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Formen der Liebe

Franz Blei: Formen der Liebe - Kapitel 19
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authorFranz Blei
titleFormen der Liebe
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Der Don Juan – Legende und Symbol

Don Juan Tenorio: mit diesem Namen steht die von nun ab unsterbliche Figur zum erstenmal in der Komödie El Burlador de Sevilla, die Gabriel Tellez im Jahre 1630 zu Barcelona veröffentlicht hat unter dem Pseudonym Tirso de Molina. Der Don Juan ist keine historische Figur des Lebens. Wie es Faust war. Auch nicht der Held einer Volkserzählung. Was man zur Bestätigung dieser Annahme gefunden zu haben glaubte, stellte sich als erfunden heraus.

Die Brutalität der Instinkte, welche gegen die hergebrachte Moral rebellieren: dafür gab es Beispiele genug im Leben der jungen Leute Spaniens und Italiens in dieser Zeit eines frenetischen Individualismus. Und die Literatur ist voll solcher Figuren. Vielleicht hat die wundersame Geschichte Roberts des Teufels, die durch Europa ging, den Auftakt gegeben. Sechs spanische Übersetzungen dieses Volksbuches erschienen im XVI. Jahrhundert. Cervantes, Lope, Mira de Amescua und andere bringen den Rufian auf das Theater, der Mädchen verführt und vergewaltigte, Häuser niederbrennt, Priester absticht, um sie von ihren Sünden zu erlösen. Tirsos Don Juan ist unter diesen tollen Kavalieren noch der sanfteste. Er tötet nur in Notwehr, um sein eignes Leben zu retten. Er lästert Gott nur aus Bravade, nicht aus moralischer Perversion. Er vergewaltigt nicht die Frauen. Er verführt, verlockt, verspricht Heirat. Noch ist er nicht, was er erst in späteren Inkarnationen werden sollte, der Künstler der Wollust darauf bedacht, sich nicht zu wiederholen. Noch ist er nicht der Sammler von Frauen. Noch wählt er nicht, weil jede ihm recht ist. Noch quält ihn nicht die Marter des bitteren Bedauerns, in so zahlreichen Erfahrungen nicht die vollkommene Lust realisieren zu können und durch die Lust die Liebe zu erreichen. Noch hat er kein Gewissen das ihn beißt. Du bist tapfer, sagt die Statue zu ihm. Ich bin stark, antwortet er, und ich habe Herz. Er ist blinde Kraft, die einer andern blinden Kraft begegnet: vernichtender Kraft des Todes. Es gibt mehr Seelen, die sich durch allzugroßes Vertrauen verlieren als durch exzessive Angst vor der Strafe, sagt Luis von Granada. Eine solche Seele wollte Tirso in seinem Don Juan zeigen, der noch nicht atheistisch ist wie der Don Juan Molières, sondern weiß, daß es eine Vorsehung gibt und ein Jüngstes Gericht auch für ihn. Nur habe es Zeit bis dahin, denn er sei jung! wiederholt er auf Mahnungen, es ist noch weit bis zum Tode und Zeit genug, daran zu denken. Und in den steinernen Armen ruft er nach dem Priester. Aber hört die Stimme: Es ist zu spät! Du denkst zu spät daran!

Nicht die Moral, sondern die spektakulöse Schlußszene der Höllenfahrt machte den Erfolg des Stückes. Der Erfolg veranlaßte Molière, sich das Stück für sein Theater zu schreiben: er behielt das Spektakelhafte, das allein das Publikum interessierte, gab aber dem Helden einen andern Charakter: in Molières Don Juan wurde die Figur der Repräsentant, als den wir sie heute erkennen: der grand seigneur méchant homme, der Freigeist, der weiß, was er tut, und es willentlich tut, der bewußte Verführer. Damit tritt die Figur in die Reihe der tragischen Helden, wenn sie auch eine galante Fabel maskiert und das Laboratorium dieses südlich-sinnlichen Faust in schwerduftende Gärten gestellt ist und in die Alkoven der Liebe und der Text seiner Beschwörungen anders lautet als jener des Doktors aus Wittenberg. In diesem Doktor, der des Rätsels Lösung im Wort findet, wirkt noch leise eine antike Tradition weiter. Nicht mehr so in dem Rätselfrager Don Juan: er ist ganz christlicher Herkunft. Bei Tirso nach mittelalterlich-theologischer Konzeption als sündhaftes Fleisch gegen den Geist gestellt, bekam er durch Molière die Vergrößerung durch den Geist.

Don Juan ist nicht der Verführer, der Genießer, der Wollüstige schlechthin. Ihn auf einen Casanova reduzieren, der keinen guten Zufall versäumt, zu seinem Vergnügen zu kommen, das er im Wechsel der beteiligten Person stärker weiß als in der allzu häufigen Wiederholung – solche Reduktion des Don Juan auf einen verführerischen und ungetreuen hübschen Mann ist begreifliches Mißverständnis von Ladenmamsells und Kommis im engen Leben ihrer kleinen Hoffnungen und Sehnsüchte. Der Don Juan Molières vergißt sich nie. Er schaut sich immer zu. Er hört sich lügen. Er hat keinerlei Fähigkeit zur Illusion. Er weiß das Ende voraus. Er kalkuliert es in den Anfang. Er meditiert und agiert gleichzeitig. Er kann das eine nicht um des andern willen aufgeben. Man legt es ihm, und besonders Männer tun das, als Schönheit seiner Schlechtigkeit aus, daß er eine ewige Rache an den Frauen verfolgt, die er verführt, ins Leid stößt, verläßt, den Tränen und Flüchen anheimgibt. Er bringt niemandem Glück. Seine Einsamkeit ist absolut. Er zerstört im Keime jede Gemeinschaft. Er ist das vollkommene Ego, und es gibt kein weiteres Feld, dieses Ego zu leben, als das Gebiet der Frauen und der Begierde, diesen Kampfplatz zweier Egoismen. Das auch ist der Charme, der alle verführt, weil jede es sich zutrauen muß, endgültig mit diesem maßlosen Ego fertig zu werden, ihn festzuhalten – damit ihn alle andern verlieren. Molières Don Juan will mehr als sein Vergnügen: er will seinen Willen.

Mozarts Don Juan, der liebenswürdige Cherubin von dreißig Jahren, der noch die Flammen streichelt, die ihn verschlingen: er hat die größte Popularität gewonnen, weil er dem Typus die höllische Leidenschaft genommen und ihm dafür die Grazie des Spielerischen gegeben hat. Erst der Valmont des Choderlos de Laclos hat das Teuflische wieder restauriert. Der des Byron verliert es wieder. Denn er gibt ihm den Spleen des Dandy. Ein deutscher Dichter, Grabbe, setzt ihn wieder in einem sonst unzulänglichen Stücke in alle Rechte seiner gedanklichen Bedeutung, indem er den Don Juan als Repräsentanten einer Idee – der des Fleisches – dem andern mittelalterlich-christlichen Repräsentanten, dem zeitlich etwas früheren, des Geistes, dem Faust nämlich, gegenüberstellt, die Verwandtschaft der beiden erkennend. Kierkegaard gibt dann die geistvolle Exegese zehn Jahre später. Der faustische Geist hat sich von der Erde gelöst, und die Sinnlichkeit tritt auf in ihrer ganzen Macht. Es ertönt die elementarische Stimme der Leidenschaft, das Spiel der Lüste hebt an, der wilde Lärm der Berauschung. Dieses Reiches Erstgeborner ist der Don Juan. Noch ist es nicht das Reich der Sünde. Aber es tritt die Reflexion hinzu, und nun erscheint er als das Reich der Sünde und Don Juan als der Ausdruck für das Dämonische, als das Sinnliche bestimmt, Faust als der Ausdruck des Dämonischen, als das Geistige bestimmt: die beiden Titanen des Mittelalters sind auf die Welt gekommen. Denn die Erotik des Verführens fehlt der Antike wie die Idee des Verführers. Das Seelische ist in der griechischen Antike immer im Einklang mit dem Sinnlichen: über alle griechische Liebe ist Keuschheit gegossen. Herakles ist unbeständig, aber kein Verführer wie Don Juan, der nur sinnlich, also absolut untreu liebt. Liebte er auch seelisch, wären die 1003 Frauen in Spanien eine lächerliche Übertreibung. Aber Don Juan ist mehr als ein Verführer. Sein Begehren verführt, nicht seine Absicht. Er betrügt, aber er geht nicht auf Täuschung aus. Es ist die eigene Sinnlichkeit, von der die Verführten betrogen werden. Don Juan ist der am wenigsten lügende Held.

Und er ist ein tragischer Held. Er ist an das Kreuz der Leidenschaft genagelt und hat seine kühle Besinnung behalten. Diese kühle Besinnung im Rausche läßt ihn darin nicht untergehen, zu seinem Schmerze: so flieht er, auf immer neue Probe, zur nächsten. Die Ehemänner hassen ihn, denn er ist der, der ihr Inneres verrät, das für den Wechsel ist. Nicht für das Gesetz der Ehe. Der Mann begehrt einmal, kein zweites Mal: sowie er besitzt, erlischt das Begehren. In jedem Gatten ist ein Don Juan eingeschlafen.

Nur die Frauen sagen vom Don Juan, daß er verführe, betrüge, lüge und nicht liebe. Aber er kann nicht lügen, nicht betrügen. Er kann nur begehren. Er ist ein sehr keuscher Held und Liebhaber. Er läßt sich vom Vergnügen der Sinne nicht zurückhalten, denn er will seine Liebe nicht verderben. Seine Treue wäre Betrug. Er ist loyal wie ein Naturgesetz. Er kann sagen, daß die Frauen ihn zwingen, sie zu verlassen.

Die Idee des Don Juan hat, ganz erdgebunden, keine Transzendenz wie die des Faust. Er kann nie in den Himmel kommen. Er muß unter die Erde in die Hölle fahren.

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