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Formen der Liebe

Franz Blei: Formen der Liebe - Kapitel 18
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authorFranz Blei
titleFormen der Liebe
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Die Sünde des Fleisches

Gegen die südländische Christenheit der antiken Tradition, die fast schon ihr Christentum zugunsten einer wiederkehrenden Antike verloren hatte, stand die nördliche Christenheit ohne antike Tradition auf, mit dem Evangelium und den Paulusbriefen in der Hand. Rom erkannte die Gefahr, die es im eignen Hause bedrohte, auch ohne Luthers Theologie und derbes Politisieren. Die Jesuiten traten auf den Plan. Ihre Aufgabe war, die Freiheit des Lebens zu verteidigen, ohne die Vorschriften des göttlichen Textes zu ignorieren. Die Moral mußte sich an die Tatsachen des Lebens anpassen, um sie brauchbar zu machen für jedermann. Das ist es, was die jesuitische Moraltheologie unternahm. Nicht ein Gesetzbuch arbeitete sie aus, sondern einen Führer. Sie fällte ihr Urteil, das nichts weiter ist als die Konstatierung eines sittlichen Brauches. Sie stellten die aktiven Tugenden über die inaktiven: in der Keuschheit sahen sie keinen absoluten Wert. In einem Kommentar zum Propheten Daniel sagt Cornelius a Lapide:

Die keusche Susanna hat wie eine heldische Frau gehandelt; aber in solcher Gefahr der Infamie und des Todes hätte sie sich auch damit begnügen können, alles von den beiden Alten zu ertragen, ohne innere Zustimmung und Mithilfe, denn das Dasein und die Reputation sind mehr wert als die Keuschheit. Junge und keusche Jungfrauen halten sich für schuldig, wenn sie nicht mit all ihren Kräften und mit Schreien Widerstand leisten, während es genügte, den Akt, zu dem man sie zwingt, zu verachten und zu verabscheuen. Die Kirche hat Fortschritte in der Kenntnis der menschlichen Natur gemacht und Einsicht in die Macht der menschlichen Vorurteile bekommen. Sie ist nicht mehr von einer rigorosen Moral düpiert und sucht auch die Heuchelei zu meiden, die darin bestünde, eine nicht verwendbare Moral zu predigen, was sehr leicht ist. Sie zieht es vor, nützlich zu sein. Pater Sanchez verteidigt in seinem Traktat De Matrimonio die Berechtigung gewisser Küsse unter dem Vorbehalt, daß sie als Präludium dem natürlichen Akte vorausgehen. Und dieser selbe Sanchez wurde wegen seiner Strenge von der Inquisition zensuriert, welches geistliche Institut moderierend war, nicht verfolgend, wie man gern glaubt. Es ist nicht interessierte Gefälligkeit in der Haltung der jesuitischen Theologen. Sie besitzen eine außerordentlich genaue Kenntnis der erotischen Phänomene, und sie erlauben sie, nehmen sie hin wie eine Farce, welche die menschlichen Marionetten aufführen. Aber sie bleiben davon ganz unberührt, trotzdem diese Materie, wie Alphons von Liguori sagt, die häufigste und umfangreichste des Beichtstuhles ist. Im Beichtstuhl lernten diese Theologen. Aber hier lehrten sie auch. Von den Frauen und die Frauen. Eine billige Aufklärung hat es sich mit dem Urteil, das verurteilt, hier leicht gemacht, indem sie der jesuitischen Beschäftigung mit dem Erotischen lächerliche Motive unterschob, dieselbe Aufklärung, die es begrüßt, daß sich Hunderte von populär-medizinischen Schriften mit den sexuellen Beziehungen beschäftigen und dies weit weniger dezent tun als die alten Kasuisten. Die Kasuisten beruhigten die erschreckten Menschen. Die Ärzte trösten sie. In der Sache kann sich nichts ändern, denn die Menschen empfinden richtig, daß von Lastern geheilt werden so viel bedeutet, wie vom Vergnügen am Leben befreit werden. Man muß zudem erinnern, daß die Frau im Beichtstuhl nicht eine Erlaubnis heischte, sondern die Absolution. Die um die Lust betrogene Frau, betrogen im raschen Überfall durch den Mann, betrogen im raschen Abschied des nur seine Lust beachtenden Mannes – der jesuitische Kasuist versucht sie, die verzweifelt die Ehe bricht, sich selbst Genüsse schafft, zu beruhigen, darin wenigstens, daß er die Vorstellung einer begangenen Sünde von ihr nimmt, indem er sie als lässige Sünde bezeichnet und absolviert. Er irrt sich nur im Prinzip, weil er die Lust für ein von der Natur gegebenes Mittel hält, um einen von der Natur befohlenen Zweck, die Befruchtung, zu vollziehen. Der Theologe wußte nicht, daß sich die Natur gar nichts aus den Lustgefühlen macht und daß ihr der Akt genügt. Der Kasuist glaubte die effektive lustvolle Teilnahme der Frau nötig zur Befruchtung (was sie gar nicht ist), und daraus kam seine Nachgiebigkeit gegen die nichts als lustgebenden Handlungen, weil sie und wenn sie dem Akte vorausgehen und ihn zum bestimmten Ziel haben. Über das Erotische des Nachher spricht kein Kasuist ein Wort. Er versteht es nicht. Er kann die Frauen, die ihm von den sündigen Folgen eines einsamen Nachher beichten, nur priesterlich absolvieren. Ihnen die Angst nehmen. Auch die Angst vor ihren wachen Träumen, für die der gemeine Mann den Ersatz im zotigen Witz besitzt. Daß die Frau im Beichtstuhl nicht auch gelernt haben sollte, wer könnte das bezweifeln? Wer kann der jesuitischen Durchforschung der Liebe daraus einen Vorwurf machen? Nur einer, der die Wollust für eine Naturgabe hält und nicht für eine menschliche Kunst, in der es Meister und Stümper und ganz Unbegabte gibt.

Den jesuitischen Kasuisten folgen bald die protestantischen: sie unterscheiden sich wenig. Alle versuchen sie, das Gesetz oder Gebot mit den Sitten und Bräuchen in Einklang zu bringen oder zu mildern. Da gibt es Huren. Kein Zweifel, daß sie einen unehrlichen Beruf ausüben. Aber es ist nun ihr Beruf, und dessen Wesentliches ist, daß er ernährt. Also anerkennt der Jesuit Tamburini das pretium stupri, den Hurenlohn: Jeder Arbeit ihren Lohn, sagt der gütige Jesuit, weshalb willst du der Sünde dieses Mädchens, das sich prostituiert, und deiner, elendes Mannsbild, der du von der Armut dieses Mädchens profitierst, noch die Spitzbüberei hinzufügen? Zahle, da du zu zahlen versprochen hast, und sei wenigstens ein anständiger Sünder. Man könnte sagen, die Kirche ist auf diese Weise ihre evangelische Moral losgeworden, die sie in nicht geringe Widersprüche mit dem Leben setzte. Sie konnte um so besser darauf verzichten, als die Philosophie mit Kant diese ihre Pflichten-Moral übernahm, vergottete und dem Staate, was er brauchte, lieferte. Über diesen Umweg Staat bezog dann wieder zu ihrem kleinen Gebrauch die heutige Kirche ihre moralischen Anschauungen, denen nicht mehr die alten scharfen Formulierungen eigentümlich sind, weil eine Kirche solche entbehren kann, die an den Staat abgedankt hat, nachdem sie ihn christianisiert hat.

Es ist nicht ein Vorurteil, das veranlaßt, in einer Darstellung des Erotischen die christliche Kirche als eines der Hauptmomente der Variation immer wieder zu betonen. Gleichzeitig im Endlichen und Unendlichen zu leben, diese kontradiktorischen Tendenzen der Menschheit befriedigte der Katholizismus, dieses paganisierte Christentum, auf grandiose Weise, denn er war gleichzeitig mystisch erdabgewandt und sinnlich erdzugewandt. Von Konstantin bis zur Renaissance bildete die Kirche beide Prinzipien, die sie und das Leben konstituieren, aus. In der Renaissance hielten sie sich für einen historischen Augenblick das ideale Gleichgewicht: das sinnliche Prinzip – Sinnlichkeit, Kunst, Schönheit – hatte ebensoviel Kraft gewonnen wie das evangelische Prinzip der Erdflucht, Abtötung und des Verzichtes. Die paulinischen Sektierer, Luther und Calvin, die Feinde Roms, erschütterten das katholische Gleichgewicht, und der Katholizismus opferte eines seiner Prinzipien und des Lebens. Die Kirche wurde, in ihrer Autorität vom Staate abgelöst, was sie bis heute geblieben ist.

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