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Formen der Liebe

Franz Blei: Formen der Liebe - Kapitel 12
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authorFranz Blei
titleFormen der Liebe
publisherPerlen-Verlag
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Der Roman von der Rose

Guillaume de Lorris schrieb den ersten Teil dieser Liebesbibel, aus der durch mehr als zwei Jahrhunderte hindurch alle Liebesleute das zu süßer Schwärmerei entzündende Gift sogen. Er starb um 1238 und ließ sein Werk unvollendet, etliche zweiundvierzigtausend Zeilen. Dreißig Jahre später gab ihm mit achtzehntausend Zeilen Jean de Meun, ganz anders gerichteten Geistes den Schluß. Die Struktur des berühmtesten Liebesbuches christlicher Zeit ist allegorisch und personifikatorisch vom Anfang bis zu Ende, ist es in einer Weise, die uns Heutigen ganz fremd geworden ist. Aber das Mittelalter forderte von der Allegorie nicht, daß sie mit den Füßen auf der Erde stehe, solange nur ihr Haupt hoch in den blauen Wolken war und die allegorisierten Gefühle im Blumengarten der reinen Phantasie wandelten.

Lorris war der naive Dichter. De Meun war der gelehrte Schriftsteller. Jener erfand, dieser brachte im gegebenen Rahmen das ganze Wissen seiner Zeit unter und quält die Allegorie etwas zu Tode. Er schließt mit einer regulären Psychomachia, in welcher die Ritter und Barone der Liebe hart bedrängt werden von den Verleumdern und Feinden der Liebeslust; aber die Liebe siegt.

Dies ist, was das Buch erzählt: Der Dichter träumt, er ginge an einem Maimorgen aus, die Lerche und die Nachtigall zu hören. Einen Fluß entlang kommt er an eine Mauer, die den mysteriösen Garten der Liebe umschließt. Wie zur Abwehr sind auf der Mauerzinne die Bildnisse des Hasses, Neides, Verrates, Alters, der Niedrigkeit, Gier, Habsucht, Schwermut, Frömmelei und Armut aufgestellt: es sind dies die antihöfischen Eigenschaften. Die Dame Nichtstun, die Freundin von Deduit, der Belustigung, öffnet ihm das Tor, und er tritt in den Garten. Die Heiterkeit führt den Tanz, und Amour dreht sich mit der Schönheit im Reigen. Reichtum, Freimut, höfisches Wesen, Jugend und Nachsicht nehmen daran teil. Der Dichter bewundert die Rosenknospe am Narzissusbrunnen. Da trifft ihn Amor mit seinen Pfeilen, die heißen: Schönheit, Einfachheit, Höfischkeit, Geselligkeit und Anmut. Der Dichter wird Dienstmann des Amor, übergibt sich bedingungslos, Liebe mag ihn schlagen oder selig machen, denn le cuers est vostre, non pas miens, das Herz ist euer, nicht mehr meines. Liebe schließt ihm nun das Herz mit einem goldnen Schlüssel, wonach er in Sicherheit Regel und Rat der Liebe vernehmen kann, deren Gebote, deren Güter und deren Leiden. Abschwören muß der Dienstmann, was der Höfischkeit entgegen ist: Vilanie, leichtsinniges Reden und Stolz. Die Güter aber der Liebe sind Hoffnung, Süßgedenken, Süßreden, Süßblicken.

Nun ladet den Dienstmann Bel-Accueil, der Sohn der Höfischkeit, zu den Rosen ein, doch da vertreiben ihn die Wächter: Gefahr, böse Nachrede, Furcht und Scham. Vernunft steigt von der Residenz ihres hohen Turmes herab und beschwört ihn, abzulassen. Freund tröstet. Venus zeigt, was sie kann, gegen Keuschheit. Freimut und Mitleid führen ihn zurück zu Bel-Accueil, der ihm die Rose zu küssen erlaubt. Aber Üble Nachrede erzählt es gleich weiter, Eifersucht eilt herbei, und um die Rose wird eine feste Mauer gebaut. Bel-Accueil wird in einen Turm gesperrt, wo ihn Gefahr mit ihren Knechten bewacht. Die anmutig-höfische Dichtung des Lorris schließt mit einer Klage des Dichters und Dienstmannes der Liebe.

Was Jean de Meun dem Werke als dessen Fortsetzung und Schluß hinzufügte, ist in vieler Hinsicht außerordentlich interessant. Denn der skeptische und bis zur Härte zynische Geist de Meuns weist auf den inneren Bruch hin, den die höfische Stilform der Minne in sich trug. Dieser Fortsetzer bringt gegen das optimistische Ideal des Lorris die Natur bis ins Pathologische auf den Plan: er hält nichts weder von treuer Liebe noch von weiblicher Ehre und Scham. Er identifiziert sich mit dem, was Venus, Natur und Genius zur Verteidigung der Sinnlichkeit sagen und ihrer Entfesselung.

In jeder auf die Dauer eingestellten Liebe kommt der Augenblick, wo man, von den Verkleidungen und Masken des illusionären Anfanges absehen, von der schönen Lüge zur brüsken Wahrheit übergehen und sich zeigen muß, wie man ist. Das Versprochene ist nur selten zu halten. Auch dieses ist hier zu erinnern: Das Verlangen der Liebenden versammelt um sich alle Kräfte der Seele. Aber kaum ist es befriedigt, so werden alle diese Gefühle, welche in die Komposition der Liebe eintraten, frei und ohne Bindung untereinander, die ihnen nur das Verlangen gab. Und weiter: die räumlichen und zeitlichen Trennungen der begehrten Frau und ihres minnenden Dienstmannes waren häufig. Wer nun weiß nicht, daß es nur einer solchen Trennung bedarf, um aus einem kleinen Gefühl eine große Liebe zu machen? Die Sinne folgen immer einem einfachen Gesetz, dem des natürlichen Lebens. Ihre Effekte sind immer normal. Nur das, was man das Herz nennt, und die Phantasie bringen mit ihren Illusionen und Forderungen jene Verwirrung in den sinnlich-normalen Ablauf, unter dem ebenso große Stilformen der Liebe, wie die Minne, zu begreifen sind, die Stilformen sowohl wie die sexuellen Perversionen. Jean de Meun, sicher kein jugendlicher Träumer wie Lorris, läßt die Natur gegen den höfischen Stil antreten. Amour versucht mit allen seinen höfischen Bundesgenossen, zu denen sich noch Bien Celer und Faux-Semblant gesellen, das Rosenschloß zu stürmen. In der Furcht, zu erliegen, ruft er Venus, die Mutter zu Hilfe. Sie tut den Schwur, bei keiner Frau je mehr Keuschheit zu dulden. Amour tut den gleichen Schwur für die Männer. Das ganze Heer leistet denselben Schwur.

Schwer arbeitet der Schmied Natur in seiner Werkstatt an seiner Arbeit, der Erhaltung der menschlichen Gattung im Kampf mit dem Tode. Nur der Mensch unter allen Geschöpfen übertrete ihre Gebote, indem er sich der Fortpflanzung enthalte. Natur schickt ihren Priester, den Genius, zu dem Heere der Liebe, daß er jene verfluche, die ihre Gebote nicht halten. Der Priester wird mit Hallo empfangen. Amour maskiert ihn mit einem Meßgewand, einem Stab, einem Ring und einer Bischofsmütze. Venus steckt ihm lachend eine brennende Kerze in die Hand, nicht aus jungfräulichem Wachs gegossen. Der Genius schleudert das Licht in die Festung der Liebe, die Welt beginnt zu brennen, und nachdem auch Venus ihre Fackel geschleudert hat, beginnt der Kampf. Scham und Furcht fliehen, und dem Liebhaber wird von Bel-Accueil erlaubt, die Rose zu brechen. Das bedeutete die Absage an das Ideal der Jungfräulichkeit und die Hölle für alle, welche sich nicht den Gesetzen der Natur und der Liebe unterwerfen.

Der Roman von der Rose zeigt in seinen zwei Verfassern den Wandel des Liebesideals vom keuschen Ritterdienst zum sinnlichen Flirt, den Eintausch eines rein ethischen Ideals in ein solches einer aristokratischen Lebensführung, den Übergang vom bloßen Schmachten für eine unerreichbare verheiratete Dame zu dem natürlichen Begehren. Die Rose ist das Symbol der Jungfräulichkeit und des geheimnisvollen Reizes, den sie ausübt. Nicht als ob die nackte Natur gegen das Ideal gestellt würde, denn noch immer bleibt eine Stilform der Liebe, also ein Mittelbares des Erotischen, das höchste Auszeichnung als Wert empfängt. Zutritt in den Garten der Liebe hat nur der von der Liebe Erwählte, und der muß ein Edler sein, das heißt frei von Treulosigkeit, Haß, Niedrigkeit, Gier, Habsucht, Neid, Alter und Heuchelei. Was er an positiven Tugenden besitzen muß, ist aber bereits Mittel geworden, die erwählte Geliebte zu erobern, nicht mehr, wie im älteren Ideal, Mittel der Veredelung der minnenden Person. Der Minnende muß nun besitzen, heitern Sinn, Unbekümmertheit, Empfänglichkeit für Lust, Schönheit, Reichtum, Güte, freien Sinn und höfische Manieren.

Welches der beiden Ideale, das ethische des älteren Stiles oder das aristokratisch-genüßliche des neueren Stiles, den Vorzug verdiene, war in dieser Zeit ein beliebtes Streitspiel an den frohen Höfen der französischen und burgundischen Könige und Polemik der Gelehrten und Theologen: ob Treue den Vorzug verdiene oder der Flirt, in dem Treue nur ein Mittel ist, die Frau zu gewinnen, die man begehrt. Die Zeit muß sich dem letzteren Ideal zugeneigt haben, anders hätte Christine von Pisa um 1390 nicht nötig gehabt, in ihrem Briefe an den Gott Amour im Namen der Frauen Klage gegen die Männer zu führen, die ruchlos und betrügerisch seien, und Klage gegen den Roman von der Rose, der solchen Männern recht gäbe. Und gegen sehr ehrenwerte und angesehene Verteidiger der Lehre des Romans von der Rose schrieb der Theologe und Kanzler der Pariser Universität Jean Gerson 1402 eine Abhandlung, nicht seine erste, gegen das lasterhafte Buch von der Rose, in der er verdammend sagt, er würde, besäße er ein Exemplar des Buches, und wäre es das einzige und tausend Livres wert, es lieber verbrennen als verkaufen. Aber das Buch behielt recht gegen seine Vernichter. Gegen das Ende des 15. Jahrhunderts gebraucht man Sprichwörter aus Sätzen des Romans von der Rose. Schließlich mündet die erotische Mystik des Buches in eine erotisierende Theologie, wo der Brunnen des Narzissus zum Symbol der Taufe wird, die Nachtigall zur Stimme von Predigern und die Rose zu Jesus selber. Die weltliche Welt war aber schon dabei, eine andere Kulisse aufzustellen. Die Personifikationen, welche die Gefühle im Roman von der Rose oft mit wissenschaftlich-psychologischer Genauigkeit erfahren, werden von den Frauen und Satyren, den Nymphen und Dryaden der Renaissance abgelöst.

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