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Formen der Liebe

Franz Blei: Formen der Liebe - Kapitel 30
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authorFranz Blei
titleFormen der Liebe
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Der empfindsame Stil

In Frankreich brachte das Rousseausche Evangelium vom natürlichen Menschen den Terror, in Deutschland Werthers Leiden, in England Shelley. Kein Zweifel darüber, wo man erfolgreicher revolutionär war im Sinne einer neuen Geistigkeit: ob unter dem höchst korrekt beschnittenen Pariser Freiheitsbaum, wo man römische Republik mit genferischer Tugendhaftigkeit spielte, oder unter den deutschen und englischen Jünglingen, welche, um frei zu sein, sogar exzentrisch zu sein sich nicht scheuten.

In Frankreich taucht um 1750 das Wort sensibilité auf und wird nach dem Erscheinen der Neuen Heloise von Rousseau 1761, Schlag- und Modewort der Empfindsamen, zumal in den nun zahlreich auftretenden Frauenromanen, welche die gefühlsreiche Tugend, Verzicht, Leid, Schmerz, Freundschaft schöner Seelen der nichts als sinnlich-frivol genießenden, die Frau nicht erhöhenden Liebe entgegenstellen, als den höheren Wert. Mit dieser Neuentdeckung der sensibilité und der passion beginnt der Abbau der rationalistischen Welt. Früher als die Denker sind zu diesem Werke die Frauen aufgestanden. Und die libertine Literatur beeilt sich, um nicht aus dem zu fallen, was sie für eine Mode hält, auch ihrerseits empfindsam zu werden, und macht als Mode diese Empfindsamkeit mit bis spät hinein zu Kotzebue und Langbein und Clauren, wo ihr schon nichts mehr in der Wirklichkeit mehr entsprach. Bestehen blieb aber für alle weitere Zeit die Anschauung, daß alle wahre Liebe unglückliche Liebe sei. Wie glücklich war ich damals, als ich unglücklich liebte, klingt der paradoxe Seufzer.

Julie in der Neuen Heloise stirbt, Werther erschießt sich. Zahllos ist ihre literarische Deszendenz. Ich liebte sie zu sehr, um sie besitzen zu wollen, steht ja in den Bekenntnissen und wörtlich auch so in einem Briefe Rousseaus an Frau von Houdetot 1757. Achtzig Jahre später liest man die Variation in Sainte-Beuves Roman Wollust: Sie begriff nicht, daß lieben der Feind des Liebens ist. Der Mann hatte in dieser Sache das Wort nicht mehr.

Das ganze achtzehnte Jahrhundert hindurch suchten sich die irrationalen Gefühlswerte der Liebe – Opfer, Verzicht, Leid – mit dem rationalistischen Überbau abzufinden, mit der Tugend, der Ehe, der bürgerlichen Anständigkeit, den Forderungen einer Moral, die christlich ist, die man aber für menschlich hält. Man dachte mit Voltaire und fühlte mit Rousseau. Ein Jahrhundert später variierte man, indem man von Maurice Barrès sagte, er frühstücke mit Stendhal und esse mit dem heiligen Ignatius zu Abend. Lessing gab 1768 dem Stil das Kennwort: empfindsam.

Der Protest gegen die aristokratische Libertinage, der die Empfindsamkeit im Gefolge hatte, kam vom puritanisch-bürgerlichen England, und sein Wortführer war Richardson. Alles, war von der Sentimentalität seiner immer leidenden und duldenden Heldinnen entzückt, zumal die Frauen. Im pietistisch durchsäuerten deutschen Norden war der Boden für die Empfindsamkeit schon vorbereitet. Der Messias von Klopstock ist das Epos dieser Gefühlshaltung. Die Liebenden im Werther und in Müller Siegwart schwören über den aufgeschlagenen Seiten des Gedichtes die ewige Treue. Mit einem religiös durchsetzten Erotismus des Gefühles glaubte man des Sinnlichen Herr zu werden. Schlug die Flamme durch, so empfahl sich, wenn man nicht in den freiwilligen Tod flüchtete, allerlei und zumeist die moralisch-christliche Methode, die Flamme zu ersticken oder das kleine Herdfeuer damit zu unterhalten. Das führte in Niederungen, aber auch in Höhen. Das empfindsame Frauenideal, sanft, zärtlich, wohltätig, stolz und tugendhaft und betrogen, enthielt die Möglichkeit zu der sich einordnenden Gattin sowohl wie die Möglichkeit der heroischen Frau, die Jean Paulsche Titanide, die sich über das Konvenü setzt und untergeht.

Das empfindsame Frauenideal ist durch das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch der beliebteste Sauerteig, die etwas träge Teigmasse der Bürgerlichkeit zum nötigen Gären zu bringen, damit das Hausbrot genießbar werde. In der Gartenlaube hat dieses Ideal um 1865 sein schlichtes Monument bekommen. Etwas später bricht aus diesem Idyll die sich mißverstehende Frau als unverstandene Frau aus. Es wird davon noch die Rede sein.

Das sanft brennende Herdfeuerchen der Empfindsamkeit genügte, alte Knochen daran zu wärmen. Die neue Generation holte sich davon nur, was sie brauchte, um ihre Fackeln anzuzünden. Denn sie hatte den Sturm und den Drang in sich. Da nimmt die Liebe zu Charlotte Buff, die der andere einem wegholt, weil er der wohlgeborgene sichere Philister ist, so ganz das Leben ein, daß wenigstens im Roman Werthers Leiden, dessen Verlust notwendige Folge wird. Hier hat einer mit der Liebe alles verloren. Goethe muß selber zugeben, daß Kestner einen bessern Ehemann, wenn auch schlechtern Geliebten abgeben wird als er. Verläßt Wetzlar und überläßt das Paar seinem ehelichen Glücke. Die nächste Generation ist nicht mehr so nachgiebig, weder an die Sitten der Gesellschaft noch an den Pistolenschuß, denn wenn sie es auch anders behauptet ist sie sinnlich schon schwächer geworden, aber neugieriger. Sie sagt von sich: dämonischer. Auch Roquairol, der Titane in Jean Pauls Roman, der die Schwester seines Freundes verführt, weiß dazu keinen andern Grund als kleine Lust, die aus tiefster Langeweile kam, und sagt dann: Ich verlor nichts – in mir ist keine Unschuld – ich hasse die Sinnenlust; der schwarze Schatten, den einige Reue nennen, fuhr breit hinter den weggelaufenen bunten Lustbildern der Zauberlaterne nach; aber ist das Schwarze weniger optisch als das Bunte? Auch dieser Roquairol erschießt sich, aber der Schuß fällt nicht wie der Werthers im Leben, sondern auf der Bühne, aber doch auch hier tötend. Roquairol hat Albanos Geliebte im Dunkel besessen, sich für Albano ausgebend. Gleich darauf spielt er in einem Stücke eine Rolle, die mit einem Selbstmord endet: er begeht ihn wirklich. Er benutzt, bereits ganz romantisch, die schöne Gelegenheit. Der Schein ist bereits mehr als das Leben selber.

Liebe ist dieser Generation nicht Freigeisterei der Leidenschaft, wie der junge Schiller ein später ganz umgearbeitetes und Der Kampf betiteltes Gedicht Frau von Kalb überschreibt:

Woher dies Zittern, dies unnennbare Entsetzen,
Wenn mich dein liebevoller Arm umschlang?
Weil dich ein Eid, den auch schon Wallungen verletzen,
In fremde Fesseln zwang?
Weil ein Gebrauch, den die Gesetze heilig prägen,
Des Zufalls schwere Missetat geweiht?
Nein – unerschrocken trotz' ich einem Bund entgegen.
Den die errötende Natur bereut.
O zittre nicht – Du hast als Sünderin geschworen,
Ein Meineid ist der Reue fromme Pflicht,
Das Herz war mein, das Du vor dem Altar verloren,
Mit Menschenfreuden spielt der Himmel nicht.

Sie hat zwei große Dinge, große Augen, wie ich noch keine sah, und eine große Seele, beschreibt sie Schillers Nachfolger in der Liebe, Jean Paul, der sie in der Linda des Titan als Titanide verewigte. Wie der davongejagte oder davongelaufene Hauslehrer Hölderlin Frau Susette Gontard als Diotima.

Liebe bedarf der Gesetzlosigkeit, erklärten alsbald die jungen Leute der ersten deutschen romantischen Generation. Und schickten sich an, das zu beweisen. Das hatte die Generation Goethes nicht erst oder noch nicht nötig. Ach, hier sind Weiber! ruft Jean Paul bei seinem Weimarer Besuch aus. Hier ist alles revolutionär, und Gattinnen gelten nichts. Alles weitere könne er dem Freunde nur mündlich schildern. Wobei man nicht vergessen darf, daß Jean Paul aus einem kleinsten Provinzstädtchen kam, den die Kühnheit Wielands schon umwarf, der, um aufzuleben, seine frühere Geliebte, die La Roche, ins Haus nahm, wie Goethe die Vulpius, wie Schiller seine von ihrem Gatten getrennte Schwägerin Karoline. Aber Jean Paul erkannte: Eine geistigere und größere Revolution als die politische und ebenso mörderisch wie diese schlägt im Herzen der Welt. Es war das deutsche Manko dieser Revolution, daß sie sich nur ganz individuell und gewissermaßen inwendig vollzog – die innere Freiheit war der Titel ihres Stolzes. In der äußern Freiheit war sie zu jedem Kompromiß bereit, wozu es aber gar nicht kam, denn man verlangte dort nichts, und es war daher hier in nichts nachzugeben nötig. Es war ein Kinderspiel für den Polizeistaat, die Jugend dieser Nation 1814 mit den Befreiungskriegen zu düpieren.

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