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Formen der Liebe

Franz Blei: Formen der Liebe - Kapitel 1
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authorFranz Blei
titleFormen der Liebe
publisherPerlen-Verlag
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Vorbemerkung

Mit streng wissenschaftlichen Methoden eine Darstellung der Probleme des Erotischen zu geben, lag nicht in der Absicht des Verfassers. Wer die wissenschaftlich geordneten Tatsachen des menschlichen Sexuallebens studieren will, der wird eine vortreffliche Literatur darüber vorfinden.

Das Thema dieses Buches ist also nicht das Geschlechtsleben des Menschen in seinen physiologischen Rapporten, wenn auch, gewissermaßen als Stichprobe, darauf Bezug genommen wird. Denn so luftzart sich auch manche erotischen Bildungen darstellen, bleiben sie oder sind sie doch erdgebunden und vollziehen sich nicht im luftleeren blutleeren Raum.

Das nicht zu erschöpfende Thema des Buches ist die Phantasie, welche das menschliche Individuum, zeit- und gruppenbestimmt, zur Erhaltung oder Steigerung seines Lustgefühls aufbringt, diese Lustgefühle über den Tod hinaus zu verewigen.

Die nichts als physiologische Tatsache der Lustgefühle erhält die Art und nichts weiter. Sie führt zu den stagnierenden Formen des Tierlebens. Mangel an der diesbezüglichen Phantasie macht das Liebes- und Kulturleben echt primitiver Völker so einfach wie das der Tiere, deren Verhalten auf die Einform der Gattung gerichtet ist, nicht auf die Varietät der Individuen. Im Gegensatz zum Menschen, der sich in Einzelehe und Einzelwirtschaft Formen geschaffen hat, welche die Varietät begünstigen – bis zur Bedrohung der Gattung.

Das Thema dieses Versuches ist mehr als irgendein anderes voller Fallen. Vorurteile gebärden sich als Urteile, Vorlieben wollen die natürliche Perspektive der Dinge verschieben, und Scheu tut das ihre, Wichtiges zu verschleiern und aus dem Licht, in dem es steht, in ein Clair-Obscur zu rücken. Wir sind noch nicht einmal so weit, nur das zu sagen, was sich sagen läßt. Unser Vorrat an Fragen ist noch weit größer als unser Vorrat an Antworten. Darum sind die Menschen geneigt, Wichtiges in den Fragen zu überhören, um mit einer bereiten, gefälligen Antwort zurechtzukommen.

Zu dieser Schrift gesprochen: der wechselnde Standpunkt in wichtigen Fragen erscheint mir fruchtbarer – oder entspricht meiner Art besser –, als die widerspenstigen, oft kaum haschbaren Dinge fälschend zurechtzubiegen, damit sie sich in den vorbestehenden Rahmen einfügen.

Die Problematik des Erotischen ist so reich an Lösungsversuchen wie die des Welträtsels. Den Sinn des Lebens zu suchen, muß jeder auf eigene Rechnung und Gefahr unternehmen, um zu schweigen, wenn er ihn gefunden hat oder, spricht er schon, so nicht anders als in Monologen.

Dieses hier soll nichts als ein Lesebuch sein. Nichts von einiger Wichtigkeit aus dem Stoffgebiet des Erotischen glaube ich unerwähnt gelassen zu haben. Die Stilformen der Liebe, deren individuelle und kulturelle Auswirkung, habe ich, wo es möglich war, in verschieden fallenden Schnittpunkten gezeigt: im allgemeinen kulturellen Bilde, in einer theoretischen Anschauung der Zeit, in einem charakteristischen Bildnis eines ihrer Träger, in einer künstlerischen Gestaltung.

Der turbulente Verfall und Zerfall der erotischen Phänomene, der für unsere Zeit so charakteristisch ist und auch für das schwächste Auge deutlich wurde an Hunderten von Einzelerscheinungen, gibt dieser Schrift etwas von einer Historie, vielleicht von einem Epilog. Der außerordentliche kulturelle Bruch zwischen dem Heute und der Vergangenheit weitet sich zu einem Abgrund, der alle bisher gültigen Ideologien verschlingt und höchstens mehr ihre Parodien für eine kleine Zeit noch leben läßt. Das muß sich auch im Erotischen auswirken. Man kann bereits dessen Geschichte schreiben, die bis heute, gerade noch bis heute reicht. Aus den wahrgenommenen Wirkungen sucht man deren Ursachen. Aber die Kenntnis dieser Ursachen gibt noch keine wohlgegründete Vermutung, wie veränderte und sich noch weiter ändernde Bedingungen sich transformierend im Erotischen äußern werden.

Die Liebe ist nicht, wie Schopenhauer meinte, als eine natürliche Blüte auf dem Zeugungstrieb gewachsen. Denn sie ist nicht das, was man natürlich nennt, sondern eine Reaktion gegen die Natur. Das geistige Individuum sucht der natürlichen Unterwerfung, die sich im geschlechtlichen Akte äußert, zu entfliehen, und durch die Liebe erobert es sich zwei Festungen gegen die nur an der Erhaltung der Gattung interessierte Natur: das Lustgefühl um seiner selbst willen und das formende Denken in dessen Dienst. Die Liebe ist ein Stück Freiheit, aber auch nicht mehr als das. Denn gänzlich konnte sich der Mensch nicht vom natürlichen Instinkt der Reproduktion befreien, woraus der höchst komplexe Begriff der Liebe entsteht, der in Einem sowohl Unterliegen wie Rebellieren enthält.

Man kann heute schon von einer Abwanderung von der Liebe sprechen. Die Ordnung des Lebens aufrechtzuerhalten, wird immer schwieriger, und man ist der Liebe – und nicht ohne ihre Mitwirkung – darauf gekommen, daß sie als eine Art Narrheit diese Ordnung stört. (Am wenigsten in der gedämpften Form der ehelichen Liebe.) Zuerst desertierten die Schwachen, die Ängstlichen, die Schüchternen und jene, die mehr einem Nachahmungstrieb als einem sinnlichen Trieb folgten. Die Not der Zeit, die wachsende Schwierigkeit einer Lebenshaltung unterstützten kräftig. Die geglaubte geschlechtliche Hörigkeit der Frau als Regel stellte sich als eine irrtümliche Annahme heraus in dem Augenblick, als die Frau sich von der wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Manne befreite. Die Frau braucht sich nicht mehr vom Manne erhalten zu lassen, und dadurch ist das erotische Gewicht des Mannes für die Frauen leichter geworden. Noch kann er diesen bedeutenden Ausfall seines männlichen Prestiges nicht durch ein Erotisches ersetzen, das er nicht besitzt oder verkümmern ließ. Der an ihn von der Frau gestellte Anspruch macht ihn verlegen. Die Münze, mit der er bisher meist und das Meiste zahlte, hat bei der Frau, die wirtschaftlich unabhängig ist, keinen Kurs mehr. Der Sprung der Frau von der Unterordnung zur Gleichstellung findet den Mann unvorbereitet. Er erfindet sich Gründe, die ihn veranlassen, die Frau zu meiden. Er hat etwas Angst vor diesem ihm fremden Wesen. Das alte ihm vertraute Wesen ist noch in der Prostituierten für ihn verkörpert, die ihm so sehr Frau ist, daß sie allein aus dieser Tatsache ihren Lebensunterhalt gewinnt.

Ich will noch auf ein anderes die alte Form auflösendes aber noch keine neue Form schaffendes Moment hinweisen. Von der heutigen Frau ist in der Ehe ein großer Teil ihrer früheren Tätigkeiten genommen, sogar bis auf die Kindererziehung, die man heute besser von Instituten und Schulen besorgt glaubt als von den nervösen und meist ungeeigneten Eltern. Art und Quantum häuslicher Tätigkeit werden immer geringer und unbedeutender. Die Liebe vermag aber die vielen leeren Stunden nicht auszufüllen, jedenfalls nicht die Liebe des beschäftigten Gatten. Aber auch schon nicht mehr die Liebe des Dritten, der bei den Komödienschreibern des vorigen Jahrhundert noch eine Rolle spielte, die heute schon ganz ins Possenhafte gefallen ist, ein Zeichen, daß ihr kaum mehr viel Wirklichkeit entspricht. Die unverstandene Frau von heute findet nicht mehr im Dritten den, der sie versteht, und tut sie das noch, ist der Gatte nur zu oft bereit, den mitverstehenden Zweiten abzugeben. Die unverstandene Frau von heute erwartet etwas anderes als eine mehr oder weniger stürmische Wiederholung einer ihr bereits vertrauten Liebesszene. Aber was sie erwartet, ist noch nicht zu erraten. Sicher ist nur, daß sie über den Wert der Liebe und die Liebe als Wert skeptischer denkt als ihre Großmutter.

Man hat die zunehmende Verweiblichung des Mannes der Zivilisation konstatiert. Ihr entspricht keineswegs eine ebensolche Vermännlichung der Frau trotz mancher solcher Allüre in Tracht und Gehaben. Sicher ist, daß diese Entwicklung des Mannes von seinem spezifischen Geschlechtscharakter weg die erotische Spannung zwischen den Geschlechtern vermindert und weiter vermindern wird, wozu Gemeinschaftserziehung, Sport usw. das Ihre beitragen.

Wo ehemals die Liebe war, wird es immer leerer. Doch – im ewigen Kreislauf – kehrt sie zurück, um einmal in neuen Formen wieder zu kristallisieren.

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