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Flitter und Schein

Hedwig Dransfeld: Flitter und Schein - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHedwig Dransfeld
titleFlitter und Schein
publisherVerlag und Druck von J. P. Bachem
printrunDritte Auflage
yearo.J.
illustratorW. Roegge jun.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131207
projectid5a484b41
wgs9110
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7

Es ist ein wundersamer Julimorgen, an welchem Alexa von der gastlichen Villa Thyssen Abschied nimmt. Die Dienerschaft, bei der sie sehr beliebt war, läßt ihr durch den Gärtner einen Strauß überreichen von fliederfarbenen Rhododendren, blutroten Nelken und Winden mit großen, rosigen Blütentellern. Sie erinnert sich, daß sie vor Jahresfrist ihrem scheidenden Vater einen ähnlichen Strauß überreichte, und ein wehmütiges Lächeln umspielt ihre Lippen. Lange ist sie irre gegangen, bis sie den richtigen Weg fand. In ihrer nächsten Nähe hat sie es gesehen, wie der Reichtum zerfloß, die Schönheit verwelkte, und Rang und Name ehrlos endeten; es war wirklich nur Flitter, und ihren Wert behielten allein die Arbeit, die Pflichterfüllung, das Gottvertrauen. Sie ging einem neuen Leben entgegen.

Nur der Kaufherr hat sich früh genug erhoben, um sich von seiner Nichte zu verabschieden, die Damen lassen sich nach der anstrengenden Nacht entschuldigen. Alexa dankt ihm gerade für all' seine väterliche Güte, als die Jüngsten mit hochroten Gesichtern auf dem Plan erscheinen. Sie sehen aus, als hätten sie einen unerschütterlichen Entschluß gefaßt; und Heinrich beginnt auch sofort mit einer gepfefferten Rede, die in die Erklärung ausläuft: »Also wir gehen mit zum Onkel Freiherr, damit wir doch endlich Ruhe zum Arbeiten haben und wissen, an wen wir uns halten können. Basta!«

Der Kaufherr schüttelt den Kopf, etwas erstaunt über diese großartige Entschlossenheit seiner Jüngsten; da aber bricht Heinrich los, er wolle nächstens auch Landwirt werden, und das ganze vergnügungssüchtige Hamburg stände ihm bereits so hoch – er bezeichnet mit der Hand eine Linie am Halse. Und Ruth fällt ein, daß sie ihrerseits nur einen Landwirt zu heiraten gedenke und deshalb schon jetzt die Viehfütterung und Milchwirtschaft studieren müsse, um sich später nicht von den dummen Bauerndirnen übertölpeln zu lassen. Dann folgt ein langgezogenes, unheimlich klingendes Huhuhuhu! fast als habe die junge Dame jetzt schon eine kranke Kuh oder ein Fäßchen verdorbener Butter zu beklagen.

Sonderbar, der Kaufherr regiert wie ein Fürst ein ganzes Heer von Beamten und Arbeitern, aber seinen beiden Jüngsten gegenüber ist er nicht viel mehr als ein gehorsamer Diener. Vielleicht läßt ihn auch das greuliche Konzert seiner Ruth befürchten, die Dienerschaft könne auf den Gedanken kommen, er begehe an ihr einen Mordversuch. Deshalb sagt er schleunigst Ja und Amen zu ihren Plänen.

»Auf Ehrenwort, Vater?« fragt Heinrich. Er überlegt, ob es nicht vielleicht besser sei, eine schriftliche Sicherheit zu verlangen.

»Auf Ehrenwort,« versichert Franz Prosper senior; da geben sich die Herrschaften endlich zufrieden.

Zum letztenmal fährt Alexa über das Makadampflaster an der ruhig flutenden Alster vorbei; zum letztenmal grüßt ihr Blick die eleganten Geschäftshäuser und himmelhohen Mietskasernen im Hafengebiet. Dann darf sie endlich den Zug besteigen, der sie nach einjähriger Abwesenheit wieder der Heimat zuführt. Körperlich und geistig gereift kehrt sie zurück in die Arme des Vaters.

Die Nachmittagssonne steht bereits tief im Westen, und eine gewitterschwüle Luft zittert über der sandigen Ebene, als sie sich vom Stationsgebäude aus zu Fuß auf den Weg zum Brechtenhof macht. Sie hat eine gute Stunde zu gehen, und sie schreitet tapfer aus, weil sie den Augenblick des Wiedersehens kaum erwarten kann. Und mit innerlichem Jauchzen begrüßt sie die eintönigen und doch so vertrauten Fluren.

Wie ein großes, purpurrotes Auge steht die Sonne in der abendlichen Dunstschicht, die sandigen Felder verdursten, während aus dem schattigen Sumpfe hinter dem Tannenwalde der Nebel in weißen, flockigen Ballen aufsteigt und sich in den phantastischen Rutenkronen der Weiden langsam verzettelt. Die Vögel schweigen, nur die Mücken tanzen in der glühheißen Luft mit ihrem feinen, melodischen Schrillen.

In einer Senke winkt der Ulmenpark des Brechtenhofes, der das Herrenhaus zum Teil verdeckt, und dort, wo der Weg wieder ansteigt, liegt im Erlengrün ein frischgestrichenes, freundliches Haus, der Pachthof, die Heimat des Vaters. Sie biegt vom Wege ab und läuft querfeldein an einer Wiese entlang, bis eine Hainbuchenhecke ihr Halt gebietet. Hinter derselben sieht sie einen Mann im grauen Leinenkittel, die muskulösen Arme handhaben die Sense, fast im Takt schrillt das blitzende Messer durch die Fülle der Ähren; und diese samt ihren freundlichen Gefährtinnen, dem flammenden Mohn und der sanftblauen Kornblume, zucken zusammen wie erschrocken über den Todesstreich, dann neigen sie zitternd die Häupter und sinken zur Erde, demütig, in Reih und Glied, wie der Mensch es will. Alexa steht starr, der Mäher dort ist ihr Vater. Also während sie in Hamburg im Überfluß lebte, hat er hier Knechtsarbeiten verrichtet; o diese heiße, tiefe Scham in ihrem Herzen! Und doch muß sie bewundernd ihn immer wieder betrachten, wie sein starker Körper sich seitwärts neigt bei jedem Schnitt der Sense, wie er jetzt mit dem Tuche über die nasse Stirn fährt. In der sogenannten Gesellschaft, mochte er zum Fremdling geworden sein, hier ist er adlig vom Scheitel bis zur Sohle. Sie fliegt zum Tore und rüttelt daran in einer Aufregung, wie sie dieselbe bisher nicht gekannt hat.

»Vater, Vater, so hilf mir doch.« Er wendet sich, eine Blutwelle überflutet sein Gesicht, dann fliegt die Sense in die Ähren, und im Laufschritt stürzt er dem Tore zu. Sie rüttelt noch immer mit den seinen Händen, und als es trotz aller Anstrengung nicht nachgeben will, faßt die ruhige, wohlerzogene Baroneß von Brechten-Bredau ihre Kleider zusammen und klettert mit einigen gewandten Sätzen hinüber. Gleich darauf liegt sie lachend und weinend an der Brust des geliebten Vaters, dessen mächtige Gestalt zittert in der Überfülle des Glückes. »Gott war uns gnädig, indem er uns strafte.« Mehr vermag er nicht zu flüstern, und beide falten die Hände, und ein stummes Dankgebet ringt sich empor aus ihren Herzen.

*

Ein paar Wochen später erscheinen die jüngsten Thyssen nebst Hauslehrer und Erzieherin, um in der ländlichen Stille ihre Studien fortzusetzen und sich auf ihren zukünftigen Beruf vorzubereiten. Während des ersten Tages schimpfen sie ununterbrochen auf Hamburg und alle seine Bewohner, bis der Onkel Freiherr die Stirn runzelt und erklärt, daß es jetzt genug sei. Da werden sie mäuschenstille; und nachher, als sie die Erlebnisse des Tages austauschen, wundern sie sich Stein und Bein darüber, daß die »Gören des reichen Thyssen« einmal aufs Wort gehorchen konnten.

Jetzt beginnt ein neues Leben. Die regelmäßigen Schulstunden wechseln mit Feldarbeiten und Spielen, an denen der Onkel Freiherr und Alexa häufig teilnehmen; keine Trägheit, kein Eigensinn, keine unartige Bemerkung wird mehr geduldet. Es geht freilich nicht so leicht und glatt, die Kinder an alles zu gewöhnen; aber dem Freiherrn, der im wilden Westen den Büffel und das Mustang gebändigt hat, macht es Freude, sich mit diesen selbstbewußten Kindern des Reichtums im Kampfe zu messen. Er braucht nicht zu fürchten, besiegt zu werden, denn Heinrich und Ruth sind gewissermaßen selbst stolz darauf, daß sie endlich ihren Meister gefunden haben. Sie, die daheim eine Viertelstunde Bravsein zum teuersten Preise verkauften, erfüllen jetzt ohne Murren ihre Pflichten, einfach, weil es so sein muß; und während sie an der väterlichen Tafel mißvergnügt in den Meisterwerken der Kochkunst herumstocherten, verzehren sie hier die derbe Landkost mit geradezu unheimlichem Appetit. Sie sind zufrieden und genügsam, und nur, wenn von der Heimkehr nach Hamburg gesprochen wird, zeigen sie sich von ihrer alten, unliebenswürdigen Seite.

Ein treuer Genosse bei allen Unternehmungen ist auch Herr Neumann, der junge Besitzer des Brechtenhofes. Seine hohe Bildung, seine Bescheidenheit und Gefälligkeit, sein tätiger Sinn haben ihm längst das Herz des Freiherrn zugewandt, und bei den Kindern kommt er sofort nach dem geliebten Onkel; selbst Alexa läßt sich durch seine großen, roten Hände nicht mehr aus dem Gleichgewicht bringen, seit sie gewohnt ist, jeden Abend eine ähnliche Hand dankbar zu küssen, die Vaterhand. Und sie hört es gern, wenn ihr Vater die guten Eigenschaften des Nachbarn rühmt und versichert, daß der Edelsitz in keine besseren Hände gelangt sein könnte als in die seinigen.

Übrigens gibt sich Alexa selbst eifrig Mühe, eine gute Pächterin zu werden. Die Einladung zur Hochzeit der beiden Schwestern hat sie abgeschlagen, weil sie mitten in der Ernte nicht abkommen könne. Und mit einer Geistesfrische und Arbeitsfreudigkeit erfüllt sie ihre kleinen Pflichten, daß ihr Vater sich häufig fragt, ob sie dieselbe Alexa sei, die er damals in der vornehmen Gesellschaft des Hallig-Bades kennen gelernt hat. Jetzt, da sie endlich den richtigen Weg gefunden, ergeht es ihr wie Lucie: ihre Muskeln stählen sich, es ist ihr, als sei sie aus einem tiefen, narkotischen Schlafe endlich zur Wirklichkeit erwacht, und oft muß sie ihres vergangenen Lebens wie eines langen, seltsamen Traumes gedenken.

Als der Herbst ins Land zieht, wird ihr von Hamburg gemeldet, das Frau von Laska gestorben ist, ohne vorher wieder zum Gebrauch ihrer Vernunft gelangt zu sein. Den Kranz von Efeu und weißen Chrysanthemen, den sie für die einsame Tote windet, legt sie im Geiste auch auf das Grab ihrer eigenen Vergangenheit mit all' ihrem Stolz, ihren Bitterkeiten und Irrtümern.

*

Der Kaufherr Franz Prosper Thyssen war gewohnt, daß ziemlich regelmäßig alle sechs bis acht Wochen ein kühl und geschäftlich gehaltener Brief einlief, den er immer mit einem solchen Angstgefühl öffnete, als ob eines der ersten mit ihm in Verbindung stehenden Geschäftshäuser falliert hätte. Aber nein, es kam schlimmer, denn abwechselnd kündigte einmal der Hauslehrer, ein anderes Mal die Gouvernante. Das wäre nun an sich nicht gefährlich gewesen, erst die Umstände machten es für Franz Prosper zu einer Quelle beständiger Scherereien. Denn sein gutes Haus, dessen Name Klang hatte bei allen Geschäftshäusern des In- und Auslandes, war bei den verschiedenen Stellen-Vermittelungen der Lehrer und Lehrerinnen derartig in Verruf geraten, daß einige schon, und zwar mit wenig höflichen Worten, die Verbindung abgebrochen hatten. Man sprach von Büchern und Kaffeetassen, die bei den Thyssens den Erziehern an den Kopf flögen, und von zwei leibhaftigen kleinen Teufeln, die es sich zum Lebenszweck gesetzt hatten, allen Menschen ihr Talent zu Schlechtigkeiten zu zeigen. Und obwohl Franz Prosper ein halbes Ministergehalt auswarf, niemand wagte sich mehr in die Höhle des Löwen hinein; er mußte seine Lehrkräfte schon weit herholen aus einem Gau des deutschen Vaterlandes, wohin der Ruhm der Thyssens noch nicht gedrungen war. Auch mit öffentlichen Schulen hatte er es bereits versucht, aber die Konsequenz der Jüngsten vereitelte im Handumdrehen die schönsten Erziehungspläne. Sie hatten eben ihre eigenen Ansichten.

Heute hielt Franz Prosper wiederum ein verhängnisvolles Schreiben in der Hand, nein zwei sogar; also kündigten sowohl Hauslehrer als Erzieherin, und gerade diese beiden hatten ihm besonders gut gefallen, so daß er krampfhaft die Hoffnung nährte, sie etwas länger an sein Haus fesseln zu können. Und nun dieser Rückschlag! – Mit einem Seufzer öffnet er die Episteln, auf alles gefaßt, auch auf das Schwerste. Aber, o Wunder – er traut seinen Augen nicht, als er Zeile nach Zeile langsam studiert, etwa wie ein Professor eine hebräische Handschrift. – Man ist sehr zufrieden – die Zöglinge entwickeln sich geistig und körperlich gut – studieren fleißig – sind aufmerksam und gehorsam. Franz Prosper läßt die Briefe sinken; lieber Gott, das klang ja beinahe beängstigend, etwa als ob sich Heinrich und Ruth vorbereiteten, demnächst diese böse Erde zu verlassen und schlankweg kleine, süße, unschuldsvolle Engelchen zu werden.

Auch zwei Briefe von den Zöglingen liegen bei. Sie schreiben sehr schön und wohldurchdacht, als hätten sie die Absicht gehabt, ihren Vater von ihren Fortschritten im deutschen Aufsatz zu überzeugen. Kalligraphie: sehr gut. Orthographie und Grammatik: sehr gut. Inhalt und Stil: sehr gut. Weil sie auf dem Pachthofe Ruhe zum Lernen hätten, und weil der Onkel Freiherr alles so schön zu erklären wisse, und weil Cousine Alexa die nettesten Suppen koche und wahrhaft großartige Waffeln und Berliner Pfannkuchen backe, weil der Hauslehrer und die Erzieherin ebenfalls Gefallen an dem Landleben fänden und sich mit den Zöglingen unter der Oberhoheit des Onkels herrlich vertrügen, weil Herr Neumann der beste Nachbar und Gutsbesitzer auf der ganzen Welt sei, und weil es endlich ihnen sehr lehrreich und ersprießlich schien, auch einmal einen Pachthof im Schnee zu sehen, und deshalb bäten sie gehorsamst um die Erlaubnis, usw. – Der Kaufherr weiß schon, daß er die Pensionszeit verlängern wird, um sich und sein Haus nicht wieder allerlei furchtbaren Anschlägen auszusetzen; auch hört sein Geist bereits aus den Zeilen Ruths ein gedämpftes, doch deshalb nicht minder schreckliches Huhuhuhu, falls es ihm einfallen sollte, die Pläne seiner Jüngsten zu durchkreuzen. Und endlich – er hat ja selbst soviel Vertrauen auf den Freiherrn, den das Leben viele Jahre lang in die Schule genommen, und der trotz allem so edel und in sich gefestigt aus den Kämpfen seines Daseins hervorging. Wenn es einem gelang, seine Kinder zu ordentlichen Menschen heranzubilden, so mußte er es sein.

*

Wieder war ein Herbst, ein Winter, ein Frühling vorübergegangen, wieder brannte die Sommersonne auf die Sandflur des Brechtenhofes herab, daß die Luft zitterte und ein purpurroter Dunst auf Wäldern und Sümpfen lag. Der Pachthof hat viele Gäste, aber es wird trotzdem nicht zu eng darin; denn der Kaufherr hat mit Erlaubnis des Herrn Neumann einen Flügel im Schweizerstil anbauen lassen, so daß alle reichlich Platz finden können, welche die Gastfreundschaft des Freiherrn und seiner Tochter in Anspruch nehmen. Der Kaufherr selbst kommt alle paar Wochen herüber, um nach seinen Jüngsten zu sehen, und bei einer solchen Gelegenheit hat er einmal Ohm Peter mitgebracht; dieser konstatierte mit großem Wohlgefallen, daß man auf dem Brechtenhof endlich zur rationellen Viehfütterung und zum Düngen mit Guano und Salpeter übergegangen sei, und daß die Biester vor dem Portal, Wölfe oder Bären, viel von ihrem patzigen Ausdruck verloren hätten. Kurz, die verlotterte Wirtschaft von früher sei jetzt auf dem besten Wege, eine Musterwirtschaft zu werden, und in anbetracht dessen und zugleich als Anerkennung sowohl für den Gutsbesitzer, als auch für den Pächter, habe er sich entschlossen, jährlich vier bis sechs Wochen auf dem Brechtenhofe zu verleben, um durch den Glanz seiner Anwesenheit den Ruf desselben auch nach außen hin verbreiten zu helfen. Alexa ist ihm natürlich die liebenswürdigste Wirtin, und er pflegt ihr wohlwollend zu erklären: »Hätte nicht gedacht, daß deine Mutter selig, die Karline – Karola steht ja wohl in der Grabkapelle, aber das ist ein Mumpitz vom hochseligen Herrn, wir haben sie dazumal in Hamburg Anna Maria Karline getauft, – also daß deine Mutter selig gewissermaßen einen ganz respektablen Streich machte, als sie sich auf deinen Vater und den Brechtenhof versteifte. Nun, dumm ist sie freilich nie gewesen; ich habe sie nämlich schon gekannt, als sie noch so klein war,« und er zeigt seine beliebte Zehnzentimeterfigur.

Die übrigen Thyssens können es natürlich nicht über sich gewinnen, einem »Pachthof« einen Besuch abzustatten, weil sie fürchten, es könne ihrer Ehre in der hohen Hamburger Gesellschaft schaden. Annemarie und Frieda sind ganz programmgemäß glücklich, wie sich das für zwei junge, hübsche und reiche Frauen schickt; sie haben alles, was ihr Herz begehrt, mit lästigen Gedanken über den Lauf der Dinge und allerlei seltsame irdische und überirdische Rätsel haben sie sich nie abgegeben. Was könnte also ihr Glück und ihren Vergnügungstaumel stören? – Aber der Brechtenhof hat dafür andere und liebere Gäste begrüßen dürfen, Lucie und ihren Vater, die Alexas dringender Einladung gefolgt sind. Lucie studiert wirklich in Göttingen, und mit Feuereifer bereitet sie sich auf ihren Lebensberuf vor, über welchen sie oft lange Unterredungen mit dem Freiherrn hält.

»Das versichere ich Ihnen, Herr Baron,« pflegt sie zu sagen, »mein Ehrgeiz soll es nicht sein, die sogenannte »höhere Tochter« heranzubilden, jenes unklare Zwitterwesen, von dem irgendwo ein geistreicher Franzose sagt, daß es »sich anzieht, schwätzt, sich auszieht und wieder anzieht«. Wenn ich auch nicht über die Beredsamkeit eines Cicero verfüge, so hoffe ich doch, meinen Schülerinnen über mancherlei wichtige Dinge eine so genaue Aufklärung geben zu können, daß sie schließlich meine Ansichten darüber teilen müssen. Sie sollen lernen, den Flitter von der echten Ware zu unterscheiden und sich vom Schein der Dinge nicht blenden zu lassen.«

Der Freiherr lächelt über ihren Eifer; den Lauf der Welt wird selbst ihre junge, überschäumende Kraft nicht aufhalten, aber es freut ihn doch, daß die alten, ewig wahren Lebensgrundsätze in ihr eine neue Streiterin gewonnen haben. –

Es ist ein herrlicher Juliabend, die Linden an der alten Grabkapelle der Brechten-Bredau blühen, und der leiseste Windhauch führt Wogen von schwerem, süßem Duft über den Ulmenpark des Brechtenhofs. Die Kapelle ist im Stil eines griechischen Tempels von braunrotem Sandstein erbaut, aber die Kapitäle der niedrigen Säulen sind verwittert, obwohl auch hier die bessernde Hand nicht zu verkennen ist. Liebevoll webt die Natur über die Reste irdischer Herrlichkeit einen Schleier von tiefgrünem Efeu, untermischt mit der samtnen Pracht der Klematisblüten und dem zitternden Gelock des Geißblattes. Ja, sie haben einen schönen Ruheplatz gefunden in ihren steinernen Sarkophagen, die großen Toten des Geschlechtes der Brechten-Bredau, die jetzt all' ihren Ruhm aus den zwei letzten Häuptern vereinigt sehen. Aber die Zeit, die mächtige Würgerin, hat den Stab gebrochen über den Namen, der einst so hoch geachtet war; noch wenige Jahre, und er wird verlöschen wie ein krankes Lämpchen, dessen zitternde Flamme die Stürme des Lebens umsausen, während der letzte Tropfen Öl den dürstenden Docht netzt. Und nur noch hier und da ein Monument, ein verwehtes Blatt der Chronik unseres Vaterlandes, ein eingeritzter Name mit verwitterten Lettern wird der Nachwelt Zeugnis geben, daß auf der märkischen Sandflur ein großes Geschlecht erstand, blühte und verging. Keine Lippe wird mehr ihre Taten verkünden, die Zeit hat sie ausgelöscht wie ihren Namen; und nur was sie gewirkt haben im höheren Sinne steht eingebrannt im Buche der Ewigkeit, in das sich jeder eintragen kann, ob seine Wiege stand auf hochgerühmtem Edelsitz oder in der Hütte des Leibeigenen. Nur jene Taten dürfen weiterleben.

Die beiden letzten Sprößlinge der Brechten-Bredau stehen vor dem Sarkophag des Großvaters, und Alexas Hand fährt gerade über die stolze Devise am Kopfende, als ob sie dieselbe austilgen wollte. Diesen geheiligten Ort hat sich der Vater ausgewählt, um ihr die Mitteilung zu machen, daß Neumann zum zweiten Male um ihre Hand geworben hat. Er ließ sich nicht abschrecken durch ihren kindischen Hochmut seine Liebe schlug erst recht empor in lebendiger Flamme, als sie geläutert und veredelt aus Hamburg heimkehrte. Und nun war er einfach und edel vor den Vater hingetreten, um aus seinem Munde zum zweiten und letzten Male sein Schicksal zu vernehmen.

Du wirst deinen Namen ablegen und mit einem minder hohen vertauschen müssen

»Du wirst deinen Namen ablegen und mit einem minder hohen vertauschen müssen, und dein Herz mag bluten ob dieser unabänderlichen Forderung. Aber er wird auch ohnehin verlöschen nach kurzer Zeit, ehrenvoll untergehen in der Brandung des Daseins. Und schwerer als er wiegt auf jeden Fall ein liebendes Herz, eine starke Hand, die imstande ist, dich sorglich durch das Leben zu geleiten.«

»So schnell soll ich dich wieder verlassen, nachdem ich kaum dich gefunden habe?« Alexa spricht leise, stockend, – ihr feines Gesicht ist wie mit Purpur übergossen.

»Mich verlassen, wenn wir von unseren Fenstern aus uns den Morgengruß zuwinken können?« Er lächelt gütig. »Also was darf ich unserem Nachbarn antworten?«

Sie erwidert nichts, stürmisch sinkt sie in die Arme des Vaters, und ihre Tränen netzen den steinernen Sarkophag, in welchem der Großvater seine letzte Stätte gefunden hat; aber es sind keine Tränen des Schmerzes. –

An diesem Abend sitzt Alexa in ihrem Mädchenstübchen, mit einer törichten Spielerei beschäftigt. Auf eines ihrer wappengeschmückten Briefblätter malt sie mit ihren großen, steifen Buchstaben den Namen »Alexa Baroneß von Brechten-Bredau« und darunter das einfache bescheidene »Alexa Neumann«. Unwillkürlich hat sie den zweiten Namen etwas weniger fest und selbstbewußt geschrieben, so daß die Buchstaben sich ausnehmen wie verschüchterte Kinder. Und ach, dieser Unterschied erst im Klange der Namen, und es ist doch ein und dieselbe Person, die sie tragen soll! Sie stützt den Kopf nachdenklich in beide Hände.

Da aber rauscht die Linde unter ihrem Fenster: »Flitter und Schein, Flitter und Schein,« ein verspätetes Vöglein und die knarrende Wetterfahne auf dem Dache fallen warnend ein, und selbst das Bild der Mutter in dem vergoldeten Rahmen wird lebendig und flüstert mit geheimnisvoller Totenstimme: »Flitter und Schein, Flitter und Schein!«

»Flitter und Schein,« wiederholt auch Alexa mit leisem, glücklichem Lachen; sie zerreißt das Briefblatt und zerstreut es in alle vier Winde.

finis
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