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Formen der Liebe

Franz Blei: Formen der Liebe - Kapitel 2
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authorFranz Blei
titleFormen der Liebe
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Das Erotische

Der Begriff des Erotischen hat nicht durchaus scharfe Konturen, die ihn von nachbarlichen Gebieten deutlich trennen. Selbst wenn man ihn aus einer sehr bestimmten Form der Liebe gewänne, enthielte er immer dieses schwanke, fließende, sich verdunstende Gebilde Liebe, dem weder in einer rein metaphysischen Konstruktion, noch in einer naturwissenschaftlichen Deutung Festigkeit zu geben ist. Man hat dem Begriff raffiniert erdachte naturwissenschaftliche Fallen gestellt. Die Beobachtung am Tiere sollte zeigen, wie am Menschen zu beobachten sei. Man kam über sehr interessante Feststellungen, die Begattung und Fortpflanzung der Tiere betreffend, nicht hinaus. Das zerstreute viele Vorurteile hinsichtlich der gleichen Funktionen beim Menschen, und einige schickten sich schon an, dem tierischen Ausleben der Instinkte das Wort zu reden und dieses Gewähren- und Laufenlassen der Instinkte kurzweg Liebe zu nennen. Das kommt aber einer völligen Ablehnung dieses Begriffes Liebe gleich, denn diese setzt sich als ein Willensakt gegen das natürliche Funktionieren, woraus sich alles das ergibt, was wir menschliche Gesittung, Zivilisation und Kultur nennen. Daß und ob die Natur mit der Fortpflanzung der Gattungen etwas vorhat, ist eine falsch gestellte Frage, nicht lösbar mit dem Hinweis, daß wir mit den Organen für diese Fortpflanzung ausgestattet seien. Eine kleine geologische Veränderung, also ein anderes Stück Natur, könnte das menschliche Individuum auf der Erde vernichten von heut auf morgen. Daß die Natur mit dem Menschen etwas plane, ist ein Kompliment, das sich der Mensch macht im verzweifelten Anblick der Gestirne. Er hält sich damit am Rande eines Abgrundes.

Das Tier handelt gattungsgemäß, nicht individuell. Es läuft, wenn nicht äußere Behinderungen auftreten, sein Leben ab wie eine aufgezogene Uhr. Daß von hier ganz schmale Stege zum Sexualfunktionieren des Menschen führen, wenn auch kaum mehr sichtbar oder begehbar, wird man nicht leugnen. Aber daß sie zum Wesentlichen des menschlichen Eros führen, wird niemand behaupten. Das Tier handelt nicht, es funktioniert. Das Liebesleben in der Natur ist ein sentimentaler Romantitel, denn es gibt derlei nicht in der Natur. Die weibliche Spinne, welche nach der Begattung das kleine Männchen auffrißt, jene Gottesanbeterin, welche während des Aktes dem Männchen den Kopf abbeißt und ein Bein, ohne daß das Männchen geschlechtlich zu funktionieren aufhörte, das ist nicht Sadismus im Tierreich, ist kein Akt der Grausamkeit überhaupt, sondern das ganz selbstverständliche Fressen eines Tierkadavers, in den sich das Männchen nach Erfüllung seiner Funktion sofort verwandelt: es hat befruchtet und damit ausgelebt. Mit der menschlichen Romantik der Liebe hat das gar nichts zu tun.

Das Erotische ist nicht nur des Menschen, sondern noch bestimmter: des Mannes. Denn nur der Mann besitzt jenen Überfluß der sexuellen Substanz, für den er unmittelbar im geschlechtlichen Funktionieren keine Verwendung findet, auch dann noch nicht fände, wenn er jeden Tag hundert Frauen befruchtete. Der Frau ist die beschränkende Grenze gesetzt, nicht so dem Manne. Das farbig-bunte Glas, das uns jeder kulturelle Zeitstil vor das Auge drängt, damit wir durch es die Phänomene so sehen, wie es die jeweilige an ihrer Erhaltung interessierte Zeit wünscht, mag diese biologische Tatsache oft undeutlich machen, aber nichts kann sie widerlegen. Daß sich die Frau jeder vom Manne gewünschten Gestalt des Erotischen in genialer Einfühlung anpaßt und oft so sehr, daß sie als die selbständig Dirigierende – aber nur die Musik des Mannes Dirigierende – angesehen werden kann, das zeugt für die immer frisch aus unendlichen Quellen geschöpfte Stärke und Produktivität der männlichen Substanz, die nicht nur das unmittelbar Erotische erzeugt, sondern auch alles andre, was von dieser Fülle seiner sexuellen Substanz und deren ungeheuren sexuell nicht verbrauchbaren Überschuß lebt: die Künste, zumal aber auch das Denken, ja sogar die Geschäfte. Oder, wenn diese von der Tradition gesicherten Abflußformen verstopft sind, die Aktivität eines männlichen Rasens in Kriegen und religiösen Abenteuern aller Art.

Das Weibchen hat nichts zu verschwenden. Es ist die Hüterin und Bewahrerin der vererbbaren Qualitäten. Das Weibchen regelt die möglichen Exzesse der durch das verschwenderische Männchen hervorgerufenen Variationen. Das Weibchen balanciert die Natur aus. Die Natur sagt zum Männchen in der Form eines lebhaften appetitiven Interesses: Befruchte! Sie gibt dem Weibchen einen ganz andern Befehl, der lautet: Wähle! Ein sexueller auf die Fortpflanzung gerichteter Instinkt wäre, angenommen er existiert, hinsichtlich seiner präzisen Wirkung viel zu unsicher und ungenügend, um die Weiterführung der Gattung zu garantieren. Das allein leitende Lustgefühl des Männchens bedarf des Weibchens ja nicht zu seiner Befriedigung, es kann sich, wie man weiß, durchaus vom Weibchen emanzipieren. Man ist allzu geneigt, die Phänomene des Erotischen zu mystifizieren. Was auch dann der Fall ist, wenn wir einer gewissen Sozialform des Erotischen vor andern den Vorzug geben und aus ihr dessen Wesen bestimmen wollen. Biologisch ist das Erotische an die Tatsache gebunden, daß die männliche Substanz durch ihr enormes Überwiegen über das für die Prokreation Nötige zu anderer als unmittelbar geschlechtlicher Verausgabung gedrängt wird. Dies führt nicht nur zu dem nur dem Menschen Eigentümlichen, daß er den geschlechtlichen Akt wiederholt, trotzdem der Partner bereits empfangen hat, dem wiederholten Akt also keinerlei prokreativer Sinn mehr entspricht und er deutlich nur der Lust wegen getan wird. Es führt dies aber nicht nur zu allen Mannigfaltigkeiten der Phantasie innerhalb des Vorganges, sondern auch zu allen anderen Phänomenen, die man im Komplex Liebe begreift. Und es wirkt sich im Ästhetischen, im Religiösen, im Sozialen aus.

Das Individuum wird nicht nur ins Leben schlechthin geboren, sondern in ein bestimmtes kulturelles Leben, unter dessen Formgesetze es sich mehr oder weniger beugt, weil sie ihm seinen Bestand garantieren. Das gilt auch für das Erotische im engeren Sinne.

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