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Formen der Liebe

Franz Blei: Formen der Liebe - Kapitel 21
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authorFranz Blei
titleFormen der Liebe
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Der galante Schäfer

Der Krieg um den lieben Gott und das, dem er als Vorwand diente, tobte sich ein Jahrhundert lang auf deutschem Boden aus. Luthers wilder Schlachtruf gegen die Bauern kostete sie das geistige Leben. Aber in die kleineren Leute, in die Handwerker, war der Aufruhr der Seele gekommen und nicht mehr mit der offiziellen lutherischen Kirchlichkeit zu beruhigen, auch nicht mehr mit der katholischen. Das suchte und sann. Verbrüderte sich in Bünden, Gemeinden, Sekten. Die Forderung zur Flucht nach innen wird laut. Der Verzicht und die Askese haben ihre Wiedergeburt. Trügerisch ist und nur augenblicklich, was in dieser Welt wie Schönheit und Frieden aussieht. Und die von dieser religiösen Inbrunst Ergriffenen finden für sich ein verlorenes Gut wieder, sich mitzuteilen: die deutsche Sprache:

Wo ist mein Brunn, ihr kühlen Brunnen?
Ihr Bäche, wo ist mein Bach?
Mein Ursprung, dem ich gehe nach?
Mein Quell, auf den ich immer sinne?
Wo ist mein Lustwald, o ihr Wälder?
Ihr Ebenen, wo ist mein Plan?
Wo ist mein grünes Feld, ihr Felder?
Ach, zeigt mir doch zu ihm die Bahn!

verzückt sich Scheffler, um dann zur alten Kirche zurückzukehren, wo Psyche begehret ein Bienlein zu sein auf Jesu Wunden.

Das Kirchenlied verinnerlicht sich zur reinen Musik: Bach. Oder wird banaler Gesangbuchtext, was wieder zur Musik führt. Das deutsche Volk, schuf sich aus seelischer Not die musikalische Kunst. Das kaiserliche Wien, gibt dem Barock im Schaustück und Tonwerk den höchsten Ausdruck. 1659 wird hier von Leopold I. das große Opernhaus auf dem äußeren Burgplatz gebaut. Die Festlichkeit dieses Hofes und seiner Veranstaltungen in Tanz, Musik und Vortrag, vom Volk mitgelebt, hat selbst am Pariser Hofe des vierzehnten Ludwig keinen Rivalen, trotzdem der König selber in Balletten auftrat. Diese hochgetriebene süddeutsche Kultur speist und nährt den verarmten Norden, weist ihm den Weg aus der Not, der eignen Dürftigkeit die Politesse zu suchen, welche das Rohe des eignen Empfindens verhüllen sollte. Da steht dann oft nur die üppige Dekoration. Entliehene Masken agieren. Man übersetzt was immer man bei den ob ihrer Zivilisation verehrten Nachbarn, italienischen, spanischen, französischen, findet als Ausdruck eines Lebens, das man bewundert und gern zum eignen Leben machen möchte. Wo eigenes Leben nur den gewöhnlichen Ablauf eines Ratsherrn in einem Städtchen hat, in braver Verheiratetheit, pedantisch-gelehrtem Disput, mit Kindern eine Schar und allen Nöten eines durch den Krieg erschütterten Daseins. Oder man sitzt auf seinem Rittergut inmitten einer heruntergewirtschafteten Bauernschaft, einsam und abseits, und fiebert sich unter schlesischen Regenwolken eine asiatische Banise, die alles aufnimmt, was man an heimlicher Krankheit besitzt und anders nicht loswerden kann. Man kommt wahrhaftig häufig durch die Worte, Metaphern und Figuren zu einem Leben, das mehr Gestalt hat als das wirklich gelebte. Besonders wenn sich alles ins Geschlechtliche auflöst. Nicht nur in den Gedichten um eine nicht vorhandene Geliebte mit mythologischem Namen. Auch in Denk- und Dankaltaren für eine wirkliche verstorbene Mutter, wo sich die Trauer nicht anders ausdrücken kann, so überwältigt ist sie von den Worten, als in einem ungeheuerlichen Schwelgen in Verwesung, in einem Bluttaumel vor dem zerfetzten Leichnam. Man erstickt in Bildern und Metaphern; nicht anders als die Mystiker derselben Zeit; es macht keinen Unterschied, ob sich der närrische Quirin Kühlmann durch die Himmel schleift oder Lohenstein seinen Arminius durch Bordell und Schlachthaus. Man ist trunken von dem sprachlichen Gewinn, daß man seines Eigenen gar nicht gedenkt, sondern nur dessen, was man sich als das Leben vorstellt, in dem sich, nach der Grundhaltung dieser Zeit, Verwesung und Wollust aufs engste berühren:

Es wird kein Mensch sich recht entmenschen können,
Mensch muß nur Mensch und Engel Engel sein.

Das war auf unfreundlichem Boden das Maximum von Frucht. Das war das äußerste an Freiheit und Zähmung sinnlichen Lebens, das unter dem neu hergestellten Christentum beider Konfessionen zum Vorschein kam. Man war, alles spricht dafür und nicht nur die Not des kaum überstandenen Krieges, sicher stärker aufgewühlt vom Religiösen als vom Weltlichen, auch echter, wie Spee, wie Logau, wie Scheffler zeigen. Der schärfer ansetzende Sporn der neuchristlichen Mystik provozierte das Fleisch. Das deutsche Leben der oberen Schicht, die Höfe, der Adel, die Beamtung quälten sich – denn dieses Leben war primitiv und barbarisch – in das Konvenü des Schäferstiles, und beinah entstand etwas wie Gesellschaft, das ihm Leben gab. So im habsburgischen Wien, wo es sogar vor Leben strotzte. Viel weniger im deutschen Norden und Osten und dort, wo man lutherisch und kalvinisch war. Da verkam und verkümmerte die Mühe, weil sie zu schwach und schwächlich war, das Ganze des Volkes mitzureißen. Der galante Schäfer konnte die Nation nicht über ein verlorenes Jahrhundert ihrer Bildung hinüberretten. Noch ganz im Konvenü dieses verblaßten Stiles setzt Guenther ein, bringt es aber schon ins Zerreißen durch sein Persönliches. Wie es denn von da ab die Persönlichkeiten sind, welche im Sturme die Zeit einholen, die dem deutschen Volke verlorengegangen war; aber es blieb, was sie taten und hinterließen, ein Erbe in noch immer unsicheren Händen.

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