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Flug in den Weltraum

Hans Dominik: Flug in den Weltraum - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleFlug in den Weltraum
publisherVerlag Carl Ueberreuter
yearo.J.
firstpub1939
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150903
projectidfb1886a4
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Von Minute zu Minute wuchs die Erregung unter den Gästen O'Neils'. Längst hatten sie gemerkt, daß etwas nicht in Ordnung ging, und das unvermutete Auftauchen des Strahlschiffes war nicht geeignet, sie zu beruhigen. Die Panik, die Oriola und Schweitzer mit allen Mitteln zu verhüten suchten, drohte trotz deren Bemühungen auszubrechen, als Watson im Passagierraum erschien und ihnen die befreiende Kunde zurief, daß ein Strahlschiff Rettung bringe.

Begierig wollten sie wissen, was eigentlich geschehen wäre. Vorsichtig sprach Watson nur von einem Defekt an der Steuerung und teilte weiter mit, daß es Hidetawa bereits durch ein geniales Manöver geglückt sei, den Übelstand zu beheben. Seine Worte ließen die allgemeine Zuversicht zurückkehren. Inzwischen ging Watson wieder in den Kommandostand. Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, als die Maske von ihm abfiel, die er den Gästen O'Neils' gegenüber gezeigt hatte. Die Selbstbeherrschung verließ ihn; seine Stimme klang heiser, als er zu sprechen anfing.

»Ich habe sie noch einmal beruhigt, aber wie lange wird's vorhalten? Wie lange wird's noch dauern, bis sie da drüben auch die steigende Wärme merken ... bis die Hitze unerträglich wird, bis das Entsetzen über sie kommt?«

Vergeblich wartete er auf O'Neils' Antwort, während seine Gedanken weiterliefen. War das Unheil wirklich unabwendbar? Konnte Hidetawa in letzter Minute nicht doch noch Hilfe bringen? Der Drang, ihn noch einmal anzurufen, wurde übermächtig in ihm. Er schob die Kopfhörer wieder über, wollte seine Station auf Sendung stellen, als er Morsezeichen hörte. Was wollte Hidetawa von ihm? Hatte er doch noch einen Weg zu ihrer Rettung gefunden? Er lauschte und stutzte.

Nicht englische, sondern deutsche Worte waren es, die sich aus den ankommenden Zeichen formten. Kurze, knappe Fragen nach dem Standort und Kurs von O'Neils' Strahlschiff. Kaum vermochte er zu glauben, was ihm doch deutlich ins Ohr klang. Auch die neue deutsche Maschine war aufgestiegen und eilte zu ihrer Rettung herbei. Kaum war das Schlußzeichen des Funkspruchs verklungen, als er sein Gerät auf Senden herumwarf und Antwort gab:

»Stehen in siebzig Kilometer Höhe über der Südküste des Schwarzen Meeres. Sind etwas nach Norden abgetrieben. Temperatur im Schiff vierzig Grad.«

Während er die Station wieder auf Empfang stellte, hörte er die Stimme O'Neils'. Der atmete schwer, denn drückend warm wie in einem Backofen war es inzwischen im Kommandostand geworden. Stockend kamen die Worte von seinen Lippen:

»Es geht zu Ende, Watson. Hidetawa kann uns nicht retten. Mein Gott, wir sind verloren!«

Watson hatte einen der Hörer beiseite geschoben. Mit einem Ohr hörte er, was O'Neils sprach, mit dem andern, was aus dem Telefon klang. »Noch nicht verloren, Professor O'Neils! ... Ein neues Strahlschiff ist dicht bei uns ... Es wird versuchen, uns zu retten!« O'Neils hörte, was Watson ihm zurief, und machte eine müde Bewegung. Erst nach Minuten kam seine Antwort: »Unsere Strahlflächen sind verriegelt ... niemand kann uns helfen.«

Watson antwortete nicht. Er hatte wieder beide Hörer übergeschoben und lauschte den Funksprüchen, die zwischen dem deutschen und dem japanischen Strahlschiff hin- und herflogen. Er vernahm die Standortangaben, die Hidetawa dank seiner besseren Instrumente den Deutschen genauer zu geben vermochte. Er hörte die Antwort Hegemüllers. Worte wie »fassen« und »in die Höhe ziehen« vernahm er, ohne zu begreifen, wie ein Schiff das bewerkstelligen sollte, mußte sich den Schweiß aus dem Gesicht wischen, der ihm aus allen Poren strömte, und hörte weitere Worte, die Hoffnung in seinem Herzen aufkommen ließen.

Dumpfer Lärm ließ ihn zusammenfahren. Das Geräusch kam von der Tür her. Mit den bloßen Fäusten und mit allem, was sie sonst zur Hand hatten, schlugen die Insassen des Passagierraumes gegen die metallene Pforte. Auf über vierzig Grad war dort das Thermometer gestiegen. Wilde Panik war unter den Gästen O'Neils' ausgebrochen. Sie glaubten zu ersticken, jammerten, schrien nach Luft; hätten auch die Fenster zerschlagen und dadurch ihr sofortiges Ende herbeigeführt, wenn die Scheiben nicht unzerbrechlich gewesen wären. Immer stärker wurde das dröhnende Poltern, immer lauter das Geschrei, immer wilder, immer empörter die Rufe.

»Öffnen Sie die Tür!« befahl O'Neils.

Watson zögerte, antwortete stockend.

O'Neils sah, wie sein Gehilfe nicht gewillt war, seiner Anordnung zu folgen. Er erhob sich, ging wankend selbst zur Tür, griff nach der Klinke, als Watson ihn zurückriß.

»Nicht öffnen, Herr Professor! Sie morden uns!«

Ein kurzes Ringen entstand, bei dem Watson als der Jüngere und Stärkere die Oberhand gewann. Mit Gewalt schleifte er O'Neils zu seinem Platz zurück und drückte ihn dort nieder. Stand noch mit keuchenden Lungen über ihn gebeugt, als ein neues Geräusch aufklang. Hart, scharf und schneidend, wie wenn Metall sich an Metall reibt; wie wenn Metall und Metall aneinanderschleifen.

Ein jäher Ruck ging durch das Schiff. Die schweren Trossenschleifen einer Maschine hatten es gefaßt und an sich gefesselt. Ein gleichstarker Ruck traf in dem Augenblick, in dem die Kupplung der beiden Schiffe sich vollzog, auch die andere Maschine und hätte Dr. Hegemüller fast zum Straucheln gebracht.

»Gelungen, Berger! Wir haben das Strahlschiff fest in den Schlaufen«, rief er seinem ersten Monteur zu, als er wieder auf festen Füßen stand. »Jetzt volle Kraft nach oben!«

Schon bewegte sich ein Steuerhebel in seiner Hand, und ein zweiter Ruck traf die beiden Schiffe. Noch stärker als schon zuvor spannten sich die schweren Trossen, die sie verbanden. Neuen Aufruhr brachte die Veränderung in die amerikanische Maschine. Mit Beschleunigung wurde sie von dem anderen Schiff senkrecht nach oben gerissen; verdoppelt hatte sich im Moment das Körpergewicht der gegen die Tür des Kommandoraumes anstürmenden Fluggäste. In einem wirren Durcheinander stürzten sie zu Boden. Momentan verstummte der tobende Lärm. Plötzliche Stille herrschte im Passagierraum, herrschte auch im Kommandostand von O'Neils' Schiff.

* * *

Watson war es, der das Schweigen brach. »Wir sind gerettet, Herr Professor! Die Wärme wird bald nachlassen.«

O'Neils war noch benommen. Die seelischen Erschütterungen, das Ringen mit Watson, die drückende Hitze – noch immer herrschten fast vierzig Grad im Raum –, das alles war zuviel für ihn gewesen. In einem Schwächeanfall sank er zusammen. Watson griff nach dem Puls des Professors, fühlte ihn matt und unregelmäßig gehen und erschrak.

Sollte diese Fahrt doch noch ein Opfer fordern? Sollte O'Neils, auf den die Wissenschaft Amerikas mit Stolz blickte, nach Dr. Lee der zweite sein, der sein Leben für die neue Technik dahingeben mußte? Es durfte nicht sein. Mit allen Mitteln mußte das verhindert werden! Das waren die Gedanken, die Watson bewegten, als er die Tür zum Passagierraum aufriß, um deren Schließung er noch vor wenigen Minuten mit O'Neils gekämpft hatte. Nur von dem einen Wunsch beseelt, seinem Meister und Lehrer Hilfe zu bringen, achtete er kaum auf das, was sich hier seinen Blicken bot. Wo noch vor kurzem eine vor Angst und Verzweiflung halb irre Menge gerast hatte, fand er apathische, fast lethargische Menschen, die dahingestreckt lagen, wie der Stoß beim Einfangen des Strahlschiffes sie niedergeworfen hatte. Kaum daß der eine oder andere den Kopf nach ihm wandte, den Mund öffnete und eine Frage zu stellen versuchte. Watson stieg über die Liegenden hinweg, ging zur Bar, holte Eis und Alkohol und eilte damit in den Kommandostand zurück, ohne die Tür hinter sich zu schließen. All seine Sorge galt nur O'Neils. Er rieb dem immer noch Ohnmächtigen Schläfen und Stirn mit Eis. Er flößte ihm mit Eisstückchen vermengten Weinbrand ein und fühlte nach bangen Minuten, wie sein Puls kräftiger ging, sah, daß er die Augen aufschlug und seine Umgebung wiedererkannte.

Noch einmal war das Schlimmste vermieden worden.

»Was war das? Was ist geschehen?« Noch schwach kamen die Worte aus dem Munde O'Neils'.

»Wir sind gerettet, Herr Professor!« wiederholte Watson die Worte, die er schon einmal gesprochen hatte. »Ein anderes Schiff hebt uns in die dünnere Atmosphäre.« Er unterbrach sich und sah auf das Thermometer. »Wir haben nur noch fünfunddreißig Grad im Schiff. Bald wird es noch kühler sein.«

O'Neils war den Blicken Watsons gefolgt. Er sah das Thermometer, sah daneben die Uhr, und seine Gedanken begannen wieder zu wandern. Halb wie im Traum sprach er die Worte vor sich hin.

»Landen ... wir wollen in Washington landen. Werden wir dorthin kommen?«

»Wir werden hinkommen. Das deutsche Schiff wird uns richtig dorthin bringen,« versuchte Watson ihn zu beruhigen.

Gerade als er diese Worte sprach, jagte das Schiff im Schlepptau des deutschen in zweihundertfünfzig Kilometer Höhe über Washington dahin, weiter nach Westen. Dr. Hegemüller hatte ganze Arbeit gemacht. Er hatte es in eine Höhe gehoben, in der die Luftreibung nur noch minimal war, und die Folgen machten sich von Minute zu Minute fühlbar. Schon war die Temperatur auf dreißig Grad gesunken und fiel unablässig weiter.

Die Gefahr des Feuertodes war gebannt, doch eine andere Schwierigkeit blieb noch zu überwinden. Noch immer hatte O'Neils' Schiff eine enorme Geschwindigkeit, und die Möglichkeit, die rasende Fahrt durch den Strahlungsdruck abzubremsen, war infolge der Verriegelung seiner Treibflächen versperrt. Sorgenvoll überlegte Dr. Hegemüller, welche Mittel er wählen sollte, um das manövrierunfähige Schiff zu einer sicheren Landung zu bringen.

Unablässig gingen die Funksprüche zwischen der deutschen Maschine und Hidetawa, der mit seinem Schiff in Sichtweite blieb, hin und her, und Watson hörte sie in seinem Empfänger mit.

»Gehen Sie tiefer! Lassen Sie die Luftreibung als Bremse wirken!« hatte der Japaner soeben gemorst.

»Es würde zu lange dauern. Der Luftvorrat der Amerikaner ist begrenzt. Es befinden sich fünfzehn Mann an Bord«, funkte Dr. Hegemüller zurück. »Ich will versuchen, durch Trossenzug abzubremsen.«

»Seien Sie vorsichtig! Die hintere Trosse wird dabei abgleiten«, kam die Antwort Hidetawas und warf Dr. Hegemüller in neue Zweifel und Sorgen. Sicherlich hatte der andere mit seiner Warnung recht. Das amerikanische Schiff hatte ja die Form eines liegenden, nach vorn und hinten zugespitzten Zylinders. Die vordere Schlaufe würde bei dem Manöver, das Hegemüller beabsichtigte, bestimmt standhalten, sich sogar noch fester um den Schiffskörper legen. Die hintere würde aber aller Wahrscheinlichkeit nach abgleiten. Dann aber war die Maschine nicht mehr in der vollen Gewalt der deutschen und die Gefahr ihres Absturzes bedrohlich nahe.

Dr. Hegemüller sah nur einen Ausweg. Man mußte die vordere Trosse stärker anziehen und dadurch verkürzen. Dann würde sie allein beansprucht, wenn er seine Strahlflächen bremsend wirken ließ, und die Gefahr des Abgleitens der hinteren Schlaufe war vermieden. Das Mittel, das allein helfen konnte, erkannte er klar; doch sah er keine Möglichkeit, es anzuwenden. Schon flog das, was er soeben durchdacht hatte, auf Ätherwellen zu dem japanischen Schiff hinüber, und eine überraschende Antwort kam von dort zurück. »Wir werden es von unserem Schiff aus versuchen«, funkte Hidetawa.

Das Staunen Hegemüllers über diese Mitteilung war begreiflich, denn manche der technischen Einrichtungen, die Hidetawa bei seiner Maschine vorgesehen hatte, waren ihm unbekannt. Er wußte nicht, daß Hidetawa, ebenso wie früher schon Dr. Lee, eine Luftschleuse eingebaut hatte, die es gestattete, das Schiff auch in einer verdünnten Atmosphäre zu verlassen oder zu betreten. Auch hatte er nichts davon erfahren, daß das japanische Schiff mehrere Skaphanderanzüge und Fallschirme an Bord hatte. So war es ihm völlig unmöglich, sich eine Vorstellung von dem zu machen, was Hidetawa vorhatte.

Immer näher hatte sich inzwischen das japanische Schiff herangeschoben. Kaum einen Meter entfernt lag es jetzt neben der deutschen Maschine, und dann sah Dr. Hegemüller etwas, was ihn den Atem anhalten ließ. Eine Tür öffnete sich an der dem deutschen Schiff zugewandten Seite der japanischen Maschine. Ein Wesen, das ungefähr einem Taucher in voller Ausrüstung glich, wurde sichtbar, wagte einen Sprung und war für den Deutschen nicht mehr sichtbar. War der Tollkühne aus der unendlichen Höhe abgestürzt, oder hatte er die vordere Trosse zu packen bekommen? Das war die Frage, die Hegemüller noch beschäftigte, als eine zweite ebenso gekleidete Gestalt der ersten folgte und das gleiche Schauspiel sich wiederholte. Aber diesmal konnte Hegemüller es deutlich sehen. Dieser hatte sein Ziel verfehlt. In jähem Sturz verschwand er in der Tiefe.

»Doch ein Todesopfer!« durchzuckte es Hegemüller, während schon ein dritter von dem japanischen Schiff den grauenhaften Sprung wagte und anscheinend nicht fehlgriff. Ein Scharren, Knirschen und Knarren ließ Hegemüller aufhorchen. Er fand nur eine Erklärung dafür: die beiden Männer, die da draußen zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Schiff in einer unvorstellbaren Höhe hingen, waren dabei, die vordere Trosse zu kürzen. Noch überlegte er, wie sie das Werk wohl zustande bringen mochten, als die beiden seinen Blicken wieder sichtbar wurden, und jetzt fiel es ihm auch auf, daß sie die schweren Windeisen, die vorher an ihrer Seite hingen, nicht mehr bei sich führten. So also hat Hidetawa das gemacht, ging's ihm durch den Kopf. Genial und einfach wie alle genialen Sachen.

Noch dichter hatte sich inzwischen Hidetawas Schiff herangeschoben. Fast berührte es jetzt die Wand der deutschen Maschine. Behend verschwanden die beiden Helfer wieder in der Luftschleuse. Die Tür des japanischen Schiffes wurde geschlossen; gleichzeitig kam ein neuer Funkspruch von dort.

»Ihre vordere Trosse ist gekürzt. Sie können mit ihren Strahlflächen bremsen.«

Andere Morsezeichen folgten. Sie kamen von Watson, der seinem Dank in überströmenden Worten Ausdruck gab und es auch nicht unterließ, sein Beileid zu dem Absturz des einen der Retter auszusprechen. Ebenso wie Yatahira hörte auch Dr. Hegemüller den Funkspruch Watsons und schüttelte unwillkürlich den Kopf.

»Was hilft das?« murmelte er vor sich hin. »Er ist längst zerschellt. Mit mehr als einem Kilometer Sekundengeschwindigkeit mußte sein Leib aufschlagen. Bei solcher Geschwindigkeit verhält sich auch das Wasser wie ein starrer Körper. Auch wenn er ins Meer abstürzte, mußte er zerschmettert werden.« Er schwieg und horchte auf das, was jetzt im Hörer tickte. Es war die Antwort aus der japanischen Maschine.

»Wir hoffen, daß Yoshika sich retten kann. Wir nehmen an, daß er mit seinem Fallschirm die Ostküste Spaniens erreichen wird.«

... Fallschirm?! ... die Ostküste Spaniens? ... Hegemüller griff sich an den Kopf ... Einen Fallschirm hatte der Abgestürzte bei sich ... das konnte Rettung bringen bei einem Absprung aus zwölf Kilometer, aber doch nicht aus hundertzwanzig Kilometer Höhe. Der Schirm würde sich in der so unendlich dünnen Atmosphäre hier oben nicht entfalten. Wie ein Stein mußte der Mann erst viele Meilen abstürzen, bevor er dichtere Luftschichten erreichte. Ins Riesenhafte mußte dabei seine Sturzgeschwindigkeit wachsen, und wenn der Schirm sich endlich doch öffnete, würde es einen plötzlichen Ruck, eine so jähe Bremsung geben, daß der Unglückliche schon dadurch getötet würde ...

Dr. Hegemüller konnte die Hoffnung der Japaner auf eine Rettung ihres Gefährten nicht teilen. Aber – so überlegte er weiter – selbst wenn der Fallschirm richtig wirkt, mußte der Mann doch mitten in das Meer zwischen Italien und Spanien fallen, über dem die Maschinen sich im Augenblick des Absturzes befanden. Wie sollte er jemals die noch so viele Meilen entfernte spanische Küste erreichen? Halt! Doch! Das war möglich! verbesserte Dr. Hegemüller seinen Gedankengang. Der Mann hatte ja in dem Moment, in dem er sich von dem Strahlschiff trennte, dieselbe Geschwindigkeit wie dieses. Mit rund vier Sekundenkilometer mußte auch sein Körper weiter nach Westen treiben, bis die Luft in geringerer Höhe die Bewegung abbremste. Vollauf mußte dieser Schwung, wie es Dr. Hegemüller jetzt überschlug, genügen, um ihn über das Meer und vielleicht sogar noch ein gutes Stück landeinwärts nach Spanien zu tragen.

Die Schwungkraft! Der Gedanke daran ließ ihn in die Wirklichkeit zurückkehren. Auch er hatte ja noch Schwung abzubremsen, mußte die lebendige Kraft nicht nur des eigenen, sondern auch des anderen Schiffes durch Strahldruck aufzehren lassen, wenn die tolle Jagd um den Erdball nicht unaufhörlich weitergehen sollte. Er griff in die Steuerung und bewegte sie vorsichtig. Ein Knirschen und Klingen, das von außen kam, antwortete der Bewegung. Die vordere Trosse spannte sich und hielt die Maschine O'Neils' fest, die ohne dies Hindernis unverändert weiter nach Westen gestürmt wäre. Nur behutsam bewegte er den Steuerhebel weiter, überlegte und berechnete dabei im Kopf, wieviel er der einen Trosse zumuten durfte, an der jetzt das Schicksal der anderen hing, und kam zu dem Schluß, daß er eine Verzögerung von fünf Sekundenmeter wagen dürfe. Wenig später lief ein Funkspruch des japanischen Strahlschiffes ein, daß das Manöver gelungen sei. Die verkürzte vordere Trosse nahm den gesamten Bremsdruck auf, die hintere Trosse blieb unbeansprucht, und ihre Schlaufe lag unverändert an der alten Stelle.

»Wir wollen absteigen und Nachricht nach unten geben. Man wird dort in Sorge um uns sein«, funkte Hidetawa weiter.

Zustimmende Antwort kam von der deutschen Maschine. In gleichmäßigem Fall sanken die drei Schiffe hinab und durchstießen die Schicht, die ihre Verbindung mit der Erde so lange unterbunden hatte.

Hidetawa hatte Grund zu seiner Mahnung, denn in der Tat war die Aufregung dort unten nicht gering. Man hatte die Notrufe der Amerikaner empfangen. Dann war die Verbindung geraume Zeit mit ihnen gestört, während von dem japanischen Schiff die Nachricht kam, daß es zu Hilfe eile. Man hatte für kurze Zeit befreit aufgeatmet, bis neue dringendere Rufe von den Amerikanern kamen, die von einer unerträglich werdenden Glut sprachen. Dann war die Verbindung zum zweitenmal abgerissen, und schon hielt man das Schiff für verloren, fürchtete, daß seine Insassen irgendwo im Raum verbrannt oder erstickt wären. Immer aufregender wurden die Nachrichten, die an hundert Stellen der Erde aus den Antennen der großen Sender fluteten. So sehr überschlugen sich wilde Vermutungen und schlimme Befürchtungen, daß man darüber eine andere Nachricht fast überhörte. Auch das deutsche Schiff war, wie der Sender aus Gorla meldete, zur Hilfeleistung aufgestiegen.

Es war nur eine vage Vermutung, die der Chefingenieur Grabbe funken ließ; denn tatsächlich wußte er ja nichts über die Absichten und das Ziel Dr. Hegemüllers. Er hatte es auf gut Glück hin getan und zufällig das Richtige getroffen. Innerlich verwünschte er dabei Hegemüller bis in die tiefste Hölle und nahm sich vor, ihm einen Empfang zu bereiten, der ihm die Lust zu derartigen Eigenmächtigkeiten ein für allemal austreiben sollte. Doch vorläufig sah es nicht so aus, als ob er dazu bald eine Gelegenheit haben würde; denn von dem Schiff kam überhaupt keine Nachricht. Seit seinem Start schien es verschollen zu sein.

So wartete Chefingenieur Grabbe vergebens auf ein Lebenszeichen Hegemüllers, und in seinem Ärger mischte sich allmählich Sorge um das deutsche Schiff und seine Besatzung. Er hielt es nun doch für angebracht, Professor Lüdinghausen von dem Geschehenen Mitteilung zu machen, und eilte zu ihm. Ruhig hörte der Professor Grabbes Bericht an, nickte ein paarmal zustimmend, schüttelte den Kopf, wenn der Chefingenieur gelegentlich seinem Ärger über Hegemüller Luft machte.

»Es ist das einzig Richtige, was Dr. Hegemüller getan hat«, sagte er, nachdem Grabbe geendet hatte. »Es mußte unbedingt geschehen. Wie würden wir dastehen, wenn von unserer Seite nichts unternommen worden wäre? Stellen Sie sich die Lage klar vor: Ein Schiff in Not. Hidetawa jagt ihm um den halben Erdball nach, um ihm zu helfen, und wir stehen tatenlos beiseite. Einerlei, ob die Rettung gelingt oder nicht, unser Ansehen hätte einen schweren Schlag erlitten.«

Ungeduldig hatte Chefingenieur Grabbe Professor Lüdinghausen aussprechen lassen. »Hegemüller riskiert Kopf und Kragen«, brach er jetzt los. »Unser Schiff war für ein derartiges Unternehmen noch nicht startfähig. Es haben noch keine Probeflüge stattgefunden. Die Maschinerie ist noch nicht in kleineren Flügen erprobt worden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß ihm ein ähnliches Schicksal blüht wie den Amerikanern.«

Während Grabbe noch sprach, griff Lüdinghausen zum Telefon und gab der Funkstation Auftrag, mit allen Mitteln eine Verbindung mit dem Strahlschiff zu versuchen.

»Zwecklos, Herr Professor Lüdinghausen«, knurrte Grabbe dazwischen. »Vielleicht sind alle drei schon verloren.«

Trotz der ernsten Lage mußte Lüdinghausen lächeln.

»Sie trauen unserm Freund Hegemüller wenig zu«, meinte er. »Ich halte mehr von ihm. Wenn eine Rettung möglich ist. wird er's schaffen. Unser Schiff wird er bestimmt wieder nach Hause bringen. Das ist meine feste Überzeugung.« Die Glocke des Telefons klang dazwischen. Die Funkstation rief an: »Wir haben Verbindung mit unserem Strahlschiff. Doktor Hegemüller meldet sich. Er hat das andere Schiff fest in den Trossen und bremst den Flug mit seinen Strahlflächen ab.«

»Also, da haben wir's!« rief Lüdinghausen begeistert. »Ich habe es Ihnen ja gleich gesagt, unser Hegemüller schafft es.« Er sprach wieder in das Telefon zur Funkstation. »Rufen Sie Doktor Hegemüller an! Ich lasse ihn bitten, das Schiff hierher nach Gorla zu bringen. Die Reparatur kann hier schnellstens erledigt werden, und es werden unnötige Aufregungen und alles überflüssige Geschwätz in Washington vermieden.«

»Was sagen Sie dazu, Berger?« fragte Hegemüller nach dem Empfang von Lüdinghausens Funkspruch. »Wir sollen die Amerikaner nach Gorla einschleppen.«

»Feine Idee von unserm Professor, Herr Doktor! Fragt sich nur, ob sie damit einverstanden sind.«

Die Frage des Monteurs Berger war berechtigt. Auch Watson hatte den Funkspruch gehört und O'Neils mitgeteilt. Der Vorschlag kam beiden so unerwartet, daß sie in ihrer Verblüffung zunächst keine Worte fanden. Dann aber begannen sie über ihn zu debattieren, Gründe und Gegengründe vorzubringen.

»Was werden unsere Gäste dazu sagen, wenn wir nicht in Washington, sondern in Deutschland landen?« war die erste Frage O'Neils'.

»Sie werden froh sein, daß sie überhaupt gesund landen können«, warf Watson dagegen ein.

So ging Rede und Gegenrede zwischen den beiden noch hin und her, als Hegemüller sie anrief. Kurz und bündig teilte er ihnen mit, daß er aus technischen Gründen gezwungen wäre, zunächst in Gorla zu landen. In zwanzig Minuten würde man dort sein; alles Weitere würde sich da finden.

Während der wenigen Minuten, die vergangen waren, seitdem Dr. Hegemüller die Strahlflächen bremsend wirken ließ, hatten die beiden Schiffe schon den größten Teil ihrer Geschwindigkeit verloren. Nur noch mit tausend Kilometer in der Stunde flogen sie in knapp zwanzig Kilometer Höhe dahin. In weitem Bogen hatte Dr. Hegemüller den Westkurs verlassen und war auf einen Nordostkurs abgeschwenkt, der ihn geradewegs nach Gorla bringen mußte. In kurzer Zeit war damit das japanische Schiff außer Sichtweite gekommen. Mit nur wenig verringerter Geschwindigkeit jagte es weiter nach Westen, während Funksprüche zwischen Yatahira und Hegemüller hin- und hergingen.

»Wir werden etwas später nach Gorla kommen«, funkte der Japaner. »Erst müssen wir Yoshika suchen.«

Ihr könntet leichter die berühmte Stecknadel in einem Heuschober finden als euren Yoshika, dachte sich Hegemüller, während er die Morsetaste hämmern ließ und den Japanern Wünsche für einen guten Erfolg funkte. Höflich bleiben die Bewohner des Fernen Ostens in allen Lebenslagen, dachte er weiter, als Hidetawa seinen Dank für die guten Wünsche funken ließ. Aber er stutzte, als weitere Zeichen aus dem Hörer tickten.

»Wir hoffen, Yoshika noch in der Luft fassen zu können ...«

Dr. Hegemüller griff sich an die Stirn. War denn das überhaupt möglich? Er sah nach der Uhr. Knapp zehn Minuten waren seit dem Absturz des Japaners verstrichen. War es denkbar, daß der sich noch in der Luft befand? Dr. Hegemüller fand keine Antwort auf seine Frage, Es hing ja alles von der Art des Fallschirms ab, mit denen Hidetawa seine Leute ausgerüstet hatte. Daß bei einem Absprung oder Absturz aus mehreren hundert Kilometern Höhe ganz besondere Verhältnisse herrschten, darüber war sich der Deutsche schon vorher klargeworden. Jetzt kam ihm auch die Erkenntnis, daß man diesen Verhältnissen durch eine besondere Konstruktion der Schirme Rechnung tragen müsse, und wie er Hidetawa kannte, war er überzeugt, daß der das auch getan hatte ... Yoshika noch in der Luft abfangen? Er war gespannt, wie das Unternehmen wohl ausgehen möge; doch im Augenblick nahm die Führung des Schiffes seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch.

Auf dem Tisch des Chefingenieurs Grabbe klingelte das Telefon. Professor Lüdinghausen rief an.

»Hegemüller bringt beide Schiffe hierher. In fünf Minuten will er landen. Bereiten Sie alles vor! Ich komme zur Halle.«

»Jawohl, Herr Lüdinghausen, wird gemacht«, rief Grabbe zurück und warf den Hörer auf die Gabel. Vergessen waren in diesem Augenblick sein Ärger und sein Zorn. Der Chefingenieur Grabbe dachte nicht mehr daran, seinem eigenmächtigen Untergebenen den Kopf zu waschen. Freude und Stolz erfüllten ihn, die Kameraden zu retten.

So schnell ihn seine Füße trugen, eilte er nach der großen Halle, gab den Befehl, das zweiteilige Dach aufzuklappen, rief dann die geschicktesten Leute der Abteilung zusammen und hatte mit ihnen eine hastige Besprechung, während die Minuten verrannen und der Zeitpunkt der Landung immer näher heranrückte.

Dr. Hegemüller hatte mit seiner Vermutung recht, daß Hidetawa seine Fallschirme den veränderten Verhältnissen des Weltraumfluges besonders angepaßt hatte. Als er diesem Problem nähertrat, hatte er sofort die Gefahr erkannt, daß ein fallender Körper in den obersten dünnen Schichten der Atmosphäre eine verderbliche Sturzgeschwindigkeit annehmen könnte, und danach seine Maßnahmen getroffen. Zu einem Vielfachen der sonst üblichen Größe breiteten sich die von ihm konstruierten Schirme aus. Sie bremsten den Fall dadurch bereits in Höhen, in denen die andern Schirme noch unwirksam blieben. Je nach Bedarf konnte der Fallschirmspringer in den tieferen Luftschichten den Schirm durch einfache Schnurbewegungen verkleinern; er konnte es aber auch unterlassen und schwebte dann noch wesentlich langsamer als das leichteste Baumblatt in die Tiefe.

»Er wird wohl wissen, daß wir ihm so bald wie möglich nachfolgen; er wird danach handeln«, sagte Hidetawa, während das Schiff auf Westkurs dahinstürmte. Yatahira nickte und rechnete auf einem Schreibblock, sprang dann auf und betätigte die Steuerung so, daß das Schiff stark abgebremst wurde.

»Wir müssen ihn in zehn Kilometer Höhe suchen«, sprach er dabei weiter. »Wenn er so gehandelt hat, wie wir es von ihm erwarten.«

»Suchen Sie, Yatahira!« war alles, was Hidetawa darauf erwiderte.

Schweigend arbeitete Yatahira an der Steuerung, verstellte hier einen Hebel und dort einen anderen, während seine Augen bald zu den Meßinstrumenten gingen, bald scharf durch das Bugfenster spähten. In zehn Kilometer Höhe flog jetzt das Schiff und sank, während seine Geschwindigkeit ständig abnahm, allmählich noch tiefer. Weit voraus kam Land in Sicht; eine gebirgige Küste, die Bucht von Valencia. Noch angestrengter als bisher starrte Yatahira nach vorn, während seine Hände an den Steuerhebeln lagen. Stärker bremste er jetzt den Flug, noch tiefer ließ er das Schiff sinken, dabei unentwegt einen Punkt im Auge behaltend, der bald in dem schimmernden Blau des Äthers sichtbar war, auf Sekunden zu verschwimmen schien und dann von neuem auftauchte. Minuten hindurch währte das Spiel, dann sprach Yatahira:

»Wir haben Yoshika gefunden, Herr Hidetawa.«

* * *

»Da sind sie!« Chefingenieur Grabbe sagte es zu Robert Jones, während die beiden durch die schweren Trossen zu einer Einheit verbundenen Strahlschiffe durch das geöffnete Dach hinabsanken. Das amerikanische Schiff setzte auf dem Hallenboden auf. Durch seine Strahlflächen gehalten, stand das deutsche Schiff frei schwebend darüber. Im nächsten Augenblick sprangen Werkleute mit Leitern und Gerätschaften hinzu. Jetzt tat die kurze Besprechung, die Grabbe vor wenigen Minuten mit ihnen gehabt hatte, ihre Wirkung. Schneidbrenner zischten auf. Gierig fraßen sich ihre Flammen durch den Stahl der Trossen. In weniger als einer Minute waren die starken Drahtseile durchgeschnitten. Das deutsche Schiff wurde frei. Es erhob sich wieder, um draußen vor der Halle zu landen. Als erster sprang Jones hinzu, als die Tür des amerikanischen Schiffes geöffnet wurde.

»Heaven's sake!« Mit Tränen in den Augen umarmte er Watson, begrüßte danach Professor O'Neils, dem die Aufregungen und Anstrengungen des abenteuerlichen Fluges stark anzumerken waren, wurde gleich danach von den Gästen O'Neils' umringt und mit einer Flut von Fragen überschüttet, daß er nicht wußte, wem er zuerst Auskunft geben sollte.

Während er sich noch bemühte, Rede und Antwort zu stehen, schrillte die Werksirene, begannen die Uhren zu schlagen. Es war eben zwölf Uhr mittag. Zwölf Uhr! Das brachte neue Erregung unter die Presseleute. Ihre Berichte mußten schnellstens zu den Schriftleitungen gebracht werden. Sie riefen nach Fahrgelegenheiten und erfuhren erst jetzt, daß sie nicht in Washington, sondern im Herzen Deutschlands gelandet waren.

Von neuem schwoll das Stimmengewirr an und wurde so stark, daß Professor Lüdinghausen es für angebracht hielt, sich einzumengen. Er stellte den Fluggästen alle Nachrichtenmittel zur Verfügung und erreichte nach wenigen Worten eine Beruhigung der aufgeregten Gemüter.

Unter der Führung Dr. Thiessens gingen sie in das Verwaltungsgebäude und traten in einen Raum. Ein rundes Dutzend Maschinen standen dort. Fernschreiber waren es, die über Funk mit jeder gleichartigen Maschine, die irgendwo in Europa stand, synchron zu arbeiten vermochten.

Und solche Maschinen gab es auch in der ganzen Welt; in den großen Zeitungsredaktionen hatten sie ihren Platz, und schnell waren die Verbindungen hergestellt. Schon klapperten in Gorla die Tasten unter den Fingern eifriger Berichterstatter, während korrespondierende Maschinen in London, Rom, Paris und andern Städten den gleichen Text niederschrieben, der hier auf dem Papier erschien. Wer aber einen mündlichen Bericht vorzog, dem stellte Dr. Thiessen auch die Telefonverbindungen des Werkes zur Verfügung, und manche wählten diesen Weg, um ihren Schriftleitungen so schnell wie möglich von alledem, was sie in ereignisreichen Stunden erlebt hatten und wovon ihr Herz noch voll war, Bericht zu geben.

Eine gute Viertelstunde mochte darüber vergangen sein, als Jones in den Saal kam. Er erschien gerade zur rechten Zeit, denn schon waren einige mit der Weitergabe ihrer bereits während des Fluges vorbereiteten Berichte zu Ende und wollten nun weiteres hören. Aber was Robert Jones seinen Landsleuten mitteilte, hatte nichts mehr mit Abenteuern und Aufregungen zu tun. Es klang im Gegenteil ziemlich prosaisch.

»Meine Herren«, sagte Jones, »Sie haben noch bequem Zeit, einen Imbiß einzunehmen, zu dem die Werkleitung Sie durch mich bitten läßt. Danach wird Ihr Strahlschiff wieder starten und Sie nach Washington bringen.«

Es gab bedenkliche Gesichter, als Jones geendet hatte. Zu stark noch wirkte in den meisten die Erschütterung durch das vor kurzem Erlebte nach. Fragen wurden laut, ob es ratsam sei, sich noch einmal der Maschine O'Neils anzuvertrauen, nachdem sie eben erst haarscharf am Tode vorbeigekommen waren. Die Möglichkeit, eines der flugplanmäßigen Stratosphärenschiffe nach New York zu benutzen, wurde laut erwogen, und Jones sah sich genötigt, seine ganze Beredsamkeit aufzubieten.

Er tat es, und weil er seine Landsleute ganz genau kannte, tat er es auch mit Erfolg. Er verstand es, sie bei der Ehre zu packen. Er stellte ihnen in flammenden Worten vor, wie beschämend es für Professor O'Neils und schließlich auch für sie selber wäre, wenn sie nicht zusammen mit ihm wieder auf dem gleichen Platz landen würden, von dem sie gestartet waren, und er riß sie schließlich alle mit sich.

In gehobener Stimmung folgten sie ihm in das Werkkasino, um sich vor dem Weiterflug bei einem gemeinsamen Mahl zu stärken.

Während Jones sich nach der Landung in Gorla der Gäste O'Neils' annahm, war dieser mit Watson zusammen im Kommandostand seines Schiffes geblieben. Er machte den Eindruck eines müden, gebrochenen Mannes. Allzu schwer hatte ihn der Mißerfolg seines mit großen Hoffnungen unternommenen Fluges getroffen. Kaum hörte er auf die Worte, mit denen ihn Watson aufzurichten versuchte, und raffte sich schließlich nur zu der Frage auf:

»Was soll nun weiter werden, Watson?«

»Wir werden den Schaden hier reparieren und dann nach Washington zurückfliegen.«

»Wie viele Tage, wie viele Wochen wird das dauern? Was werden meine Gäste dazu sagen? Was wird man in den Staaten von uns denken?«

Mit einer matten Handbewegung winkte er ab, als Watson etwas dagegen sagen wollte. Wies auch Jones ab, der eben aus dem Verwaltungsgebäude zurückkam, und brütete vor sich hin, als die Tür sich zum zweitenmal öffnete.

Professor Lüdinghausen und Chefingenieur Grabbe kamen herein.

Schwerfällig erhob sich O'Neils, um seine deutschen Freunde zu begrüßen. Mühsam zwang er sich zu einem Lächeln, als Lüdinghausen ihn zu dem glücklich vollendeten Rundflug beglückwünschte.

»Glücklich vollendet, Herr Professor Lüdinghausen? Der Flug ist noch nicht vollendet. Mein Schiff liegt hier in Ihrem Werk als Wrack, während man in Washington auf meine Rückkehr wartet.«

»Kopf hoch, Mr. O'Neils!« rief Grabbe dazwischen. »Man wird in Washington nicht mehr lange auf Sie zu warten brauchen. Den kleinen Defekt an Ihrer Maschine werden wir in einer halben Stunde beheben.«

»In einer halben Stunde?« Ungläubig wiederholte Jones die Worte des Chefingenieurs.

»Jawohl in einer halben Stunde«, wandte sich Lüdinghausen an Jones.

»Führen Sie Ihre Leute ins Kasino! Sie sollen vor dem Weiterflug ordentlich frühstücken und sich keine unnötigen Gedanken machen.«

Eilig machte sich Robert Jones davon, um den Auftrag auszurichten.

»Sie versprechen Unmögliches, Herr Grabbe«, sagte Watson, nachdem Jones gegangen war. »Unsere Hauptsteuerwelle ist gebrochen. Die Anfertigung einer neuen wird viele Tage beanspruchen.«

In seine letzten Worte klang von außen her das Geräusch von Werkzeugen, und fast gleichzeitig kam Dr. Hegemüller mir vier seiner besten Werkleute in den Kommandoraum.

»Halten Sie sich dran, Hegemüller!« rief ihm Grabbe zu. »Ich habe unseren Freunden versprochen, daß sie in einer halben Stunde wieder starten können.«

»Wollen unser möglichstes tun, Herr Grabbe«, meinte Dr. Hegemüller und gab seinen Leuten Anweisungen. Schlüssel wurden angesetzt, Schraubenmuttern wurden gelöst, Bolzen und Keile wurden herausgezogen. In weniger als fünf Minuten lag die Welle frei.

»Ein häßlicher Bruch«, brummte Hegemüller vor sich hin. »Trotzdem, es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn wir die Geschichte nicht wieder ins Lot brächten.« Er folgte seinen Leuten, die den beschädigten Maschinenteil aus dem Schiff trugen, und traf draußen mit den andern zusammen, die dort das andere Stück der Welle abmontiert hatten.

»Marsch, marsch, Herrschaften!« trieb er sie an. »Der Chefingenieur hat Professor O'Neils versprochen, daß er in einer halben Stunde starten kann. Fix mit dem Zeug in die Schweißerei!«

Schweigend hatte O'Neils der Arbeit von Hegemüllers Leuten zugeschaut. Allmählich erwachte sein Lebensmut wieder, doch noch immer vermochte er nicht an das zu glauben, was Chefingenieur Grabbe versprochen hatte.

»Sie können mehr als zaubern, wenn Ihnen das gelingt«, begann er zögernd.

»Nicht zaubern, Herr Professor O'Neils, aber gut schweißen«, gab Grabbe lachend zurück. »Wir bilden uns einiges auf die Schweißvorrichtungen unseres Werkes ein. In einer Viertelstunde wird man Ihrer Welle den Bruch nicht mehr anmerken.«

Häßlich hatte Hegemüller den Bruch genannt, und er hatte keinen Grund, sein Urteil zu ändern, als die Stücke in der Schweißerei lagen.

»Zehn Zentimeter rausschneiden! Neues Stück einsetzen!« kommandierte er seinen Monteuren, und jeder von ihnen verstand im Augenblick, was er zu tun hatte. Schon lagen die Stücke fest eingespannt. Schon kreischten Metallsägen auf, fraßen sich in den Stahl und schnitten ihn ab, soweit er durch den Bruch in Mitleidenschaft gezogen war. Schon wurde an einer anderen Stelle aus bestem Edelstahl ein Ersatzstück zu rechtgeschnitten. Dr. Hegemüller brauchte kaum noch Anweisungen zu geben. Schon lag alles in einer der großen Schweißmaschinen fest eingespannt. Ein Transformator brummte auf. Für Sekunden flutete elektrischer Hochstrom durch den Stahl. Hellauf leuchteten die Stoßflächen in Weißglut, waren im nächsten Moment zu einem untrennbaren Ganzen vereinigt.

Dr. Hegemüller zog die Uhr. »Zehn Minuten bis jetzt. Fix! Schnell weiter! Zu den Schleifmaschinen damit!«

Scheiben aus diamanthartem Korund rotierten in rasendem Wirbel. Blitzblank schimmerte die Oberfläche der Steuerwelle, über die sie dahingegangen waren. »Fünf Minuten«, sagte Dr. Hegemüller, als seine Werkleute das Stück aus der Schleifmaschine nahmen, um damit zu O'Neils' Strahlschiff zurückzukehren. »Wir möchten Ihnen das Geleit nach Washington geben, Herr Professor O'Neils«, hatte Grabbe eben gesagt, als Dr. Hegemüller mit seiner Kolonne wieder im Kommandoraum erschien. O'Neils vergaß, ihm zu antworten. Wie gebannt starrte er auf das Stück, das Hegemüllers Leute hereinbrachten, und wollte seinen Augen nicht trauen. War das wirklich die alte Welle? Sie mußte es ja sein; etwas anderes war nicht denkbar. Und trotzdem schien's ihm unglaublich. Er sprang auf und betastete das Werkstück mit seinen Händen. Gleichmäßig glatt und blank war die zylindrische Oberfläche. O'Neils atmete tief auf und preßte die Rechte Hegemüllers. Vergessen waren Trübsinn und Niedergeschlagenheit. Die alte Zuversicht und Entschlossenheit strahlte aus seiner Miene, während er seinem Dank in warmen Worten Ausdruck gab, die Dr. Hegemüller fast in Verlegenheit setzten.

»Nicht mein Verdienst, Herr Professor O'Neils«, wehrte er ab. »Die Einrichtung unseres Werkes haben die schnelle Reparatur ermöglicht ... nur noch sieben Minuten ... dranhalten, Herrschaften!« wandte er sich zu seinen Leuten, die bereits beim Einbau der Welle waren, und lief dann ins Freie, um auch die Arbeiten außenbords zu überwachen.

»Sie haben sich noch nicht zu meinem Vorschlag geäußert, Herr Professor«, nahm Grabbe seine früheren Worte wieder auf. »Ist Ihnen unsere Begleitung genehm, oder ziehen Sie es vor, allein nach Washington zurückzufliegen?«

»Aber nein, Herr Chefingenieur! Im Gegenteil, ich begrüße es mit Freuden. Wir wissen es, daß wir Ihnen unsere Rettung verdanken, und in den Staaten weiß man auch, was Sie für uns getan haben.«

»Montage beendet, Herr Grabbe! Dauer der Reparatur neunundzwanzig Minuten und dreißig Sekunden«, meldete Hegemüller, als er in den Kommandoraum zurückkam. »Herr Professor O'Neils kann starten.«

Auf einen Wink Grabbes machte sich Watson auf den Weg zum Kasino, um O'Neils' Gäste zu holen.

»So schnell wird der nicht wiederkommen«, meinte Dr. Hegemüller, nachdem Watson gegangen war. »Ich hörte draußen zufällig, daß die Herren im Kasino lebhaft ins Erzählen gekommen sind. Jeder einzelne malt die überstandenen Abenteuer aus, und jeder versucht, den andern dabei zu überbieten. Man hört sie über den großen Flur. Watson wird es nicht leicht haben, seine Landsleute in die Wirklichkeit zurück und zu ihrem Schiff zu bringen.«

»Sagen Sie mal, Hegemüller«, unterbrach ihn Chefingenieur Grabbe. »Was halten Sie davon? Wir wollen Professor O'Neils mit unserem Schiff nach Washington begleiten.«

»Großartig, Herr Grabbe!« Hegemüller schlug sich vor Vergnügen auf die Schenkel. »Ich wollte mir Washington schon immer mal ansehen. Hoffentlich hat Professor Lüdinghausen nichts dagegen.«

Grabbe mußte lachen.

»Auf einmal so peinlich korrekt, Herr Doktor Hegemüller? Aber heute vormittag sind Sie mit unserm Schiff abgebraust, ohne eine Menschenseele um Erlaubnis zu fragen.«

»Gefahr war im Verzug, Herr Grabbe. Die Zeit war kostbar. Es ging um Minuten«, entschuldigte sich Dr. Hegemüller und versuchte dann das Gespräch in andere Bahnen zu lenken. »Schade, Herr Grabbe, daß Hidetawa nicht hier ist! Er ist wohl irgendwo in Spanien auf der Suche nach seinem abgestürzten Besatzungsmann. Sonst könnten wir zu dritt nach Washington fliegen. Drei Strahlschiffe zusammen ... schon eine Flottille. Das wäre das Richtige, das würde Eindruck machen.«

»Ja, wenn Hidetawa da wäre, mein Heber Hegemüller, er ist aber leider nicht da ...«

»Guten Tag, meine Herren«, sagte Hidetawa, der in diesem Augenblick in den Kommandoturm des amerikanischen Schiffes trat. »Was haben Sie weiter beschlossen, Herr Professor O'Neils?«

»Ich will nach den Staaten zurückfliegen, Herr Hidetawa.«

Der Japaner stutzte. »Mit einem Maschinenschaden, Herr Professor O'Neils? Das ist doch nicht denkbar.«

»Der Schaden ist bereits behoben, Herr Hidetawa. Die Reparatur gelang hier im Werk in unglaublich kurzer Zeit. Wir sind startbereit.«

»Ja, wir haben nur noch auf Sie gewartet, Herr Hidetawa«, sagte Dr. Hegemüller. »Bei uns gibt's ein Sprichwort, das heißt: Aller guten Dinge sind drei.«

Er merkte an der Miene Hidetawas, daß der nicht begriff, wohin er, Hegemüller, mit seinen Worten hinauswollte, und fuhr fort: »Wir haben nämlich beschlossen, Professor O'Neils mit unserem Schiff nach Washington zu begleiten, und sprachen eben davon, wie schön es wäre, wenn Sie auch dabeisein könnten, Herr Hidetawa. Wir stellten es uns als einen wirkungsvollen Abschluß von Professor O'Neils' Flug vor, wenn wir mit unsern drei Strahlschiffen zusammen dort ankämen.«

»Sie machen mir eine große Freude damit, Herr Hidetawa«, fiel ihm dieser ins Wort. »Sie nützen damit auch gleichzeitig unserer gemeinsamen Sache. Ich kenne meine Landsleute. Sie sind leicht begeistert, aber auch leicht niedergeschlagen. Das Gorla-Werk steht, seitdem wir hier landeten, in ständiger Funkverbindung mit Washington. Zehntausende umlagern dort trotz unserer Verspätung den Startplatz und harren auf unsere Ankunft. Sie werden uns stürmisch zujubeln und noch stärker an unsere Sache glauben, wenn wir nicht allein ankommen, sondern wenn sie unsere drei schönen Schiffe gleichzeitig landen sehen.«

»Dann, Herr Professor O'Neils, werde ich Sie gern begleiten«, sagte Hidetawa.

Stimmengewirr kam von draußen auf. Robert Jones und Henry Watson brachten die Gäste O'Neils' in die Halle. Nicht ohne einige Mühe hatten sie diese an den beiden draußen liegenden Schiffen vorbeigebracht.

Plaudernd und lachend, noch ganz erfüllt von den Erlebnissen der letzten Stunden, drängten sie sich jetzt wieder in den Passagierraum der amerikanischen Maschine. Ein kurzer Abschied noch zwischen O'Neils, Hidetawa und Dr. Hegemüller, dann gingen sie zu ihren Schiffen. Schon wurden überall die Türen geschlossen. Als erste hob sich die amerikanische Maschine vom Boden ab. Unmittelbar nach ihr starteten Hidetawa und Hegemüller, mit Kurs auf die amerikanische Hauptstadt.

* * *

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