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Formen der Liebe

Franz Blei: Formen der Liebe - Kapitel 36
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authorFranz Blei
titleFormen der Liebe
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Das junge Mädchen

Das junge Mädchen von 1830 ist das Produkt der späten Heirat, diese der Effekt einer wirtschaftlichen Umgestaltung, welche Vermögen, Einkommen, Mitgift, Hinterlassenschaft auf ganz andere und weit unsicherere Voraussetzungen gestellt hat, als das achtzehnte Jahrhundert mit seinen bestimmten sozialen Cadres sie kannte. Die Wahl des Gatten ist nun für die Eltern schwieriger geworden, denn die wirtschaftliche Situation des Mannes beginnt erst von seinem dreißigsten Lebensjahr ab jene Sicherheiten zu verheißen, die zur Gründung einer Ehe für notwendig erachtet werden. Das Mädchen muß warten. Es muß fünf, sechs und mehr Jahre seines Lebens, in denen es seiner Natur nach nichts anderes denken kann als die Liebe, auf den Mann warten. Nicht mehr in einem Kloster, sondern mitten in der Welt und allen deren Reizungen ausgesetzt. Dagegen das Mädchen zu schützen, es für den künftigen Mann intakt zu bewahren, wird nun schwierige Aufgabe der Eltern. Aber rasch bildet sich ein sehr merkwürdiges System der Erziehung aus, dessen Tendenz ist, das junge heiratsfähige Mädchen über die Wünsche seiner Natur zu täuschen, sie ihm zu verbergen, sie ihm zu ersetzen. Das junge Mädchen wird zur Bescheidenheit, zum Gehorsam, zur Pflicht erzogen in einer Mischung von platter Vernünftigkeit und vager Sentimentalität. Es erwirbt dazu auch noch alle Kenntnisse, die eine gute Magd braucht, einem Herrn und einem Hause zu dienen, ohne zu murren. Häuslich erzogen zu sein, wird als ein Gut in die Mitgift eingestellt. Auch Bildung. Um diese ungefährlich zu machen, beginnt eine Säuberungsarbeit an allem vorhandenen Kulturbesitz auf das engelgleiche Idealgebilde des jungen Mädchens hin, das über sein sinnliches Leben und daß es so etwas gebe getäuscht werden muß. Daß Goethe Frau von Stein nur ganz idealisch und schicklich geliebt habe, wurde nicht nur unterrichtet, sondern von den Lehrern auch überzeugt vorgetragen. Das junge Mädchen lernte eine Geschichte der Künste, die in dem reinen Raffael gipfelte. Eine Geschichte der Dichtung, in der die Minnesänger schwärmerische Ritter waren, die zum Preise der Frauenreinheit die Harfe schlugen. Das junge Mädchen hatte, trotzdem es nicht wissen konnte und auch nicht wissen durfte, wessen es sich als Mädchen ohne Unterleib schämen sollte, schamhaft zu sein. Enorm war, besonders in England, die Produktion an Romanen, die, als Lektüre für das junge Mädchen geschrieben, diesem eine Welt als existent vorstellten, in der man nur mit den gelehrten und geübten Tugendhaftigkeiten und Vorzügen sein Glück machen könne, das nirgend anderswo zu finden sei als in der Ehe, bei deren idealischer Ausmalung mit den süßesten Farben um so weniger gespart zu werden brauchte, als man der Sittlichkeit willen auf den Kontrast eines dargestellten Gegenteils von vornherein verzichtete. War in dieser Literatur schon einmal von einer andern Liebe als der ehelichen oder jener, welche der sichern Ehe vorausgeht, die Rede, dann nur sehr allgemein als von einer Sittenverderbnis, die nicht nur das Unglück und die Verzweiflung, sondern vor allem auch die göttliche und menschliche Verachtung und Bestrafung in sich trüge. In den protestantischen Ländern dauerte es weit länger als in den katholischen Ländern, wie Frankreich, bis sich gegen diese Literatur eine andere stellte, die keine Rücksicht auf das junge Mädchen und dessen Schamgefühl nahm. Diese Literatur glaubte die Männer als Leser zu haben, aber sie hatte auch diese nicht, denn sie erhoben sich, Väter von jungen Mädchen, die sie waren, als Staatsanwälte, um die Fleurs du Mal ebenso der Unsittlichkeit anzuklagen wie die Madame Bovary. Das neue Element in der Struktur der Familie, das junge Mädchen, hatte nicht nur den sittlichen Habitus der Familie geändert, sondern auch die sittliche Physiognomie der Gesellschaft: man mußte seinem eigenen Trug erliegen, da man sah, wie er das gesamte gesellige Leben durchdrang und formte. Aus einem ganz ideologischen Gebilde war eine Realität geworden. Der Wunsch des Mannes nach seinen eignen Kindern billigte jedes Mittel, welches die Jungfräulichkeit und damit einen wesentlichen Teil der Heiratsfähigkeit des jungen Mädchens garantierte. Wie immer auch die Unterschiede in den Familien sein mochten, sie besaßen alle die gleiche Moral, die sich bis auf die Worte, die man brauchte, erstreckte. Denn dieses engelhafte Wesen durfte, konnte kein Hinterteil, sondern nur Hüften, keinen Busen, sondern nur eine Taille haben, durfte höchstens stark sein, aber nicht dick. Es brauchte hundert Jahre, bis das junge Mädchen wieder zu seinen Körperteilen kam, um im selben Augenblick als das junge Mädchen zu existieren aufzuhören. Es war ein schmerzensreicher Weg, auf dem das junge Mädchen von 1830 seine zerbrechlichen Engelsflügel allmählich verlor. Es mußte durch vier Generationen Weib werden, um in jeder Generation um ein Stück mehr zu erfahren, daß es als junges Mädchen auf eine nicht existente Welt vorbereitet wurde, die nur einem bestimmten Wunsche und dem schlechten Gewissen des Mannes entsprang, der auch verheiratet alles aufbietet, diese Scheinwelt als die wahre Welt zu behaupten, wenn auch nicht in seinem privaten, so doch in seinem öffentlichen Leben und in seinem Urteil. Diese heuchlerische Atmosphäre, in der das junge Mädchen gehalten wurde, legte sich über die ganze Gesellschaft.

Die neue Idolatrie des Staatswesens gab dem Manne dieses Jahrhunderts die Würde des Staatsbürgers, in der er sich gefiel wie in keiner andern. Das gab auch seinem Gattentum ein besonderes Gesicht und eine ideelle Überlegenheit über das junge Mädchen, das er geheiratet hatte. Diese jungen Mädchen unterschieden sich nur graduell in der Fähigkeit, sich dem Gatten zu unterwerfen und die Ehe, welche für sie allein die Liebe einschloß, als ihr Schicksal hinzunehmen und zu tragen.

Das junge Mädchen ist fünfundzwanzig Jahre alt geworden und wird geheiratet. Sie ist schon froh, überhaupt einen Mann gefunden zu haben. Denn die Angst, als alte Jungfer lächerliche Figur zu werden, war unerträglich. Von dieser Angst befreit nimmt sie dankbar, was man ihr gibt, und gibt, ohne auf Dank zu rechnen, was man von ihr fordert. Sie wird oft die ohne Lohn dienende Magd, die freudlos ihrem Herrn die Kinder gebiert. Mit dreißig ist sie fast eine alte Frau, kaum mehr als weibliches Wesen vom Manne, auch vom eigenen nicht, beachtet. Keinerlei sinnliches Leben setzte bei diesem Typus irgendein differenziertes seelisches Leben in Bewegung und Nahrung.

Ein anderer Typus der Frau des Juste-Milieu ist die Resignierte. Die Umarmung des Mannes, der ihr zum Gatten bestimmt wurde, erlitt sie, wie überhaupt die Wirklichkeit, als einen brutalen Akt, dem sie sich in der Folge möglichst zu entziehen sucht. Das Poetische erfüllt diesen Typus so sehr, daß er sich in der prosaischen Welt eine besondere Stellung arrogiert. Fällt es dieser Frau ein, die endlose Stickarbeit mit der Feder zu vertauschen, wird sie endlos Romane für das junge Mädchen häkeln.

Das junge Mädchen, dem das Vergnügen der Sinne als das sittlich Böse, als die Sünde dargestellt worden war und das mit diesem Sinnlichen als Frau eines nicht geliebten Mannes nicht zurechtkommt, sucht und sehnt sich nach dem Helden der Zärtlichkeit, der Freundschaft, der leisen Bemutterung. Die George Sand erzählt in einer Novelle die Geschichte einer vornehmen Dame des ancien régime, die einen ihr unangenehmen Mann hatte heiraten müssen. Gänzlich unvertraut bei aller Jugend und Schönheit mit der Liebe verliebt sich sie in einen kleinen heruntergekommenen Schauspieler, der ihr von der Bühne herab als das Ideal poetischer Männlichkeit erscheint. Außerhalb des Theaters erschrickt sie etwas über die Wirklichkeit dieses jungen Mannes, der von ihr träumt. Nach der Vorstellung erwartet sie zum ersten Rendez-vous ihren Helden, der sich in der Eile weder abschminken noch sein Kostüm wechseln konnte. Sie hat sich zur Ader lassen müssen und ist ein bißchen schwach. Der Schauspieler ist ganz Rolle: er liebt, aber voll Ehrfurcht, mit Tränen in der Kehle. Sie liebt, aber voll Ehrbarkeit mit Tränen in der Nase. Es ist eine außerordentliche Stunde voll großer Leidenschaft, die ihre Höhe darin erreicht, daß die Marquise dem vor ihr Knienden einen reinen Kuß auf die Stirn drückt. Glauben Sie nun an die Tugend im achtzehnten Jahrhundert? schließt die alte Dame ihre Erzählung. Und ihr Zuhörer antwortet: Ich würde mir, wäre ich weniger gerührt, die Bemerkung erlauben, daß es sehr verständig von Ihnen war, sich vor diesem Rendez-vous einen Aderlaß zu verordnen. – Ihr groben Männer, ruft die Marquise, ihr versteht doch nie etwas von Herzensgeschichten! Aber was diesen Ausruf erklären und den keuschen Kuß auf die Stirn rechtfertigen könnte, mag ein Satz in einem Roman der Sand sagen, den sie von dem Gatten einer unbedeutenden Frau aussprechen läßt. Dieser ideale Gatte entschuldigt den Ehebruch seiner kleinen Frau: Kein Mensch kann seiner Liebe befehlen. Was das Weib erniedrigt, ist die Lüge. Was sie zur Ehebrecherin macht ist nicht die Stunde, die sie ihrem Liebhaber zugesteht, sondern die Nacht, die sie darauf mit ihrem Manne verbringt. Dieser Jacques bestraft seine ehebrecherische Frau nicht, um sich nachher wieder in der Umarmung mit ihr zu versöhnen. Jacques räumt den Platz. Er hat Takt und Philosophie.

Die Sand heiratete mit achtzehn Jahren den Landjunker Dudevant, bekam zwei Kinder von ihm und hatte drei Jahre später genug von Gatten und Ehe. Sie war einunddreißig, als nach einem durch zehn Jahre geführten Prozeß ihre Ehe geschieden wurde. Der Gatte konnte bereits seine Frau der Verfasserschaft unzüchtiger Bücher bezichtigen, aus denen hervorgehe, daß sie in die Geheimnisse der niederträchtigsten Ausschweifungen eingeweiht sei, denn 1831 hatte sie ihren ersten Roman veröffentlich unter dem Pseudonym Sand, das sie sich aus dem Namen ihres ersten Liebhabers Sandeau geschnitten hat. Sie war, mit vielen Männern liebend beschäftigt, dabei, ihre Geliebten in ihren Büchern zu begraben, die so wie die Friedhöfe sind.

Zu Mérimée sagt sie am ersten Abend einladend: Komm, Prosper, du wirst sehen, meine Seele ist unverdorben. Sie entschleierte, als letzte Ressource, eine reine, keusche Jungmädchenseele. Da sie aber nicht mehr in dem Alter war, bekam diese Seele, in breite Formen eingebettet, etwas Mütterliches. Ihr fataler Geschmack ließ sie immer Männer suchen, deren rasche Ermüdung stärkere Reize brauchte, als sie geben konnte. Sie schrieb in den Pausen ihre Romane und fand für die Geliebten, die litten und klagten, die passenden Worte nicht. Ihr erotisches Vokabularium war das einer pflegenden sorgenden Mutter. Sie nannte ihre Geliebten Kindchen, Chopin auch einmal mein teurer Leichnam. Aus ihrem erotischen Versagen gewann die Sand die Notierung von der Schlechtigkeit der Männer. Das Blut, das sie aus ihren Geliebten saugte – es war dünn –, wandelte sich in ihrem Munde sofort zu Tinte. So konnte sie nie sagen, wie das Blut schmeckt, und machte aus der Liebe Literatur, viel gelesen von Frauen, die als junge Mädchen präpariert worden waren, sich an einem Idealbild der Liebe über die Trümmer ihrer Wirklichkeit zu trösten oder ihrem Ehebruch daraus eine Weihe zu geben.

Eine Zeit, deren Stich- und Kennwort Bereichert Euch! war, engagierte die Energien und Phantasien der Männer auf einem ganz andern Gebiete als dem der Liebe und weit intensiver, als dies es je vermocht hatte. Man verausgabte als gut bürgerlicher Mann in Geschäften an diese Angelegenheit der Liebe nicht mehr, als daß man ein junges Mädchen aus guter Familie heiratete, Kinder bekam und, wenn es schon durchaus sein mußte, sich für die mangelnden Reize der Frau bei einem gefälligen Mädchen heimlich entschädigte. Deren es mit jedem Tage mehr gab. Denn mit den konventionellen Ehen nimmt die Prostitution zu als deren Korrektur. Der anämischen Zerbrechlichkeit des gerade noch aufgebrachten Idealgebildes Liebe entsprach die strotzende Blutfülle der Gier nach dem Gelde, welche die Sinnlichkeit in ihren Dienst zwingt.

Die Kritik des Juste-Milieu, nicht nur die der ideologischen George Sand, sondern auch die des realistischen Balzac, bedient sich des moralisierenden Begriffes der sozialen Heuchelei, deren Geburtsstunde man in diese Epoche legt, als des wesentlichen Charakters der Menschen dieser Zeit. Die Heuchelei, etwas anderes scheinen zu wollen als man ist, wird als ein sittlicher Defekt konstatiert, und den Heuchlern, in deren Darstellung man ein Maximum von Realität erreicht, werden die reinen, unverstellten Seelen gegenübergestellt, die ein Maximum von Irrealität aufweisen: sie sind Wunschgebilde, deren Dimensionen mit keinem geläufigen Maß zu messen sind; sie sind reine Ideen ohne psychologisches Komplement; sie sind ohne sozialen Konnex. Sie sind nur Spätgeburten von Rousseaus natürlichem Menschen, schlechthin Tugendhafte in christlicher Färbung auch dann, wenn sie Korsaren oder Verbrecher darstellen sollten.

Der zwanzigjährige, bereits berühmte Musset rief im Anblick einer weiten Landschaft, vor die ihn sein Freund geführt hatte, aus: Welch schöner Platz, um sich umzubringen! Der Gedanke an den Tod war ein modischer Gedanke der Zeit zwischen 1820 und 1850, dem die französischen Romantiker häufigsten Ausdruck gaben. Die idealischen Liebespaare, die in ihrem Glück von Anbeginn an verzweifelnd Tränen vergießen, und diese Selbstmörder, welche ein utopisches Glück, eine Größe im freiwilligen Tode suchen, sie bewegen sich auf der gleichen Ebene dieser romantischen Mentalität. Ein französischer Historiker hat das mit Dokumenten aus der Zeit belegt, nicht solchen von Romanciers und Lyrikern, sondern mit Privatbriefen und Tagebüchern kleiner Leute, Handelsgehilfen, Kanzlisten, Studenten. Der Liebesbrief eines zwanzigjährigen Mediziners schließt: Aber vielleicht empfindest Du vor dieser verzehrenden Flamme einen unfreiwilligen Schrecken? Du fürchtest vielleicht, in meinen Armen zu sterben? Ich werde also für Dich den Vulkan, den ich in meinem Innern trage, auslöschen, oder ich werde ihm vielmehr befehlen, seine Hitze zu mäßigen; er wird nichts mehr von seinem Grollen hören lassen, sondern nur ein sanftes Murmeln, und sein Atem wird zart sein, und um Dich herum wird er nur beben, um Dich zu wiegen. So wünschen es auch die Frauen: sie träumen nur Leidenschaft, Erröten, Seufzer, Zergehen, Vernichtung. Eine Louise B. schreibt ihrer Freundin Marguerite T. auf deren ähnliche Geständnisse: Er offenbarte mir eine wahre Natur, eine Feuernatur, er nennt mich seinen kleinen Salamander. Ein gewisser F. teilt mit, daß er immer mit beiden Händen seine Brust zusammendrücken müsse, um den mächtigen Schlag seines Herzens zu bändigen; ohne diese Vorsicht würde er vor Gefühlen zerspringen. Pierre B. hat drei Wochen seine Geliebte nicht gesehen; er schreibt ihr: Im Walde brüllte ich wie ein Dämon; ich wälzte mich auf der Erde; ich biß mich in die Hände, daß Blut floß, und ich spie das herausgebissene Fleisch gegen den Himmel ... ich hätte am liebsten auch mein unglückliches Herz herausgespien. Je weniger die Wirklichkeit solchem Gefühl entsprach, um so hitziger warf es sich in seine egoistische Traumwelt. Ein junger Selbstmörder schreibt: Warum eigensinnig an einem Tisch sitzenbleiben, wenn es da statt des versprochenen Festmahles nur ein ganz gemeines und fades Essen gibt, das einem den Magen umdreht? Ein anderer, dem die Grenzen des Daseins zu eng sind, schreibt: Nur der Tod ist gut, nur der Tod ist wirklich, denn er hat die Ewigkeit für sich. Die eben erwachende und sich reckende Brutalität des modernen Lebens, wie sie Balzac in seinen Unternehmern, Strebern, Arrivisten und Dirnen darstellte, erschütterte die Sensibilität der ungenügend Ausgerüsteten bis in die Wurzel. Sie flüchteten mit ihren Idealen in den Tod, vor der Nichtigkeit alles Lebens.

Der auf die Suche nach seinem persönlichen Glück losgelassene, aus den herkömmlichen Schranken entsprungene Mensch, das ist der Mensch des Juste-Milieu, ob er Vautrin heißt oder Gobsek, Rubempré oder Rastignac, Cousine Bette oder Frau von Nucingen. Ob er Bankier, Parfümeriehändler oder ein jugendlicher Selbstmörder ist, Dirne oder fromme Dame. Die Schranken sind zerbrochen, die Bahn für jeden ist offen, jeder kann Ideale haben wie er sie mag. Das Erotische zerfällt in seine Einzelteile, die es zusammensetzten. Es wird bis ins Nachgeben an die Perversion sinnliche Lust mit skeptisch-höhnender Ablehnung jedes Gefühlswertes. Es wird platte Sentimentalität, die sich vom Sinnlichen als dem Häßlichen überempfindlich abwendet. Und über alle Maße bedeutungsvoll wird in diesem Prozeß das Ferment der Prostituierten aller Grade als die immer für den Mann, den reichen wie den armen, den jungen wie den alten, den Gatten wie den Ledigen, gegebene Gelegenheit. Das institutionelle Gegenstück zum jungen Mädchen war in das erotische Zentrum der bürgerlichen Welt gestellt.

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