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Formen der Liebe

Franz Blei: Formen der Liebe - Kapitel 29
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authorFranz Blei
titleFormen der Liebe
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Der Marquis de Sade

Die Grausamkeit ist nichts anderes als die menschliche Energie, an der die Zivilisation noch nichts zu verderben vermochte. Und darum ist sie eine Tugend und nicht ein Laster. Dieser Satz steht in des Marquis de Sade Philosophie dans le boudoir, einem Buche kalter Obszönität, das den Situationswitz des jüngeren Crébillon ohne Talent nachahmt und nicht besser ist als des Marquis andere pornographischen Kolportageromane, nur kürzer.

Vielleicht ist die Liebe nichts anderes als das Raffinement des Hasses, riskierte einmal eine Frau zu sagen. Daß der mimische Ausdruck der höchsten Lust eine frappante Ähnlichkeit mit der Mimik der Grausamkeit zeigt, ist oft bemerkt worden. Aber seelische Schmerzen und Zahnschmerzen werden aus dem Gesichtsausdruck kaum zu unterscheiden sein. Tatsache bleibt, daß sich nicht selten der zärtlichen Geste die brutale beimengt.

Wäre der Marquis Sadist gewesen, er hätte das nach ihm benannte System wahrscheinlich nicht geschrieben. Die Geschichte von der an einem kleinen Feuer langsam gerösteten oder mit einem Federmesser bearbeiteten Rose Keller in Arcueil ist erfunden – vielleicht von Sade selber aus Spaß an der Verblüffung erzählt.

Donatien Alphonse François Marquis und später Graf de Sade stammt am 2. Juni 1740 geboren, aus einer der ältesten Familien der Provence. Er zählt unter seinen Ahnen Hugues III., der Laura de Noves, durch Petrarca berühmt geworden, heiratete. Teils aus Anlage, teils in Erinnerung an diese berühmte Laura gefällt sich Sade in der lyrischen Sensibilität, wie sie Zeitgeschmack war. Bei den Carabiniers Leutnant, bringt ihn der Siebenjährige Krieg nach Deutschland. Wieder in Paris, heiratete er 1763 die ältere Schwester des Mädchens, das er liebte.

Vier Monate nach seiner Verheiratung wurde der Marquis zum erstenmal eingesperrt. Unbekannt blieb, weshalb. 1768 gab's jene Geschichte mit der Witwe Keller. Sehr wahrscheinlich hat Sade selber für die Verbreitung dieser und ähnlicher Geschichten gesorgt, um sich interessant zu machen und um seine Frau loszuwerden. Wegen der Keller wurde er für sechs Wochen in Lyon eingesperrt. Einige Zeit darauf verurteilte ihn in contumaciam das Parlamentsgericht von Aix zum Tode, ein Urteil, das 1778 kassiert wurde. Das Urteil dürfte wegen Entführung gefällt worden sein, denn Sade floh mit der jüngeren Schwester seiner Frau nach Italien. Bei seiner Rückkehr wurde er gefangen, eingesperrt und von seiner Freundin befreit. Er wurde wieder eingefangen und in Vincennes festgesetzt. Hier bleibt er fünf Jahre. 1784 wird er nach der Bastille gebracht. Er hatte da in seine Zelle eine Dachrinne bekommen, durch die er sein Waschwasser und andern Unrat durch sein Fenster entleeren mußte, das auf die Rue Saint-Antoine ging. Dieser Dachrinne bediente er sich als Sprachrohr, um die Passanten der Gasse zu harangieren, daß man die Gefangenen der Bastille erdrossele und daß man sie befreien möge. Es gab damals nur sehr wenige Gefangene in der Bastille, und keiner wurde erdrosselt. Die paar eingesperrten Leute führten mit ihren Aufsehern das gemütlichste Leben. Das Sprachrohr genügte dem Marquis nicht. Er warf Zettel auf die Straße mit genauen Beschreibungen der entsetzlichen Martern, welche die Gefangenen zu erdulden hätten. Es ist nicht ohne Witz, daß es gerade der Marquis de Sade war, der so den Sturm auf die Bastille anregte, den er übrigens von innen nicht erlebte. Wenn auch nicht in Freiheit. Der Kommandant der Bastille, der sich mit den andern Insassen so gut vertrug, beantragte die Entfernung des ihm lästigen querulierenden Gefangenen, die am 4. Juli erfolgte, zehn Tage vor dem Sturm. Sade kam ins Narrenhaus zu Charenton, das er im März 1790 auf ein Dekret der Assemblée constituante verließ. Seine Frau wollte nichts mehr von ihm wissen, ließ sich scheiden und ging ins Kloster, wo sie 1810 starb. Nun begann Sade zu veröffentlichen, was er in den Jahren seiner Haft geschrieben hatte. Stücke wurden von ihm in Paris und Versailles ohne Erfolg gespielt. Es ging ihm recht schlecht. Er hatte nichts zu leben. Im Juli 1800 veröffentlicht er Zoloé et ses deux acolytes, einen Schlüsselroman, der großen Skandal machte. Man erkannte den ersten Konsul, Joséphine, Madame Tallien, Madame Visconti, Barras usw. Im März 1801 wird Sade verhaftet und nach Saint Pélagie und von da ins Spital von Bizêtre gebracht, als Narr schließlich wieder nach Charenton, auf Befehl Napoleons, der damit nicht für die in schönes Maroquin gebundenen Romane quittiert, die ihm Sade geschickt hatte, sondern für jenes Pamphlet gegen Joséphine. In Charenton stirbt er im Jahre 1814. Er ist fünfundsiebzig Jahre alt geworden.

Sade hat siebenundzwanzig Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht, davon vierzehn im kräftigsten Alter. Das könnte seine Literatur erklären. Als die mächtigste Energie und den heftigsten Instinkt des Individuums hatte er die Lust an der Vernichtung erkannt, mit ihren Vorlüsten Qual und Grausamkeit. Anfangs peinigte ihn diese Erkenntnis, die der erlernten Moral des Rousseauschülers entgegenläuft, bis er den Satz, daß die Natur gut ist, umkehrt zu dem: Die Natur ist böse. Es ist noch immer die Metaphysik des achtzehnten Jahrhunderts, die er ausdrückt.

Metaphysische Systeme können geistvoll oder langweilig sein, richtig oder falsch nie. Sade gibt der Natur ein Gesicht, Rousseau gab ihr ein anderes. Den Tod und die Liebe bildeten die Alten als Geschwister. Der Marquis hob das für sich auf, indem er den Tod in die Liebe zwang und zum dienenden Genossen machte. Aber er kokettierte nur mit den wilden Instinkten armer Zurückgebliebener.

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