite Hüften, diabolus in lumbis. Sie liebte starke Getränke, war streitsüchtig, verräterisch, hysterisch. Einen Liebhaber zu haben erhöhte ihr das Vergnügen ihres Prostituiertenlebens. Unersättlich ist sie, voll Kenntnis der Lüste und die Königin der Sünde. Als sich ihr Schicksal in Lues und Erblindung erfüllte, hungerte Baudelaire für sie, dachte erst an ihr Leben, dann an seines. Sie war nie seine Geliebte der Liebe gewesen. Und auch nur über einen Umweg seine Muse. Sie war Spiegel und Relief seiner Erinnerungen an die tropische Landschaft.

Wenn ich geschlossenen Augs in Abendglut
Einschlürfe deinen warmen Duft mit Beben,
Seh' ich ein herrlich' Ufer sich erheben
Aus einem Meer, drauf ewiges Leuchten ruht.

– – – – – –

Dein Hauch führt mich zu lieblichen Gestaden ...

– – – – – –

           Ich schlürf den Duft von Tamarindenbäumen ...
Oder: Beiß' ich in deine schweren schwarzen Zöpfe,
           Ist mir's, als äße ich Erinnerungen ...
Oder: Asiens Schmachten, Afrikas Erglühen,
           Die Ferne fühl' ich, längst verwehte Luft,
           Duftenden Wald aus deinen Tiefen sprühen.
Oder: Seid, Flechten, Wellen mir und laßt mich schweben,
           Meer, schwarz wie Ebenholz, du sollst mir weben
           Den Traum von Segel, Flamme, Ruder, Mast.

Die vollendete Form dieses Weibes gab den fließenden, duftenden Erinnerungen an sein tropisches Jünglingserlebnis feste Gestalt. Was er an der Mulattin liebte, war er selber in einem andern Leibe. Die Beziehung zu Jeanne war ganz zerebral, aus Angst vor der Liebe, dem Grauen vor dem Sinnlichen, und der Abneigung gegen die Leidenschaft, Besitzgefühl und Eifersucht: Die Liebe ist alsofort verdorben von der Lust am Besitz, am Eigentum – diese Paradoxie löst sich aus der ganz mütterlichen Konzeption, die Baudelaire der Liebe gibt. Wie in dem nicht seltenen Fall, daß der Mann außerstande ist, seine über alles verehrte und geliebte Frau sinnlich zu beschmutzen.

Baudelaire verachtete die Frau der Zivilisation. Sie ist für ihn inferior, weil sie nie Seele und Leib, Gefühl und Sinnlichkeit trennen kann. Aber der Tag solcher männlicher Fähigkeit der Frau war 1860 noch weit vom Anbruch: wir erleben erst 1925 das noch etwas zwittrige Zwischengebilde, das Bedenkliche fragen läßt, ob die Freiheit der Frau diesen Preis wert ist.

Verlust seines Geldes, Armut, Schulden, Elend, dadurch grauenvoll nah gerückte Leiblichkeit der Mulattin, die sich in den Chambres garnis wohler fühlt als im Luxus, weil in ihnen die Gassen münden, voll Lust an solchem Elend ihres Liebhabers, weil sie dies versteht und seinen sentimentalen Sensualismus nie verstand, wird sie – zehn Jahre hat die Liebe gedauert – von der bösen Krankheit heimgesucht, an den Händen gelähmt, ein altes schauerliches Weib mit vierunddreißig, die Fürstin dieser Hölle, mit keinem Mitleiden versöhnbar, das er nun allein für sie fühlt, seine letzte Habe verkauft, um ihr Geld schicken zu können, das die Halberblindete vertrinkt. Auf dem Sterbebett bittet er Freunde, sich der Unglücklichen anzunehmen, die ihn überlebte und starb – man weiß nicht wann und wo.

Es gibt keinen Pardon für die Sünden der Jugend; ihre schreckliche Strafe währt das ganze Leben. Baudelaire hat ihr Ende vergeblich in der Tiefe der Finsternisse gesucht. Der hier seiner Gier gereichte Becher stillte seinen Durst nicht. Er wandte sich nach dem Oben der Liebe, suchte Fuß zu fassen an den Ufern des zärtlichen Friedens, deren bloßer Anblick ihn schon beglückt.

Apollonie Sabatier pinselte unter Meissonniers Anleitung ein bißchen auf Leinwand. Aber ihr Ruhm war ihre etwas mollige Schönheit, ihr um den prüden Anstand wenig bekümmerter Witz, ihre immer frohmütige Laune, ihre Güte. Das alles setzte ein sehr reicher Herr Mosselmann in den rechten Rahmen eines splendiden Palais in der Rue Frochot, das zu den beliebtesten Häusern des zweiten Kaiserreiches gehörte. Madame war die Präsidentin eines Kreises, zu dem Gautier, Flaubert, die Goncourts gehörten, die Maler und Bildhauer der Zeit. Clésinger stellte im Salon 1848 ihr Porträt in Marmor aus: die Frau von der Schlange gebissen, und Ricard ein Jahr darauf ihr Porträt als Dame mit Hund, und Meissonnier mit einer Polichinelle folgte, und jedes Jahr ein anderer, der die außerordentliche Schönheit dieser Frau festhielt. Edmond Goncourt ist nicht gnädig mit ihrer Moralität: er nennt Madame eine Marketenderin für Faune. Der Ton war wohl etwas frei, anders hätte ihr Gautier kaum seine etwas pornographische Lettre à la Présidente geschrieben, und Herr Mosselmann, der einen Architekten fragt: Was kostet Ihre Kirche komplett fertig, Hostie im Maul, war nicht der Mann, der Madame gehindert hätte, immer ein gutes Herz zu haben, wenn man es von ihr verlangte, und sie konnte Verliebte nicht leiden sehen mit ihren glücklich lachenden Augen in einem etwas kindlichen Gesicht. Eine exzellente und vor allem gesunde Kreatur, nannte sie Flaubert und beschreibt damit fast jene spirituelle Mütterlichkeit, die auf den gleichaltrigen Baudelaire, der sich aus den Armen der schwarzen Venus löste, einen so starken Eindruck machte.

Über die Hölle der von keiner Liebe gesegneten sinnlichen Lüste errichtete Baudelaire Stein und Stein in jahrelangem Dienste die Kirche eines reinen Liebeskultes mit dem Hauptaltar der Madonna-Apollonia. Mit verstellter Schrift und anonym schickt er am 9. Dezember 1852 an Frau Sabatier Verse für sie geschrieben mit der Bitte, sie niemandem zu zeigen. Die tiefen Gefühle haben eine Scham, die nicht verletzt werden will. Die Abwesenheit meiner Unterschrift – ist es nicht ein Symptom dieser unbesiegbaren Scham? Der diese Verse geschrieben hat, in einem dieser Zustände der Träumerei, in die ihn oft das Bild jener stürzt, die der Gegenstand dieser Verse ist – er liebt sie, ohne es ihr je gesagt zu haben ... Das begleitende Gedicht: An eine Frau, die allzu lustig ... feiert die Reize dieser Frau und die Wut, die den Liebenden packt, der seine Qualen schleppt und den solcher Glanz und solche Glut des Frühlings ins Herz treffen so sehr, daß er in Wut auf die Blumen schlägt, um die Natur zu strafen.

Ich möchte einst zur Nacht

– – – – – – –

Zu deinen Schätzen dringen,
Ein Feigling, zu dir kriechen, stumm und sacht,

– – – – – – –

Dich züchtigen, du Gesunde,
Zerpressen deine Brust,
Ins blühende Fleisch voll Lust
Dir schlagen eine tiefe, breite Wunde ...

Das war der Auftakt, um die Angebetete dort zu packen, wo sie empfindlich war: bei den Sinnen, sie zu erregen, wie es einem Manne zukommt, der sich als solcher und nicht als jugendlicher Schwärmer vorstellen will, aber auch die also Gemahnte nachdenklich zu machen und auf ihre heilige Rolle vorzubereiten. Schon das zweite, ebenfalls anonym geschickte Gedicht ist eine Litanei: Engel der Heiterkeit, kennst du die finsteren Mächte ... Engel voll Güte, kennst du das lautlose Hassen ... Engel voll Reinheit, kennst du die fiebrischen Qualen ... Engel voll Schönheit, kennst du die schmerzlichen Falten ... Engel voll Güte und Freude, du leuchtende Sonne ... Ich aber flehe nur eines: denk' mein im Gebet. Er beichtet ihr seine Tränen, seine Fieber, die Runzeln seiner Seele, seine Nächte, muß aber lachen über die Komik dieser anonymen Korrespondenz. Aber was tun? Ich bin egoistisch wie die Kinder und die Kranken. Um die Zeit dieses Briefes, 9. Mai 1853, ist er bereits häufiger Gast im Hause der Rue Frochot. Er begleitet die Präsidentin einmal nach Hause:

Einmal, nur einmal war's, du Liebenswerte, Gute,
Dein weicher Arm auf meinem Arme lag ...

und in der Melancholie dieses Abends wurde die immer fröhliche Frau weich und klagte:

Kein leichtes Los, das Los der schönen Frauen,
Die leere Mühsal einer Tänzerin,
Die sinnlos lächelt und in Todesgrauen
Noch immer lächelt, starr und ohne Sinn ...
Auf Herzen bauen ist ein dummes Tun,
Denn alles bricht und bröckelt, Liebe, Schönheit.

Das Vertrauen der Ermüdeten, Enttäuschten, vielleicht Zerstörten steigert des Dichters Liebe zu leidenschaftlicher Devotion.

Fünf Jahre bewahrte der Briefschreiber seine Anonymität. Nun fühlte er, es sei Zeit, ihr ein Ende zu machen, bevor dieses mystische Abenteuer ins Lächerliche sich wendete. Mit einem Exemplar der eben erschienenen Blumen des Bösen schickt nun Baudelaire den mit unverstellter Hand geschriebenen letzten Brief und signiert mit seinem Namen: ... die kleinen Schweine sind Verliebte, aber die Dichter sind Anbeter. Nehmen Sie ein Amalgam an von Träumerei, Sympathie, Respekt, tausend Kindereien voll Ernstes, und Sie haben ein beiläufiges Etwas dieser sehr ehrlichen Sache, die besser zu definieren ich mich nicht fähig fühle ... Sie zu vergessen ist nicht möglich ... Sie sind mehr als mein geträumtes und geliebtes Bild, sie sind mein Aberglaube ... Sie sind meine tägliche Gefährtin und mein Geheimnis. Diese Intimität gab mir die Kühnheit und diesen vertrauten Ton.

Frau Sabatier gab den Dank für diese Liebe wie sie konnte und mit dem Besten, was sie zu haben glaubte. Das Wagnis solcher mystischer Metamorphose aller Sinne in einen hätte, wie die Liebe Sentas und des Holländers, mit dem Tode schließen müssen zur Rettung der Illusion. Aber über der einen Nacht brach ein fahler Morgen an, und die Illusion verschwand vor dessen Wirklichkeit. Das Leben ist Verführung und Verrat: Die Madonna durfte, um es zu bleiben, ihre Schleier nicht ablegen und der Engel nicht seine Flügel wie ein Korsett.

Vor einigen Tagen noch warst Du eine Göttin, und das ist so bequem, so schön, so unverletzlich. Jetzt bist Du Frau. Und wenn ich nun zu meinem Unglück das Recht auf Eifersucht erwürbet Ah, wie grauenhaft, bloß daran zu denken! ... Mir graut vor der Leidenschaft, weil ich sie kenne mit allen ihren Ruchlosigkeiten und Schrecken – und nun wird das vielgeliebte Bild, das alle Abenteuer des Lebens beherrschte, allzu verführerisch. In dem verzweifelten Chaos dieses Briefes, der Antwort ist auf zwei verlorene Briefe der nun für ihn Verlorenen – daß sie keinerlei Scham besitze stand in einem, daß sie ihm immer gehöre mit Hirn und Leib und Seele im andern –, greift Baudelaire jedes Mittel auf, seine Flucht aus dieser Liebe zu rechtfertigen oder seine Niederlage. Sogar dieses, daß es unrecht wäre, Herrn Mosselmann, den Liebenden, zu betrügen. Er hatte in fünfjähriger Anbetung eines Traumes seine Kräfte anders gerichtet als auf die Umarmung einer Leibhaftigkeit. Er fand die zarten Hände der Madonna erst auf dem Sterbebett wieder, als sie ihm den Todesschweiß von der Stirn wischten.

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