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Formen der Liebe

Franz Blei: Formen der Liebe - Kapitel 13
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authorFranz Blei
titleFormen der Liebe
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Die Auferstehung der Venus

Äneas Silvius Piccolomini, der bald Papst werden sollte, schreibt an seinen Vater, daß er von einer Engländerin in Straßburg ein illegitimes Kind bekommen habe. Die Wahrheit zu sagen, Du hast, als Du noch im Fleische warst, keinen Sohn aus Marmor und Erz gezeugt. Du weißt gar wohl, was für ein Hahn Du warst. Und was mich betrifft, bin ich kein Eunuch und zähle mich nicht unter die Kalten ... Ich sehe nicht ein, weshalb die Praktik der Liebe also verdammt sein soll, wo doch die sich nie irrende Natur den Geschöpfen diesen Appetit eingesenkt hat, um das Menschengeschlecht fortzusetzen. Andere Worte des neuen Geistes: Leone Battista Alberti stellt in seinem Traktate Uxoria diese Frage: Soll der Gatte die Ausschweifung seines Weibes hinnehmen, oder soll er, um ihr zu entgehen, sich selber in Ausschweifung stürzen? Und Lorenzo Valla: Es ist ganz gleichgültig, ob sich die Frau mit ihrem Gatten vereint oder mit ihrem Liebhaber. Omnino nihil interest utrum cum marito coëat mulier an cum amatore. Die so sprechen, sind keine Ausnahmen.

Die mittelalterlichen Bindungen sind gelöst, die alten Einheiten sind zerbrochen. Tausend Jahre lang hatte der einzelne nur Wert, weil er einer Gemeinschaft zugehörte, die ihn einschloß, bestimmte und überlebte. Der Einzelne verschwand im Ganzen. Das Universum war diszipliniert wie ein Kloster oder wie eine Armee. Wer gab die Disziplin? Zunächst die Christenheit. Dann das Kaiserreich und die Kirche. Dann der Adel und die Universität. Dann waren die Stadtgemeinden da, und nun hat diese der Fürst verschlungen, der Tyrann, der gute oder der schlimme Herr. Zu Ende ist die Macht der Ideen. Der Papst ist ein Individuum wie der Kaiser. Der Papst ein Herr wie andere Herren. Der Kaiser ein Herr, etwas weniger als die andern Herren.

Die soziale Zerbröckelung des mittelalterlichen Universums wird begleitet von der moralischen. Man setzt Gott, auf den alles bezogen wurde, nicht etwa ab, sondern man vergißt ihn. In der alten Familie war jeder einzelne für den andern verantwortlich, nicht nur in zivil-, sondern auch in strafrechtlichen Sachen. Damit ist's zu Ende. Lodovico Gonzaga nimmt in den Truppen des Visconti Dienst gegen seinen Vater. Man zieht seine illegitimen Kinder auf wie seine legitimen. Poggio hat von den ersten zwölf, Niccolo d'Este dreihundert. Und Rom zählt man 1480 an Huren 6800, in Venedig 11650. In Lucca weiß man sich 1448 gegen die Päderastie nicht mehr anders zu helfen als durch die Einsetzung eines besonderen Gerichtshofes.

Ein neuer Typus der Menschheit ist auf die Welt gekommen. Es gibt nicht mehr den Welfen, den Gibellinen, den Christen, den Ritter, den Tuchhändler, sondern nur den Einzelnen, der sich selbst macht. Dieser neue, sich selbst genügende Mensch ist alles, will alles und kann alles. Er ist der Mittelpunkt der Welt. Man lebt mit allen Poren, mit jedem Nerv. Dieser eben geborene Einzelne leidet nicht im mindesten unter dieser Isolierung, denn er hat eine Welt zu entdecken, die ihm bislang nur als Triumph des Todes dargestellt worden war. Nun malt der Maler Lorenzo Costa in San Giacomo zu Bologna den Triumph des Lebens. Dieses fünfzehnte Säkulum versorgte mit seiner elementaren Kraft auch noch das nächste sechzehnte, belebte das siebzehnte und verebbte sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts.

Die Gesellschaft zeigt zum einen Teil noch alle mittelalterliche Roheit und Simplizität, wie die Gesichter dieser neuen Menschen, die im Porträt auf uns gekommen sind, noch alle bäuerliche Knochigkeit besitzen. Frater Bernardino predigt, man solle die Frauen in der Schwangerschaft nicht schlagen. Von Galeazzo Maria Sforza wird als erstaunlich berichtet, daß er die Gewohnheit gehabt habe, zu baden. Ein lateinischer Dichter der Zeit, Verolano, gibt Regeln für Manieren, darunter, daß man zum Schneuzen ein Tüchlein oder ein Stück seines Gewandes benützen solle. Die Brüder des alten Niccolo Niccoli überfallen ihres Bruders Geliebte, heben ihr die Röcke hoch und verprügeln sie vor allem Volke. In einem gräflichen Hause zu Piacenza amüsieren sich die Damen damit, zu messen, welche einen fetteren Hintern habe. Die Spaße sind derb, die man treibt, die Geschichten nicht minder, die man sich erzählt. Aber die Gesellschaft wächst rasch über ihre Kindheit hinaus, unterstützt vom Reichtum, der ihr zuströmt, und sie bekommt Geist, Witz und Charme. Es entsteht, was man die gentilezza nennt, die erste Blüte moderner Zivilisation. Nirgends will man die Schönheit vermissen. Was nennen wir schön? fragt Marsilo Ficino und antwortet: Die reinen Farben, das Spiel des Lichtes, die Stimmen, den Glanz des Goldes, die Weiße des Silbers, die Wissenschaft, die Seele, diese Dinge nennen wir schön.

Die Renaissance erlebt in diesem fünfzehnten Jahrhundert ihre glücklichste Zeit: ihr Jünglingsalter. Und der Herzschlag dieses Alters ist die Frau.

Daß sie bloß mehr die häuslichen Tugenden besitze, verlangt nicht mehr der neue Mann. Er holt die Frau aus dem mittelalterlichen Halbdunkel des Hauses. Er will sie zeigen. Er will, wollüstig wie er nun ist, reich wie er nun ist und trunken von der Schönheit, die Frau schmücken, anbeten. Im Jahrhundert zuvor war der junge Boccaccio der einzige gewesen, der sich in seinen Schriften der Frauen mit Wohlwollen angenommen hatte, sogar in seinen ernsthaften lateinischen Büchern. Petrarca hielt die Frau für einen der

Beschäftigung mit ihm unwürdigen Gegenstand, darin ganz kirchlich, denn für die Kirche war ja die Frau nicht nach dem Ebenbilde Gottes gemacht, mulier non est facta ad imaginem Dei. Nun aber ist auch die Kirche für die Frau gewonnen. Daß die Kirche nachgab, beweist, daß die Befreiung der Frau sich vollzogen hatte.

Drückte die Frauen noch ein kleines Gewissen darüber, daß sie sich schön fanden, sei's vor dem Spiegel, sei's vor dem begehrenden Blick der Männer, so kam das zum Schwinden im Augenblick der ausgegrabenen antiken Schönheit, besungen und gepriesen in Versen, die man auswendig konnte. Denn Venus war auferstanden. Nun löst sich die Frau aus den alles verhüllenden mittelalterlichen Tüchern, denn Venus befiehlt es so.

Gegen den Aufwand an Kleidern und kostbarstem Schmuck kämpfen vergeblich Verordnungen und Predigten. Vierundachtzig Roben gibt Beatrice Sforza in zwei Jahren in Auftrag. Isabella d'Este braucht an einem Kleide sechshundertneun goldene Knöpfe. Eine so schöne, eine so herrlich bekleidete, eine so kluge Frau läßt man nicht zu Hause. Man zeigt sie. Man will, daß sie an allen Angelegenheiten des Lebens teilnehmen. Sie bedeutet nun etwas, hat etwas zu sagen, wie der Mann. Sie ist nicht mehr die gelehrige Magd, aber auch nicht mehr die platonische Beatrice des vorigen Jahrhunderts. Nicht mehr unerreichbares Gottwesen eines Paradieses, aber auch nicht mehr der inkarnierte Teufel. Sie ist ein irdisches Weib, heißt etwa in seiner höchsten Vollendetheit Isabella d'Este. Oder in Boiardos dichterischer Verklärung Angelica. In dem zaubervollen Dichterwerk, dem Orlando lnammorato, herrscht das Vergilische Amor vincit omnia, das sich der Dichter zum Motto seines Lebens genommen. Orlando ohne Furcht und Tadel, keusch und grob, von Staub und Blut befleckt, unempfindlich für die Liebe, die ihm Weiberspiel ist und Schwäche, Narrheit und Sünde – er tut etwas, was dem Roland des Pulci noch fremd blieb: er verliebt sich. Und er ist, wie sein Jahrhundert, ein Schüler in der Liebe, der nicht von heut auf morgen lernt. Er schnarcht im Schlaf, beißt sich die Nägel, schielt auf einem Auge, riecht nach Schweiß. Wie ihn Angelica mit ihren feinen Händen wäscht, weiß er vor Scham nichts zu sagen und senkt die Augen. Wie er Angelika in den Armen hält, traut er sich nichts, aus Angst, sie in Zorn zu bringen. Aber er hat dieses Mädchen im Blute, schlägt sich durch Wälder und Menschen einen Weg zu ihrem Fleische, und da er sie hat, weiß er nicht weiter, läßt die starken Arme hängen, wagt nichts, so daß Turpin ihn einen Trottel nennt. Dieser Orlando ist das synthetische Porträt des halb mittelalterlichen bäurisch ungeschlachten Mannes um 1400, den die Liebe erzieht zu dem Manne der Renaissance. Die Liebe heißt Angelica. Sie zählt achtzehn Jahre wie ihr Zeitalter. Gestern noch Magd, befiehlt sie heut den Männern, gibt ihnen das Gesetz ihrer Laune. Über das Ungeschlachte der Fäuste, vor denen sie einst zitterte, lächelt sie nur mehr. Sie ist blond, fein zart, fliegt auf ihrem Pferde in den Ardenner Wald. Sie ist kokett, schmeichlerisch, zärtlich. Liebt, solange sie es freut. Hat sie genug von Orlando, schickt sie ihn in den Tod. Aber als ein anderer Liebhaber sie vergessen hat, erleidet auch sie das Gesetz der Liebe und sagte das sublime Wort: Das einzige Übel, das du mir tun kannst, ist, mich zu verachten, doch kannst du dich zu lieben mich nicht hindern.

Boiardo ist der festliche Dichter einer Zeit, die alles zum Feste machte. Er ist voll der Furia, welche die Männer erfaßte, da sie die Venus erblickten, die auferstandene, und in ihren Frauen und Mädchen das Ebenbild der Göttin erkannten.

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