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Formen der Liebe

Franz Blei: Formen der Liebe - Kapitel 20
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authorFranz Blei
titleFormen der Liebe
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Der Preziöse Stil

Die Legende einer gefälligen Geschichtsschreibung ließ den Verfall der Sittlichkeit in Frankreich mit dem Tode Ludwigs XIV. eintreten, auf dessen Zeitalter sie alle Ehren häufte und es le grand siècle, das große Jahrhundert, nannte. Beides ist Legende oder politische Illusion. Das große Zeitalter hat zwei große Namen, Racine und Bossuet. Sie können die großen Namen der Zeit vor dem Sonnenkönig nicht in den Schatten drängen: Corneille, den Kardinal Retz, Larochefoucauld, Descartes, Saint-Evremond, Pascal und diese beiden größten: Molière und La Fontaine. Dieselbe Legende, die alles Licht vom Sonnenkönig ausstrahlen ließ, gab dem Morgen vor seinem Aufgang eine blasse Kühle, in der sich eine adelige, fromme, beredsame und folgsame Gesellschaft bewegte, deren pomphafte Tugenden Corneille ab- und aufschrieb. Man nahm einen gewollten Stil für die Sache selber, die Oberfläche für die Tiefe. Schon die Memoiren Saint-Simons konnten darauf aufmerksam machen, daß die sittliche Materie, das Menschliche, sich nicht ändert, sondern nur dessen Stilisierung, dessen Oberfläche.

Um diese Zeit entsteht der prüde Stil. Im Hôtel Rambouillet, wird er ausgekocht. Man liebt die deutlichen Worte nicht mehr. Der jesuitische Einfluß auf die Sprache wirkt sich aus. Man kann wohl etwas tun, aber soll es in den Worten nur andeuten, umschreiben, undeutlich lassen. Man wagt das Wort Hintern nicht mehr auszusprechen.

Die Gesellschaft dieser Zeit der Fronde war keineswegs, wie man annahm, hierarchisch konsolidiert in der Weise, daß man von Stufe zu Stufe aufstieg Generation nach Generation. Es war da ein rechtes Durcheinander aller Möglichkeiten. Daher die erzieherische Rolle der Frauen des Hôtel Rambouillet, über das Verschiedenartige der Herkunft das Einheitliche eines dezenten Ausdruckes zu legen. Daher der prüde Stil. Eine in sich feste einheitliche Gesellschaft hätte das nicht nötig gehabt. Aber diese Gesellschaft des 17. Jahrhunderts besaß diese Einheitlichkeit nicht mehr. Es gab schon Parvenüs und Arrivierte, und deren nicht wenig. Aubry, der Präsident des Rechnungshofes, kam aus einem Essigladen. Rocher, Diener eines Tuchhändlers, wird Baron de Tressan und verheiratet eine seiner Töchter an den Herzog von Brissac. Luynes macht sein Glück und ist der Bastard eines Kanonikus. Zahllos sind die Abbés, Bischöfe, Prälaten, die ihren Vater nicht kennen. Von den lässig bewachten Grenzen der verschiedenen sozialen Stände profitieren die Geschickten, die sich einschmuggeln. Man hält durchaus seinen Rang, begibt sich aber anerkennend zum persönlichen Verdienst. Ein Herzog ladet seinen Nachbar Seifenhändler, der ein Original ist, zum Frühstück ein. Nur ein gewisses individuelles Leben konnte das möglich machen. Man hatte Mut zu sich selber und konnte sich wagen. Die nötige Disziplin, die vor der Anarchie der Sitten bewahrt, ist die richtige Wahl. Man erinnere sich, daß in dieser Zeit die Regel der drei Einheiten in der Tragödie und die Methode des Descartes Methodische Skepsis: cogito ergo sum (Ich denke, daher existiere ich) erfunden wurden.

Kommt der Adelige in Verarmung, ist er nicht verachtet, so lange er seinen Platz ausfüllen kann. Erst wenn er, nichts taugend, nichts bedeutend, dies nicht mehr vermag, muß er abtreten. Seinen Platz nimmt sofort der Finanzmann ein, der feudalen Landbesitz kauft, eine Stelle, welche den Adel verleiht. Viele Adelige sind sehr reich, aber ihr Vermögen ist unter Kuratel. Der geistliche Stand gibt kein Anrecht auf Schätzung. Abbés und Bischöfe leben weltlich, manche sind heimlich verheiratet. Gewissensehen, wie man das Zusammenleben von Paaren nennt, sind Mode. Kurtisanen sind stadtbekannt und werden respektvoll behandelt. Der President de Mesmes bringt die Kurtisane Marion de l'Orme in seiner Zeremonienkutsche nach Hause. Ninon de l'Enclos hat nur von den Frommen Ärger. Frau von Sévigné läßt ihren Sohn von Ninon erziehen.

Unter den Valois, unter der Regierung der Marie Medici und Concinis war alles Aufstand, Anarchie. Das Blut ist in der Fronde nicht dünner geworden, die Instinkte nicht zahmer, die Passionen nicht schwächer, aber man sucht den geregelten Ausdruck. Man wagt alles und ist alles zu wagen fähig, aber man sucht seiner Kühnheit ein regelndes Gesetz zu geben. Allzu Feine werden preziös bis zur Lächerlichkeit – aber da ist man bereits unter dem vierzehnten Ludwig.

Wenn die Fronde ihr Ziel nicht erreicht hat, die absolute Monarchie in der Wiege zu töten, ist's nicht zuletzt die Schuld der Frauen und das Glück Richelieus, des Kardinals, der in seiner eisigen Kälte mit ihnen auch dann spielte, wenn sie mit ihm zu spielen glaubten. In allen Geistern dieser Zeit, in Pascal wie in Lafontaine, ist wohlverborgen Montaigne, der Apostel des Individuums, gegenwärtig, der seiner Zeit um hundert Jahre voraus war und der Lehrmeister dieser Periode der Energie. Es ist der Wille da, seine Kräfte in den Dienst einer Form zu stellen, welche die Mühe des Lebens wert ist. Um einige Bildnisse von Frauen dieser Zeit mit dem bekanntesten zu beginnen, dem der Ninon de l'Enclos: das heute populäre Bildnis dieser Frau dankt sein Leben einer Fälschung und ist falsch. Es baut sich aus Briefen der Ninon an den Marquis Sévigné, die 1750 ein Advokat Namens Damours erfand und veröffentlichte; sie sind Stil 1750, nicht 1650. Echte Briefe der Ninon gibt es fünfunddreißig und vierundzwanzig an sie geschriebene. Sie enthalten nichts, was Ninon als eine pedantische Lehrerin der Liebe Stil Dixhuitième zeigt.

Am ausführlichsten berichtet über Ninon Tallement. Er erzählt von ihr: Fourreau, ein dicker Bursch, der nur das eine Talent besaß, sich wunderbar auf Fleischgerichte zu verstehen, war soviel wie Ninons Bankier. Sie zog Wechsel auf ihn, und er bezahlte sie. Man sagt sich, daß er nichts dafür hatte. Sie sagte, daß sie an ihm eine Druckfäule bemerkt habe, so sehr behandelte sie ihn als Pferd. Oder: 1671 verliebte sie sich in einen Jungen aus meiner Bekanntschaft. Eines Tages bemerkte sie, daß der junge Mensch alle Frauen ansah, die vorbeigingen. Was soll das heißen? sagte sie und gab ihm keine schlechte Ohrfeige. Sie ist eben nicht mehr jung genug und traut ihrer Macht nicht mehr. Oder: Eines Tages zog man in ihrer Gegenwart Boisrobert mit seiner Neigung für Knaben auf. Aber, sagte er, es schickt sich doch nicht, so was in Gegenwart von Fräulein zu sagen. Darauf Ninon: Machen Sie sich nichts daraus, ich bin nicht so sehr Fräulein, wie Sie zu glauben die Güte haben. Oder: Der Präsident Tambonneau wollte, daß seine Gemahlin die Ninon Laute spielen höre, aber wie das arrangieren? Also, sagte die Dame, es muß eine spanische Wand zwischen uns stehen. Aber schau, meine kleine Frau, ich versichere dir, Ninon ist so anständig wie irgendeine Frau. Denk dir, sie hat eine Gardedame, Anna, die ist so prüde, daß sie die deine sein könnte. Diese Anna war nämlich die Geliebte des Präsidenten.

Bussy Rabutin, der Vetter der Sévigné, erzählt von des Herrn von Sévigné Verhältnis mit der Ninon und wie er das seiner Kusine hinterbrachte und ihr riet, sich doch auf gleiche Weise zu rächen. Rächen Sie sich, meine schöne Kusine, ich bin gern bei der Hälfte Rache dabei, denn schließlich sind mir ihre Schmerzen so teuer wie meine eigenen. Worauf die Sévigné sagte: Schöner Herr Graf, so wütend, wie Sie sich denken, bin ich über die Untreue meines Mannes doch nicht. Madame Sévigné besaß zuviel Geist und Bosheit, als daß sie dafür in Liebesabenteuern hätte Verwendung finden können, bei denen sie auf ihre Kosten gekommen wäre. Das traf nur Ninon, die sehr viel Geist und sehr viel Sinnlichkeit besaß und bei der das eine über das andere nicht zu kurz kam. Sie plänkelte sogar lesbisch mit der schönen Kollegin Marion de l'Orme.

Die Anekdote, daß die Achtzigjährige mit dem Abbé Gédoyn geschlafen hätte, nennt Saint-Simon einen Unsinn. Ich kann Ihnen nur sagen, daß mit achtzig Jahren ihr Gesicht die abschreckendsten Zeichen ihres Alters trug, ihr Körper hinfällig und ihre Lebensmaximen da sehr trüb und streng waren. Nach Voltaire war es der Kardinal Richelieu, der die ersten Faveurs der Ninon genoß – sie wahrscheinlich die letzten dieses großen Staatsmannes. Das ist, glaube ich, auch das einzige Mal, daß dieses berühmte Mädchen sich hingab, ohne erst ihren Geschmack zu fragen. Sie war damals auch erst sechzehn Jahre alt.

Als Tochter des wohledlen Herrn Henry de Lenclos, Stallmeister des Herrn de Saint-Luc, und der Demoiselle Marie Barbe de la Marche ist Ninon am 10. November 1620 zur Welt gekommen. Und sie hat sie verlassen am 17. Oktober 1705 im Alter von neunzig oder so, wie das Sterberegister der Pfarre Saint-Paul in Paris nur beiläufig von dieser Patriarchin sagen kann.

Cathérine de Vivonne: sie war auf Schloß Rambouillet die Marquise par excellence. Ihr letzter Biograph nennt sie die Schöpferin der französischen Politesse, dieses Schnittpunktes italienischer Haltung und französischer Intelligenz. Arthénice, wie man sie dem mythologisierenden Brauch nach nannte, hat 1636 sich in Rambouillet installiert. Sie exzellierte in Überraschungen für die Gäste. So führte sie den ahnungslosen und sehr schamhaften Bischof von Lisieux zu einem Boskett, wo Julie d'Angennes und ihre Freundinnen völlig als Nymphen verkleidet das lieblichste Schauspiel der Welt boten. Der gute Bischof war so entzückt davon, daß er die Marquise nie mehr sehen konnte, ohne von dem Boskett im Schlosse zu sprechen. Hercule de Lacger Seigneur de Massuguiès – in dem schönen Namen dieses Gascogner Kadetten und seinen Versen für Iris klirrt und flirrt die ganze Epoche. Sein Leben im Kampf jederzeit riskieren bis zur Raufboldigkeit des provozierten Zweikampfs, solcher Heroismus gibt auch der Liebe dieser Periode den heroischen Stil, in dem sie sich gefällt. Damit kann die Wirklichkeit aufs äußerste kontrastieren. Worüber man sich gar keine Gedanken machte. Iris war und blieb nicht keusch, und der Gascogner ertränkte seinen Schmerz in keinerlei Tränenflut. Sie verausgabten in ihren Versen – denn auch Iris dichtete – in so ausschweifenden Mengen Unschuld, daß ihnen davon für den täglichen Gebrauch nichts übrig blieb. Wie Tallement berichtet, der durch alle Schlüssellöcher schaute. Tallement, der in seinen Porträts die Dessous des preziösen Stils zeigt als ein auf die Fakten mehr als auf Prinzipien neugieriger Realist, was ihn von den Moralphilosophen La Bruyère und Larochefoucauld unterscheidet und ihn in die Nähe Molières bringt, kennt den animalischen Mechanismus der Leidenschaften, und dessen Spiel zu studieren ist sein Vergnügen. Unter der Regentschaft der Marie Medici geboren, ist er ein Mensch der Fronde geblieben bis in die Zeit des vierzehnten Ludwig hinein, dessen Hof er wohl nie gesehen hat, so ganz altmodisch zuhause war er bei Arthénise, in Rambouillet, im Marais. Von Pascal weiß er noch nichts, als daß er eine Rechenmaschine erfunden hat, von Lafontaine nur die ersten paar Contes. Dieses Aus-einer-andern-Zeit-Sein setzt ihn instand, unter der preziösen Oberfläche die Wirklichkeiten zu sehen und lieber zu sehen und aufzuzeichnen, als dieser Oberfläche Düpierter zu sein. So erfährt man von ihm, daß Montmorency unvermutet durchs Fenster bei der Marquise de Sablé eindringt, um sie zu verführen. So sagt er von Ninon das melancholische Wort: Sie wird alt, sie wird beständig ... So von der Marquise de Sablé, da sie nach dem Tode Armantières nicht mehr Liebe macht und findet, daß es Zeit sei, Frömmigkeit zu machen. Von der schönen Marion de l'Orme, daß sie ganze Vormittage lang ihre Füße ins Schaff Wasser stellte, weil ihre Nase oft rot wurde. Marion, die magnifique, dépensière et naturellement lascive war und die er in ihrem achtunddreißigsten Jahre auf dem Totenlager sah, mit einem Jungfernkranz ums Haupt. Oder von Montbazon, der sich mit einem Liebesknaben zu Bett legt und ihn wieder aufstehen heißt mit dem Vorwurf, sein Abendgebet nicht verrichtet zu haben. Tallements solides und gesundes Hirn sieht die lächerlichen Übertreibungen des preziösen Stiles, wie er Mode macht, und er stellt fest, daß er den guten Geschmack verletze. Aber er spricht nie von Heuchelei. Denn jeder Stil ist echt.

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