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Formen der Liebe

Franz Blei: Formen der Liebe - Kapitel 11
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authorFranz Blei
titleFormen der Liebe
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Die Minne

Der christlich-asketische Goldgrund, auf dem sich die Minne als historisch erste Sublimierung und Stilform der sinnlichen Liebe malt – und nicht nur in der Dichtung, sondern in den Lebensverhältnissen selber, welche die Dichter nur gesteigert wiedergeben – ist der allgemeine Zeithintergrund, in den die Liebesbeziehung sich als sinnliche Liebe ethisch zugestutzt und gemildert einfügt. Nur um der Liebe zur Frau willen ist man heldisch und ritterlich, besteht Gefahren, sucht sie auf. Im Frauendienst werden die um ihrer selbst willen geübten kühlen Tugenden erst durchglüht und durchleuchtet und zu Werten eines gesteigerten Lebens.

Man sieht dieser ersten stilisierten Form der Liebe ihr Alter an, mit dem sie in die Welt kommt: es ist das Alter des Jünglings, des schüchternen. Das Liebesverlangen sucht in der Minne nicht seine Erfüllung im Besitz der Geliebten, sondern die Dauer eben dieses Verlangens und eine Verdeutlichung des Begehrens und dessen Würdigkeit in der heldischen Tat, im Mutzeigen in Gefahr, im Leid, für die Minne ertragen, oder dem Tod in solchem Tun. Das Verlangen nach dem Besitz und das Wissen, daß die Liebe im Besitz stirbt: hinter beiden steht der Tod. Die Minne stirbt daran, nicht zu besitzen, und sie stirbt im Besitze. Im Sterben sich zu sehnen, vor Sehnsucht nicht zu sterben, wie das der Wagnersche Tristan, der Helde ohne gleichen, ausdrückt.

Das Motiv des unbefriedigten Verlangens, die erotische Grundlage der Minne, erfährt mannigfache Variationen, um sich nicht allzu rasch zu verbrauchen in einförmiger Wiederholung. Es wird noch in Zeiten hinein variiert, wo sich alle Voraussetzungen schon völlig geändert haben und die Rolle des Ritters längst ausgespielt ist – so stark war der Anstoß dieser ersten Stilform der Liebe und ihrer dichterischen Auswirkungen. Wahrscheinlich sind es die sinnlichen Leidenschaften selber, die auf die Dauer ihre so starke Sublimierung nicht vertragen können und zu Variationen des ritterlich-heldischen Grundmotives treiben. Zuerst kämpft und leidet der von der Minne Befallene für irgendwas und -wen. Dann konkretisiert sich das Objekt: der Heldische leidet der geliebten Frau wegen, deren Gefahr er sich fingiert, um sie daraus zu erretten. Er fingiert sich in der Geliebten eine Andromeda, der er als Perseus naht: die Jünglingszüge der Minne bekommen einen männlichen Charakter. Der um der Liebe willen Leid Ertragende, das ist der sich in der Liebe gefallende Knabe. Nun dringt in diese ganz vom männlichen Geschlechte her bestimmte Vorstellung der Liebe etwas von der Anschauung ein, welche die Frau von der Liebe besitzt: sie will, daß man sich um sie selber raufe in diesen höchst dramatischen Sportspielen, den Turnieren, diesem Kampf der Hirsche oder der wilden Inwohner des Männerhauses, denn dieses beides wird in den Turnieren sichtbar. Wo die Frauen auf den Balkonen den Kämpfern ihren Schmuck zuwerfen und Teile ihrer Kleidung, so daß sie oft, wenn das Spiel beendet, barhäuptig dasitzen und ohne Ärmel. Oder eine Dame, deren Gatte den Kampf billigt, schickt drei Rittern, die ihr in Minne dienen, ihr Hemd, daß der Dienendste es im Kampfe statt jedes Panzers trage. Einer – der Ärmste – nimmt es, küßt es die Nacht durch, trägt es als Waffenrock und wird schwer verwundet. Er schickt das zerrissene und blutige Hemd seiner Dame, die ihm dafür ihr Herz gibt. Er fordert die sichtbare Gegenleistung: die Dame möge das Hemd bei dem Mahle tragen, das dem Turniere folgt. Die Dame küßt das Hemd und erscheint in ihm beim Mahle. Der Gatte macht ein verlegenes Gesicht.

Der Gatte dieser Zeit: irgendwelche zärtlichen Gefühle sind nicht der Anlaß, daß er die Tochter oder die Witwe eines reichen Edelmannes heiratete. Er heiratet Land und Leute seiner Frau, denn sein Gut durch Gewalt oder Politik zu mehren, ist seine Hauptsorge. Eine kleine Kur ging der Hochzeit zeremoniell voraus. Die Freuden der Liebe suchten Gatte wie Gattin anderwärts als in der Ehe, wenig behindert darin von der hier sehr vorsichtigen und sehr nachsichtigen Kirche. Vor der Ehe verstummen Liebeslied und Liebesgeschichte. Die Aube, das Tagelied, und die Pastorella sind ganz außereheliche Liebesgedichte, jenes ein Zwiegespräch zwischen Frau und Geliebten, zärtlicher werdend bei Tagesgrauen, diese ein lustiges Redegefecht zwischen dem minnenden Ritter und einer gefälligen oder belustigten Schäferin – in ihren schönsten Formungen, den großen Gedichten der provenzalischen Trobadors, auf uns gekommen, weitergeleitet nach Florenz zu Dante und über den Rhein an die deutschen Minnesänger, erstickt als Dichtung in Frankreich, wo die Geschichten und Abenteuer eine große Prosaliteratur vorbereiten, deren Ergebnis einmal der Roman sein wird. Der französische versifizierte Ritterroman des späten Mittelalters und alles Schwankhafte neben ihm steigert die Liebesform der Minne ins oft Absurde eines literarischen Konvenüs und hebt es auch gleichzeitig dadurch auf, daß er des realen Lebens Ironien einfügt. Da tut etwa ein Ritter das Gelübde, daß er in dem Falle, daß er nicht vor einem Kriegszug der Gunst seiner Dame teilhaftig werde, bei der Rückkehr aus dem Kreuzzuge die erste beste heirate, die zwanzigtausend Livres habe – wenn sie will. Die des außerordentlich kunstvollen Liebesspiels müde Ritterschaft macht sich über ihre eigenen Ideale lustig. Die Stilform der Minne beginnt leer zu laufen. Das romantische Schmachten um die Schmerzen der Liebe hat nur mehr Worte, aber keine lebendige Substanz mehr, welche diese Worte nährt. Der feiste, mit starken Appetiten ausgestattete Stadtbürger tritt starken Fußes in den ersterbenden höfischen Kulturkreis und löscht das negative Vorzeichen, mit dem das Rittertum zuerst in der Geschichte die Liebe versehen hat, indem sie in ihr das Sehnen und Leiden über das Besitzen stellte, aus. Die fast schon entsinnlichte Form, welche die Liebe in der Minne sich gegeben hatte als dem Felde, auf dem allein Tugend und Reine als die vita nuova, das neue Leben, erblühen, wird nach der Höchstsublimierung durch Dante bei Petrarca schon schwankend, fast zurückfallend in das nichts als Sinnliche: die Wiederkehr der antiken Ideale kündigt sich an in der Bewunderung ihrer Muster. Bald sollte die Zeit kommen, wo das mager-asketische Schönheitsideal, wie es die gotische Plastik zeigt, sich derbes leuchtendes Fleisch gibt.

Um die Zeit zu erinnern: den ersten Ausdruck gab der neuen Liebe die Provence, wo sich antiker Kulturboden bereit zeigte, maurisch-ritterliche Einflüsse aufzunehmen und mit den christlichen Tugenden zu amalgamieren, wobei es ohne ein wenig Häresie nicht abging. Wir sind im XI. Jahrhundert, und ein auf Kastellen und in Städten lebender Adel gibt seiner liebessüchtigen Lebensführung einen intensiven Stil, der die rohe Leidenschaft zu verschönen sucht. Gegen Ende des Jahrhunderts springt in höchster Vollendung das Lied aus den Kehlen der Trobadors und erfüllt das ganze XII. Jahrhundert. Ein ganzes Volk stand in den neuen Flammen des Gesanges, wie Borchardt sagt. Mit den Albigensern wird die gesamte provençalische Kultur in ihren adeligen Trägern vernichtet. Dante und der deutsche Minnesang treten das Erbe an, das der Florentiner als ein großer Herr verwaltet im höchsten Auftrage des Ingeniums, das der deutsche Minnesang, zumal der rheinländische und rhein-alemannische, durch französischen Einfluß sich etwas verderben läßt durch die Reimhistorien und Zotengeschichten. Bloß der große Wolfram hält das Erbe rein. Von Provence in deutsche Land sind uns die rechten maere gesandt. Walther hat an den Höfen kein Glück, wo man die französischen Romane liest. Wohl aber Gottfried von Strassburg.

Die Frage liegt nahe, wie und in welchem Maße sich dieser romantische Stil, den sich die Liebe in der Minne gab, in der Wirklichkeit des Tages behauptete – und die Franzosen zur Zeit der Trobadore haben ja auch Antwort so darauf gegeben, daß sie, undichterisch wie sie waren und sich mit der Tatsache des Gedichtes nicht zufrieden gebend, wohl aus der Provence die Substanz bezogen, sie aber mit dem Anekdotischen des Tages zu mundgerechter Kost vermischten. Nun ist aber diese Frage an so Vollendetes wie die Gedichte der Trobadore eben vor dieser höchsten individuellen Vollendetheit nicht zu stellen, die Frage, was in diesen Gedichten wirkliche Leidenschaft zu wirklicher Frau, was poetische Lizenz ist. Denn sie ist nicht lösbar. Die Einheit eines Kristalles ist nur wieder in die gleichen kristallischen Einheiten zu sprengen. Das vom Singer überbrachte Gedicht des Trobadors oder des Minnesingers beabsichtigte die geminnte Frau, das Eheweib von des Trobadors Herrn, gnädig zu stimmen oder zu gewinnen. Es mochte nichts weiter damit verbunden sein, als was der Eheherr erlaubte. Vielleicht auch mehr. Dies steht offen. Der Gewinn, den die sinnliche Liebe durch die Stilisierung in der Minne erhielt, wird, falls es zum wirklichen Besitze der Geminnten kam, nicht vermindert. Denn die bloßen Instinkte sind immer zügellos, und die Brutalität der Sitten war nicht gering. Man kann aber nicht behaupten, daß ein Ideal versagt, wenn es einen Schein ins Leben stellt, nach dem zu leben man sich müht und oft vergeblich müht. Das Ideal gibt doch die innere Haltung, und diese drückt sich als Stil in einer ars amatoria aus, die zu kodifizieren sich eine höfische Gesellschaft beschäftigt, weil sie in der Tatsache dieser ihrer Form der Liebe das Auszeichnende und Erhaltende ihres Standes sieht. Denn neben der Stilform der Minne läuft noch eine antikische Stilform der Liebe mit, nicht nur beim untern Volke, sondern auch in der höfischen Gesellschaft, und vermischt sich zuweilen mit der Minne, dieser Liebe des nie befriedigten Sehnens und Leides, der Gottfried von Straßburg sein großes Erzählungsgedicht gewidmet hat, das von zwei Liebenden handelt, ein senedaere, eine senedaerin, einem Sehner und einer Sehnerin, und wo der alles sagende Vers steht:

Liep unde leit diu waren je
An minnen ungeschieden.

Aber dem naiven uralten Freudenkult, der die Geschlechtsvereinigung verherrlicht, konnte die Kirche, die sich aus dem ganzen Komplex nur das Mysterium der Eheschließung herausgeschnitten und geheiligt hat, nicht den Garaus machen. Der antike Brunstruf des Hymenäus bestand weiter, bis in die volle Öffentlichkeit der Hochzeitsnacht hinein, wie sie noch im XVII. Jahrhundert gebräuchlich ist. Er hatte nur etwas seine rituelle Naivität verloren unter dem Einfluß der Kirche und wurde bald blinzelnde Zote, bald obszönes Grinsen, ohne darum die gute höfische Gesellschaft zu verlassen. Die französischen Reimschmiede des Mittelalters lassen sich nicht lange bitten, zur Unterhaltung recht schmutzige Balladen zu erfinden, höchst belustigend zu erzählen in guter Gesellschaft vor Frauen und jungen Mädchen. Aber man darf darin, an die Minne denkend, nicht Heuchelei sehen. Der Spaß am derb Geschlechtlichen ist entwertetes Mysterium. Von seiner ehemaligen rituellen Bindung durch das Christentum gelöst, konnte sich das Geschlechtliche nur in den Umgangsformen des Scherzes, des Spaßes äußern. Wie anmutig auch dies in der Frühzeit noch möglich war, mag man aus Walthers Unter der Linden entnehmen, einem Liebeslied, nicht einem Minnegedicht. Es ist keineswegs ein vereinzeltes Beispiel für die unverhüllte Behandlung des Geschlechtlichen, nicht so roh wie die Wirklichkeit gewiß immer war, aber auch ganz fern von der Stilform der Minne, die man sich aber falsch vorstellte, wenn man meinte, sie säuselte nur in zehrenden Gefühlen. Wofür aus Bertran de Borns Escondich eine Strophe stehen möge als Beispiel:

Rassa, Frau hab ich, frisch und franke,
zierlich und wohlgemut und schlanke,
eine falbe an ihrem Vließe, und blanke
an Leib, als die Schlehn an der Ranke –
Harte Tütten ob weicher Flanke.

Die höfische Minne war die nötige Fiktion, die sich die Erotik geben mußte, um ein kultureller Wert zu werden. Sie war die schrankensetzende Form, war verhüllender Ausdruck. Dazu diente das Ideal der Keuschheit. Die naturalistischen Äußerungen der Liebe wurden aus dem Bedürfnis, das Leben bedeutungsvoller und schöner zu machen, als es in Wirklichkeit sich darbietet, in eine Form gezwungen, sei es wie in der Minne nach der spirituellen Seite der Keuschheit hin, sei es wie in der Galanterie des XVIII. Jahrhunderts nach der andern Seite hin.

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