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Formen der Liebe

Franz Blei: Formen der Liebe - Kapitel 27
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authorFranz Blei
titleFormen der Liebe
publisherPerlen-Verlag
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Casanova

Der Abenteurer hat etwas vom Narren und etwas vom Weisen. Er gibt dem Leben, das er ganz als seine Angelegenheit, als seine Schöpfung nur kennt, einen so hohen Wert, daß er es nie aus den Augen verliert, nie in fremde Hände gibt. Er ist immer der auf sich Aufmerksame, lebt mit dem Degen in der Hand. Und er gibt ihm wieder nicht den geringsten Wert – und hier scheidet er sich vom gewöhnlichen Betrüger –, da es ihn immer wieder treibt, sein Leben um höheren Einsatz zu wagen. Er gibt keiner Situation die Dauer. Er setzt sein Leben ein –, um es immer wieder gewinnen zu können, gewinnt es, um es sofort wieder ins Spiel zu werfen. So lebt der Abenteurer erst im Maximum der dramatischen Spannung wirklich, um derentwillen allein er alles unternimmt. Dafür macht er Verse, Gaunereien, Duelle, Gold, Reisen, Liebe. Der Abenteurer müßte wie der Soldat im Felde sterben, um seinen Sinn ganz zu behalten. Er darf nicht in Pension gehen, darf nicht wie der hübsche Buck Valey nach fünfzig Jahren Abenteuer Hausherr und braver Familienvater werden. Und nur, weil er seine Erinnerungen aufschrieb und so sein Leben zum andern Male lebte, übersieht man es, daß der alte Casanova in Dux eine komische Figur machte, daß er boshaft, kratzbürstig, rechthaberisch, eitel, gefräßig und etwas kindisch wurde. Der Sinn seiner Existenz war in ihm noch lebendig, aber es half ihm kein Körper mehr, diesen Sinn aktiv zu machen. Also schrieb er. Und schrieb:

Der Leser wird aus meinen Erinnerungen ersehen, daß ich niemals ein bestimmtes Ziel im Auge gehabt habe, und daß das einzige System, das ich hatte – wenn es überhaupt eines ist –, darin bestand, mich von Wind und Wellen treiben zu lassen ... Meine Abwege lehren vielleicht den denkenden Leser, wie man sich über dem Abgrund in Schwebe hält. Es kommt nur darauf an, Mut zu haben. Casanova ist ein Typus menschlicher Energie, wie ihn zuerst die Renaissance im Condottiere aufbrachte, prachtvoll von der Zeit, die ihm Form gab, variiert. Aller Reichtum der Linie, alle Lebhaftigkeit der Farbe, alle Anmut des Details und alle Öffnung in große historische Perspektiven würden nicht hinreichen, das oft Fesselnde dieser Erinnerungen des Venezianers zu erklären; mit all dem würden sie nicht viel mehr bedeuten als etwa die Memoiren, die der Page Graf Tilly schrieb und die nicht weniger galante Abenteuer berichten als Casanova, dem es gar nicht auf eine Liste ankam, auf Trophäen, im Salon zu zeigen.

Casanovas Frauen: alle sind sie ihm dankbar, und es vergessen ihn nur jene, die er in gottverlassenen Stunden sich selber vergessend nahm als eine kleine Gelegenheit. Das war im Leben dieses außergewöhnlich sinnlich begabten Mannes selten genug. Seine Regel ist, daß ihn die Frau bis in den Grund so erschüttert und zum Äußersten steigert, wie es der gemeine Mann mit nichts als seinem Sexualappetit nie erlebt. Die Frau entzündet ihn so ganz, daß er ein Verzauberer wird, und seine Magie reißt die Frau fort – sie erlebt einen Helden, der alles um sie wagt; sie fühlt sich als höchsten Wert über alles Leben gesetzt. Und gibt sich so ganz entbunden diesem Manne hin, daß sie für später mehr als eine Erinnerung an eine Liebesaffäre behält; sie geht so auf in ihm, daß sie sich aus diesem Manne nicht mehr nehmen kann, ohne zu verarmen. Casanova hat seine Frauen reicher gemacht als sie waren, und das im Vergessen zu verlieren hütet sich jede. Darum ist sein Zorn so maßlos, wenn ihn ein böser Augenblick zu der Unwürdigen verleitet: als Strafe Gottes faßt er dann die zuweilen üblen Folgen, als Strafe für die Sünde an seiner Seele.

Es ist ein Irrtum, anzunehmen, daß sich die Qualität des Moralischen ändere. Es ändert sich nur der Modus des öffentlichen Verhaltens zu dem, was man unter dem Moralischen begreift. De facto begibt sich moralisch immer das gleiche: daß man öffentlich etwas mißbilligt, hindert nicht, daß man es heimlich tut, und daß man heimlich etwas nicht tut, hindert nicht, daß man öffentlich es zu tun behauptet.

Casanova traf einmal in Barcelona einen Ruffian und erzählte dem, was er über einen gewissen Manucci wußte, zum Beispiel daß er seinen Namen mit Unrecht trüge. Mit diesem Manucci war Casanova befreundet, und er redete ganz ohne Malice über ihn, bloß des Schwatzens wegen, aus Unachtsamkeit, und jener Ruffian profitierte davon zum Schaden des Manucci. Dieser Verrat aus Leichtsinn ist das einzige, was Casanova sich ernstlich vorwirft und sich nie verzeiht, daß er, der immer Aufmerksame, einmal ganz gedankenlos albern war. Kein Zweifel: die Zeit kam Casanova in dem entgegen, was er sich aus seiner Kondottierennatur heraus zu seiner Moral gemacht hatte, und die Avantgarde dieser Zeit waren die Frauen, ihre als Sklavinnen maskierten Tyrannen. Man entdeckt die Frau immer, hört sie im Schatten lachen, wo irgendein Mann agiert, reimt, redet, befiehlt. Das Wissen der Frau um ihre Macht steigert sich bis zum Wahn, wie bei jener Dame, die eine Freundin, die die Sonnenfinsternis zu sehen versäumt hat, tröstet: Laß gut sein, ich stehe mich gut mit Herrn von Canini, er läßt die Geschichte wiederholen. Casanova bedurfte nicht des Rates, den ein Jesuit dem jungen Rousseau gab, sich viel mit Frauen abzugeben, denn durch sie geschehe alles. Aber man irrte, wenn man aus der reichlichen Benutzung dieses Mittels der Frauen in Casanovas Leben die Frau als Zweck bestimmen wollte, und irrte, suchte man in ihnen nichts als ein Mittel. Casanova will ja nichts über den Augenblick hinaus erreichen, tut nichts, was ihm irgend später einmal nützlich werden sollte – nützte es ihm, so hatte er es nicht darauf abgesehen. Die Selbsterkenntnis, die er sich zusprach, besaß er ja zu seinem Glücke nicht – er ist nie sein eigener Sekretär geworden, auch im Alter nicht, als er seine Jugend mit romantischer Naivität und durchaus nicht als ein objektiver Moralist niederschrieb, der von sich eine klare Formel hat, die ihn über das, was er lügt, wegbringt. Casanova dichtet, aber er lügt sich nicht zurecht wie alle jene, die sich selbst erkennen. Eingebildet ist er auf das, womit seine Zeitgenossen nicht weniger gelangweilt hat, auf seine klassische Bildung, seine Homerübersetzung, seine Virgilkenntnis, seine Mathematik. Da stellt sich fast ein ausgemachter Pedant vor. Die Quadratur des Kreises gefunden zu haben, hätte er, gefragt, auf dem Sterbebette sicher als den Zweck seines Lebens angegeben. Er ist das Zweigesichtige des Jahrhunderts, das auch diesem so robusten Menschen von unten den rätselhaften Aspekt gibt, der allen Figuren dieser Zeit eigen ist. Er ist Pedant und Falschspieler, Zyniker, dem kein Bekenntnis schwer wird, und Empfindsamer, der über anderer Unglück Tränen vergießt. Rousseau steckt seine Kinder ins Findelhaus und traktiert über Erziehung. Diderot baut die Enzyklopädie auf und schreibt die Verliebten Kleinode. Der Geist der Gesetze und Der Tempel von Gnidus haben denselben Verfasser. Der schwere Buffon tadelt ein Buch, weil man merkte, daß es nicht auf den Knien einer Frau geschrieben sei. Der heute noch nicht beendete Prozeß hatte begonnen: die Auflösung der Form, einmal durch die Aufklärung, dann durch deren Folge, die Entdeckung des Gefühls. Als Kind seiner Zeit war Casanova auch ein starker Ausdruck dieser Zeit. Er bediente sich der Gesellschaft, um gegen sie zu leben, er nahm die Formen auf sich, um sie zu sprengen. Er war auf seine Weise ein Rebell wie die andern.

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